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Du bist in Brasilien geboren und aufgewachsen und hast dort mit 14 angefangen Bauchtanz zu lernen. Man würde eigentlich meinen, als Brasilianerin hättest du dich zuerst mit dem Samba oder ähnlichem befaßt.
Wie bist du an den Bauchtanz geraten, und was hat dich an ihm fasziniert?

Ach, mit Samba konnte ich nie so richtig etwas anfangen. Und das Klischee, dass jeder in Brasilien tanzt, stimmt einfach nicht. Genau wie nicht jeder Deutsche Jodeln kann ... Ich habe mich immer mehr für andere Afro-Brasilianische Tänze interessiert, aber mein Einstieg war der Orientalische Tanz. Ich habe ihn das erste Mal mit zwölf Jahren in Khan El Khalili gesehen, das Teehaus, das damals von Lulu Sabongi geleitet wurde, und war hin und weg von diesen ungewöhnlichen und dennoch so natürlichen Bewegungen. Eine Art von Lebenslust, die ich noch nicht kannte. Ja, sogar die superfröhlichen Samba und Co.-Geschichten haben auf mich immer ein bißchen wie gestellte Euphorie gewirkt. Aber das war etwas anderes. Das war sinnlich, zum Teil meditativ und wahnsinnig kraftvoll. Dann habe ich 2 Jahre gebraucht, um meine Mutter zu überreden, mich an einen Kurs teilzunehmen zu lassen. Ich habe ihr versprochen, ich hätte nicht vor, öffentlich zu tanzen. Sie sagte nur „das ist doch selbstverständlich ... „

Orientalischer Tanz war der Einstieg, aber irgendwann ist mir klar geworden, daß Tanz das Wichtige ist, nicht unbedingt der Stil. Der ist nur ein Werkzeug. Ebenso relativ früh habe ich mich ein bißchen distanziert von dem (angeblichen) „Typischen“. Meiner Meinung nach kann der Versuch, viel zu treu bei Elementen von anderen Kulturkreisen zu bleiben. den echten Ausdruck stören. Außerdem (als Kind aus einem „exotischen Land“), kriege ich immer Pickel, wenn ich irgendwas „Typisches“ sehe. Wir streben nach einer Karikatur und vernachlässigen das Wahrhaftige, das jeder Tänzer in sich hat und das über dem Tanzstil steht.

Interessanterweise ist für mich aufgrund meiner Wurzeln die Fusion eine Selbstverständlichkeit: Ich komme aus Sao Paulo, einer Stadt, die in sich eine riesige und chaotische Fusion von fast allen Kontinenten der Welt ist ... Daher beschäftige ich mich ganz natürlich mit Tänzen aus unterschiedlicher Kulturkreisen, aber nicht mit dem Anspruch, etwas „Typisches“ zu machen. Das gilt alles für mich als Erforschung verschiedender Ansätze, die den Tanz breiter und reicher machen.

Aus der Liebe zum Bauchtanz ist dann die Berufung zum Gothic geworden. Auch das ein Sprung, der nicht gleich auf der Hand liegt. Ebenfalls die Frage, wie sind Gothic und du euch begegnet, und warum bist du von ihm nicht mehr losgekommen?

Eigentlich war es anders herum: Zuerst habe ich den Gothic entdeckt, der Bauchtanz kam später. Mit 12 hatte ich meine Begegnung mit der Gothic-Szene, vor allem wegen der Musik, die mir immer so wichtig war. Dort fand ich mein Zuhause: ich durfte traurig oder wütend sein und niemand ist mir auf den Keks gegangen! Ich finde es absolut notwendig, daß wir uns mit unserer Schatten konfrontieren. Nicht, um sie loszuwerden, sondern weil sie ein Teil von uns sind. Genauso verhält es sich mit dem Tod – nicht nur dem physischen Tod, sondern der Vergänglichkeit der Sachen. Erst dadurch können wir wirklich leben. Erst wenn wir akzeptieren, daß wir etwas verlieren können, können wir etwas wirklich genießen, statt krampfhaft zu versuchen, etwas künstlich festzuhalten. Das hat nichts mit „depressiver Stimmung“ zu tun, ganz in Gegenteil. Ich finde Gothic wesentlich lebensbejahender als den Mainstream Pop, der eine künstliche gute Laune erzeugt. Wenn es keine Bewertung mehr gibt zwischen „Gut“ und „Böse“, „Schön“ und „Häßlich“, dann sehen wir das Leben in seinem Ganzheit.

Mein „Gothic-Wesen“ hat mir aber das Leben als Bauchtänzerin an Anfang ein bißchen schwer gemacht. Ich wollte am liebsten nur die traurigen oder „schrägen“ Lieder tanzen, was meiner damaligen Lehrerin, Fairuza, immer Sorge bereitet hat, wenn sie mich als ihre Vertretung in Restaurants geschickt hat ... Heute kann ich schon feierliche Stimmung machen – und das sogar sehr gern –, aber nur weil ich die andere Seite auch ausleben darf. Dann kann ich auch meine Leichtigkeit beim OT erreichen. Früher war das nicht so ... Damals bin ich ab und zu in Gothic Clubs aufgetreten, bevor mir der Begriff Gothic Bellydance überhaupt bekannt war. Zu Hause hab ich auch mit Gothic Musik geübt. Daher die riesige Freude, als ich Jahre später über You Tube andere Tänzerinnen entdeckt habe, die auf der gleichen „Trip“ waren.
Erzähle uns doch bitte etwas über die brasilianische Bauchtanz- und vor allem Gothic-Bellydance-Szene.

Oh, ich war 8 Jahre nicht mehr dort, daher habe ich die Entwicklung kaum verfolgt. Ich weiß, daß es auch ein Gothla BR gibt, aber wie es dort zugeht, kann ich nicht beurteilen. Was mir auffällt, ist, dass dort Schüler und Schülerinnen häufig von der ersten Tanzstunde an Kontakt mit Improvisation haben. In Deutschland kommt es mir eher so vor, daß es in der Regel erst zu einer solchen „Begegnung“ kommt, wenn die Schüler schon in der Mittelstufe sind. Vielleicht ist die Tanzszene in Brasilien prinzipiell etwas experimentierfreudiger – und das gilt nicht nur für den Bauchtanz. Wenn ich aber in Brasilien bin, dann besuche ich vor allem Zeitgenössisch-Workshops und -Shows – was ich auf jeden Fall empfehlen kann! Da ist die Szene sehr spannend. Und vielleicht ein wesentliches Merkmal brasilianischer Darstellungskunst ist, daß man früh genug aus dem Not gelernt hat, das Beste aus ganz wenig zu machen. Das ist für die Kreativität sehr förderlich und etwas, was ich dort sehr schätze.

Du begreifst dich auch als politischer Mensch und setzt dich für Menschenrechte und gegen soziale Ungerechtigkeit ein. Dein Engagement hat dich auch nach Deutschland geführt, wo du seit einigen Jahren in Dresden lebst. Erzähle uns bitte von den Eckpunkten deiner Arbeit auf diesem Gebiet und wie beide (Tanz und politischer Einsatz) sich bei dir gegenseitig befruchten, aber auch im Wege stehen.

Ich war in Brasilien Strafrechtsanwältin und hatte überwiegend mit Gewaltfragen zu tun. Im Gefängnis, bei der Forschung über Gewalt gegen Frauen und beim Opfer- und Zeugenschutzprogramm (wenn ich mehr darüber erzähle, langweile ich die Leser sicher.)

Es war eine wunderbare Zeit, aber auch sehr heftig. Um damit klarzukommen, muß man sich schon ein bißschen abhärten, und irgendwann habe ich meine Grenze erkannt. Ich kam nach Deutschland um Friedens- und Konfliktforschung zu studieren. Nach meinem Abschluß habe ich freiberuflich als Referentin für Politische Bildung gearbeitet – vor allem in Bereich Anti-Rassismus und Bildung für verantwortungsvolles Konsumverhalten. Das war auch eine sehr schöne Zeit, aber irgendwann war der Drang zu tanzen viel zu stark. Und ich habe es nicht ausgehalten, an beiden Fronten freiberuflich das Brot zu verdienen. Beide Seiten verlangen eine wahnsinnige Zeitinvestition und alles Herzblut. Dann mußte ich mich entscheiden ... Es war zwar eine relativ "selbstmörderische" Entscheidung - mit 30 und ohne richtige Tanzausbildung anzufangen, aber das hat sich absolut richtig herausgestellt.
Mein Projekt besteht darin, als Tanz-Therapeutin (ich muß mit meiner Ausbildung in 2 Jahren fertig sein) vor allem mit traumatisierten Frauen zu arbeiten. Momentan bin ich, wann immer möglich, für Benefiz-Veranstaltungen zu haben, und ich versuche, auch Programme zu machen, die einen sozialkritischen Hintergrund haben. Obwohl ich persönlich nicht so überzeugt von der „Belehrungskunst“ bin, glaube ich doch, daß man durch den Tanz auch einige Reflektionen erwecken kann. Etwas, was mir am Herz liegt, sind meine Programme im „Kunstkeller“, einer kleinen Galerie für Akt- und Erotik-Fotos. Da stelle ich Erotik aus der Sicht einer Frau dar. Bei „Die verlorene Umarmung“ hatte ich die Mitwirkung von drei mutigen Herren, die sich als Versuchskaninchen für meine Kamera ausgezogen haben. Die Videoprojektion war ein wichtiger Teil des Programms. Also nicht die Frau als „Objekt“ der Erotik, die da ist um passiv bestaunt und begehrt zu werden, sondern als Subjekt, die selber Lust empfindet und begehrt. Sehr häufig bekomme ich als Rückmeldung von Frauen „oh, da habe ich mich erkannt. Schön zu sehen, daß es nicht nur mir so geht. So was ermutigt mich, auch darüber zu reden“ und von Männer „oh, so hatte ich das Thema noch nie betrachtet“. Das klingt nach „Bestärkung der weiblichen Selbstbestimmung auf Mikroebene“ und wirkt irgendwie gegen die traditionellen Geschlechterrollen. Das ist eigentlich mehr als ich erreicht habe, als ich damals wissenschaftlich mit dem Thema gearbeitet habe.

Vielleicht liegt der große Unterschied in der Mitte: mit politischer Bildung erreichen wir den Verstand. Mit Kunst machen wir das Herz offener. Und das ist für den Frieden absolut notwendig.

Gothic Bellydance gilt bei uns allgemein als eine Spielart des Tribal (Fusion), so wie du es beschreibst, gehört er aber weder zum OT noch zum Tribal, sondern ist eher eine ganz eigene Richtung. Erkläre uns bitte die Unterschiede.

Es hat sich so ergeben, daß viele Gothic Künstler auch Bauchtänzer sind. Aber Gothic-Tanz legt sich nicht am technischen Hintergrund fest. Es gibt viele Tänzer und Tänzerinnen – ich könnte z.B. Lydelfria nennen –, die aus einer ganz anderen Ecke kommen. Sie ist Jazztänzerin und hat kaum Berührungspunkte mit OT/Tribal. Ida Mahin hat wunderbare „Gothic-Ballett“ Stücke. Häufig sind die Grenzen extrem fließend, aber was meiner Meinung nach nicht geht, ist wenn eine Tribal-Tänzerin zu Maduro in schwarzem Kostüm tanzt und böse guckt, man das automatisch Gothic nennen muß. Gothic muß nicht immer superdüster sein (ja, wir haben auch Humor), sondern hat vor allem die Überwindung von Berührungsängsten mit dem Pathetischen und dem Grotesken als Merkmal. Es ist tatsächlich sehr schwer zu definieren, was Gothic Tanz ist, denn im Unterschied zum Tribal Fusion und OT gibt es beim Gothic kein „typisches“ Bewegungsvokabular. Für mich als Veranstalterin der „Proserpina Nacht“ zählt die Bereitschaft der Mitwirkenden, sich mit Gothic-Themen auseinander- zusetzen (selbstverständlich ist „Grufti zu sein“ keine Voraussetzung). Xahira, einer der Pionierinnen des Gothic Bellydance in Deutschland, ist der Meinung, daß im Gothic Tanz das Erzählen einer Geschichte das Hauptmerkmal sei. Da stimme ich ihr zu, obwohl es auch dem Gothic nicht verboten ist, sich abstrakt auszudrücken. Hm, vielleicht habe ich die Frage noch nicht abschließend beantwortet. Dann fasse ich meine Worte mal so zusammen: Gothic Tanz (egal ob Gothic Bellydance oder Gothic Tribal) ist das tänzerische Element der Gothic Kultur. Und genau wie zur Gothic-Szene in der Musik reicht die Bandbreite von Goth Rock, Post-Punk über E(lectronic)B(ody)M(usic) bis zu Neofolk. Namen sind eigentlich nicht so wichtig wie das Erleben.
Worin liegt das Geheimnis des Gothic Bellydance, den es ja schon seit über 25 Jahren gibt. Mag der Gothic heute nicht mehr eine ganz so große Bedeutung haben wie damals, so zählt er doch immer noch zu den wichtigeren Sub-Kulturen.

Vielleicht ist er ein wichtiger Gegenpol zu unserer heutigen „Spaß-Gesellschaft“. Nicht daß Gothics kein Spaß haben, aber wie gesagt, da beschäftigen sich die Menschen mit Themen wie Tod, Verlust, Wahnsinn, Trauer, Wut, was unsere Mainstream Kultur mit aller Kraft auszublenden versucht. Vielleicht überlebt die Szene so hartnäckig und verbreitet sich auch so, weil die Menschen sich mit künstlich erzeugter Heiterkeit leer fühlen.

Was hat dich bewogen, ein eigenes Gothic-Festival, die "Proserpina-Nacht", ins Leben zu rufen, das jetzt ja immerhin schon zum fünften Mal stattfindet, und wie erklärst du dir seinen großen Erfolg? 

Der Anstoß war Gothla.DE, von Salamandrina heldenhaft sechsmal veranstaltet parallel zur WGT. Irgendwann habe ich angefangen, mein eigenes Kopfkino zu haben, was ich gern machen würde. Ich dachte, man könnte alle Tänze als Teil eines Mosaiks nutzen, um die Geschichte von der Unterwelt-Göttin Proserpina zu erzählen - wie sie von ihrem unbeschwerten Leben bei ihrer Mutter Ceres getrennt wird, ihre Vermählung mit dem Gott der Unterwelt, Pluto, wie sie dann über die Unterwelt herrscht, aber zu einer bestimmten Zeit des Jahres wieder bei ihrer Mutter sein darf. In dieser Zeit kann alles wieder gedeihen, aber danach muß sie immer wieder zum Tartarus (Unterwelt) zurück. Das ist für mich eine schöne Allegorie der Zyklen von Leben und Tod (inklusive des kreativen Prozesses, indem wir erst etwas schaffen können, nachdem wir in unserer eigenen „Unterwelt“ Material gesammelt haben und sie es an die Oberfläche bringen) und schlechthin ein Symbol der Gothic Kultur.

Wie ich de Erfolg der „Proserpina-Nacht“ erkläre? Keine Ahnung, es erschreckt mich immer noch, daß Verrückte aus ganz Deutschland unbedingt auftreten wollen, obwohl meine Konditionen ziemlich bescheiden sind ... Okay, jetzt wieder ernst. Ich glaube, daß unsere kleine und familiäre Atmosphäre immer seltener wird. Heutzutage muß alles immer größer und spektakulärer sein. Bei „Proserpina“ nicht. Alles ist sehr liebevoll und sehr persönlich gemacht (und hier muß ich mich unbedingt beim Proserpina-Team bedanken, das sich mit so viel Herzblut engagiert und mir einen großen Teil der „logistischen Arbeit“ und des Designs (Michael Eichhorn) abnehmen. Neben der Beratung, Austausch, Kamillentee wenn nötig usw. ... Ich höre vom Publikum immer positive Stimmen, daß das Programm so vielfältig und originell sei. Möglicherweise hat es auch mit dem zu tun, was ich vorhin über die Hartnäckigkeit der Gothic Sub-Kultur gesagt habe.

Homepages Una Shamaa
www.una-dance.de
www.proserpina-nacht.com
Una Shamaa ist am 16.01.2016 bei Bianca Stückers "Oriental Tea Time" in Hamm auf der Bühne zu erleben, und sie gibt auch am Sonntag danach einen Workshop! Infos und Karten unter: http://www.bianca-stuecker.com/
"AUS DER EIGENEN UNTERWELT AN DIE OBERFLÄCHE BRINGEN"

Interview mit Una Shamaa
von Marcel Bieger

Eine der wichtigsten Frauen in der Gothic-Tanz-Szene ist Una Shamaa, veranstaltet sie doch mit der „Proserpina-Nacht“ das bedeutendste  Gothic-Tanz-Ereignis des Jahres auf deutschem Boden (Ende Januar ist es wieder so weit). Wir hatten Gelegenheit, uns länger mit ihr zu unterhalten, und festgestellt, daß Una etwas zu sagen hat. Keine Frage, ein Interview mußte her. Und das liegt jetzt vor. Una erklärt uns Gothic heute und erzählt auch aus ihrem vielfältigen Leben, das sie aus Brasilien bis nach Deutschland geführt hat. Aber lest selbst ...