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 „OH, WIE SÜSS …“

Interview mit Tempest

von Marcel Bieger

Eine der kreativsten, klügsten, witzigsten und wandlungsfähigsten Tänzerinnen der USA ist Tempest, die im Mai zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten ist. Da sind wir natürlich neugierig geworden, und beim Gespräch in einem Restaurant im Umfeld des 3. Tribal-Festivals konnten wir rasch feststellen, daß diese Frau nicht nur etwas zu sagen hat, sondern auch amüsant zu plaudern versteht. Und abends bei ihrer Aufführung hat sie uns natürlich auch bestens gefallen.

        Dieses Interview erscheint zeitgleich im amerikanischen Bauchtanz-Magazin „Zaghareet!“ (www.zaghareet.com) in der englischen Version, und hier in „Hagalla“ in der deutschen Fassung, also sozusagen parallel - wenn schon nicht auf der ganzen so doch - auf der halben Welt!

Grafik und Layout:
Konstanze Winkler
Man hat dich Königin des Gothic genannt, und mittlerweile bist du die Ikone des Steampunk. Was unterscheidet diese beiden Genres voneinander?

Nun, zum einen gibt es den Gothic Belly Dance, und der ist aus der Gothic Subkultur entstanden. Diese entstammt einer Strömung in der Pop-Musik, die in den späten 70ern einsetzte und bis in die 90er und darüber hinaus reichte. Gothic kommt also aus der Musik und der geistigen Haltung, die dahinter steckt. Daraus hat sich dann eine eigene Richtung mit Literatur, Kunst, weiterer Musik, Veranstaltungen und so weiter entwickelt.

Im Gegensatz dazu war der Steampunk zuerst und vor allem eine Literatur-Richtung. Bevor es also etwas anderes gab (Musik, Tracht oder Veranstaltungen), entstanden Romane und Geschichten. Klassische Beispiele liefert Jules Verne, aber dann gibt es auch die neo-futuristischen Romane und Comics vom Ende des vergangenen Jahrhunderts. In jüngster Zeit ist der Steampunk recht populär geworden, und er weist einige Verbindungen mit dem Gothic auf.
Steampunk mit seiner Retro-futuristischen Ausrichtung, die sich sehr an Konzepten der Kaiserzeit orientiert, hat das Interesse von vielen Menschen erweckt, die sich dem klassischen, romantischen Gothic der alten Schule zurechnen. Da Steampunk aus der Science Fiction kommt und viele der alten Goths Science Fiction und Fantasy verschlingen, haben sich hier zwei gesucht und gefunden. Dadurch ist die Steampunk-Szene belebt worden, und das spiegelt sich auch in ihrer Musik wieder, die einiges von dem Gefühl aus der guten alten
Goth-Zeit vermittelt.

So kann man also sagen, daß Steampunk etwas Altes nimmt und es in neuem Gewand erscheinen läßt. Oder, wie ich gern sage, Steampunk ist nur eine Ausrede für altgediente Goths, auch mal etwas in Braun oder Altweiß zu tragen. Denn wenn man zwanzig Jahre lang aus einem Stapel von schwarzen Hemden das richtige schwarze Hemd heraussuchen mußte, wünscht man sich manchmal, man hätte auch etwas in Braun oder Creme, damit man es leichter finden könnte.

Ich persönlich habe mich immer schon für die Kaiserzeit interessiert, und da insbesondere für die Viktoriansche Epoche und deren Nachfolger, die Edwardianische. Aber nicht nur dafür, sondern auch für den richtig wilden Wilden Westen. Abenteuer und unerforschtes Land sind wichtige Themen im Steampunk. Man findet hier erfundene und echte Forscherabenteuer aus der Zeit, als die Welt erkundet wurde, dazu Luft- und Flugabenteuer, nicht zu vergessen die technische und industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhunderts. Hinzu kommt der radikale Umbruch in Kunst und Kultur zu Anfang des 20. Jahrhunderts, und selbstverständlich der Wilde Westen, der so etwas wie eine Weiterführung der Kaiserzeit in den amerikanischen Stil darstellt. Die schönen alten Sachen wieder hochkommen zu sehen, darum dreht sich beim Steampunk doch alles.

Und was die Musik angeht: Ich stehe auf die ältere Gothic-Musik, vor Industrial, EBM und all dem digitalisierten Kram. Wenn ich das höre, frage ich, wo bleibt die Geige, was ist mit handgemachter Musik? Für mich hört sich beim neuen Gothic alles gleich an und bleibt mir daher fremd. Bei der Steampunk-Musik hat man teilweise die gleichen Musiker, die früher schon die alte Gothic-Musik gespielt haben oder von ihr beeinflußt worden sind. Deswegen erweckt der Steampunk nostalgische Gefühle in einem. In ihm hört man noch Geige, Klavier, Tuba und Akkordeon, hier werden noch richtige Instrumente von richtigen Menschen gespielt, statt bloß etwas auf einem Computer zu generieren. Im Steampunk kann man wieder die Musik aus den 20ern, 30ern und 40ern spielen und hören, und mehr verlange ich doch gar nicht.

Du hast dich immer schon mit Musik aus den 20er Jahren beschäftigt, dann bist du ja jetzt beim Steampunk so geblieben, wie du bist, nur die Welt hat sich geändert.

Ich komme jetzt an mehr Sachen heran. Mein Mann versorgt mich mit meiner Musik, und ich liege ihm schon seit Jahren damit in den Ohren, wie schwer es ist, Originalmusik aus den 20er Jahren zu finden, erst recht die alten Schellack-Platten. Die waren so zerbrechlich, daß kaum eine die Jahrzehnte überlebt hat. Mit den alten Stummfilmen verhält es sich ähnlich. Von denen gibt es auch keine mehr, weil sie auf wenig haltbarem Filmmaterial gespeichert worden sind. Ich habe gehört, daß eine komplette Kopie des Stummfilm-Klassikers „Metropolis“ aufgefunden und restauriert worden ist, und das ist wirklich eine Sensation. Die Streifen, die es damals von Europa in die USA geschafft haben, waren alle furchtbar von der Zensur verstümmelt und geschnitten.

Weil ich vielseitig interessiert bin, beschäftige ich mich auch mit allem, was mich inspiriert. Die Vorstellung ist mir fremd, etwas bloß zu tun, weil es gerade im Trend ist, und ich mache mir auch wenig Gedanken darum, ob Menschen sich von mir beeinflussen lassen und mir wie einem Vorbild folgen oder nicht.  Meine künstlerischen Neigungen führen mich nie einen geraden Weg entlang, und ich lasse mich gern von ihnen mitnehmen, ganz gleich, wohin die Reise geht.

Heute abend (das Interview wurde im Mai 2010 auf dem 3. Tribal Festival in Hannover geführt) führe ich zwei sehr unterschiedliche Stücke auf. Das eine basiert auf dem eben erwähnten Streifen „Metropolis“ (ich habe es bei der Raks Spooki & Gothla Gala Show 2010 uraufgeführt), und da insbesondere auf die Roboterfrau Maria in der „Hure Babylon“-Szene, in der sie ihren „exotischen“ Tanz aufführt.
(Meine Interpretation ist nicht ganz so anstößig, weil es ja schließlich meine Version ist.) In den USA nennen manche Leute so etwas „Deco Punk“ (abgeleitet von der Kunstrichtung „Art Deco“ aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts). Der Film ist sehr symbolbehaftet und futuristisch. In der bewußten Szene kommt es unter den Männern zum Aufruhr, als Maria die Bühne betritt und zu tanzen beginnt. Sie trägt ein phantastisches Kostüm, das eigentlich nur aus Fransen und wenig mehr besteht. Am Ende der Szene reitet sie auf einem vielköpfigen Drachen (ein Sinnbild für die die Hure Babylon) über die Bühne. Leider kann ich mir kein solches Ungeheuer bauen und es erst recht nicht während meiner Reisen mit mir herumschleppen. Deswegen gibt es in meiner Aufführung auch keine Untiere. Schließlich war es ein Stummfilm, und so mußte ich mir meine eigene Musik suchen, Ich habe sie bei dem italienischen Komponisten Kozai Resonance gefunden, der darin orientalische Musik elektronisch bearbeitet hat. Das Stück lässt sich aber immer noch eindeutig als Bauchtanz-Musik erkennen.
Die zweite Nummer heißt „Airship Pirates“ („Luftschiff-Piraten“), eine sehr maskuline, aggressive Darbietung, die aber auch Spaß macht und nicht ganz ohne Ironie auskommt. Ich trage dabei eine Schutzbrille, meine Oma-Stiefeletten und sehr viel Gurte und anderes Lederzeugs. Die Musik stammt von Abney Park, dem Aushängeschild der Steampunk-Musik. Ich habe übrigens enger mit einem ihrer Musiker, Nathaniel Johnstone, zusammengearbeitet, wir sind uns während einer meiner Tourneen begegnet. Er spielt Mandoline und Geige. Seitdem treten wir, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet, gemeinsam live auf, als Duo. Auf meiner nächsten DVD wird es auch einiges von seiner Musik geben. Man kann sehr gut mit Nathaniel zusammenarbeiten. Ich liebe sowieso Live-Musik. Begonnen habe ich ja mit klassischem OT, und da lernt man von Anfang an, zu Live-Musik zu tanzen. Außerdem improvisiere ich furchtbar gern, und deswegen kann ich beide Vorlieben ja bestens bedienen, wenn ich zusammen mit einem Musiker live auftrete.
Was warst du, bevor du Goth geworden bist?

(lacht) Ich glaube, es gab keine Zeit davor. Frag meine Mutter, ich war immer ein schwieriges Kind. Na ja, sie würde es wahrscheinlich „bohème“ nennen. Meine Eltern haben mich schon als kleines Kind in die Kunstschule geschickt. Im Alter von sechs bis acht Jahren hatte ich meine Blusen mit Farbe beschmiert, und wann immer möglich, trug ich grelle Zigeunerkleidung. Bis zu meinem ersten Jahr in der High School (in etwa unserem Gymnasium entsprechend) habe ich als jüdisches Mädchen katholische Schulen besucht.  Dann sind wir von New Jersey nach South Carolina gezogen. Dort bin ich dann auf eine nicht-konfessionelle Schule gegangen. Und da mußte ich mir dann Gedanken um meine Kleidung machen. In den angloamerikanischen Ländern sind Schuluniformen die Regel. Wenn man also die Schuluniform tragen muß, stellt sich einem nie die Frage, was ziehe ich an, wenn ich irgendwo hingehe. In South Carolina wurde mir dann klar: „Mensch, ich kann mir ja selbst Sachen kaufen und die auch noch so tragen, wie ich will!“ Ein ganzes Universum von Möglichkeiten tat sich da vor mir auf. Ich erinnere mich noch, daß zu jener Zeit der Film „Interview mit einem Vampir“ in die Kinos kam. Ein echter Gothic-Streifen mit einer romantischen Geschichte und viel Rüschen und Samt. Mit einem Wort: ganz wunderbar. Dieser Film hat mein äußeres Erscheinungsbild stark beeinflußt, genau so wie die alten Horror-Bücher

und andere Gothic-Literatur. „Interview mit einem Vampir“ war in den 90ern eine Riesensache in der Gothic-Bewegung. Nur die ewigen Puristen haben genörgelt, der Film sei eine Katastrophe, weil zu vieles aus dem Buch gar nicht darin vorkommt. Genauso erging es ja dem Film „Königin der Verdammten“, und da stammen die literarischen Vorlagen ja auch von Anne Rice. Na gut, dieser Film hat mit den beiden Büchern kaum noch etwas zu tun, aber als Film ist er ziemlich gut. Auch die Musik darin will gefallen. Aber ganz ehrlich, man kann nicht jede Einzelheit aus einem Buch in einen Film packen, manchmal muß der Film die Vorlage ganz anders interpretieren und zu einem neuen Erlebnis werden lassen.
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Foto 1 © Tempest, 2 und 3 © Konstanze Winkler,
andere siehe Signatur
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