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Konstanze Winkler
Photos 1 und 2 © Olga Wachruschewa, die anderen - Olga Kolendo
Wir haben es immer schon geahnt, im Osten geht nicht nur die Sonne auf, da kommt auch einiges an Talenten auf uns zu. Neuestes Beispiel: Polina Schandarina aus Moskau, die in diesem Jahr auf dem 5. Oberrheinischen Tribal Festival auftreten wird. Einige ihrer Videos auf You Tube haben uns sehr gefesselt, und wir sind unheimlich darauf gespannt, sie live zu erleben. Polina hat sich uns zu einem Interview zur Verfügung gestellt, und wer ein wenig zwischen den Zeilen lesen kann, erahnt einiges von der Umbruchstimmung in Rußland. Und daß Polina stolz auf die russische Szene ist, läßt doch auch auf noch mehr Talente hoffen.
Aber lest selbst.
"ICH HABE „UNMATA“ GESEHEN
UND WOLLTE MEINEN EIGENEN STIL ENTWICKELN"

Interview mit Polina Schandarina

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Erzähle uns bitte von dir. Was arbeitest du, wie bist du an den Tanz gelangt, und warum hat er dich nicht losgelassen?
Ich tanze, solange ich denken kann. Die ersten Tanzschritte hat mir meine Mutter beigebracht, und später hat sie mich in einer Schule für klassischen Tanz angemeldet. Und von da an konnte ich nicht genug bekommen: Rock’n’Roll, Hip Hop, Folklore, Pop und Zeitgenössisch. Bis vor einiger Zeit war der Tanz für mich nur ein Hobby, inzwischen ist er mir zum lieben Beruf geworden. Ich weiß auch nicht, wie das genau gekommen ist, aber eines Tages stand der Tanz in meinem Leben und ist nie wieder daraus entschwunden.

Zur Zeit unterrichte ich viermal in der Woche im Moskauer Studio „Tribal Mafia“ Tribal, und die restlichen Tage stehen für Auftritte und Workshops zur Verfügung. Vor zwei Jahren habe ich Joga entdeckt und bin da auch schon weit gekommen. Joga hilft mir, fit zu bleiben, und hält mich gesund. Außerdem zwingt Joga zur Selbstdisziplin. Einige Male in der Woche habe ich bei meinem Privatlehrer Joga- Unterricht, manchmal übe ich mich aber auch selbst darin, und im Unterricht vergesse ich auch nie, meinen Tanzschülern etwas Joga zu vermitteln.

Hast du auch mit Tribal angefangen, und wenn nicht, wann bist zu auf ihn umgeschwenkt?
Den Tribal habe ich 2007 kennengelernt. Meine Mutter hat mir ein Video von den BDSS („Live at the Folies Bergere 2005”) gezeigt, und mir wurde sofort klar, daß Tribal der Tanz war, auf den ich gewartet hatte. Zu jener Zeit konnte man in Rußland nur wenig über Tribal in Erfahrung bringen. Ich habe mich also im Internet auf die Suche gemacht, habe versucht, einige Videos nachzutanzen, und bin natürlich bei Rachel Brice hängengeblieben. Als dann die ersten Tribal-Tanzstudios in Rußland eröffnet haben, bin ich sofort dorthin und war gleich hin und weg vom ATS. Ich erkannte ziemlich bald, woran es bei mir noch überall hakte. Aber das habe ich dann dank ATS schnell gelernt, und noch viel mehr. Mein Tribal-Vokabular hat sich vergrößert, der Stil meiner Tribal Fusion-Soli hat sich radikal gewandelt, und ich habe endlich erkannt, was ich eigentlich vom Tribal erwartete. Und nicht lange danach hat auch der ITS den Weg in mein Leben gefunden. Zuerst habe ich im Internet einen Auftritt von „Unmata“ gesehen und wollte unbedingt so tanzen wie sie. Doch dann habe ich erkannt, daß es viel lohnender wäre, meinen eigenen Stil und meine eigenen Bewegungen zu entwickeln.
Wie sieht es denn heute mit dem Tribal und Tribal Fusion in Rußland aus. Du trittst nicht nur in Moskau auf, sondern warst letztes Jahr auch in St. Petersburg.
Der Tribal bei uns entwickelt sich mit rasanter Geschwindigkeit. Bis vor einigen Jahren war er in Rußland noch weitgehend unbekannt, und heute kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn man man sieht, welches Niveau unsere Tänzerinnen mittlerweile erreicht haben. Und das auf den unterschiedlichsten Gebieten. Einige Kolleginnen arbeiten ganz versessen an ihrer Technik und ihrem Auftrittsstil. Eine andere will sich keinen Regeln beugen und sucht nur ihre Freiheit im Tanz. Wieder andere erfinden ständig etwas Neues und noch nie Dagewesenes. Manch eine birgt in ihrem Haus die größte Schmuck- und Tanzkleider-Sammlung. Die einen schwören auf ATS, die anderen halten es lieber mit dem Tribal Fusion, und eine dritte Gruppe pflegt beides.
Bis vor ein paar Jahren gab es nur ein einziges Festival in Rußland, nämlich das in Moskau. Heute werden ganz viele Festivals in den unterschiedlichsten Städten des Landes abgehalten. Das stimmt mich natürlich glücklich, denn wenn wir eine solche Vielfalt besitzen, findet sich für immer mehr Menschen das, was sie sehen wollen. Auch jede Tänzerin kann sich das aussuchen, was ihr am ehesten zusagt. Ich für meinen Teil trete regelmäßig auf zwei Festivals auf, „Tribal Cafe“ in Moskau (organisiert von der „Tribal Mafia“) und „Solaris“ in St. Petersburg (organisiert von Tiana und dem „Dragonfly Tribe“).

Was zeigst du uns beim „Oberrheinischen Tribal Festival“ (Gütiger Himmel, was haben uns deine „You Tube“-Videos „Colibri“ und „Aura“ vom Stuhl gerissen!)
Ich trete auf beiden Shows auf und habe mir für jede etwas anderes einfallen lassen: Beim Lunar-Abend zeige ich einen Tanz um die Liebe, die Liebe zum Leben und zum Tanz. Das wird etwas Neues, wie man es von mir noch nie gesehen hat. Der Tanz ist langsam und eher zart, gleichzeitig aber sehr kraftvoll und faszinierend.

Am Solar-Abend beweise ich euch, daß ich den Tanz mehr als alles andere liebe. Ihr bekommt einen wilden Tanz mit einigem Hip Hop im Gepäck zu sehen, und …

Jetzt hätte ich beinahe zuviel verraten, und dann wäre ja die ganze Überraschung hin.

Und was bringst du uns in deinen Kursen auf dem Festival bei?
Aus dem, was ich vorher gesagt habe, dürfte klar geworden sein, daß ich viele Jahre meines Tanzlebens dem Studium des ATS gewidmet habe. Obwohl nur eine Stilrichtung fasziniert es mich doch, welchen Einfluß er auf die ganze Tribal-Welt hat. Sie gilt als Grundlage und Fundament des Tribal und all seiner Ableger. Ich kann mir Tribal Fusion oder eine andere Spielart dieses Genres ohne Kenntnis der ATS-Basis gar nicht vorstellen. Vielen Tänzerinnen fällt es schwer, Tribal Fusion und ATS unter einen Hut zu bekommen, dabei geht es doch gar nicht ohne. Wieder andere können ihr ATS-Wissen nicht richtig in Tribal Fusion umsetzen. Mein Workshop leistet da Hilfestellung und zeigt auf, wie das alles zusammenpaßt. Ich zeige verschiedene Modifizierungen von ATS-Schritten und wie man
diese in die eigene Choreo einbaut, damit die Nummer am Ende harmonisch und natürlich wirkt. Wir probieren auch etwas mit Tempo und dem bestmöglichen Ablauf der Schritte herum, spielen mit dem Zählen und dem Layering. Und dazu ging es natürlich noch eine Riesenportion Spaß und Joga!
Homepage: www.polinashandarina.com
Polina zu Gast beim Black Forest Tribal Fest