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Samantha Emanuel
zu Gast bei perlatentia
in Hannover
WORKSHOPS
VERY BRITISH -
Samstag, 25. September 2010. Ich bin auf dem Weg zum Tanzstudio „movenyo“, denn an diesem Wochenende ist Samantha Emanuel dort zu Gast. Die Gruppe perlatentia hatte Sam nach Hannover eingeladen, um eine Reihe Workshops abzuhalten. Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet…
Ich begegne Samantha in der Umkleide, stelle mich ihr vor und sage, dass ich gern während ihres Unterrichts „Mäuschen“ spielen, sie also bei Ihrer Arbeit mit den Schülerinnen beobachten möchte. Auch sage ich ihr, dass ich ein Interview mit ihr und perlatentia vorhabe. Sie schaut mich aus ihren klugen blaugrauen Augen an, begrüßt mich offen und herzlich und sagt mir, ich sei willkommen. Sam stammt gebürtig aus England, genauer gesagt aus der Grafschaft Devon im schönen Südwesten der Insel, und noch oft während der nächsten beiden Tage genieße ich ihre unnachahmliche englische Art: Warmherzigkeit gepaart mit etwas kühlem Charme, dazu der trockene britische Humor, genau wie ich ihn liebe.
Es wurden insgesamt vier Unterrichtseinheiten an diesem Wochenende angeboten: “Grundlagen des Layering”, “Schrittkombis für Improvisation”, “Brandneue Zimbelkreationen” und “Tribal Fusion Choreografie”.
Bei allen Workshops habe ich Samantha und ihre Schülerinnen bei ihrer Arbeit beobachten können. Den Zimbel-Workshop habe ich dann mitgemacht, um mir auch einen Eindruck zu verschaffen, wie es ist, wenn man selbst zu den Lerneifrigen gehört.
von Konstanze Winkler
Die Workshops bauten nicht aufeinander auf, jedoch wurden die frisch erlernten Techniken des ersten WS  in den Folgekursen untergebracht, somit hatten die Teilnehmerinnen, die alle Kurse gebucht hatten, die Chance, das Erlernte zu vertiefen. Auch konnte man eine leichte Steigerung im Schwierigkeitsgrad von Kurs zu Kurs feststellen. Es begann mit dem Workshop „Grundlagen des Layering“. Dieser war dazu gedacht, den Körper mit Tanztechnik- und Koordinationsübungen einzustimmen, denn einige der hier erlernten Layerings begegneten uns etwas abgewandelt im nächsten WS „Schrittkombis für Improvisation“ wieder. Ganz anders dann der Workshop „Brandneue Zimbelkreationen“.
Hier haben wir zunächst ohne Musik und ohne Tanz die Schlagrhythmen eingeübt, indem wir nachspielten, was Samantha uns vorzimbelte. Dann wurden nach und nach tänzerische Bewegungsabläufe zugeschaltet. Zum Schluss waren wir alle in der Lage, die drei kurzen aber technisch anspruchsvollen Zimbel-Kombinationen, die Samantha uns lehrte, zu tanzen. Zum Abschluss gab es einen Choreografie-Workshop, bei dem Samantha ihren Schülerinnen einen expressiven „Oktopus“ –Tanz beibrachte. Alles in Allem waren sowohl die Inhalte der Workshops als auch die Reihenfolge in der diese stattfanden klug zusammengestellt.
UND NUN LASSEN WIR SAMANTHA ZU WORT KOMMEN:
Ich habe dir beim Unterricht hier in Hannover zugesehen. Du gehst bei deinen Anweisungen sehr didaktisch vor. Zum Beispiel teilst du die Bewegungsfolgen in mehrere kleinere Einheiten, weil man solche leichter lernen kann, und fügst diese später wieder zusammen. Du kümmerst dich auch sehr um deine Schüler und sorgst dafür, daß alle gut mitkommen. Du wirkst hochkonzentriert, und deine Aufmerksamkeit läßt keinen Moment nach. Wo hast du das gelernt?

Ich glaube, das liegt zu einem Gutteil daran, daß ich mir alles selbst beigebracht habe. Ich sehe mich gern als Studentin dieser Tanzform, und somit unterrichte ich in der Art und Weise, wie ich selbst gern unterrichtet werden würde. Ich möchte nicht, daß Leute aus meinem Kurs gehen und sich entweder total erledigt fühlen oder das ganze für reine Zeitverschwendung halten. Deswegen bemühe ich mich, die unterschiedlichen Entwicklungsebenen der Teilnehmerinnen unter einen Hut zu bringen. Hinzu kommt, daß ich gern unterrichte, das gibt einem eine ganze Menge.

Ich selbst nehme ja auch an so vielen Workshops wie möglich bei so vielen Lehrerinnen, wie es nur eben geht, teil. Alles, was mir als sinnvolle Unterrichtsmethode begegnet, baue ich dann in meine eigenen Kurse ein. Ich bin der Ansicht, daß es für Lehrer ungemein wichtig ist, die Bodenhaftung nicht zu verlieren und ständig für die Schüler ansprechbar zu bleiben. Wenn ich unterrichte, bin ich ganz ich selbst.

In Hannover hast du unter anderem die sehr ausdrucksstarke „Oktopus“-Choreographie gelehrt, von der alle ganz begeistert waren. Wie bist du auf diese Form gekommen?
Ich schaue mir gern Naturfilme von David Attenborough an, und da gefällt es mir immer besonders, wenn ein Oktopus durchs Wasser gleitet. Ich stehe überhaupt aufs Tauchen. Ich glaube, beim Fortbewegen unter Wasser kommt man dem Fliegen am nächsten. Wasser ist überhaupt eines meiner Themen. Als mir Tribal Fusion 2005 zum ersten Mal untergekommen ist, kam mir die Tänzerinnen so vor, als würden sie sich unter Wasser bewegen. Alles bei ihnen verlief so flüssig, daß ich mich sofort darin verliebt habe. Mein Oktopus-Stück setzt sich also aus vielen Einflüssen zusammen, und ich arbeite auch an neuen Stücken, in denen dieses Thema weiterverfolgt werden soll.
Vor einiger Zeit hast du Schauspielunterricht genommen. Wie beeinflußt die Schauspielerei deinen Tanzstil.

Ich habe am der London International School of Performing Arts den Kurs „The Moving Body“ belegt, und einen Clown-Workshop bei der Circomedia in Bristol. Ich habe selten so sehr arbeiten müssen wie dort, aber was ich daraus bezogen habe, war jede Anstrengung wert. Ich hatte nie zuvor in der Öffentlichkeit geschauspielert oder gesungen und bekomme furchtbares Nervenflattern, wenn ich auf einer Bühne sprechen muß (außer beim Workshop, da klappt das). Also mußte ich mit einigen ziemlich schweren Ängsten in mir ringen, habe aber auch entdeckt, wie viel Komik in mir steckt. Der Schauspielunterricht hat nicht nur meine Auftrittsmöglichkeiten als Tänzerin erweitert, sondern auch meinen eigenen Unterricht beeinflußt, weil ich die verschiedenen Bewegungen jetzt mit anderen Augen sehe.

Ich stehe sehr auf eine interdisziplinäre Ausbildung. Theater und Schauspielerei gehören für mich unbedingt dazu. Wenn wir Tänzerinnen uns auf die Bühne stellen, dann möchten wir doch auch, daß die Menschen uns zusehen. Und dabei kommt uns eine Schauspielausbildung ungemein zugute. Ich verstehe, daß einige mit wenig Erfahrung und geringem Selbstvertrauen sich etwas davor fürchten, aber denen rate ich, es wenigstens einmal zu versuchen.

Du warst einige Zeit mit Miles Copeland und seinen Bellydance Superstars auf Tournee, warum bist du da wieder ausgestiegen?

Wir waren drei Jahre lang unterwegs, und die dort gesammelten Erfahrungen möchte ich nicht missen. Ich habe so viel dabei gelernt und eine Menge guter Freundinnen gewonnen, mit einigen von ihnen arbeite ich immer noch zusammen. Ich bin allerdings verheiratet, und wenn man dann immer wieder drei Monate am Stück auf Tournee ist, belastet das eine Beziehung und überhaupt das eigene Heim doch sehr. Ich bin wirklich dankbar dafür, eine so tolle Gelegenheit erhalten zu haben, und ich freue mich auch darauf, daß BDSS wieder nach Europa kommen. Aber heute stelle ich meinen eigenen Terminplan auf, kümmere mich selbst um Auftritte und Workshops und genieße die Freiheit dazu. Ich kann zusammenarbeiten, mit wem ich will, kann mit jedem künstlerische Ideen ausprobieren oder auch solo auftreten, wenn mir danach ist.

Wo wird deine persönliche Tournee doch als nächstes hinführen?

Ich war kürzlich in San Francisco und habe dort mit Zoe Jakes und Elizabeth Strong gearbeitet. Wir haben dort mit Dan Cantrell eine Show mit Live Musik produziert,

da gab es auch Schattenspiel. Das war sehr anregend, und ich würde mich sehr freuen, wenn unsere Terminpläne uns noch einmal Gelegenheit zu einem solchen Projekt gäben.

Den Schwerpunkt bilden aber immer noch meine Solo-Auftritte, denn die gehören ganz wesentlich zu meinen Workshop-Wochenenden dazu. Die führen mich um die ganze Welt. Aber ich habe auch weitere Kollaborationen mit anderen Künstlern im Visier, denn ich arbeite gern mit anderen Menschen zusammen. Das vermisse ich auch meisten, seit ich nicht mehr mit BDSS auf Tournee bin: das Training und die Auftritte mit den anderen Mädels.

Ich glaube, ich werde in Zukunft häufiger in Deutschland sein, weil ich mit Sharon Kihara und Horacio und Beata Cifuentes zusammenarbeiten werde.

weiter zum Interview mit perlatentia...
Homepage Samantha Emanuel: www.vagabondprincess.com
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Photos © 1-3 Konstanze Winkler, 4-7 mit freundlicher Genehmigung von Samantha Emanuel