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Photos ©: Ronny und Luis Becker
"DIE OBOE IST IMMER DABEI"

Interview mit
Tobias Becker
alias
NNOIZ PAPP
von Marcel Bieger
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Was hast du denn in der ganzen Zeit beruflich gemacht, wovon gelebt?

Zunächst einmal habe ich an der Uni ein relativ freudloses Musikstudium hinter mich gebracht und das dann ganz konsequent kurz vor dem Examen abgebrochen. Da ich aber in Köln studiert habe, habe ich da auch irgendwann Verbindung zum WDR bekommen, und seitdem mache ich eigentlich für diesen Rundfunk- und Fernsehsender Filmmusik. Genauer gesagt, für’s Kinderfernsehen, für die Sendung mit der Maus. Mein erstes Stück für den WDR habe ich 1985 komponiert, damals noch auch auf einem Commodore C 64. Ich habe von Anfang an für den WDR auf Computer gearbeitet, obwohl man das zu jener Zeit gerade erst mal seit ein oder zwei Jahren konnte. Der Commodore und ähnliche Geräte waren zu meinem Glück halbwegs erschwinglich, es gab aber schon früher andere Anlagen, für die man eine sechs- bis siebenstellige Summe hinblättern durfte. Das größte Problem war damals noch die digitale Aufzeichnung. Mit Midi ließen sich die ganzen Synthesizer dann miteinander verbinden und auch noch die einzelnen Tasten speichern, das war vorher noch nicht möglich gewesen. Das kam so ungefähr zur selben Zeit heraus, als ich für den WDR angefangen habe, und ich bin so ziemlich seit dem ersten Programm dabeigewesen. Und ist der Sender meine Haupteinnahmequelle.

Was genau machst du denn da?

Für die „Maus“ habe ich Sachgeschichten vertont und Lieder geschrieben und für Bildergeschichten Ton und Musik gemacht. Nur die Titelmelodie (pfeift sie kurz an), die ist nicht von mir (lacht), leider. Dank der Aufträge vom WDR war ich nicht mehr auf mein Studium angewiesen und konnte das relativ leichten Herzens irgendwann über Bord schmeißen. Meinen Eltern standen bei dieser Nachricht die Haare zu Berge, aber sie haben sich dann relativ schnell wieder beruhigt, weil ich bereits mehr als Komponist verdient habe denn als späterer Referendar im Schuldienst. Ich hatte ja eigentlich auf Lehramt. Sekundarstufe 2 studiert. Damals gab es, was man heute gar nicht mehr glauben mag, eine Lehrerschwemme, zu viele Bewerber für den Schuldienst. Deswegen hatte ich mich auch für die Fächerkombination Musik und Religion entschieden, weil man da am ehesten noch eine Stelle gefunden hätte (lacht laut) Schon bei der Studienberatung hat man mir gesagt, „todsichere Kombination, damit kriegen Sie immer einen Job.“ Aber ganz ehrlich, ich hatte mir auch im Studium nie ernsthaft vorstellen können, jemals im Schuldienst zu landen.

Ob ich diesen Weg heute noch einmal so gehen würde … ich weiß es nicht. Gelernt habe ich da ja auch nicht so viel. Was den elektronischen Bereich angeht, so habe ich mir viel bei anderen abgeschaut und mir den Rest selbst beigebracht.

Neben den Filmmusiken habe ich dann auch noch als Studiomusiker gearbeitet, bei der EMI Electrola. Zum Beispiel mit „Axxis“, das war so eine Heavy Metal-Kapelle, auf deren erster CD war ich Keyboarder.

Wie viele Melodien hast du denn bereits für den WDR geschrieben?

Für die „Maus“ so etwa 250 Stücke und für die Sendung mit dem Elefanten an die 1500. Die Diskrepanz beruht zum einen darauf, daß es für die „Maus“ oft längere Stücke waren, bis zu sechs oder acht Minuten. Heute gibt es das aber nicht mehr, inzwischen geht selten etwas über zwei Minuten über den Sender. Beim „Elefanten“, der hauptsächlich auf dem Kinderkanal läuft, mache ich auch sogenannte „Sound Design“-Titel, also Geräusche oder Effekte. Streng genommen habe ich für KIKA keine fünfzehnhundert Melodien komponiert. Natürlich gibt es auch Musiken, die aber vornehmlich bei Tierfilmen. Ich musste jüngst bei einem Film über Murmeltiere auch Alpen-Flair herbeizuzaubern. Für diese Arbeit kam mir ziemlich entgegen, daß ich vorher in so vielen Stilbereichen unterwegs gewesen bin. Und auch meine diversen früheren Jobs. Mein allererstes Geld habe ich zum Beispiel als Klavierspieler in einer Ballettschule verdient. Da bin ich noch aufs Gymnasium gegangen, ganz klassisch nach Klischee (lacht). Auch meine vielfältigen Erfahrungen bei diversen Musikgruppen ist mir extrem entgegengekommen.

Eigentlich hättest du damit ja schon ganz zufrieden zu gehen. Was hat dich dann
dazu bewogen, dich unters Bauchtanzvolk zu mischen?

(beide lachen). Wo fange ich an? Als die Sendung mit dem Elefanten neu konzipiert worden ist, wurde sie dann täglich ausgestrahlt. Die Sendung mit der Maus kommt nur wöchentlich, und auch das ist ein Grund dafür, warum ich soviel mehr für den Elefanten gemacht habe. Drei Jahre lang habe ich fast ununterbrochen für den Elefanten gearbeitet, und danach habe ich gespürt, daß ich dringend ein Gegengewicht zu den Kindermusiken brauchte. Damit wir uns nicht falsch verstehen, mir bereitet diese Arbeit immer noch grosse Freude, aber wenn man das so lange ausschließlich macht, braucht man auch andere Eindrücke, etwas Ablenkung. Ein Bekannter hat mir dann von „Second Life“ erzählt, das ist eine virtuelle 3D-Welt im Internet. Das habe ich mir mal angesehen und fand es zuerst einmal optisch nur abstoßend, alles sah aus wie bei einem ganz billigen Computerspiel. Dann habe ich aber mal einige Zeit neben meinem Freund gesessen und dabei erst verstanden, worum es eigentlich ging. Figuren sind seiner Figur begegnet, und hinter diesen saßen auch wieder reale Menschen an einem Bildschirm. Und dieses Konzept hat mich dann irgendwann interessiert. Ich bin also eingestiegen, habe angefangen, allerlei zu bauen und hatte irgendwann eine Insel und habe darauf ein arabisches Café gebaut.

Tobias' Avatar bei "Second Life", gleichzeitig auch die Cover-Figur seiner ersten CD "Urban Deserts"
Nach den ersten Erfolgen habe ich meine ganzen selbstgeschriebenen Stücke durchforstet, weil ich ja auch was Arabisches zum Vortrag bringen wollte. Dabei kamen dann eine ganze Menge fertiger Stücke zusammen, und irgendwann habe ich entdeckt, daß ich Material für eine ganze CD beisammen hatte. Dem war natürlich ein scharfer Auslese-Prozeß vorangegangen. Was nicht funktioniert hat, ist rausgeflogen, und bei neuen Sachen wusste ich ja schon, worauf ich hinauswollte.
Ich habe die CD tatsächlich brennen, also vervielfältigen lassen, und eine Bekannte aus Second Life hat mir gesagt, schick das mal meiner Schwester, die macht Bauchtanz in Hannover. So bin ich dann in die Szene geraten. Die erste CD habe ich also zusammengestellt, ohne von dieser Szene viel zu wissen. Daß es Tribal und Tribal Fusion gab, war mir bis dato völlig unbekannt. Asmahan el Zein, der ich auch eine meiner CDs geschickt hatte, hat mich daraufhin zu ihrem Tribal Festival eingeladen, das war vor drei Jahren. Und dann habe ich da gesessen und Bauklötze gestaunt. Das gab es ja alles schon, das war schon ein echter Kulturschock für mich. Also, daß es da eine eigene Szene gab und ich mich in guter Gesellschaft befand, daß auch andere Leute so ein Fusion-Zeug machen. Das hat mir insgesamt ausgezeichnet gefallen.
Tobias' zweite CD "Kharawahn" 1.0"
Ein Jahr später habe ich meine zweite CD aufgenommen. Mein Sohn hat zu jener Zeit total auf Dub Step gestanden, das blieb mir natürlich nicht verborgen, und ich habe ihn gefragt, was das denn für ein Zeug sei. Als ich genauer hingehört habe, wurde mir klar, daß die Musiker einige Tricks drauf hatten, die ich noch nicht kannte, anders gesagt, mit meinem Tonstudio würde ich das nicht hinbekommen. Also habe ich mich informiert, welche virtuellen Instrumente man dafür braucht, mir dies und das besorgt, ein bisschen herumexperimentiert, und plötzlich war die zweite CD entstanden. Es ist keine reine Dub Step-CD geworden (siehe oben), aber es sind gehörig Dub Step-Elemente drin.

Von Oboe und Klassik zu Dub Step, das ist ja nun ein beachtlicher musikalischer Weg.

Auf der zweiten CD ist keine Oboe drauf (lacht), aber auf der ersten. Ich habe noch eine ganze Reihe anderer CDs gemacht, und wenn ich mich nicht irre, ist meine jüngste Produktion die erste ohne Oboe.

Das arabische Thema hat mich schon immer interessiert, seit Jahrzehnten komme ich immer wieder darauf zurück. Irgendwann wurden dann in meinem Café Konzerte gegeben, das heißt, ich habe bei mir im Studio gesessen und auf meine eigenen Halb-Playbacks Oboe oder Synthesizer gespielt. Der Mischpult-Output wird dann quasi wie bei einem Radio-Sender ins Internet „gestreamt“ und landet auf der virtuellen Insel. Die Besucher, die auf diese Insel kommen, hören die Musik dann mit zehn bis fünfzehn Sekunden Verzögerung. Das Ganze hat auch noch einen Nebeneffekt: Noch während man spielt, chatten die realen Menschen bereits los und schreiben wenn es gut läuft positive Kommentare. Man bekommt also immer ein unmittelbares Feedback. Für meinen Geschmack eine extrem gute Spielwiese.
Ist deine Musik eigentlich GEMA-frei?

Nein, ich arbeite ja wie erwähnt für Kinderfernsehen, und da sind die GEMAeinnahmen für mich sehr wichtig. Deshalb kann ich zum Glück auch meine eigene Projekte durchführen, ohne direkt an die kommerzielle Nutzung denken zu müssen. Nnoiz Papp würde es ohne die GEMA einnahmen warscheinlich nicht geben.

Cooool

In den 90ern ging das dann mit den Abkürzungen und verfremdeten Namen los, das kam, glaube ich, von den DJs, und so wurde aus „Noise“ ein „Nnoiz“. Das war dann lange Zeit mein Künstlername, der „Nick“ hatte ausgedient. Als ich mich dann bei Second Life angemeldet habe als „Nnoiz“, gehörte es dort zu den Spielregeln, einen Nachnamen anzunehmen.

Ehe nun alles in die Plattenläden stürmt, unter „Tobias Becker“ findet man da nicht viel. Erhelle uns über Dein Pseudonym „Nnoiz Papp“.

Ds Pseudonym „Nnoiz“ habe ich schon dreißig Jahre. Ich habe mal bei einer Pop-Band mitgespielt, die von der EMI-Electrola gefördert worden ist und ganz groß, auch international, rauskommen sollte. War dann leider ein totaler Flop. Da haben wir uns alle Pseudonyme überlegt, und weil ich immer schon ein großes Faible für Geräusche hatte, ist aus mir „Nick Noise“ geworden …

Zur Erleichterung bekommt man eine Liste mit internatio- nalen Nachnamen vorgelegt, aus der man sich einen aussuchen darf. Der einzige dort, der mich sofort angesprungen hat, war „Papp“. Das klang so blöd, daß es mir einfach gefallen musste. Außerdem kann man ja mit Papp ziemlich viel im Deutschen machen: Pappnase, Papperlapapp, Pappenheimer. Außerdem hieß meine Insel Papia-Neuguinea. Ich glaube, eigentlich kommt der Nachname aus dem Ungarischen und so verbreitet wie bei uns „Schmitz“. Um noch tiefer zu schürfen, mein erstes Pseudonym, Nick Noise, war mir auch deswegen lieb, weil es ein bisschen wie „Nix Neues“ klingt.

So lautet auch meine künstlerische Philosophie, es gibt kaum etwas Neues, Neues wird erst durch die Kombination von verschiedenen Sachen möglich, eben Fusion.
Tobias "NNOIZ PAPP" Becker, jetzt auch Komponist der Bellydance Superstars
Homepage: www.nnoiz.com