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"ICH  BIN VIEL MEHR 
ALS TANZ"

Interview mit

Svahara Aicanar
von Marcel Bieger
...Nach zwei Aufenthalten im Krankenhaus und einem in der Reha war ich dann im Dezember 2009 zur Wiedereingliederung wieder auf der Arbeit, und ab Januar 2010 erneut als Tanzlehrerin tätig und habe Kurse angeboten. Letzteres gestaltete sich zu Beginn oft noch sehr schmerzhaft. Das war ein dauerndes Auf und Ab, aber durch meinen sehr guten Chiropraktiker bin ich immer wieder auf die Beine gekommen. Ich komme seitdem relativ schmerzfrei durchs Leben, aber wenn ich mich zuviel verbiege oder zu schwer trage, kommen die Schmerzen wieder. Wenn ich zu wenig Sport betreibe, kommen die Schmerzen ebenfalls wieder. Ich muß sehr auf mich aufpassen und beschäftige mich daher auch mit der Frage der Grenzen: Wie leicht übernimmt man sich, muß man wirklich alles können? Muß ich immer meinem Selbstwert hinterherrennen durch Leistung, oder ist auch alles gut, wenn ich nicht alles kann?
Damit bin ich seit meinem Wiedereintritt in die Tänzerinnen-Szene besonders konfrontiert, wo es immer nur nach höher-schneller-weiter geht. Gerade in unserer deutschen Szene habe ich oft das Gefühl, daß sie geradezu übersättigt ist von hoher Tanzkunst und teilweise sehr guter Tanztechnik, so daß es fast nur noch um die Frage geht, wer schafft einen noch weiteren Spagat und einen noch tieferen „Backbend“. Darüber scheinen die Leute zu vergessen, worum es eigentlich beim Tanz geht. Ich meine, beim Tanz sollte es doch vor allem darum gehen, die Freude am Leben und an der Bewegung zu tanzen. Es darf nicht in erster Linie heißen, möglichst geile Technik auf die Bühne zu bringen, sondern dem Publikum etwas mitzugeben, so daß es auf dem Nachhauseweg sagt, mich hat etwas berührt, ich habe etwas erfahren, das hat mich erinnert oder auf einen neuen Gedanken gebracht. Und das verstehe ich unter Geschichtenerzählen. Darunter verstehe ich alles, was in Richtung Tanztheater geht, daß man eine Geschichte hat, daß man den Inhalt, den man übermitteln will, vor die Technik setzt. Technik ist zwar wichtig, aber nur ein Mittel, um etwas gut rüberzubringen. Sie darf nicht Selbstzweck sein. Über das Geschichtenerzählen sehe ich für mich eine Chance weiterzutanzen, weil ich den Leuten immer noch etwas erzählen kann, möglicherweise auch in Kombination mit Musik und Gesang. Bei „The Violet Tribe“ habe ich in dieser Hinsicht eine tolle Plattform gefunden.

  Ich glaube, das Essentiellste für jemanden, der das Tanzen für sich entdeckt hat, ist, irgendwann die Feststellung zu machen, ich kann ja etwas und ich sehe auch noch gut damit aus. Ich werde dafür wertgeschätzt. So etwas ist sehr verführerisch. Jeder kennt das mehr oder weniger. Denn nicht jeder wird mit einem Wahnsinns-Selbstwertgefühl geboren. Wir alle haben das schon einmal erlebt, daß wir nicht genügend geliebt oder anerkannt worden sind. Im Tanz wie auch in den anderen Kunstbereichen liegt die Verführung darin, daß man irgendwann etwas süchtig nach dieser Anerkennung wird. Man definiert sich nur noch über den Applaus, über die Aufmerksamkeit und über seine Stellung innerhalb der Szene. Als Mensch, der eine Wunde in sich trägt, die Wunde des-nicht-genug-seins, erlebt man den Jubel des Publikums als so erlösend,

als so wundervoll, als so nährend. Wenn ein anderer einem sagt, Mensch, hast du toll ausgesehen, kann man sich doch selbst sagen, ich habe es geschafft. Das ist dann ein Riesentrostpflaster für die innere Wunde – doch die Wunde selbst ist ja nicht behandelt worden, zumindest nicht von innen. Und genau das habe ich im Verlauf meiner Krankheit begriffen, ich muß mir selbst genügen, ich muß mit mir und meinem Leben zufrieden sein. Tanz ist dazu nur ein Bonus.
Wenn ich Tanz aber als Mittel zum Zweck nehme, um mir ein Gefühl des Selbstwertes zu vermitteln, lande ich auf dem Hintern. Das passiert zwangsläufig allen Tänzerinnen, die krank oder zu alt werden – sie erleben einen riesigen psychischen Zusammenbruch. So etwas ist dann wirklich schlimm. Ich habe damals händeringend im Internet gesucht. Nach Schicksalen und nach Austausch, um zu hören, was man in meiner Situation machen kann, wie man damit umgeht. Ich war richtig depressiv, ich habe geweint – mir war alles weggenommen worden, was ich hatte, wer ich war. Für mich gab es scheinbar keine Hoffnung mehr. Niemand ist zu mir gekommen und hat gesagt, jetzt hör mal, Svenja, Tanzen ist nur ein winziger Teil des Lebens.
Irgendwann saß ich mal in meinem Auto, habe mir die Menschen um mich herum angeguckt und mir gedacht, die da draußen, die kennen vielleicht überhaupt keine Bauchtanz-Szene. Es gibt so ein riesiges Leben um mich herum, in dem ich sogar normal wirke, in dem ich kein Krüppel bin. Ich fühle mich in der Tanzszene wie ein Krüppel, wenn ich sehe, was die anderen machen und ich nicht mehr daran teilnehmen kann. Aber im normalen Leben bin ich komplett und vollwertig.

Dennoch blieb für mich eine der größten Schwierigkeiten, daß ich niemanden hatte, mit dem ich mich austauschen konnte. Viele, die ich in der Szene kannte, haben nur zum Hobby getanzt und das für sich nicht so sehr als Obsession gesehen. Mir war in der Profi-Szene auch nur ein ähnlicher Fall bekannt, eine Amerikanerin, die bei Bellydance Superstars auftreten sollte und dann einen Bandscheibenvorfall bekommen hat. Die ist nach der Behandlung wieder wundersamerweise vollkommen geheilt und konnte wieder auftreten. Ich habe sie angeschrieben und wollte mit ihr Erfahrungen austauschen, aber sie hat nie zurückgeschrieben, was ich natürlich ziemlich schade fand. Heute wünsche ich mir, daß möglichst viele Tänzerinnen in der Profi-Szene sich dieser Frage stellen: Tanz ist mehr als nur eine Form der Besessenheit. Tanz ist eine wunderbare und schöne Sache, um sein Innerstes auszuleben, aber er ist nicht das einzige im Leben. Man sollte sich stets sagen, daß man mehr ist als nur das, und weitere Talente in sich entwickeln.

Wir haben bis jetzt nur über den Tanz gesprochen, aber die Krankheit hat doch sicher auch dein restliches Leben betroffen.

Natürlich. Mir wurde auch meine Arbeit genommen – ich bin in einem Jugendzentrum tätig gewesen und hatte dort den Bereich Joga, Meditation und Tanz inne -, und das war natürlich der Verlust eines weiteren Stücks Selbstwert. Diese Kurse konnte ich nicht mehr durchführen, und irgendwann war ich dann auch für den normalen Dienst – Theke bemannen zum Beispiel – nicht mehr zu gebrauchen. Kurzum, ich habe mich komplett nutzlos gefühlt und hatte Angst, daß meine Bereiche von anderen übernommen würden. Oder ein anderes Beispiel, ich habe mal im Kino gesessen und mir „Mamma Mia“ angeschaut. Meryl Streep spielt da  mit. Die ist ja auch nicht mehr die allerjüngste, aber wenn man sieht, wie lebendig sie in dem Streifen die Treppen hinunterhüpft … und ich saß da mit meinen fünfunddreißig Jahren, also eine noch relativ junge Frau, und bewegte mich wie eine Achtzigjährige. Ich hätte heulen mögen. Es ist ja auch ein Stück Lebensfreude, wenn man sagen kann „He, heute ist ein toller Tag! Ich freue mich, denn ich sehe gleich meinen lieben Freund!“. Oder, was ich immer gern gemacht habe, über Geländer zu setzen, so wie Männer das tun und weil es ja auch Spaß macht. Wenn man die Energie in sich spürt, dieses Fliegen, Grenzen überwinden, weil man jung ist und glaubt, alles zu können. – Und plötzlich ist jeder Weg lang und schmerzhaft. Selbst das Gehen ist Arbeit.

Frauen achten darauf, wie sie über die Straße gehen, und das gibt ihnen ganz viel Selbstwertgefühl. Man kann aufrecht gehen, stolz und selbstbewußt. Aber das konnte ich nicht mehr, weil mir der Rücken weh tat. Also bin ich krumm gegangen. Ich mußte kleine, vorsichtige
Schritte machen von Krücken gestützt. Mit anderen Worten, selbst im Ausdruck meines Gehens mußte ich zurückstecken. Ich habe sehr viel Gewicht verloren durch die Schmerzen, über zehn Kilogramm, meine ganzen Kurven waren weg, mein Gesicht war eingefallen. Dank des Cortisons habe ich zu allem Überfluß noch eine Wahnsinns-Körperbehaarung entwickelt. Die Nägel sind abgebrochen, die Haare waren stumpf, alles wird einem genommen. Es erfüllt mich heute mit Stolz, daß ich damals nicht aufgegeben habe. Jede, der so etwas widerfährt, darf mir gerne Mails schreiben und sich mit mir austauschen.

Man lebt allein und isoliert und glaubt sich von aller Welt verlassen. Aber als ich dann im Dezember 2009 in die Szene zurückgekehrt bin, war ich doch sehr überrascht, daß alle an meinen Tisch kamen und gesagt haben, wie schön, daß du wieder da bist, wir haben dich vermißt und so weiter. Die anderen haben einen nämlich gar nicht vergessen, sie wissen oft nur nicht, wie sie mit diesem Krankheitsfall umgehen sollen. Das hat mir sehr viel gegeben und bedeutet.

Und natürlich hat die Krankheit auch meine damalige Beziehung belastet. Ob sie allein alles kaputtgemacht hat, kann ich nicht beurteilen, aber sie hat sehr viel von der Beziehung aufgefressen.

Unsere tiefste Angst ist nicht die vor Versagen und Minderwertigkeit.Unsere tiefste Angst ist, daß wir unermeßlich mächtig sind. 

Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. 

Unser Selbstbild ist: Es steht mir nicht zu, leuchtend, hinreissend, wunderbar und großartig zu sein.

Unser Selbstbild könnte auch sein: Wir sind hier, um genau diese Eigenschaften auszudrücken und zu leben!

 Wir sind alle Kinder Gottes! 

Sich klein, unscheinbar und minderwertig zu machen, tut der Welt nicht gut. Es ist ein merkwürdiges Verhalten, sich klein zu machen,
nur damit sich andere um uns herum nicht verunsichert fühlen. 

Wir wurden geboren, um die Ehre Gottes zu verwirklichen, die in uns ist! Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen! 

Und wenn wir unser Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewußt anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

 Wenn wir uns von unserer Angst befreit haben, wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien. 

- der Text wird Nelson Mandela zugeschrieben und ist hier sinngemäß zitiert , nach seiner Antrittsrede, Südafrika 1994 -

Heute 2011 bin ich zufrieden mit mir und meinem Leben, bin gefestigter empfinde mehr Lebenssinn und Freude. Ich habe entdeckt, wer ich wirklich bin, wer ich sein möchte und wohin ich gehen will. Das Rheuma hat einen Grad erreicht, mit dem sich leben lässt, und es ist fast alles wieder normal.

Ich weiß nun, daß es nicht darum ging, das Tanzen sein zu lassen, sondern diesen anderen Teil von mir wiederzubeleben, denn heute machen ich beides. Ich bin dankbar,  diese Erfahrung gemacht zu haben, denn sie hat mich soviel reicher gemacht. Ich möchte dieses Interview gern mit einem Zitat von Nelson Mandela beenden.
Svenja Niedergriese Svahara Aicanar
bei facebook
bei myspace: http://www.myspace.com/svahara_aicanar
"The Violet Tribe" bei myspace: http://www.myspace.com/violettribe
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
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Photos ©: 1 Rolf Simmerer, 2 Nils Davidovic, 3 Tanja Konrad, 4 Detlev Janßen, 5 Stephan Müller
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