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"ICH  BIN VIEL MEHR 
ALS TANZ"

Interview mit

Svahara Aicanar
von Marcel Bieger
Auf einer Weihnachtsfeier 2007 sind wir uns zum ersten Mal begegnet, Henneth Annun und Svahara Aicanar, die als damals erst kürzlich gegründetes Duo „Swara Armunn“ Tribal Fusion tanzten, wie man ihn bis dato in Deutschland noch nicht gesehen hatte. Aus dieser Begegnung sind mehrere geworden, bis es plötzlich still um das Duo wurde und Svahara völlig verschwand, nicht nur aus der Szene, sondern geradezu von der Bildfläche. Gesundheitlich hatte es sie sehr schwer erwischt, und erst 2009 kehrte sie ins Licht der Öffentlichkeit zurück und tanzt seitdem bei der Formation „The Violet Tribe“, übrigens wieder mit Henneth Annun. Im folgenden Gespräch erzählt Svahara, was 2008 alles über sie gekommen ist, und wie sie da wieder herausgefunden hat.
Svahara: Dann beginnen wir doch am besten am Anfang des steinigen Weges. Es muß so Oktober 2007 gewesen sein, da hatten meine beste Freundin, Henneth Annun, und ich gerade begonnen, als Duo einen kometenhaften Aufstieg zu erleben. Wir hatten uns als Tribal Fusion Duo zusammengetan, hatten tolle Choreographien entwickelt, hatten mittlerweile überall Auftrittstermine. Doch zeitgleich hatte ich einen Psoriasis-Schub. Das ist eine Schuppenflechte, eine Hauterkrankung, ähnlich wie Neurodermitis, dabei entzündet sich die Haut und verschuppt. Die Krankheit hatte ich schon seit vielen Jahren an wenigen Stellen, aber jetzt breitete sie sich zum ersten Mal weiter aus. Zunächst habe ich mir nicht viel dabei gedacht und bin mal zur Hautärztin. Parallel dazu hatte ich immer wieder so ein Stechen im unteren Rückenbereich, so zur Hüfte und zum Po hin. Auch das hat mich noch nicht sonderlich beunruhigt. In jener Zeit habe ich sehr stark den „Turkish Drop“ trainiert – die Rückennummer, bei der man sich rücklings zu Boden fallen läßt. Der hat mir keine Probleme bereitet, denn mit meiner Beweglichkeit und meiner gutentwickelten Muskelatur stand immer alles in bester Ordnung. Wir hatten den „Turkish Drop“ ziemlich stark in eine Choreographie eingearbeitet, und dann habe ich damit auch Probleme bekommen. Wie sich später herausgestellt hat, habe ich mir dabei das ISG (Anm: Iliosakralgelenk) blockiert – die Schnittstelle von der Hüftschaufel zur Wirbelsäule. Das ISG war bei mir rausgerutscht, und davon bekam ich ziemliche Schmerzen. Später in meiner Krankheitsphase ist das dann von allein wieder reingerutscht, aber das hat sich erst herausgestellt, als ich beim Chiropraktiker gelandet bin – bis dahin hatte ich keine Ahnung, was sich da getan hatte. Ich hatte nur mit einem Mal Schmerzen im Rücken und in der Hüfte, und dazu den Schuppenflechten-Schub. Die Schmerzen sind immer schlimmer geworden, so daß ich dann den Auftritt im Januar 2008 absagen mußte und in der Folge alle Auftritte in diesem Jahr. Henneth Annun hat das dann solistisch bestritten. Als es mit meinem Rücken trotz Akupunktur nicht besser werden wollte, habe ich eine MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) bekommen, und dabei hat man einen Bandscheibenvorfall zwischen L4 und L5 (Lendenwirbel 4 und 5), also den klassischen Bandscheibenvorfall, rechtseitig festgestellt.
Ich kann jetzt nicht beschwören, daß alles durch den „Turkish Drop“ gekommen ist, aber ich will an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich sagen: Diese Bewegung ist für den Rücken in keinem Fall gesund oder förderlich. Die Bandscheiben werden dabei einem immensen Druck ausgesetzt. Egal, ob man beweglich ist oder eine tadellos durchtrainierte Rückenmuskulatur hat, der „Turkish Drop“ ist schädlich. Die Ärztin hat noch zu mir gesagt: „Sie haben aber einen gut trainierten Rücken, so etwas sieht man selten.“ Ich will damit nur sagen, ich hatte eine durchtrainierte Rückenmuskulatur. Das hat mir aber nichts genutzt. Denn wenn man den Rücken so abknickt wie beim „Turkish Drop“ entsteht auf der einen Seite der Bandscheibe ein immenser Druck. Wenn man ohnehin schon beweglich ist und ein schwaches Bindegewebe hat, und wenn man dann auch noch über die dreißig ist, zeigt sich auch das Gewebe älter und weist am Mantel der Bandscheibe leichte Fissure-Risse auf (Haarrisse). Beim „Turkish Drop“ wird der weiche flüssige Kern in diese Risse gepresst. Und durch den Ruck, wenn man zu Boden fällt, gibt es gleich nochmal einen starken Stoß auf die flüssigen Kerne.
Aber zurück zu den Untersuchungen. Als der Bandscheibenvorfall festgestellt worden war, ahnte ich, daß nichts mehr so gehen würde wie vorher. Und dann ist irgendwie alles auf einmal gekommen. Im März 2009 hatte ich einen Knieerguß, der über Wochen und Monate nicht wegging und den ich bis heute noch habe. Zwischenzeitlich war es damit so schlimm, daß ich das Knie überhaupt nicht mehr belasten konnte. Das Knie war geschwollen und fühlte sich heiß an. Ich bin zu tausend Ärzten gerannt, und kein Mensch fand einen Grund dafür. Das hat alles zu nichts geführt, und ich kürze das hier mal ab. Ich habe meinen Arzt angewiesen mich in eine Rheuma-Klinik zu überweisen, weil ich durch Recherche im Internet darauf gestoßen bin, daß ich eine Psoriasis-Arthritis haben könnte. Zuerst die Schuppenflechte, also die Überproduktion von Hautzellen – und das betrifft ja nicht nur die Oberflächenhaut, sondern auch die Gelenkhäute. Bis dahin wußte ich nicht, daß so etwas möglich ist, ich habe es dann aber durch meine Recherchen erfahren. Das war im August 2009, und zu dem Zeitpunkt hatte ich schon drei Gelenke entzündet. Heute ist es so, daß sich beim Trommeln auch noch meine Fingergelenke entzünden, ich muß also vollkommen gelenkschonend vorgehen. Da die Entzündungsprozesse immer noch im Gang sind, können sich die Gelenke immer noch zu jeder Zeit so entzünden, daß ich sie nicht mehr bewegen kann. Bestimmte Dinge kann ich nur eingeschränkt ausüben, kurz gesagt, ich kann nicht jede Bewegung ausführen. Zum Beispiel geht der „Berber Walk“ (ein geschmeidiges Vorangleiten auf den Knien am Boden) zur Zeit nicht, in die Knie gehen, runter auf die Knie, ist schwierig, Treppensteigen fällt mir schwer. Rennen und Hüpfen geht nicht. Ich kann schon wieder eine ganze Menge machen, aber damals ging überhaupt nichts. Bei einem Bandscheibenvorfall weiß man nie im voraus, wie der Verlauf sein wird. Manche können nach einem halben Jahr schon wieder alles machen, andere tragen das jahrelang mit sich herum und enden dann doch auf dem OP-Tisch. Deswegen mein dringender Rat an alle Tänzerinnen: der „Back Bend“ und der „Turkish Drop“ sind für mich so etwas wie Russisches Roulette. Niemand kann sagen, wer davon einen Bandscheibenvorfall bekommt und wer nicht. Das ist wie beim Rauchen. Da steht auch nur fest, daß zwar nicht alle, aber doch die meisten davon krank werden.
Ebenso beim Tanzen, nicht alle, die solche Übungen betreiben, werden dadurch Probleme bekommen, aber in den nächsten Jahren sicher sehr viele. Ich verbiete das deswegen auch meinen Schülerinnen, in meinem Unterricht wird so etwas nicht beigebracht. Ich habe einen so großen Leidensweg hinter mir –
und damit meine ich nicht nur die Schmerzen.

Zum Beispiel habe ich so viel gelegen, daß ich davon eine tiefe beidseitige Venen-Thrombose bekommen habe, und wenn man die nach drei Monaten nicht entdeckt hätte, hätte ich daran sterben können. Das hat man übrigens nur durch Zufall entdeckt, weil ich nebenbei auch noch die Lymphknoten angeschwollen hatte. Beim Ultraschall hat man dann herausgefunden, daß ich in den Leisten bereits zu war. Ich hatte ganz schlimme Schmerzen, aber man hat mir immer nur gesagt, das kommt vom Rheuma oder vom Bandscheibenvorfall. Ich hatte ja auch plötzlich ganz viele Dinge: Rheuma, Bandscheibenvorfall und die tiefe Venen-Thrombose. Ich mußte für alle drei starke Medikamente nehmen, mir sind die Haare ausgefallen, ich konnte mich nicht bewegen, meine Haut sah furchtbar aus, ich saß alleine in der Reha und habe gedacht, so, das war’s jetzt, mehr ist nicht von mir übrig. Meine ganze Persönlichkeit schien in sich zusammenzufallen. Wer so etwas noch nicht erlebt hat, kann sich das nur schwer vorstellen: Wer sich vorher über Bewegung definiert hat, über Schönheit, Ästhetik und Ausdruck – und all das einem genommen wird, dann fühlt man sich wirklich auf den Pott gesetzt. Dann bricht man darunter zusammen, oder man zwingt sich zu dem Gedanken, wer bin ich eigentlich?

Bei mir ist soviel zusammengekommen, daß sogar die Ärzte gesagt haben: Was Sie alles haben, das gibt’s doch gar nicht. – Und mein Vater hat was sehr Kluges gesagt. Er fragte: „Hätte der Bandscheibenvorfall gereicht, dich vom Tanzen abzuhalten?“ - Ich: „Nein.“ – Er dann: „Hätte das Rheuma gereicht, dich vom Tanzen abzuhalten?“ – Ich wieder: „Nein.“ – Und dazu mein Vater: „Siehste, jetzt weißte auch, warum du beides auf einmal gekriegt hat.“ Und er hat ja recht, es mußte ganz viel kommen, sonst hätte ich nicht damit aufgehört, mein Leben so zu leben. Eben immer auf Leistung gezielt. Ich mußte mich wieder mehr um die anderen Seiten in mir kümmern. Jetzt meditiere ich wieder mehr; Schamanismus, Gesang und Klarträumen sind Gebiete, denen ich mich wieder widme. Aber ich habe mich jetzt nicht der Esoterik-Szene verschrieben, ich war ja auch früher, als ich mich schon einmal damit auseinandergesetzt habe, immer eher Einzelgängerin gewesen.

Ich stand in der Reha vor einem Spiegel, betrachtete das verbliebene Drittel meines Haarschopfes und habe überlegt: Bin ich denn nur mein Haar, bin ich denn nur meine Beweglichkeit, bin ich denn nur mein Tanzen? Und dann habe ich mir geantwortet: Nein, ich bin Svenja, weil ich die als Persönlichkeit bin. Ich bin noch viel mehr als nur Haar, Beweglichkeit und Tanz. Und ich habe auch noch mehr zu geben. Dann habe ich mir gesagt, daß es einen Sinn hinter all dem geben muß, denn es kann doch nicht einfach nur Zufall sein, daß mir all diese schrecklichen Dinge innerhalb weniger Monate zugestoßen sind. Es muß irgendeinen Sinn geben, der mich zu etwas hinführen will. Ich habe dann wir verrückt gegraben und bin dabei auf viele interessante Dinge gestoßen. Von einem möchte ich gern erzählen. Wenn man bei Dorn (Anm.: die Dorn-Therapie ist eine Heilmethode ähnlich der Chiropraktik) nachschaut, welche Bandscheibe für welche psychischen Bereich zuständig ist, dann war das bei mir genau der Bereich, der privat auch dringend bearbeitet werden mußte. Mit dieser Dorn-Tabelle verhält es sich so ähnlich wie mit den indischen Chakren, die ja auch für bestimmte psychische Bereiche stehen. Danach konnte ich dann eine Riesenentwicklung privater Natur hinter mich bringen, und das war schon mal ein Riesensegen. Darauf hat mich erst diese Bandscheibengeschichte gebracht.
Dann habe ich darüber nachgedacht: Wieviel Angst habe ich eigentlich davor, richtig bekanntzuwerden, so mit allem, was dazugehört? Will ich das wirklich, oder bin ich eher ein Eremitenmensch, der lieber zuhause seine Ruhe hat und sich dort mit Mystik beschäftigt? Wenn man etwas genommen bekommt, weiß man erst richtig, ob man es überhaupt haben wollte oder nicht. Das war mir dann auch eine Lehre.
Die nächste kam mit der Frage: Was im Leben ist mir eigentlich wirklich wichtig? Welche Menschen erweisen sich als wahre Freunde? Was kann ich eigentlich noch? Was habe ich möglicherweise in meinem Leben übersehen. Dadurch habe ich mich dann daran erinnert, daß ich mich früher viel mit Mystik und Heilung beschäftigt habe, nicht direkt mit Reiki, aber mit anderen, ähnlichen Ausbildungsformen. Damals habe ich nach meinem Fachgebiet gesucht. Manche beschäftigen sich mit verlorenen Seelen, andere mit körperlichen Krankheiten, und ich hatte immer einen starken Hang zur Musik und dabei den Traum, mit Musik heilen zu können, also etwas in Richtung Schamanentum. Heilgesang hatte mich interessiert. Das habe ich aber später nicht mehr weiterverfolgt, weil ich von der Szene ein bißchen enttäuscht war. Dann kam ja auch der Tanz, und da hatte mich sowieso nichts anderes mehr interessiert. Aber dann in der Reha habe ich mir gesagt, gut, ich muß meine Kraft und meine Kreativität irgendwo hineinfließen lassen, sonst vertrocknet diese Pflanze. Das, was in mir ist, braucht mal wieder Nahrung, so wie eine Pflanze Wasser, Licht und Luft. Irgendwann habe ich mich daran erinnert, daß ich mal mit Gesang angefangen, das dann aber wieder drangegeben habe. Seitdem habe ich das wieder aufgenommen. Auch die Mystik haben ich mir wieder vorgenommen, vor allem unter den Fragen „Wer bin ich?“, „Was steckt an Kräften in mir?“ und „Was ist mein innerer Weg, meine Aufgabe?“ All das kam wieder in mir hoch, und ich habe diese Themen wieder stärker verfolgt.
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Photos ©: Bild 1 Rolf Simmerer, 2 Peter Görgen, 3 Tanja Konrad, 4 Anja Alice Schmidt, 5 mit freundlicher Genehmigung von Svahara
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