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www.bellydanceevolution.com
ELLYDANCE EVOLUTION "ALICE IN WONDERLAND"
Europa-Premiere am 13. Juni 2014 beim
Tribal Festival in Hannover!
www.tribal-festival.de
Photos ©: 1, 4-9, 12 und 15 Konstanze Winkler, 2 und 13 Steffen Herbst,
3 Karin Baumann, 10 und 11 Shalymar, 16 Wick Sakit, 17 André Elbing
Grafische Gestaltung/WebDesign: Konstanze Winkler
Zum dritten Mal kommen Jillina und ihre „Bellydance Evolution“ mit der Europa-Premiere eines neuen Stückes nach Hannover, und zu diesem Groß-Ereignis strömen die Zuschauer aus dem ganzen Kontinent heran. Eine, die bislang immer im Ensemble dabei war, ist die Tänzerin Shalymar aus Göttingen, die inzwischen in Berlin lebt und wirkt. Wir wollten wissen, wer ist diese Shalymar, und haben erfahren, daß sie die bedeutendste OT-Tanzschule Berlins betreibt, daß sie mit solchen Choreo- graphen wie Said el Amir und Azad Kaan zusammenarbeitet und überhaupt noch ganz viele andere Sachen tut. Aber das erzählt sie jetzt alles selbst in ihrem Interview:
Wie hat alles bei dir angefangen?

Meine beste Freundin, schon in Teenagerzeiten, ist Türkin, und ich bin in ihrer großen Familie immer sehr herzlich aufgenommen worden. So war es auch selbstverständlich, daß ich zu jeder Hochzeitsfeier, zu der die Familie eingeladen wurde, mitgenommen wurde. Anfangs noch etwas ungewohnt für mich fing ich doch bald an, die türkische Musik immer mehr zu lieben, und begeistert tanzte ich bei diesen Anlässen mit meiner Freundin, ihren Schwestern und Freunden stundenlang auf den Tanzflächen. Die wenigen Male, bei denen ich damals arabische Musik zu hören bekam, verzückten mich ebenfalls total.

Allerdings sah ich extrem selten eine Bauchtänzerin auftreten und kann mich auch an keine gute erinnern. Ich glaube, das liegt daran, daß ich aus dem relativ kleinen Göttingen komme und es dort wahrscheinlich kaum Tänzerinnen gab.

Später gingen wir dann ohne Familie auch in türkische Diskos in Hannover, und in mir wuchs der Wunsch, einige Bewegungen, die ich bei Türkinnen gesehen hatte, auch tanzen zu können. Der erste Versuch eines VHS Kurses in Göttingen scheiterte jedoch nach dem ersten Termin. Meiner Freundin und mir gefiel das gar nicht. Also ging alles erstmal seinen "geordneten" Weg, und ich studierte fleißig BWL zu Ende, ging für eine Weile nach Spanien und Frankreich und tobte mich bei anderen Sport- und Tanzarten aus - doch der Wunsch und die Sehnsucht nach "Bauchtanz" blieben.

2003 zog ich nach Braunschweig, wo mittlerweile meine Freundin wohnte, und es ging weiter mit türkischen Parties, Konzerten und viel Tanzen. Die Nichte eines Freundes tanzte damals in dem Teenager-Ensemble von Gauhara mit und als ich das erfuhr bat ich sie mich einmal zum Training mitzunehmen. Dort wurde mir sofort klar: hier will ich bleiben, hier werde ich endlich lernen, was ich lernen will!

Nach 3 Monaten Unterricht fragte mich Gauhara, ob ich Lust hätte, in ihrem Ensemble mitzutanzen.  Ich war total überrascht, aber da ich schon als Kind  zahlreiche Ballettvorführungen mitgemacht hatte, gefiel mir die Idee, wieder etwas in einer Gruppe aufzuführen. Innerhalb von ein paar Monaten arbeitete ich die Choreographien der Gruppe zu Hause nach und gewöhnte mir dadurch vom ersten Moment an selbstständiges Nacharbeiten und Training an.
Ach ja, den "bürgerlichen" Beruf gibt es auch noch! Wegen ihm bin ich 2005 nach Berlin gezogen und  habe einige Jahre Vollzeit im Bereich internes Rechnungswesen/ Kostenstellenergebnisrechnung gearbeitet und mache es auch heute noch zu 50%. Die Arbeit mit "normalen" Menschen gibt mir eine gewisse Erdung und setzt vieles, was in der Tanzszene passiert, in eine gesunde Relation. Auch wenn es mich oft zeitlich streßt, so bin ich doch in der Summe froh über diesen Ausgleich in meinem Leben und möchte ihn nicht missen.
Erzähle uns bitte von den Höhepunkten deiner tänzerischen Laufbahn.

Nun ja, was gestern noch ein Höhepunkt war, ist heute schon Normalität geworden, und Dinge, auf die ich vor ein paar Jahren noch extrem stolz war, sind heute schon nicht mehr gut genug oder unwichtig geworden. Ich versuche es trotzdem mal rückblickend zu sehen und zu beschreiben:

Einer der ersten Höhepunkte war auf jeden Fall der erfolgreiche Abschluss der ESTODA-Ausbildung. Darauf folgte die Jomdance-Ausbildung und die dazu gehörige Abschluß-Show 2007. In der Zwischenzeit hatte ich die ersten Solo Auftritte in Deutschland und einige mit dem Anjum Ensemble - ich erinnere mich noch gut, wie unglaublich nervös ich war. Jeder für sich war damals wie ein neuer Berg, den es zu besteigen galt. Ein wichtiger Höhepunkt war die Gründung und Eröffnung des Hayals (unsere Tanzschule) 2007 und damit verbunden auch die erste selbstorganisierte Show.

Aber mehr als mit der Gruppe aufzutreten, konnte ich mir nicht vorstellen - bis Gauhara mich als Ersatz zu einem ihrer Auftritts-Engagements schickte ... Beruflich mit Tanz zu arbeiten war in meiner Lebensplanung überhaupt vorgesehen. Eine solche Idee existierte in meinem Kopf gar nicht.

2004 begann ich mit der ESTODA Ausbildung in Hannover. Ich fuhr einfach mal hin, weil eine Bekannte das mit mir anfangen wollte. Die Bekannte tauchte dort nie auf, und ich hatte keine Ahnung was ESTODA bedeutete oder worauf die Ausbildung abzielte. Ich wollte einfach nur noch mehr tanzen und hielt es für einen Workshop wie andere auch. Im Fragebogen zu Beginn der Ausbildung wurde gefragt, bis zu welchem Modul man an der Ausbildung teilzunehmen plane: mir war klar, dass ich das Lehrerinnen-Modul auf keinen Fall machen wollen würde.

Letztlich ist die ESTODA Ausbildung bei Yasmin al Ghazali der größte Anstoß für mich gewesen, Tanz auch unterrichten zu wollen und mir zuzutrauen, das auch zu können - denn natürlich hatte ich doch noch das Lehrerinnen-Modul abgeschlossen.

Ich kann den Tanz für mich nur mit einer Sucht vergleichen oder als solche bezeichnen - von dem Moment an, an dem ich angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören, mehr zu tanzen, mehr lernen zu wollen, besser werden zu wollen. Gleichzeitig fühle ich mich mit dem Tanz angekommen. Er ist für mich eine Meditation, bei der ich den Rest meiner Sorgen und Probleme vergesse. Für nicht Infizierte ist so etwas oft nicht verständlich, und sie haben Mühe, damit umzugehen.

Als ich 2009 auf einer Show mit Jillina tanzen durfte, war ich restlos glücklich und habe das Plakat noch heute im Studio hängen.

2010 passierte dann noch viel mehr: angefangen damit von Jillina ausgewählt zu werden, bei Bellydance Evolution in Hannover und Ungarn mittanzen zu dürfen, gefolgt von Auftritten in Marokko, China, Taiwan, Tschechien ... In Peking bat Jillina mich, vor der eigentlichen BDE-Show ein kleines Solo zu tanzen. Vor 1000 Zuschauern und einer Wahnsinnstimmung - ich war hin und weg!

2010 hatte ich auch die ersten Solo-Auftritte im Ausland unabhängig von BDE. Ein besonderer Moment war hierbei ein privates Engagement in Marokko. 2011 folgten weitere Tourneen mit BDE und ihrer ersten Show. 2012 tanzte ich dann auch bei der zweiten Show von Anfang an mit. Diese brachte ich auch als Veranstalterin nach Berlin, was wirklich ein tolles Gefühl war.
Ich tanzte eine der Hauptrollen und weiß jetzt noch, wie
aufgeregt ich war! Es folgte im gleichen Jahr das erste Mal ein komplettes Intensiv-Workshop-Wochenende in Prag - ein sehr schönes Erlebnis!

2013 erfüllten wir uns einen Traum und holten Ranya Renee und Randa Kamel für Workshops und Show nach Berlin. Den noch größeren Traum erfüllten wir uns mit der Eröffnung des neuen, größeren und noch schöneren Hayals im August 2013 - mit nun auch eigener Bühne und viel mehr Platz zum Tanzen und Unterrichten.

Ein weiterer Wunsch von mir war es jahrelang gewesen öfter mit Live-Musik  zu arbeiten, und auch dieser Traum erfüllte sich 2013: Ich rief gemeinsam mit Khader "Yalla Dance" ins Leben - eine Live-Musik-Veranstaltung mit fantastischer Band als Rahmen bei einem einem Online „Casting“, bei dem sich jede Tänzerin bewerben kann, die auch einmal zu Live-Musik tanzen möchte. Im März 2014 veranstalten wir wieder ein kleines Festival, dieses Mal mit Aziza, Nesma und Fereshteh - was mir vor ein paar Jahren auch noch unvorstellbar gewesen wäre.


Kurz danach ging es nach Los Angeles, um für die  Premiere von Jillinas neuester Show für Bellydance Evolution zu trainieren und in San Diego uraufzuführen. Und nun steht schon fast die Europa-Premiere von eben dieser Show - "Alice in Wonderland" -  vor der Tür, bei der ich wieder eine Hauptrolle tanzen darf - einer der nächsten Glanzlichter, dem ich schon entgegenfiebere.

Während ich das alles niederschreibe, fällt mir auf, wieviel in den letzten Jahren passiert ist, wie viele von meinen Träumen schon wahr geworden sind und wie glücklich ich mich schätzen kann. Ich habe nur ein paar große Eckdaten aufgeführt - dazwischen liegen noch viele andere besondere Momente.

Als ganz besonders habe ich auch die Momente in meinem Herzen abgespeichert,  in denen Lehrer oder Kollegen von mir, deren Meinung ich besonders schätze und die ich für ehrlich halte, direkt nach einem Auftritt zu mir kamen und mir gesagt haben, wie sehr ihnen meine Darbietung gefallen hätte; aber auch Zuschauer, die zu mir kamen und sagten, mein Tanz hätte sie zu Tränen gerührt. Ich kann mir nicht mehr wünschen, als Menschen mit meinem Tanz zu berühren, denn für mich sind diejenigen die besten Tänzer, die meine Seele erreichen!
Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?
  
Ich würde meinen eigenen Stil als Egyptian contemporary, ägyptisch-zeitgenössisch, und dazu fließend und elegant bezeichnen. Es fließt sicher viel von meinen zusätzlichen Tanz- und Bewegungsarten wie Ballett, Jazz, Modern, Hip Hop, Salsa, Pilates und Joga mit ein, was nicht immer bewußt geschieht. Mein absoluter Lieblings-Stil ist der Ägpytische Stil, da ich in ihm eine größere Emotionalität vorfinde als in anderen Stilen, aber auch alle anderen Stile, gut gemacht, begeistern mich!

Ich hatte das Glück, vom ersten Moment an sehr gute Lehrer und Lehrerinnen gehabt zu haben, von denen die meisten mich ermuntert haben, weitere Lehrer aufzusuchen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Ich habe immer versucht, so viel wie möglich von anderen aufzunehmen, aber im Laufe der Zeit auch gelernt, immer mehr Eigenes zuzulassen.

Eine tänzerische Entwicklung, die über die reine Tanztechnik hinausgeht, ist  jedoch nur mit der Entwicklung der Persönlichkeit möglich. Auch an diesem Thema versuche ich dranzubleiben und bin dankbar für jede Wunde und noch mehr über jeden schönen Moment, die mir das Leben geschenkt hat.

Ich musste (nein durfte) in meiner Karriere schon einige Male Stile und Dinge tanzen, die ich vorher vehement von mir gewiesen hätte und die mich zur Überwindung meiner eigenen Grenzen gezwungen haben. Jedes dieser Gelegenheiten hat mich tänzerisch und menschlich weiter gebracht, und ich bin dankbar dafür, auch wenn ich erst einmal geflucht habe. Die neuesten Herausforderungen, die sich mir hier stellen, sind zwei neue Choreografien für Natalies "Dance in Concert", bei dem ich zu sehr ungewöhnlicher Musik ungewöhnlichen Tanz entwickeln darf - und die Aufgabe bei Bellydance Evolution in Hannover, mich als Teil meiner Rolle in der Show über mehrere Minuten wie ein Derwisch zu drehen - ehrlich gesagt Dinge, die ich mir sonst nie aussuchen würde. Aber ich freue mich über die Herausforderungen!

„Sag niemals nie“ - deswegen halte ich mich auch mit der Behauptung zurück, ich würde so etwas nie tanzen.

Du führst eine der bedeutendsten Tanzschulen Berlins, sozusagen die erste Adresse der Hauptstadt, so etwas fällt einem nicht in den Schoß.

2007 haben Amira und ich gemeinsam das „Hayal Oriental Moves“ gegründet, wohlgemerkt mit einer gehörigen Portion Naivität und Enthusiasmus, aber voller Überzeugung! Mit kleinen Schritten und ständigen Fortbildungen haben wir uns immer weiter entwickelt, sowohl als Tänzerinnen als auch als Dozentinnen und Organisatorinnen. Fortbildung und eigene Weiterentwicklung stehen bei uns immer auf der Prioritätenliste ganz oben und garantieren unseren Schülern stets die maximal mögliche Unterrichtsqualität.

Nach wie vor sind wir beide mit voller Begeisterung bei der Sache und lieben unsere Schüler sehr. Tanz zu unterrichten und die eigene Leidenschaft weiterzugeben, bringt einfach noch einmal eine andere Qualität in das Dasein als Tänzerin.

Im Jahr 2013 haben wir uns dann den Traum erfüllen können, uns zu vergrößern und verfügen nun über zwei wunderschöne Tanzsäle, 100qm und  60 qm, beide vollverspiegelt. Dazu einen Cafeteria- und Empfangsbereich, der zum Quatschen vor und nach den Kursen einlädt, ohne den laufenden Unterricht zu stören. Alles in allem das größte Studio speziell für OT in Berlin.  Das Hayal ist mein absoluter Lieblingsplatz in ganz Berlin!

Der größte Nachteil eines Studios ist der Verwaltungsaufwand, den  man von außen betrachtet nur unterschätzen kann.
Ich wünsche mir oft eine Sekretärin, die mir solche Aufgaben abnimmt, damit ich mich mehr aufs Tanzen konzentrieren kann.

Wir unterrichten im Hayal vor allem Orientalischen Tanz für alle Entwicklungsstufen, aber auch Tribal ATS-Style, Pilates, Zumba und Body school. Als perfekte Ergänzung dazu sind Josefine Wandel und Ina Winterstein, die wohl renommiertesten Tribal-Fusion-Lehrerinnen Berlins, bei uns eingemietet, und fast täglich laufen OT- und Tribalkurse parallel zueinander.

Insgesamt betrachtet habe ich schon das Gefühl, daß sich die Nachfrage nach OT in Deutschland zugunsten von Tribal verschoben hat, auch wenn wir es in unserer Tanzschule nicht so merken. Meiner Meinung nach  sprechen die beiden Tanzarten grundsätzlich unterschiedliche Typen an, und Tribal ist noch viel neuer und liegt noch mehr im Trend.
In vielen anderen Ländern scheint der OT stark zu boomen, hat dort aber auch keine so lange Geschichte hinter sich wie in Deutschland. Wie auch bei anderen Tanzarten unterliegen wir den Moden und ich hoffe sehr, daß der OT auch über diese Ebbe hinweg bei uns am Leben bleibt, ich werde jedenfalls alles dafür tun!
Du hast mit zwei der bedeutendsten männlichen Choreographen Deutschlands zusammengearbeitet und tust das immer noch, nämlich Azad Kaan und Said el Amir. Wie kommt man am besten mit den beiden zurecht?

Ich habe bei Said El Amir neben anderen Workshops vor allem die Jomdance-Ausbildung  2005-2007 gemacht, bei der ich auch Azad Kaan als Mitschüler und Co-Dozent von Said kennenlernte. Nach der Ausbildung tanzte ich noch mehrmals mit der damaligen Jomdance Company. Auch wenn sie eine ganze Weile eng zusammengearbeitet haben, empfinde ich Said und Azad als sehr unterschiedlich - jeder ist auf seine Weise exzellent!

Ich schätze beide sehr als Dozenten und Tänzer, und sie hatten beide großen Einfluß auf meine eigene Entwicklung  -  ich kann ihren Unterricht jeder Tänzerin nur ans Herz legen!

Seit 2010 tanze ich bei Azads "Chillis"-Ensemble mit - einer mittlerweile internationalen Gruppe von Tänzerinnen -, die sich mehrmals im Jahr zum gemeinsamen Training treffen und auf Auftritte im In- und Ausland hinarbeiten. Wir tanzen hauptsächlich Choreographien von Azad, aber er ist sehr offen für andere Ideen, und wir haben auch schon mehrmals Choreografien von z.B. Seetha vertanzt. Seitdem ich orientalisch tanze tanze ich in Ensembles, angefangen bei Gauhara, dem Anjum, der Jomdance Company, den Chillis bis hin zu Bellydance Evolution plus weitere kurzfristigere Zusammenschlüsse zu bestimmten Anlässen, und ich glaube über gute und weniger geeignete Vorgehensweisen beim gemeinsamen Training und in der Leitung viel gelernt zu haben.

Meine persönliche Beobachtung ist es, daß Frauen Männern per se eine größere Autorität zugestehen als Vertreterinnen ihres eigenen Geschlechts - ganz unabhängig von der tatsächlichen Kompetenz.

 Auch eine Kritik kann von einem Mann ausgesprochen eher angenommen werden als von einer Frau. Den größten Eindruck in Sachen Führung machte jedoch Jillina und damit eine Frau auf mich, und ich versuche mich an ihrer Art zu orientieren.

Einen alten Spruch finde ich hier sehr treffend und ich halte ihn mir oft vor Augen: "der Fisch fängt am Kopf an zu stinken." Wenn ich nicht meinen eigenen Ansprüchen und Vorstellungen gerecht werde - wie kann ich es dann von anderen erwarten?

2013 habe ich "Hayalina" gegründet - bestehend aus nunmehr acht Mitgliedern, fortgeschrittene bis stark fortgeschrittenen Schülerinnen von mir. Natürlich erfordert das Training eines Schüler-Ensembles andere Voraussetzungen als das Training mit Profi-Tänzerinnen wie bei BDE, und ich versuche mit entsprechender Sensibilität heranzugehen, aber mein Ziel ist es, das Beste aus ihnen herauszuholen, für die Gruppe und für sie selbst. Das erfordert einen gewissen Anspruch, Konsequenz und vor allem eigene Klarheit. Bisher macht es uns allen sehr viel Spaß und ich freue mich schon auf die weitere Entwicklung!
Wie gehst du vor, wenn du ein neues Stück entwickelst, sei es für dich selbst, sei es für "Hayalina"?

In der Regel geht es bei mir über die Musik, ich muß sie lieben, um inspiriert zu sein. Wenn es anders herum läuft oder ich eine Musik zu einem Accessoire suchen muß, tue ich mich viel schwerer! Ich brauche eine Story, eine Emotion, einen Ausdruck, den ich dem Tanz geben will, und mit dem im Hinterkopf fange ich an zu choreografieren. Ganz entscheidend ist für mich der Text, insofern es ein Stück mit Gesang ist. Ohne Übersetzung fange ich gar nicht erst an, mit dem Lied zu arbeiten. Ich lerne seit einigen Jahren Arabisch, und mein Arabisch-Lehrer muss immer wieder dafür herhalten mit mir verworrene Shaabi Texte bis hin zu Tarab Klassikern durchzugehen.

Eine Choreografie braucht bei mir immer Zeit, ich muss sie Stück für Stück entwickeln und manchmal dauert es 3 Monate. Dabei entwickle ich in letzter Zeit oft mehrere Stücke gleichzeitig und nebeneinander her, aber jedes Stück für sich muss eine Weile köcheln. Wenn eine Choreografie abgeschlossen ist ändere ich sie auch nicht mehr. Vielleicht kleine Dinge, die sich anders einschleifen, aber keine größeren Änderungen. Ich schließe das Thema in meinem Kopf ab und würde eher das Stück später einmal komplett neu choreografieren, als es dann noch zu ändern.
Du bist die deutsche Tänzerin bei Bellydance Evolution. Du bist bei allen drei Produktionen dabeigewesen. Warum greift Chefin Jillina immer wieder auf dich zurück?

Ich bin nicht die einzige deutsche Tänzerin, die bisher bei BDE mitgemacht hat, aber eine der wenigen und die einzige, die bei allen drei Shows dabei war und die die meisten Tourneen mitgemacht hat. Ich bin heute noch einer Freundin dankbar, die mir erzählte, sie hätte von der Möglichkeit, sich bei einer Show von Jillina (BDE) zu bewerben, gelesen, und sie denke das sei was für mich! Von ganz alleine wäre ich nie darauf gekommen, bzw. hätte wahrscheinlich ohnehin viel zu spät davon gelesen.

Mein Glück war, daß Jillina sich bei der Casting-Auswahl an mich erinnern konnte. Ich hatte 2009 in Hannover bei der WoO einen Workshop bei ihr gemacht, und ein paar Monate später tanzte ich auf einer Show von Djamila, bei der Jillina der Stargast war, eben genau diese Choreografie. Jillina beobachtete mich und war wohl angetan davon, wie genau ich ihre Choreo nachgearbeitet hatte.

Im Laufe der Zeit bildete sich ein Stamm von Tänzerinnen, die mehrmals dabei waren und deren Arbeit Jillina anscheinend  auch schätzt  und immer wieder anfragt, ob sie eine bestimmte Tournee mitmachen möchten. Natürlich schaut sie nach den Regionen und fragt vor allem bei Tänzerinnen aus dem entsprechenden Kontinent an.

Jetzt für die Premiere der neuen Show "Alice in Wonderland" hat sie allerdings das Kern-Team weltweit gefragt. Ich bin sehr glücklich, dazu zu gehören, und ganz ehrlich: manchmal muß ich mich selbst daran erinnern, daß es so ist und mir klar machen wie
außergewöhnlich das ist.

2004, als ich noch ganz am Anfang  stand, war ich bei einer Show der Bellydance Superstars in Hannover und sah dort Jillina zum ersten Mal. Die ganze Show, die Professionalität, das Licht und natürlich auch Jillina selbst haben mich wahnsinnig beeindruckt, und ich erinnere mich wie ich damals zu meiner Mutter sagte, dass ich gern auch einmal bei einer Show dieser Art mittanzen würde und dass ich es aber für unmöglich hielte. Unfassbar eigentlich, dass es sechs Jahre später tatsächlich so weit gekommen ist!
Du hast bei der Uraufführung von "Alice in Wonderland" im kalifornischen San Diego auf der Bühne gestanden.

Eines von Jillinas Erfolgsrezepten ist es, mit talentierten und guten Leuten zusammenzuarbeiten und diese in ihr Boot zu holen, sie fördert und fordert dabei viel. Die Zusammenarbeit mit ihr und ihrem Team ist jedes Mal wieder eine Herausforderung und zugleich immense Inspiration. Die Ausdauer und Professionalität, die Flexibilität in der Anpassung an örtliche Gegebenheiten und spontan auftretende Probleme sind unglaublich beeindruckend. Sie arbeitet auf einem extrem hohen und positivem Energie-Niveau und weiß genau wen sie für was einsetzt, auch wenn ihrem Gegenüber selbst noch nicht klar ist, daß sie es kann bzw etwas eher nicht kann.
Ihr oberstes Interesse gilt dem Wohl der Show, ohne dabei den menschlichen Aspekt zu vergessen. Jeder respektiert ihre Entscheidungen, auch wenn die sich mal gegen einen selbst richten, weil man weiß, wie Jillina tickt und dass sie recht
behalten wird.

Sie berät sich mit anderen, aber die Entscheidung trifft sie meiner Ansicht nach immer nach eigenem Gefühl. Ich schätze an ihr außerdem, daß sie sich immer wieder bewußt macht, was sie Tolles erreicht hat, und sich dankbar gegenüber den Menschen zeigt, die sie dabei unterstützt haben, sie bleibt selbstkritisch und verliert nie ihren Humor.

Die Premiere von "Alice in Wonderland" war besonders spannend und aufregend, da vieles erst in letzter Minute fertiggestellt und festgelegt wurde, angefangen bei Kostümen, Choreos und sogar Musiken. Sowohl Jillina als auch ihre Mit-Organisatoren standen unter besonderer Anspannung und das gesamte Team fieberte mit. Auf der anderen Seite war die komplette Truppe mit ganzem Herzen dabei, und alle blieben ruhig und konzentriert, was bei einer anderen Besetzung undenkbar gewesen wäre. Wirklich eine Wahnsinns-Erfahrung!
In wenigen Wochen erleben wir die europäische Premiere in Hannover, dort tanzt du eine der Hauptrollen. Es sind nicht alle mit dabei, die in San Diego dabei waren, was kommt auf uns zu?

Es erwartet Euch die bisher beste Show von BDE! Getanzt werden Szenen aus "Alice im Wunderland" - also am besten das Buch oder den Film vorher nochmal zu Gemüte führen, um sich voll auf das Märchen einlassen zu können. Jillina und ihr Team haben viele neue kreative Ideen aus allen Tanzsparten einfließen lassen. Es gibt wieder Tribal, Hip Hop mit Danielo (dem Frauenschwarm schlechthin), klassisch orientalischen Tanz und natürlich ebenso moderne Fusionen à la Jillina. Auch die Kostüme sind die schönsten bisher. Farbenfroh und spektakulär und das alles natürlich fantastisch getanzt! Alice wird präsentiert von Lauren, Jillina tanzt die Herzkönigin (was sonst?), Heather den verrückten Hutmacher, Danielo das weiße Kaninchen, Sharon die Raupe, Louchia die Herzogin. Ich bin die "Cheshire Cat" (Grinsekatze) und freue mich riesig auf die Europapremiere! Natürlich tauchen auch noch weitere Figuren aus der Geschichte auf. Unbedingt ansehen!

Wer es verpassen sollte, der kann sich schon mal den 22.5.2015 merken,
dann kommt die Show nach Berlin!
Homepage:
www.shalymar.com
Shalymar bei facebook:
www.facebook.com/shalymar.el.amar
So kam es, dass sie mich 2010 als Teilnehmerin des ersten Europa-Ensembles und der zweiten Premiere von BDE "Immortal Desires" auswählte. Die erste Show und das erste Training fanden in Hannover statt, organisiert von Asmahan. Auch die Europa-Premiere der zweiten und nun der dritten Show kommen nach Hannover. Asmahan war eine der ersten, die an dieses Showkonzept geglaubt hat, und als versierte Veranstalterin auf die Beine gestellt hat, was ein wirklich erhebliches finanzielles Risiko und großen logistischen Aufwand mit sich bringt. Jlllina ist ihr dafür auch heute noch dankbar.

Es folgten in den folgenden Jahren viele weitere Shows und Tourneen in verschiedenen Ländern für mich verbunden mit verrückten Erfahrungen und immer neuen Tanzkolleginnen aus aller Welt und auch verschiedenen Rollen in den Shows.

Shalymar BDE 2010 "Immortal Desires" - Foto unten: Sharon Kihara, Eliana, Shalymar
Shalymar BDE 2012 "Dark Side io the Crown" (Foto unten: Shalymar 2. v.l.)
"Hayal Oriental Moves - Das Tanzstudio von Shalymar und Amira
Azad Kaan und Shalymar
Foto unten: Hayalina
Foto oben: Shalymar mit den Chillis
Eine Szene von "Alice in Wonderland" bei der Premiere in San Diego, USA (Shalymar re.)
„ICH FREUE MICH
ÜBER HERAUSFORDERUNGEN“


Interview mit der vielseitigen Künstlerin Shalymar

- von Marcel Bieger