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DIE ZEIT DER GÖTTIN

Interview mit Samira über ihre Karriere
und die Situation des Bauchtanzes in Polen

- von Marcel Bieger
Fortsetzung...
Heute breitet sich der Bauchtanz in Polen rasant aus, wir hatten schon eine ganze Menge Stars hier, die Workshops veranstaltet haben oder in Shows aufgetreten sind, und wir laden auch weiterhin ausländische Tänzerinnen ein, um von ihnen zu lernen. Meine Kolleginnen und ich reisen auch ins Ausland, um dort noch mehr zu lernen (und hübsche Kostüme zu kaufen). Ich selbst tanze heute professionell klassischen Orienttanz und Flamenco, und ich bilde mich immer noch fort. Ersteren liebe ich ganz besonders und führe ihn auch am liebsten auf. Die Eleganz, die dem OT innewohnt, hat es mir ganz besonders angetan. Ich glaube auch, daß es am allerschwierigsten ist, ohne Requisiten zu tanzen und den Tanz allein mit dem Körper zu tanzen und so die Aufmerksamkeit des Publikums zu fesseln.
Ich bin sehr emotional veranlagt und liebe die Lieder von Om Kalsum. Ich liebe auch Folklore und tanze gern Khaleegy (ich trage mein Haar sehr lang und kann es auch richtig tanzen lassen) oder Saidi. Da ich den Flamenco nie vergessen habe, tanze ich auch Flamenco-Oriental-Fusionen mit weitem Rock und spanischem Fächer. Ich tanze auch eine Pop-Version des Shaabi, Fantasy zu orientalischer und moderner Musik und setze dazu auch gern Requisiten wie Schleier, Fächerschleier, Isis-Flügel und andere ein.
Siehst du dich selbst als Mitglied der polnischen Bauchtanz-Szene, und welche Shows, Auftritte und sonstige OT-Veranstaltungen habt ihr in Polen?

Aber ganz bestimmt sehe ich mich als Mitglied der polnischen Bauchtanz-Szene (lacht), ich  bin eine der bekanntesten und beliebtesten Tänzerinnen Polens. Nein, im ernst, seit einigen Jahren werde ich immer öfter in Tanzstudios eingeladen, um dort Unterricht zu geben. Ich reise in alle großen Städte des Landes – Warsaw (Warschau), Wroclav (Breslau), Katowice (Katowitz). Lodz (Lodsch), Szczecin (Stettin), Poznan (Posen), Gdansk (Danzig), Krakow (Krakau) und so weiter, und dort unterrichte ich dann OT und Flamenco und trete auf. Seit sieben Jahren in Folge werde ich zu den größten Tanz-Festivals des Landes eingeladen, wie das Internationale Zeitgenössischer Tanz-Festival in Poznan, das Internationale Sommertanz-Festival in Ladek Zdroj (Bad Landeck) oder das Internationale Jazz Tanz-Festival in Kielce.

An den Namen sieht man schon, dass es sich nicht um reine Orienttanz-Festivals handelt. Von denen haben wir nicht viele, meist kleinere, lokale Veranstaltungen. Ich bin die künstlerische Leiterin des größten Bauchtanz-Festivals in Polen, „Nova Orient“ in Katowice. Wenn man diese Veranstaltung mit anderen großen Festivals in Europa vergleicht, fällt sie sehr klein aus, aber für unsere Verhältnisse ist das eine ziemlich große Angelegenheit. Man darf ja auch nicht vergessen, dass der Orientalische Tanz in Polen noch sehr neu ist und keine Tradition hat. Genauer gesagt gibt es ihn bei uns erst seit etwa 10 Jahren, und wir brauchen immer noch Zeit, um uns zu entwickeln und zu etablieren. Dann können wir auch größere Festivals planen und mehr ausländische Gäste einladen. Das verlangt viel Arbeit und kostet Zeit und Geld, und Polen ist immer noch kein besonders reiches Land. Doch obwohl wir bei uns weder viele Veranstaltungen noch viele Tänzer haben, verfügen wir doch über einige wirkliche Talente. Unsere Profis reisen viel herum, um noch mehr zu lernen, und manchmal gewinnen sie sogar bei einem Wettbewerb. Ich glaube (und hoffe), dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die polnische OT-Szene groß und zahlreich geworden ist.

Gibt es in Polen Tribal Fusion - dir ist vielleicht bei Leyla aufgefallen, daß deutsche und westeuropäische Tänzerinnen sehr oft Tribal und Fusionen verschiedener Stile dargeboten haben, während man das von den osteuropäischen Tänzern kein einziges Mal zu sehen bekam. Sie haben alle traditionellen OT getanzt. Gibt es dafür Gründe, oder ist es nur eine Frage der Zeit?

Wir haben in Polen auch Tribal- und Tribal-Fusion-Tänzer, und einige von ihnen sind sogar richtig gut. Sie mischen verschiedene Tänze und Kulturen und entwickeln so ihren eigenen Tanzstil. So weit ich weiß, wird auch in anderen osteuropäischen Ländern Tribal und Fusion getanzt. Es war wohl eher Zufall, daß sich kein Vertreter dieser Richtungen in Duisburg beworben hat. Was Rußland angeht, so haben dort viele Tänzer eine klassische Ausbildung (damit meine ich jetzt klassisches Ballett), und die Bauchtänzer dort trainieren viel, haben eine gute Technik und bieten daher gerade beim Raks Sharki allerhöchstes Niveau.

Ich glaube, man kann im Leben nicht alles lernen und als Tänzerin nicht in allen Stilrichtungen perfekt sein. In so einer Ausbildung schnuppert man halt mal in alles rein, ohne das später weiter zu vertiefen. Meiner Meinung nach hat das ja auch seinen Sinn, mal dieses und mal jenes auszuprobieren, denn das hilft einem bei der Suche nach dem, was man eigentlich will und wo die eigenen Anlagen liegen. Leider gibt es aber auch Menschen, die nie aufhören können zu suchen, und das führt dann dazu, daß sie gar nichts richtig beherrschen. Irgendwann muß man sich entscheiden. Obwohl mir viele Tänze und Tanzrichtungen gefallen, bin ich doch bei Flamenco und (noch mehr) beim klassischen Orientalischen Tanz geblieben. Um eine gute Mischung oder Fusion hinzubekommen, muß man in den beiden (oder mehr) Richtungen, die man verknüpft, gut zuhause sein. Nachdem ich nun viele Jahre lang Flamenco und OT getanzt habe, könnte ich mich an eine Fusion dieser beiden wagen. Aber Modern und Jazz sind eben nicht mein Stil.

Dein Auftritt bei Leyla (17. Orientalisches Festival 2009 in Duisburg) war nicht dein erster in Deutschland. Erzähle uns doch bitte von deinen Erfahrungen hier.

Stimmt, ich bin vorher schon in Deutschland aufgetreten. Und zwar mit der oben erwähnten Modern-Tanz-Gruppe waren wir einige Male in Deutschland. Mit meinen Musikern von der Flamenco-Gruppe war ich in Greifswald und in Würzburg. Ich habe sogar auf einigen Parties in Deutschland getanzt. Also war Leylas Gala nicht mein „erstes Mal“ in Deutschland, aber dort bin ich zum ersten Mal auf einem großen Orient-Festival aufgetreten. Es war toll, und ich hoffe, es war nicht mein letztes Mal! Mir gefällt es in Deutschland, und ich spreche sogar Deutsch. Als Kind habe ich Ende der Achtziger drei Jahre in Deutschland gelebt. Für mich ist Deutschland also immer etwa Besonderes geblieben, und wenn ich hier auftrete, erinnert mich das immer an meine Kindheit. Ich hoffe wirklich, nochmal in euer Land eingeladen zu werden und dort zu tanzen.
Du schreibst, daß Du während Deiner Ausbildung mit Zeitgenössischem Tanz, Hip Hop, Jazztanz und anderen Stilrichtungen in Berührung gekommen bist. Eigentlich geht es doch beim Fusion gerade darum, traditionellen OT oder Tribal mit diesen Stilen zu mischen. Also könntest du dich doch auch einmal daran versuchen …

In meiner Jugend habe ich gewiß eine Ausbildung in diesen Tanzformen genossen, aber dabei handelte es sich nur um Zusatz- oder Einführungskurse, also ergänzenden Unterricht. Deswegen kann ich gewiß nicht von mir behaupten, größere Erfahrung mit Jazz- oder Zeitgenössischem Tanz zu haben. Diese Kurse haben mir nur einen Einblick verschafft und haben mir als Tänzerin geholfen, meine Technik zu verbessern und mir einen Überblick über die Welt des Tanzes zu verschaffen.

Wie ist es dazu gekommen, dass Leyla Jouvana dich auf ihr Festival eingeladen hat?

Ich habe Leyla und Roland vor zwei Jahren auf einem Festival in England gesehen, und ihre Show hat mich begeistert. Einige Zeit später habe ich im Internet nach interessanten Festivals gesucht und bin dabei zufällig auf die Seite der beiden gestoßen. Ich hatte Leyla als großartige Tänzerin erlebt und konnte jetzt feststellen, daß sie auch noch eines der größten europäischen Festivals veranstaltet und organisiert. Also habe ich ihr eine E-Mail geschickt, in der ich mich vorgestellt und dann angefragt habe, ob wir mal etwas zusammen machen könnten. Da hat sie mich eingeladen, nach Duisburg zu kommen und dort aufzutreten. Das Festival hat mir sehr gut gefallen, und ich hoffe, dort wieder einmal auftreten zu können.

Homepage von Samira:
www.samira.art.pl
Fotos: Bild 1, 2 und 4 (c) Marcin Kuran,
Bild 3 (c) Edyta Pilichowska
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