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Grafik & Layout: Konstanze Winkler
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Photos ©: Ronny und Luis Becker
Ein langer Weg liegt hinter dem Musiker und Komponisten Tobias Becker, alias Nnoiz Papp. In seinem großen Interview, das er zum ersten Mal in der Bauchtanz-Szene gibt, erzählt er von seinen Anfängen, von seiner Karriere als Filmmusik-Schaffender und von der Tribal Fusion-Szene, in die er mehr oder weniger zufällig geriet.

Dabei hatte er schon Musik komponiert, die eindeutig Tribal-Fusion-kompatibel war und natürlich immer noch ist. Typischer Fall von: Wer war zuerst da, die Henne oder das Ei? Aber war es wirklich so simpel? Lehnt Euch zurück, und lest selbst.


"DIE OBOE IST IMMER DABEI"

Interview mit
Tobias Becker
alias
NNOIZ PAPP

von Marcel Bieger

Wo kommst du her?

Geographisch gesprochen aus dem Siegerland, das liegt rechtsrheinisch von Köln oberhalb des Westerwaldes. Da bin ich groß geworden, habe dann aber in Köln studiert. Zuvor war ich noch beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr in Siegburg, unweit von Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt, wo das Musikkorps zu Staatsempfängen und dergleichen aufgespielt hat. Danach bin ich dann, wie schon erwähnt, nach Köln und war damit erstmal aus dem Siegerland raus. Ich bin zur Bundeswehr wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde gekommen. Im Vertrauen darauf, nicht gesund genug für den Dienst zu sein, habe ich mich um gar keine Alternativen gekümmert, bin dann aber bei der Musterung für tauglich erklärt worden und musste mir ganz schnell etwas überlegen. Und da dachte ich mir, melde Dich zum Musikkorps. Ich hatte einen Bekannten dort und habe mich zum Vorspielen beworben, und als Oboist (das ist jemand, der die Oboe bläst) haben sie mich dann auch genommen. Bis auf die Grundausbildung hatte ich dann auch mit rein soldatischen Dingen nicht mehr viel zu tun. Eigentlich war da nur noch Musik angesagt. Rückblickend muß ich allerdings eingestehen, daß diese Zeit nicht zu den Glanzzeiten meiner Karriere gehört. Heute weiß ich auch, wie lange 15 Monate Wehrdienst sein können. Wenn ich dort überhaupt etwas gelernt habe, dann das (lacht). Um es höflich auszudrücken, ich bin dort einigen musikalischen Existenzen begegnet, denen ich nicht nacheifern möchte.

Du hast Dich als Oboist beworben, wie kommt man an ein solches Instrument?

Wie viele andere Kinder auch habe ich mit sieben Jahren angefangen, Klavier zu spielen. Ich bin von meinen Eltern vorbelastet, beide haben ebenfalls Klavier gespielt, meine Mutter zusätzlich noch Flöte und mein Vater Cello. Das hat mir auch viel Spaß gemacht, und als ich aufs Gymnasium gekommen bin, hatten wir dort irgendwann einen Musiker vom Siegerland-Orchester als Musiklehrer. Vor den Sommerferien hat er uns aufgefordert, etwas vorzuspielen. Er wusste bereits, daß ich damals schon frei improvisieren konnte. Da er gerade dabei war, ein Schulorchester aufzubauen, hat er mich gefragt, ob ich nicht ein zweites Instrument lernen wolle.

Er hat mich dann mehr oder weniger zur Oboe überredet, weil dieses Instrument in allen Orchestern notorisch Mangelware ist.

Ich bin dann nach Hause und habe das meinen Eltern erzählt und damit bei meinem Vater offene Türen eingerannt, weil er früher auch Oboe hatte spielen wollen. Sie haben mich dabei dann auch sehr begünstigt. Sie haben mir nur das Versprechen abgenommen, das Klavierspiel darüber nicht zu vernachlässigen; aber das hatte ich ohnehin nie vor. Ich war damals 13, als der Lehrer mich ins Orchester holen wollte. Früher hat man zu jener Zeit noch keine Kinder ein solches Instrument lernen lassen. Man braucht dazu ja auch eine gewisse Körpergröße, auch die Hände und Finger müssen weit genug greifen können. Außerdem besitzt eine Oboe ein ziemliches Gewicht. Mich hat dieses Instrument immer gereizt, und so haben wir uns dann gefunden.
Was spielt man denn auf der Oboe? Im Rock und im Jazz kennt man das
Instrument ja kaum.


Stimmt, in Rock und Jazz gibt es die Oboe kaum bis gar nicht. Mal abgesehen von vereinzel- ten Jazz-Größen gab es im Rock die Folk- und Ethno-Gruppe „Oregon“, die nur akustische Instrumente gespielt hat, die hatten auch einen ausgezeichneten Oboisten, ich habe sie einmal live gesehen. Und damit hätten wir auch schon die Schwierigkeit der Oboe. Man kann die Oboe nicht elektrisch verstärken, und deswegen hört man sie auf Platte auch kaum heraus. „Roxy Music“ hat auch einmal damit experimentiert, fällt mir gerade ein. Na ja, die Blütezeit der Oboe lag dann auch mehr im Barock. Bach hat sehr viel für Oboe geschrieben. Sogar so viel, daß ich, wenn ich Oboe übe, eigentlich nur Sachen von Bach spiele.

Es gibt ja auch kaum etwas Grundlegenderes als Bach …

Ja, und er klingt ja auch immer gut, egal ob man ihn allein oder im Orchester spielt. Darüber habe ich aber das Klavier nicht vernachlässigt, Tasteninstrument und Blasinstrument haben sich bei meiner Musik immer die Waage gehalten. Als ich fünfzehn geworden war, kam dann noch die Gitarre hinzu. Die gehörte eigentlich meinem Vater, er hatte sie irgendwann zum Geburtstag bekommen, und weil er sie nie benutzt hat, habe ich sie ihm abgeluchst (lacht). Aber weil ihm meine Liebe zur Musik so wichtig war, hat er es wohl insgeheim auch begrüßt, daß sie als „Dauerleihgabe“ mehr oder weniger in meinen Besitz übergegangen ist. Damit eröffente sich mir auch ein Weg in die Pop-Musik, und ich habe in einigen Schüler- und Jugendgruppen mitgemacht. Aber immer nur als Rhythmus-Gitarrist, nie als Solospieler, da habe ich mich nie drum gerissen. Obwohl die Oboe zum Beispiel ein eindeutiges Solo-Instrument ist.

(Interviewer spricht ins Mikrophon: „Tobias meint nicht seine eigenen Neunziger Jahre.“)

So richtig kam die Oboe bei mir erst wieder ins Spiel, als ich mein Studio mehr oder weniger zusammen hatte und ich mich selbst aufnehmen konnte. Irgendwann in dieser Zeit habe ich ein „New Age“-Projekt begonnen und dabei Elektronik mit Oboe kombiniert.

Aber dann konnte die Elektroniker nichts mit der Oboe anfangen, und den Esoterikern war das Ganze zu rhythmisch. Wie so oft habe ich auch da komplett zwischen den Stühlen gesessen.

Und um zum Abschluß zu kommen, vor gut zehn Jahren habe ich mir ein Englischhorn gekauft. Für Fachleute: Das klingt eine Quinte tiefer als die Oboe und gilt deshalb als das Alt-Instrument unter den Oboen. Das Englischhorn sieht auch aus wie eine Oboe, ist nur ein bisschen länger.
Wie kam es dann dazu, daß du, heute gut über fünfzig, eher Dub Step spielst?

Na, ich habe eigentlich immer ein paar modernere Sachen einfließen lassen, und ich spiele heute auch nicht ausschließlich Dub Step. Wenn du gut rechnen kannst, weißt du, daß ich in den Siebziger Jahren meine Instrumente bekommen und zu spielen gelernt habe. Damals kam vom Jazz dr Begriff „Fusion“ über uns, allgemein als „Rock-Jazz“ bekannt geworden. Das heißt, man hat Jazz-Stücke rockig gespielt. Das weichere Jazz-Schlagzeug wurde durch ein härteres Rock-Schlagzeug ersetzt, und wesentlich waren auch die Elektro-Gitarren, die vorher im Jazz keine so große Rolle gespielt hatten. Von diesen Stil-Mixen bin ich ziemlich geprägt worden, und davon bin ich auch nie so recht losgekommen. Ich habe immer ein Problem damit gehabt, mich stilistisch festzulegen. Aber die Klassik ist dabei bei mir nicht zu kurz gekommen, ich habe sie parallel dazu auch weiter gespielt. Ich habe allerdings versucht, mich auch mit der Oboe in eine Rock-Jazz-Kapelle einzubringen, aber aus den bereits erwähnten Gründen ist das immer in die Hose gegangen. Wenn daneben eine E-Gitarre geschlagen wird, ist von der Oboe nichts mehr zu hören. Und wenn gar noch ein Schlagzeug dabei ist, kann man die Oboe gleich pantomimisch spielen. Ich habe so etwas auch noch nie bei einer Band gesehen. Deswegen habe ich bei den moderneren Musikstilen die Oboe auch ganz lange außen vor gelassen. Das ist erst so in den Neunziger Jahren passiert … (lacht), aber auch da waren die meisten eurer Leserinnen noch gar nicht auf der Welt.

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