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Als Rachel Brice auf dem “Homecoming”-Festival 2015 aufgetaucht ist und General Skills plus Teacher Training absolviert hat, war das schon eine große Sensation. Die Erfinderin des Tribal Fusion auf der ATS®-Veranstaltung schlechthin. Freddie Kaz, die ebenfalls dort war (und bereits in dieser Zeitung einen tollen Bericht über das „Homecoming" veröffentlich hat), hat gleich die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und mit Rachel Brice ein Interview vereinbart. Das Ergebnis liegt nun vor und erscheint zeitgleich in der 2. Ausgabe des „ATS®-Magazine“ (in englischer Sprache) und in „Hagalla“
(in deutscher Sprache).

Und jetzt macht euch auf einiges gefaßt: Der Begriff „Tribal Fusion“ stammt eigentlich von Carolena Nericcio-Bohlman, Rachel Brice war gar nicht die erste Tribal Fusion-Tänzerin, und überhaupt verdankt Rachel Brice dem ATS® vielleicht nicht alles, aber doch sehr, sehr viel. Doch lest selbst …
"ATS® HAT ALLEM, WAS ICH TUE,
SEINEN STEMPEL AUFGEDRÜCKT"


Interview mit Rachel Brice

- von Freddie Kaz mit der freundlichen Unterstützung von Brittany Stark
(Dt. Übersetzung und Vorwort Marcel Bieger)
Wann haben Carolena und du euch kennengelernt, und wie hat sich eure Freundschaft dann entwickelt?

Ich bin Carolena zum ersten Mal in einem Workshop im kalifornischen Santa Cruz begegnet. Aber erst nach meinem Umzug nach San Francisco habe ich regelmäßig bei ihr Unterricht genommen, und seitdem ist unsere Freundschaft sozusagen organisch gewachsen. Ich hatte und habe für das, was sie geschaffen hat, den größten Respekt vor ihr. Lange habe ich auf der Grundlage ihres Formats Fusion getanzt, es also mit anderen Stilen gekreuzt. Schließlich habe ich bei ihr nachgefragt, wie man diese neue Tanzform nennen soll. So ist dann auch der Name Tribal Fusion entstanden. Mir war es sehr wichtig, daß Carolena mit mir und der Art einverstanden war, wie ich ihr Format unterrichtet habe. Einmal hat sie gewitzelt, sie wisse stets, wo ich mich gerade auf der Welt aufhielte,  denn von dort käme immer ein Berg Bestellungen zu ihr rein.  So hat sich unsere Freundschaft im Lauf der Jahre entwickelt, durch häufigen Kontakt und eine respektvolle Schülerin-Lehrerin-Beziehung.

Wann hast du damit begonnen, ATS® zu lernen?

Wenn ich mich recht erinnere, habe ich irgendwann 1998 mit ATS® angefangen. So ganz genau weiß ich das aber nicht mehr. Als ich noch in Santa Cruz gelebt habe, hatte ich den Bauchtanz an den Nagel gehängt. Die Bewegungen und der Stil gefielen mir immer noch, aber irgendwie hatte ich nicht mehr das Gefühl, das sei ich, die da tanzt. Damals war ich mehr so in Richtung Hippie unterwegs, und Glitzerkostüme und viel nackte Haut zu zeigen vertrugen sich überhaupt nicht mit meinem Lebensstil. Selbst wenn ich damals in einem Restaurant aufgetreten bin, und das habe ich zehn Jahre lang betrieben, habe ich mich nur in Schwarz und Dunkelrot und mit viel indischem Schmuck präsentiert. Mit anderen Worten, ich war auf der Suche nach meinem eigenen Stil. Als ich dann die Aufmachung der Tribal-Tänzerinnen und ihr ganze Einstellung gesehen habe, wußte ich sofort: So wollte ich mich auch auf der Bühne zeigen. Ich fand den OT mit seiner Technik und vor allem dem Trommelsolo immer noch großartig, aber von nun wollte ich das durch den Filter der Tribal-Aufmachung zeigen.

Am Anfang habe ich nur ein oder zwei Schritte gelernt, und man kann wohl nicht sagen, daß ich ATS® gründlichst studiert hätte. Ich hatte vorher schon den Arabic-Step, den Egyptian und den Arabic Hip Twist gelernt und dann habe ich einfach die OT-Bewegungen zwischen die ATS®-Bewegungen gesetzt.

So richtig ernsthaft habe ich mich erst 2005 mit dem ATS® auseinandergesetzt, als ich mich bei Carolena für „General Skills“ eingeschrieben habe. Zum zweiten Mal habe ich „General Skills“ 2012  absolviert und auch noch ein drittes Mal, als ich 2015 alles noch einmal von vorn angefangen habe und schließlich mit dem Teacher-Training ATS®-Lehrerin geworden bin.

Was bedeutet dir ATS® heute?

Über die offizielle Definition des American Tribal Style® hinaus, meinst du? Also, American Tribal Style ist das eingetragene Warenzeichen (amerikanisch: Registered Trademark, dafür steht das R im Kreis) von „FatChanceBellyDance“, sein Tanz-Format und seine Tanz-Philosophie.

Für mich persönlich steht ATS® darüber hinaus für noch ein paar andere Dinge:

Zunächst einmal die gesamte Körperhaltung, vor allem die Haltung und der Einsatz der Arme. Die Arme sind die ganze Zeit über erhoben, einhergehend mit einer sehr aufrechten Körperhaltung, und das drückt Selbstrespekt und Stärke aus.

In ästhetischer Hinsicht verbindet sich im Kostüm eine absolut wunderschöne Collage der verschiedensten Kulturen. Wie Masha Archer (eine der Vorläuferinnen des ATS® und Lehrerin von Carolena Nericcio, Anm. d. Red.) gesagt hat, ist das Kostüm auf die Funktionsweise des Schmucks ausgerichtet. Masha hat sich viel damit beschäftigt, den Körper mit Schmuck sowie Accessoires zu behängen und die  Art und Weise erforscht, wie diese sich beim Tanz bewegen. Gerade das gefällt mir am Tribal. Er hat eine starke Beziehung zu allen Arten von Zierrat, und die Weise, wie sich Stoffe und Perlen beim Tanz bewegen, wirkt oft genauso schön und fesselnd wie die eigentlichen Tanzschritte.

Und es gibt für mich noch einen dritten Punkt, und der ist für mich der wichtigste. Ich hoffe inständig, daß der ATS®-Gedanke „du bist nur so gut wie deine Gruppe“, sich auch weiterhin in die Philosophie des Fusion behauptet. Die Einzelne ist also nicht so wichtig, uns es kommt gar nicht darauf an, wie gut sich die Einzelne präsentiert. Nein, die Betonung liegt auf der Gruppe und der Gruppen-Dynamik. Man muß die anderen in der Gruppe achten, Freude daran haben, sie zu unterstützen, und sich daran erfreuen, wiederum von ihnen unterstützt zu werden. Wir haben es hier also mit einem sehr ausgewogenen, auf Gegenseitigkeit ausgerichteten und damit feministischen Ansatz zu tun. Zu oft hat frau es ja in anderen Genres schon erlebt, die sich immer mehr in Richtung Konkurrenz, Stutenbissigkeit und Narzismus entwickeln.

Wieviel Einfluß hat denn der ATS® auf deinen eigenen Stil, den du "Unusual Belly Dance" nennst?

Ach, eigentlich nenne ich meinen eigenen Stil gar nichts so, das war nur so eine witzige Umschreibung, mit der ich ein paar Jahre herumgespielt habe. Ich würde meinen Tanzstil heute eher Tribal Fusion nennen. Es steckt übrigens eine ganz interessante Geschichte dahinter, wie dieser Name erfunden worden ist. Die Bezeichnung „Tribal Fusion“ entstand nämlich, nachdem ich bei den Bellydance Superstars (BDSS) eingetreten war und eine E-Mail an Carolena geschickt hatte.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht einwerfen, daß die erste, die Tribal Fusion getanzt hat, Jill Parker gewesen ist. Als sie noch daran herumexperimentiert hat, nannte sie das Ganze aber „Belly Dance Theatre“. Sie und ihre Gruppe haben unglaubliche Dinge getan, der Tanz änderte sich fast täglich, und es war eine verrückte Zeit. Ich hatte bei Jill getanzt, und sie hat mich sehr beeinflußt. Aber als ich mit den BDSS auf Tournee gegangen bin, habe ich nicht Jills „Theatrical Fusion“ getanzt, sondern ATS®, den ich mit anderen Genres vermischte. Eines Tages wollten die anderen Bellydance Superstars dann wissen, was ich da eigentlich auf der Bühne vorführte. Ich hatte mir jedoch noch keinen Namen dafür ausgedacht. Weil dieser Tanz aber so sehr von Carolena beeinflußt war, habe ich ihr besagte E-Mail geschrieben und sie darin gefragt, wie ich meinen Tanzstil nennen solle. Sie hat mir geantwortet: „Fusion.“ Das war mir zu wenig, weil es ihr und ihrem Werk überhaupt nicht gerecht wurde. Also habe ich meinen Stil schließlich „Tribal Fusion“ genannt.

ATS® hat allem, was ich tue, seinen Stempel aufgedrückt – und zwar vollkommen und total. Auch wenn ich gelegentlich von ihm abgewichen bin, die Arme nicht emporgehoben, die Ellenbogen nicht angewinkelt, viel Bein gezeigt oder mit anderen Formaten herumgespielt habe, bin ich doch immer wieder in den ATS®-Hafen zurückgekehrt und habe hier meinen Halt gefunden. Das gilt vor allem für heute. Heute setze ich mich mehr denn je mit dem ATS® auseinander, und er ist die eine Hälfte der Grundlage, von der ich meine Inspiration beziehe.
Du hast in diesem Jahr die ATS®-Ausbildung General Skills und Teacher Training wiederholt, warum war dir das wichtig?

Für mich gab es ein paar wichtige Gründe, beides anzugehen. Zum einen will ich endlich richtig lernen, mit anderen zu improvisieren. Obwohl ich seit Jahren Unterricht nehme und mir auch alle Schritte gründlich angeeignet habe, habe ich so etwas doch nie wirklich in einer Gruppe getanzt. In puncto Improvisation bin ich also noch eine richtige Anfängerin. Das ist eine echte Herausforderung für mich, denn einer Solo-Tänzerin fällt es nicht leicht, das Heft aus der Hand zu geben und die Führung einer anderen zu überlassen.

Zum anderen geht es mir um die „8 Elements of Belly Dance”. Mit diesem Programm möchte ich das Tanz-Vokabular zusammenfassen, das sich mit dem ATS® überschneidet. Ich war neulich mit Carolena Mittagessen und habe ihr alles darüber erzählt. Ich möchte mich vor einen Kurs stellen und alle Arm-Positionen, alle Fuß-Stellungen, alle Isolationen und dazu die ATS®-Schritte in ihre einzelnen Bestandteile zerlegen und diese Bestandteile aufarbeiten und aufbereiten.

Ich möchte auch die Motivation hinter der Erschaffung solcher Schritte besser verstehen, damit mein eigenes Tanz-Vokabular eines Tages nahtlos mit dem Grund-Vokabular zusammenpaßt.

Weiterhin möchte ich lernen, wie FCBD® Formationsbildung lehrt. Ich hatte immer die größte Mühe, anderen beizubringen, in Formation zu gelangen. Wieviel Zeit muß man im Unterricht für die Schritte aufwenden und wieviel für die Formationen? Wenn man wöchentlich regelmäßig Kurs hat, können beide organisch ineinander fließen. Aber wenn man in einem einwöchigen Intensiv-Kurs steckt und man schnell lernen muß war ich mir bislang überhaupt nicht sicher, welchen Stellenwert man beiden geben muß.

Ich habe nun alles gelernt, was ich wissen wollte, und jetzt gibt es nur noch eins zu tun, nämlich alles zu Papier und in Form zu bringen.
Was bleibt abschließend noch über ATS® zu sagen?

Ich weiß nicht, habe ich nicht schon alles gesagt? Vielleicht sollte ich noch einmal betonen, daß ich im Grunde nichts anderes will, als die Frohe Botschaft des ATS® vor allem unter den Fusion-Tänzern zu verbreiten. Und das tut Not, denn ziemlich viele Tribal Fusion-Tänzer haben es noch nie mit Gruppen-Improvisation versucht und wissen daher gar nicht, wieviel Spaß so etwas macht. Ich wette, viele von ihnen werden, so wie ich, süchtig danach. Jeder fühlt sich aus anderen Gründen dazu hingezogen. Es kommt durchaus vor, dass man sich durch den tänzerischen Ausdruck angezogen fühlt, gleichzeitig aber durch die Tatsache eingeschüchtert wird, improvisieren zu müssen.

Eine Meditation kann man ja auch nur schwer beschreiben. Dabei ist das Zusammentanzen mit anderen Menschen einfach unglaublich schön.
Wenn man mit ihnen zusammen etwas schafft, nonverbal mit ihnen kommuniziert, miteinander spielt, indem man sich Schritte zuwirft, im ständigen Wissen, daß die Gruppe nur so gut ist wie jede Einzelne darin. Statt sich selbst in den Vordergrund zu spielen, einfach den anderen zu Glanz verhelfen, ebenso wie zuzulassen, daß sie das gleiche mit dir tun. Bei der Gruppen-Improvisation geht innerhalb der Gruppe so viel mehr vor sich, als es ein Außenstehender jemals erkennen kann. Also, kurz zusammengefaßt, wenn man Gefallen an der Art und Weise des ATS® findet, aber noch nie in einer Gruppe improvisiert getanzt hat, dann würde ich ihr oder ihm dringend empfehlen, das einmal auszuprobieren.
Was hast du weiterhin vor, wie sehen deine Zukunftspläne aus?

Im Grunde genommen will ich nur das weiter betreiben, was ich gerade tue, nämlich ein Improvisations-Vokabular zusammenzustellen und dafür auch  noch ein Grundlagen-Programm zu entwickeln. Ich werde auch weiterhin Wege erforschen, den Körper auf den Tanz vorzubereiten. Darüber hinaus habe ich eine Menge über die Zusammensetzung und Gestaltung der Gruppenarbeit gelernt, und das war nicht immer einfach, aber stets lehrreich. Also, in meinen Zukunftsplänen stehen „The 8 Elements” ganz weit oben. Aber das Vokabular zusammenzustellen und die Schritte zu zerlegen und in Bausteine zu verwandeln, das wird mich vermutlich bis an mein Lebensende beschäftigen. Auf der anderen Seite versuche ich auch, etwas kürzer zu treten und mehr zuhause zu bleiben. Das heißt aber nicht, daß ich nicht mehr reisen will – zumindest noch so lange, wie mein Körper mitspielt und man um die Welt reisen kann. Doch ich hoffe sehr, noch lange Menschen zu sehen, die hart an sich und mit anderen zusammenarbeiten.
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Carolena Nericcio-Bohlman und Rachel Brice