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DIE ZEIT DER GÖTTIN

Interview mit Samira über ihre Karriere
und die Situation des Bauchtanzes in Polen

Tanz kann auch ein spiritueller Weg sein, eine echte Meditation, in der ich mich nur im Hier und Jetzt befinde und nur für den Augenblick lebe, unbeeinflußt von meinen Gedanken und von meinen Erwartungen. Jeder Tänzer kann diesen Zustand erreichen, in dem man nur noch Glück und Freude um sich hat.
Für mich stellt Tanz also eine Möglichkeit dar, mit verschiedenen Emotionen zu arbeiten und gleichzeitig meine Bedürfnisse als Frau zu erkunden. Ich habe im Alter von zwölf Jahren mit dem Tanz begonnen – als ich noch ein Mädchen war. Seitdem hat der Tanz mein ganzes Leben begleitet, also auch während der Pubertät, in der ich zur Frau gereift bin. Das ist für ein weibliches Wesen eine ziemlich schwierige Zeit, geistig ist man noch ein Kind, aber gefangen im Körper einer Frau.  Dem Tanz sei Dank habe ich mich als Frau entdeckt, meinen neuen Körper akzeptiert und neues Selbstbewußtsein gewonnen. Bachtanz ist eine Kunstform, die unterschwellig sehr intensiv mit der Sexualität und der Weiblichkeit arbeitet. Wenn man eine Menge Schuldgefühle mit sich herumträgt – die aus Beziehungen, vom Elternhaus oder der Religion (zum Beispiel in einem so streng katholischen Land wie Polen) herrühren -, hat frau auch eine Menge Spannungen im Unterleib und im Bauch; genau dort, wo eigentlich die sexuellen und Lebensenergien, die auch für die eigene Kreativität verantwortlich sind, frei fließen sollten!

Das versuche ich immer, meinen Schülerinnen und anderen Frauen begreiflich zu machen. Daß Bauchtanz nicht nur eine schöne Kunstform, sondern auch eine Möglichkeit ist, seinen eigenen Körper anzunehmen. Alle Frauen können glücklich werden und sich in ihrem eigenen Körper wohlfühlen. Auf unsere Weise sind wir alle schön, und wir sollten die Kraft teilen, die zwischen Frauen entsteht. Bauchtanz ist ein Weg, uns selbst zu entdecken, und gleichzeitig gibt er uns Glück und Inspiration. Die „Zeit der Göttin“ mag nur fünf Minuten währen, aber selbst die lohnen sich. Sie sind die Möglichkeit, uns zu entwickeln und zu akzeptieren. Wir Frauen sind allesamt Göttinnen, wenn wir nur an uns selbst glauben.

Warum erzähle ich das alles? Weil es eine Menge mit der „Zeit der Göttin“ zu tun hat. Dieses Wort bedeutet für mich und mein Leben, daß ich, ebenso wie jede andere Frau, vom wahren Wesen her eine Göttin bin. Eine Göttin zu sein bedeutet allerdings mehr, als die sexuelle Ausstrahlung und Schönheit einer antiken Skulptur aufzuweisen. Die wahre Bedeutung liegt tiefer: Jede Frau vermag nämlich mit ihrer ungeheuren sexuellen Energie und Fruchtbarkeit, die ja gerade im Bauch und im Unterleib sitzen, neues Leben in die Welt zu bringen. Deswegen haben die Männer uns im Altertum als Göttinnen angesehen. Wenn man sich und seinen Körper akzeptiert, und man sich selbst, so wie man ist, mit aller sexuellen Energie, annehmen kann, wird man zur selbstbewußten, glücklichen Frau. Wenn man sich selbst auf allen diesen Ebenen akzeptiert, kann man das Leben in allen Bereichen genießen und ist auch bereit für Beziehungen zu anderen Menschen.

Wie bist du zum Bauchtanz gekommen, und was für ein Repertoire beherrschst du?

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich zum ersten Mal einen Bauchtanz gesehen habe oder wann meine Liebe zu dieser wunderschönen Kunstform entstanden ist. Wie schon erwähnt tanze ich seit meinem dreizehnten Lebensjahr, und zunächst habe ich ein paar Jahre in einer Gruppe mitgemacht, wo wir Modern und Zeitgenössisch getanzt haben. Da habe ich viel gelernt und bin mit modernem Ballett, klassischem Ballett, Disco, Jazz, Hip Hop und so weiter in Berührung gekommen. Das hat mich damals ziemlich weitergebracht und hilft mir auch heute noch bei meiner Arbeit, aber gleichzeitig habe ich gespürt, daß das nicht so ganz mein Stil ist. Der Orient hat mich schon immer angezogen. Zur damaligen Zeit, vor gut zwanzig Jahren, gab es aber in Polen kaum eine Möglichkeit, Bauchtanz oder etwas anderes Exotisches zu erlernen. Ich hatte immer vom Zigeunertanz geträumt, und von östlichen orientalischen Tänzen, aber das konnte ich vergessen, weil es in Polen weder Lehrer noch überhaupt irgendwelche Möglichkeiten gab, so etwas zu lernen.      

In meiner Teenagerzeit hatte ich dann ein dreijähriges Verhältnis – mit dem polnischen Fernsehen. Ich hatte eine Hauptrolle in einer polnischen Jugendserie, „Tagebuch eines Teenagers“, und dann habe ich für einen anderen Kanal eine Kindersendung moderiert, „Strawberry Studio“. Für einige Zeit war ich im ganzen Land bekannt Die Zeit beim Fernsehen war eine tolle Erfahrung, und ich habe viel daraus gelernt. Vor allem, wie man vor einer Kamera agiert und wie man schauspielert. Das ist genau das Gleiche, wie auf der Bühne zu stehen und sich bewußt zu sein, vor einem Publikum zu tanzen.

Danach bin ich meiner ersten großen Liebe begegnet, dem Flamenco. Ich entdeckte, daß jemand in meiner Heimatstadt Unterricht darin erteilte, und so habe ich eben Flamenco gelernt. Drei Jahre bin ich in seiner Tanzschule geblieben. Damals habe ich erste Auftritte gehabt und bin auch nach Spanien gereist, um bei den Großen zu lernen. Flamenco tanze ich inzwischen seit 14 Jahren, und er spielt immer noch eine sehr große Rolle in meinem Leben.

Zum aktiven Bauchtanz kam ich dann vor neun Jahren. Ich bin durch eine polnische Bauchtänzerin darauf gestoßen, die zu jener Zeit in Berlin lebte. Sie kam eines Tages in meine Heimatstadt, um hier einen Workshop zu geben, und so hat alles angefangen. Damals gab es noch keine Orienttanz-Schulen in Polen und keine erfahrenen Bauchtanz-Lehrer-innen. Man konnte nur ins Ausland reisen, oder auf einen Workshop warten oder selbst eine ausländische Künstlerin einladen. Abgesehen vom Selbststudium über DVD waren das die einzigen Möglichkeiten, Bauchtanz zu erlernen.

Auf Deiner Heimatseite stößt man auf das Wort: „Le temps de la déesse“ (die Zeit der Göttin) Welchen Einfluß hat dieser wunderbare Spruch auf deinen Tanz (dein Leben?)?

Dieser Satz steht als Überschrift über einem Artikel, den ich für die bekannte polnische psychologische Fachzeitschrift „Sens“ geschrieben habe. In diesem Text geht es um den Bauchtanz im allgemeinen und um seinen psychologischen und spirituellen Einfluß auf den Körper und die Seele der Frau im besonderen. Für mich als Tänzerin, Psychologin und Buddhistin ist Tanz immer schon mehr gewesen als eine schöne Kunst und eine Möglichkeit, Spaß zu haben. Nach vielen Tanzjahren habe ich bei einem Blick tief in mein Inneres dies herausgefunden:
- von Marcel Bieger
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Fotos: Bild 1, 3 und 4 (c) Marcin Kuran,
Bild 2 (c) Leszek Pilichowski