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 „OH, WIE SÜSS …“

Interview mit Tempest

von Marcel Bieger

Grafik und Layout:
Konstanze Winkler
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Wie bist du zum Tanz gekommen?

Zu tanzen habe ich so um 2000/2001 angefangen. Damals ging ich schon aufs College (in etwa unserer Universität vergleichbar), und ich hatte eine Freundin aus San Francisco, die ein Jahr weiter war als ich. Nachdem sie ihren Abschluß gemacht hatte, sind wir in Verbindung geblieben, und sie hat mir immer berichtet, wie es ihr in San Francisco erging. Eines Tages schrieb sie: „Wir haben hier so eine irre Bauchtanzgeschichte. Und die tanzt so eine Truppe namens Fat Chance Belly Dance.“ Also habe ich im Internet nachgesehen und diese Gruppe tatsächlich gefunden. Diese Frauen trugen alle wunderschöne Kostüme, und ihre Musik war auch toll. Da konnte ich mir nur sagen, das versuchst du auch mal. Ich hatte nie zuvor getanzt, und mit Kunst hatte ich mich nur in der Kunstschule auseinandergesetzt. Mit vier Jahren hat man mich dort vom Turnunterricht befreit, weil mit meiner „Motorik etwas nicht stimmt“.
Erschwerend wirkte sich sicher auch aus, daß ich lieber Schmetterlingen als einem Fußball hinterhergelaufen bin (unser Fußball galt zu jener Zeit in den USA als Mädchen-Sportart). Aber zurück zum Tanz. Der Tribal hatte es in jenen Jahren noch nicht bis zu uns an die Ostküste geschafft. Das wußte ich noch nicht, und so bin ich in eine Tanzschule gegangen, und dort boten sie Raks Sharki und anderen Orientalischen Tanz und Folklore an. Aber das war ja immerhin schon Bauchtanz, und so hatte ich das Ziel meiner Träume erreicht und meldete mich an. Ich war ziemlich bald begeistert und konnte nicht mehr davon lassen. Nach einer Weile durfte ich auch zum ersten Mal in einem Restaurant auftreten. Ich erinnere mich noch an mein Glitzerkostüm, und alles war schön. Wir sahen so großartig aus. Natürlich waren unsere Kostüme nicht authentisch orientalisch, aber sie wirkten dennoch phantastisch, so als hätten sich Indien und der Vordere Orient in ihnen vereint. Aber im Hinterkopf spukte mir immer noch der Tribal herum. Dann habe ich eines Tages über Orient-Gemälde von amerikanischen und europäischen Künstlern recherchiert, und die Frauen darauf sahen eher aus wie Tribal-Tänzerinnen als wie die OT-Frauen. Da bin ich dann zu meiner Lehrerin gegangen und habe ihr gesagt, das möchte ich auch lernen. Doch sie hat entgegnet: „Tut mir leid, so etwas unterrichte ich nicht. Wenn du das lernen willst, solltest du an die Quelle gehen.“
Photo © Lizanne E. Webb
Wieso hat es zu jener Zeit an der Ostküste noch keinen Tribal gegeben?

Weil sich bis dato noch niemand die Mühe gemacht hatte, so etwas an der Ostküste zu lehren. Wenn man Tribal lernen wollte, blieb einem tatsächlich nichts anderes übrig, als an die Westküste und vor allem nach San Francisco zu gehen. Oder jemanden zu fragen, der bereits dort gewesen war.

Gibt es tatsächlich eine Grenze zwischen Ost- und Westküste?

Na, Grenze ist sicher zuviel gesagt, aber zwischen den beiden Küsten liegt der Mittlere Westen, die „Redneck-Staaten“ (lacht). Dieses Gebiet gilt als konservativ, manche würde sogar sagen rückständig. Na, wie auch immer, zu jener Zeit gab es noch keine Festivals, das berühmte Tribal Fest in Sebastopol wurde erst im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Und erst danach kamen die anderen. Und es dauert immer einige Zeit, bis sich so etwas herumgesprochen hat und die Leute sich dann auch tatsächlich überlegen, fahren wir doch mal hin.

Ich habe einen der ersten Tribal-Workshops im Ostküsten-Staat Rhode Island gehalten, und wir waren damals alle ganz versessen darauf, im Kreis zu tanzen und das mit dem Improvisieren herauszukriegen. 2001 sind wir dann von Rhode Island nach Kalifornien gezogen, nach San Francisco in die Bay Area. Mein Mann kam aus Kalifornien, und so mußte er nicht lange überredet werden. Ich habe bei Fat Chance Unterricht genommen. Dort habe ich auch eine OT-Lehrerin kennengelernt, die mich sehr an meine erste Lehrerin erinnert hat.

Und ich habe etwas Wichtiges herausgefunden: Wenn man sich einmal mit dem klassischen Bauchtanz beschäftigt hat und weiß, wie er funktioniert, besonders mit der türkischen Variante, dann kann man nicht mehr ohne leben. Ich habe dort auch entdeckt, daß ich in einer Tanztruppe nicht gut zurechtkomme, mir fehlt sozusagen der Herden-Instinkt. Deswegen bin ich lieber solo aufgetreten. Ich stelle mir alles selbst zusammen, und ich muß das nicht alles mühsam den anderen beibringen, damit es auf der Bühne klappt. Deswegen habe ich mich aufgeteilt. Ich habe bei Fat Chance Unterricht genommen, bei Ultra Gypsy und bin auch in einige andere Tribal-Fusion-Arenen gestiegen, habe darüber hinaus aber auch sehr viel mit OT-Lehrerinnen gearbeitet. Ursprünglich war ich nach Kalifornien gegangen, um dort Tribal zu lernen, und was habe ich getan? Klassischen OT getanzt!.
Aber noch vor einiger Zeit wurdest du doch auch in die Tribal Fusion-Schublade gesteckt.

Ich bin ja auch noch in der Fusion-Abteilung tätig, aber nicht in der Tribal-Fusion-Ecke. Anfang des neuen Jahrtausends – die Zeit, die einige hier bei uns bereits als frühes Jahrtausend bezeichnen, obwohl es doch erst wenige Jahre her ist – galt alles, was nicht OT war, als Tribal Fusion. Wenn man schräg oder eigenartig ausgesehen hat, war man Tribal Fusion. Das Tribal Fest hatte damals eine Schwester-Veranstaltung, das „Festival Fantasia“, auf dem Raks Sharki und überhaupt OT getanzt wurde. Ich kann mich noch erinnern, wie ich dort aufgetreten bin. Da kamen später Leute zu mir und haben gesagt: „Ich wußte ja gar nicht, daß du auch OT tanzt.“ Und das bloß, weil ich etwas schräg aussehe. Dabei kann man doch Dreadfalls und Assuit tragen und immer noch OT tanzen. Es kommt schließlich auf die Bewegungen und das Musikverständnis an. Nicht das Kostüm macht die Tänzerin.

Bist du noch aktiv im Tribal?

Ich lehre einige tribal-beeinflußte Bewegungen, aber die haben nichts mit dem zu tun, was ich unter „Tribal Fusion“ verstehe. Tribal Fusion hat hier in den USA eine ganz eigene Entwicklung genommen und wird bestimmt von „The Indigo“ und starkem Hang zu Hip Hop und Pops und Locks. Mich drängt nichts danach, so etwas in meinen Tanzstil aufzunehmen. Er ist sicher sehr schön und ästhetisch, aber wir beide können uns nicht miteinander anfreunden, wir kommen nicht miteinander zurecht. Da ziehe ich den Fluß und die erdigen Bewegungen des Tribal eindeutig vor. Um auf deine Frage zurückzukommen, ich übernehme gern einige der klassischen Tribal-Bewegungen, vor allem diejenigen, die aus dem klassischen OT kommen. Tribal Fusion soll doch eigentlich originaler ATS gemischt mit einem anderen Stil sein, aber das, was heute als Tribal Fusion angeboten wird, erinnert nicht mehr an den Original-Tribal, wie wir ihn damals kannten. Zumindest trifft das auf die USA zu, und deswegen ist das auch nichts für mich.

Das CD-Cover von Solaces' "Ahsas"
Seit wann trittst du denn in schrägem Outfit auf?

(lacht) Von Anfang an! Die erste CD, die ich mir gekauft habe, war „Ahsas“ von Solace. Ansuya ist dort auf dem Cover zu sehen, mit Henna auf den Händen und Kuchi-Schmuck und Perlenstickerei auf dem Kostüm.

Ich habe die CD nur wegen diesem Bild gekauft. Es war mir eine Inspiration, weil mir die Gesamtkomposition ungeheuer gefiel. Damals habe ich Bilder von Fat Chance, Ultra Gypsy und Frédériques erster Truppe gesammelt, um mir davon Inspirationen zu holen. Mein erstes Kostüm sah folgendermaßen aus: ein BH aus Samt und mit Kuchi, ein OT-Rock mit Pailletten, ein Turban, mit eingeflochtenen Locken und überall Münzen … eine Mischung aus allen meinen Inspirationen. Mein erstes Kostüm, sehr „Gothy Tribaret“.
Woher kommt deine Vorliebe für die Zwanziger Jahre?

Vor meinem Wegzug nach Kalifornien habe ich für meinen Kurs eine Abschiedsvorstellung gegeben. Danach kamen ein paar Frauen zu mir und haben gesagt: „Du siehst genau aus wie Theda Bara!“. Ich kannte  sie nicht und habe recherchiert. Diese Frau war einer der Stars aus der Stummfilmzeit. Als ich mir Filmphotos von ihr angesehen habe, habe ich dort den gleichen klassischen Ausdruck erkannt wie bei den Orient-Malern, über die ich mal geforscht hatte, und Tänzerinnen aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wie Ruth St. Dennis, Mata Hari und so weiter. Kurzum, der gleiche Ausdruck wie bei den berühmten Tänzerinnen, wegen denen ich zum Bauchtanz gefunden hatte. Ich habe dann noch ein paar Jahre gebraucht, aber so um 2003 hatte ich mein Aussehen gefunden. Im ersten Jahr, in dem ich zu alter Musik getanzt habe, war das nicht mehr als eine hübsche Idee; ich wußte nicht, was ich sonst noch damit anfangen sollte. In der Folgezeit habe ich andere schräge Sachen versucht, bis ich dann wieder zu Bara zurückgekehrt bin. Ich habe mir andere Vorlagen angeschaut, habe mich intensiver mit den Goldenen Zwanzigern befaßt, mir weitere Stummfilme angeschaut, immer neue Bewegungen für mich übernommen, mich in die Musik hineingedacht und so weiter, bis ich meine Mischung zusammenhatte.

Du tanzt Fusion, aber auf OT-Grundlage. Warum legst du auf diese Unterscheidung so großen Wert?

Mich frustrieren all diese Shows und sonstigen Veranstaltungen, die unter Bauchtanz firmieren, bei denen man aber keinen Bauchtanz geboten bekommt. Wieso nennt man so etwas dann Bauchtanz-Show? Andere nennen dann das gleich American Style Belly Dance und unterrichten so etwas auch, obwohl sie keine Ahnung haben, wovon sie da reden. So ähnlich wie beim Tribal Fusion. Viele Tänzerinnen erachten es gar nicht mehr als nötig, zuerst ATS zu lernen, um sich die Grundlage zu schaffen, auf der sie eine Fusion mit anderen Stilen erarbeiten können. Sie erklären einfach, ich tanze Fusion, und damit soll schon alles klar sein. Das ist wie bei dem Spiel „Stille Post“. Einer denkt sich einen Satz aus, flüstert den seinem Nebenmann ins Ohr, und wenn der Satz beim letzten angekommen ist, hat der mit dem Original nur noch sehr wenig zu tun. Eine solche Einstellung verschafft uns hier in den USA ziemliche Probleme, ich weiß nicht, wie es anderswo ist …

links Tempest, rechts Theda Bara,
ein Star aus der Stummfilmzeit.

Tempest hat sich Theda auf ihren Oberarm tätowieren lassen

Bei uns ist es ganz genau so.

Ich besuche Folklore-Workshops über marokkanische, tunesische, türkische und klassische ägyptische Tänze, versorge mich mit Original-Bewegungen und vermenge die zu etwas Neuem – im Gegensatz zu den Tänzerinnen, die etwas von einer anderen übernehmen, die bereits einen Fusion aus dem Fusion einer anderen gemacht haben, die ihrerseits schon den Fusion einer anderen bearbeitet hat. Ich dagegen sage, ich fange zu hundert Prozent mit Bauchtanz an, und dann überlege ich mir, wie ich daraus eine Fusion erarbeiten kann. Somit bleibt der Bauchtanz immer noch Bauchtanz und sieht nur etwas anders aus als gewohnt, indem ich hier Tempo herausnehme und dort eine neue Wendung hinzufüge. Das ist schon das ganze Geheimnis hinter meinen Fusionen. Außerdem ist es ja immer gut, wenn man etwas anderes bietet. Wenn man in eine Show geht, in der nur und ausschließlich ägyptischer Bauchtanz vorgeführt wird, kommt einem der bald zu den Ohren raus. Auf einer reinen Tribal-Show ergeht es einem kaum anders. Deswegen bringt es nichts, wenn man fordert, nur reiner, klassischer OT darf zählen. Aber auch wenn man eine frische Brise durchwehen lassen will, sollte man sich vorher mit der Materie auseinandersetzen und gründlich recherchieren. Niemand will schlechten indischen Tanz sehen. Auf manchen Bauchtanz-Festivals bekommt man eine Menge Zeitgenössischen oder Jazz-Tanz zu sehen, den jemand mit Bauchtanz fusioniert hat. Dann frage ich mich unwillkürlich, ob diese Gruppen dieses Stück auch bei einem Zeitgenössischem Tanz- oder Jazz Tanz-Festival aufführen würden. Und ich fürchte, daß sie das lieber bleiben lassen, denn andernfalls würde man sie von der Bühne buhen. Leider haben viele von unseren Tänzern keinen blassen Schimmer von dem, was sie da eigentlich zusammenwerfen.

Sie rufen nur: „Oh, wie süüüß … „ Und schon wird es mit hineingenommen. Ich aber sage: „Nein, es muß genau passen, sonst nehme ich es nicht.“ Der Gothic Belly Dance kommt von einer bestimmten Kultur, Musik und dem damit verbundenem Ausdruck. Wenn man sich schon den Gothic aussucht, sollte man sich zunächst mit seinen Hintergründen vertraut gemacht haben. Das Gleiche gilt für den Steampunk, ohne eine Geschichte, die mit ihm erzählt wird, geht es nun einmal nicht. Man sollte auch die ganze Kultur und Einstellung respektieren. Dahinter steckt nämlich mehr, als sich nur schrill anzuziehen. Beim Gothic muß man erst verstehen, warum die Musik so ist, wie sie ist, sonst kann man sie nicht tanzen. Und beim Steampunk muß man wissen, warum man zu einem bestimmten Stück eine Schutzbrille (in manchem Falle Fliegerbrille) aufsetzen muß, ehe man sie aufsetzen kann.
Du warst in diesem Jahr wieder auf dem Tribal Fest in Sebastopol.

Ja, das ist mein Lieblings-Festival. In diesem Jahr (2010) bin ich zum 9. Mal dabeigewesen, ich habe nur das allererste verpaßt. In diesem Jahr kam mir die Stimmung dort ruhiger vor, aber das muß nicht unbedingt am Festival, das kann auch an mir gelegen haben. Ich fahre immer wieder gern dorthin, um Unterricht zu geben und um aufzutreten. Auf dem Tribal Fest kann ich mit den Menschen reden, die ich mag, und muß nicht auf irgendwelche Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Deswegen gefällt es mir dort auch so gut. Man trifft einige der Großen, und man trifft einige der Neuen. Und der Tanz orientiert sich wieder stärker am Bauchtanz, zumindest am Tribal, und der Fusion steht wieder auf soliderer Grundlage. Ich bekomme da eine Menge mit, denn mein Verkaufsstand steht direkt neben der Bühne.

Auf Festivals, die du besuchst, sieht man dich immer mit eigenem Stand. Was verkaufst du da?

All die Sachen, die ich entwerfe und herstelle, wie zum Beispiel Korsett-Gürtel, Korsett-Westen, „Skorsets“, „Shruggeries“ für die Schultern, „Thingies“ für’s Haar, Schnittmuster, meine Kunstwerke und noch vieles mehr. Wer es genauer wissen will, schaue bitte auf meine Seiten: www.darklydramatic.com und www.owlkeyme.com.

links: ein von Tempest geschneidertes Steampunk-Set, "hair thingies" und das von Tempest erfundene "Shruggery"
Tempests Kostüm-Mode Fotos © Tempest,
Fotos "Tempest Steampunk" © Konstanze Winkler
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