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"The Screamin' Sirens" cirka 1985... meine reine Mädchen-
Punk-A-Billy Band. Ja, das bin ich, die blonde unten rechts in der Ecke."
Seit 1991 bin ich Berufstänzerin, und der Bauchtanz in all seinen Formen hat mich verzaubert. Ob Ägyptischer Tanz, amerikanischer OT,  türkischer Tanz, nordafrikanische Volkstänze, Zigeunertänze, persische Tänze, ach, ich habe sie alle gründlich gelernt. Ich habe Kurs um Kurs genommen, mir jeden Tänzer angeschaut, den es zu sehen gab (ob auf der Bühne oder auf Video), und habe mir auch sonst viel darüber angeeignet – bis das Internet einem die Recherche wesentlich erleichtert hat. Bei der ersten Pilgerfahrt nach Ägypten ist es natürlich nicht geblieben, und ich habe bei Raqia Hassan gelernt. Ja, ich war verrückt danach.

Aber in jenen Jahren war der Bauchtanz etwas untergetaucht. Der erste Golfkrieg war ausgebrochen, und hier in den USA gab es eine starke antiarabische Stimmung. Der große Bauchtanz-Boom, der das Land in den 80ern erfaßt hatte, war erloschen, und die Fahne des OT wurde nur noch von einigen Unentwegten hochgehalten, von wunderbaren Frauen, die schon seit Jahren diese Kunst ausübten und gelehrt haben.

Zwischen ihnen stach ich heraus wie das sprichwörtliche Schwarze Schaf. Ich war eine echte Punk-Braut mit Tätowierungen, Piercings und gebleichten und streifig gefärbten Rastalocken. Heute regt das keinen mehr auf, aber damals war das schon eine Provokation. Wenn ich getanzt habe, habe ich die Tätowierungen unter meiner Kleidung verborgen, damit keiner sie sehen konnte. Und wenn ich in arabische Restaurants gegangen bin, habe ich mir Kleider von meiner Mutter ausgeliehen – ich hatte ja sonst nur Leder-Miniröcke und Netzstrümpfe mit Löchern. Alles Geld, was ich damals verdiente, wurde sofort in ägyptische Kleidung angelegt, damit ich weiterhin meinen Traum leben konnte.

Ich gehöre zur letzten Generation von OT-Tänzerinnen in Los Angeles, die noch mit Live-Kapellen aufgetreten sind. Damals habe ich mich Laura Crawfords „Flowers of the Desert“ angeschlossen, und wir haben jeden Freitag im arabischen Restaurant „Al Andalus“ getanzt, eine ägyptische Band hat dort aufgespielt. Außerdem bin ich jeden Dienstag in Hallah Moustafas Schaubühne aufgetreten, zusammen mit Jillina, Neena & Veena, Rania, Roxxane Shelaby und so bekannten Gast-Stars wie Sahra Saeeda, Anglika Nemeth und Fahtiem. Jeden Mittwoch gab es bei Anaheed in der „Middle East Connection“ Tanz-Darbietungen, und dort stand ich mindestens zweimal im Monat auf der Bühne. Sie hatten ebenfalls eine Live-Band.
Als Folge daraus bin ich im arabischen und iranischen Fernsehen gezeigt worden und habe zusammen mit arabischen Superstars wie Alabina, Amr Diab, Ragheb Alama, Sabah und Natacha Atlas getanzt.Ich habe überall getanzt, auf privaten Parties bis hin zu einem Fest der Clintons, damals noch dem US-Präsidenten (für diesen Anlaß mußte ich mich einer Sicherheitsüberprüfung durch den Secret Service unterziehen und war dann ziemlich überrascht, daß sie keine Einwände hatten; und das, obwohl ich doch als Teenagerin ein so „böses Mädchen“ gewesen bin.) Und ich bin vor der saudi-arabischen Königsfamilie aufgetreten. Und da ich in Hollywood lebe, habe ich auch vor einer Unzahl von prominenten und anderen Filmstars getanzt.
Ich im Restaurant "Moun of Tunis" (Hollywood) gemeinsam mit "Mr. Lerman"
In meiner Jugend hatte ich gelernt, wie man eine Show aufzieht, und deswegen habe ich mir gesagt, warum machst du das nicht auch mal. Also habe ich die erste Bauchtanz-Theater-Produktion im Großraum Los Angeles auf die Beine gestellt. 1993 habe ich bei der Show „Common Threads: Women And Oriental Dance“ Regie geführt, habe darin getanzt und zusammen mit Brandi Centeno das Drehbuch dazu geschrieben. Es lief zwei Saisons vor ausverkauftem Haus im „Highway’s Theater“ in Los Angeles und wurde später für die „MECDA Cairo Carnivale“-Show aufgezeichnet. Darin kommen alle Arten von Orientalischem und Volkstänzen vor, Schauspieler treten auf, es gibt Sprechrollen und eine Stimme aus dem Off. Einige Tanznummern waren rein der Phantasie entsprungen – man würde sie heute Fusion nennen. Zur Truppe gehörten Zahra Zuhair, Sahra Saeeda, Anaheed und ein damals vielversprechendes Talent – Jillina.
In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts bin ich im „Anoush“, „Byblos“, „Layalina“, „Cabaret Tehran“, „Miami“, „The Casbah“, „Athenian Gardens“ und „Cleopatra“ aufgetreten, stets zu Live Musik.
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Photos ©: 1 Josh McQueen; 2 & 4 André Elbing; 3 & 5 Pleasant Gehman, 6 Don Spiro
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
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Autorin, Malerin, Musikerin, Theaterregisseurin, Tänzerin, Enfant terrible, Punk Rocker – die Liste ließe sich endlos fortsetzen und könnte leicht länger werden als der ganze Artikel. All dies verdichtet sich zu Princess Farhana, aber noch wichtiger ist,
Princess Farhana kommt im Februar nach Deutschland, genauer nach München, und das ist mehr als Anlaß genug für uns, einen genaueren Blick auf diese Tänzerin zu werden, die den „Burlesque“ vielleicht nicht erfunden hat, aber sie ist (neben anderen natürlich) persönlich für dessen Wiedergeburt verantwortlich. Im ersten Akt schreibt Ihre Königliche Hoheit über ihr Leben, über Höhen und Tiefen und wie sich spätestens zu ihrem
50. Geburtstag alles zusammengefügt (fusioniert) hat.
Seit frühester Jugend habe ich davon geträumt, Tänzerin zu werden. Nicht von ungefähr, denn ich bin ja im wahrsten Sinn des Wortes am Theater groß geworden. Meine gesamte Familie bestand aus Künstlern. Vater hatte sich als Schriftsteller und Gebrauchs-Autor einen Namen gemacht, und meine Mutter war als Tänzerin und Sängerin bekannt geworden. Damals, Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebten wir an der Ostküste der USA, und hier traf man an jeder Ecke auf Kultur. Zu meinen frühesten Kindheits-erinnerungen gehört der Besuch eine Ballettvorstellung – „Schwanensee“ wurde gegeben. Und einmal war ich im City Center gewesen, wo die legendäre Maria Tallchief, die erste amerikanische Primaballerina,  George Balanchines „Feuervogel“ getanzt hat. Von da an beherrschte mich nur ein Gedanke, auch einmal auf einer Bühne zu tanzen und ein so wundervolles Glitzerkostüm zu tragen. Ich war aber auch von den alten „Sindbad“ und „Ali Baba“-Filmen besessen, die ich mir damals in unserem Schwarzweiß-Fernsehgerät mit wachsender Begeisterung angesehen habe, und wollte unbedingt Bauchtänzerin werden. Nun, aus heutiger Sicht betrachtet, ergibt das alles einen Sinn.
Als Kind habe ich gern Shows gegeben, im Wohnzimmer, im Garten, im Keller oder in der Garage. Dazu habe ich dann meine Geschwister und die Kinder aus unserer Straße eingefangen und überredet, mit mir „Das zauberhafte Land/Der Zauberer von Oz“, „1001 Nacht“ oder „Die Nußknacker-Suite“ nachzuspielen. Ich war natürlich immer der Star und gab Dorothy, Scheherazade oder die Zuckerfee. Manchmal hatten wir an einem Nachmittag drei verschiedene Vorstellungen!
Mit neun Jahren hatte ich meine Mutter endlich so weit, daß ich Ballettunterricht nehmen durfte. Sie brachte mich in eine Tanzschule bei uns im Viertel, wo eine ebenso aufgeblasene wie von sich selbst eingenommene Tanzlehrerin mich wegen „Plattfüßen“ ablehnte. Damit waren meine Tanzträume zerschmettert, und ich habe die ganze Nacht im Bett geheult.
Irgendwann haben meine Eltern sich scheiden lassen, und meine Mutter fand eine Stellung im Theater-Seminar der Wesleyan University im US-Bundesstaat Connecticut. Sie führte dort mit Studenten Operetten und Musicals auf. Meine Kreativität kam hier erst recht auf ihre Kosten, und ich erhielt die beste künstlerische Ausbildung, die man sich nur denken kann. Ich wurde hier bald zum Maskottchen der gesamten Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften-Fakultät (manche hielten mich auch für einen Satansbraten) und ich spielte in allerlei Studenten-Produktionen vor der Kamera oder auf der Bühne mit. Ich bekam Künstler aus nächster Nähe zu sehen, die hier gastierten, wie die Alvin Alley Dance Company oder der weltbekannte indische Sitar-Spieler Ravi Shankar, während dessen Auftritt ich auch mit dem klassischen indischen Tanz in Berührung kam. Wenn ich nicht gerade irgendwo mitspielte, hing ich am liebsten in der Schneiderei oder in der Garderobe herum, schaute mir das Nähen ab und lernte, wie man Bühnenschminke aufträgt. Ich schlich mich auch in die Vorführungen des Universitäts-Filmprogramms und bekam gleich den gerade angelaufenen Streifen „Cabaret“ zu sehen, ansonsten viele Stummfilme und Hollywood-Musicals aus den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Als ich fünfzehn war, zog meine Familie nach Los Angeles an die Westküste um.
Ich befaßte mich damals ernsthaft mit Malerei und Schriftstellerei, spielte in einigen Filmen mit und schwänzte die Schule. Ich war ein ziemlich wildes Mädchen, schlich mich in Nacht-Bars, trank Alkohol, nahm Rauschgift und hatte mit Bulimie zu kämpfen. Als in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre der Punk Rock aufkam, besuchte ich zwar immer noch die High School, betätigte mich aber bereits als Reporterin, und diese Laufbahn sollte dreißig Jahr anhalten. Ich habe drei Rock Bands gegründet (alle haben Platten veröffentlicht), für sie Auftrittsmöglichkeiten organisiert und bin mit ihnen ziemlich viel auf Tournee gegangen. Einige meiner Lieder sind Filmmusiken geworden. Wenn man in Google unter meinem bürger- lichen Namen, Pleasant Gehman, nachschaut, wird man das leicht bestätigt finden.
1990, ich war damals dreißig, tanzte ich gerade in einem Rock Club, als eine Frau neben mir fragte: „Bist du Bauchtänzerin?“ Ich sah sie nur an, und sie meinte: „Du bewegst dich wie eine.“ Wie sich dann herausstellte, war sie selbst Bauchtänzerin. Neugierig geworden bin ich mir dann einen Auftritt von ihr ansehen gegangen. Dort habe ich ihren Freund kennengelernt, den Tänzer Zein Abdul Al Malik. Er zeigte mir ein paar ägyptische Tanzfilme aus der goldenen Zeit, stellte mit mir ein paar Bänder mit arabischer Musik zusammen und stellte mich dann Zahra Zuhair vor, meiner ersten und wichtigsten Lehrerin. Wenn mir damals jemand der Anwesenden gesagt hätte, daß der Bauchtanz von nun an mein Leben bestimmen sollte, hätte ich ihn bestimmt ausgelacht. Aber aus diesem Spaß wurde rasch ernst. Eine Freundin überließ mir ihren Flugschein nach Ägypten (zu jener Zeit konnte man noch Flugscheine übertragen und ohne größere Einschränkungen und Unbequem-lichkeiten fliegen, wohin man wollte), und damit war es um mich geschehen.
Auf Drängen von Zein habe ich in dem Restaurant „Moun of Tunis“
(in Hollywood) vorgesprochen und bekam meine erste Anstellung als Tänzerin,
und die habe ich heute, nach zwanzig Jahren, immer noch.
PRINCESS FARHANA - So bin ich!
Ihre Majestät schreibt... über sich
übersetzt von Marcel Bieger