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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Tribal, Tribal Fusion und überhaupt Bauchtanz ist nur etwas für Frauen? Falsch, im OT tummeln sich eine ganze Menge männlicher Tänzer, darunter einige wahre Spitzenkönner. Und im Tribal gibt es Valizan, das Alibi-„Brother Studio“? Schon wieder falsch, mittlerweile existieren derer drei. Valizan aus Kanada war lediglich der erste, und hier erzählt er uns, was ihn am Bauch- und Tribal-Tanz so begeistert und wie sein Weg mitunter steinig und nicht frei von sexistischen Vorurteilen war. Aber heute steht er im ATS weit oben, und als Fachmann spricht er auch über das neue ATS-Ausbildungssystem SSCE, das hier bei uns (und nicht nur dort) für einige Unruhe sorgt. Daß Valizan ein höchst charmanter Plauderer ist, gibt diesem Interview erst recht den nötigen Pfiff. Am besten zum „5. Oberrheinischen Tribal-Festival“ nach Offenburg kommen und diesen Mann persönlich kennenlernen.
Erzähle uns etwas über dein Leben, und warum dich der Tanz nicht mehr losläßt.

Ich bin im kanadischen Toronto geboren und aufgewachsen, und heute lebe ich eine Stunde von diesem Ort entfernt im der Großstadt Hamilton. Ich habe studiert, weil ich Journalist werden wollte, und war dann auch zwölf Jahre lang bei einer Zeitung fest angestellt. Damals habe ich mich für Bauchtanz interessiert, und der wurde mein Hobby. Anfangs war das nur ein Zeitvertreib, wuchs dann zur Besessenheit und ist heute mein Leben.

Ich bin auch zu einer Reenactor-Gruppe namens „Gesellschaft für kreativen Anachronismus“ (The Society For Creative Anachronism) gegangen, die sich darum bemüht, die glorreichsten Momente des Mittelalters für uns wiederzubeleben. Beim alljährlichen Treffen dieser Mittelalter-Darsteller im US-amerikanischen Pennsylvanien bin ich dann in einen Kurs mit dem Titel “Bauchtanz für Männliche Männer” (“Bellydancing For Manly Men”) geraten und habe festgestellt, daß ich ein kleines bißchen Talent für dieses Vergnügen habe. Wenig später schon habe ich Tanzunterricht genommen und seitdem jede Gelegenheit zum Bauchtanz genutzt.

Heute ist daraus mein Beruf geworden. Ich unterrichte allwöchentlich im Süden des kanadischen Bundesstaates Ontario (in dem Hamilton liegt und von dem Toronto die Hauptstadt ist) American Tribal Style ©, ich gebe in Kanada und in den USA Workshops, und ich stehe bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf der Bühne. Noch vor einigen Jahren wäre es mir nie in den Sinn gekommen, das Tanzen zum Beruf zu machen, aber dann hat Rachel Brice gehört, wie ich mich beklagt habe, weil gerade alles nicht so gut für mich lief, und mir geraten, doch aufs Tanzen umzusatteln. So recht war mir das noch gar nicht in den Sinn gekommen, weil ich noch nie etwas von einem Bauchtänzer gehört hatte, der davon reich geworden ist. Aber Rachel hat keine Ruhe gegeben, ich sollte es doch wenigstens mal versuchen. Es gibt ein Photo, auf dem Rachel meine Brille hält und mich ansieht, während ich zu Tränen gerührt bin, weil sie mich so unterstützt. Respekt vor dieser Frau!
Und warum ich immer noch am Tanz hänge? Genauso gut könntest du fragen, warum ich trinke, atme oder esse. Weil ich es einfach tun muß! Ich bin schon mein ganzes Leben lang Tänzer, auch wenn ich als Kind einfach nur durchs Haus getollt bin und nicht wußte, was ich da tat.
Für mich ist Tanz die Flucht vor den häßlichen Wahrheiten des Lebens; denn er gibt mir mein Gleichgewicht zurück. Das richtige Leben nagelt einen am Boden fest, der Tanz aber läßt einen fliegen. Deswegen bin ich „Valizan Airlines“, kommt mit, und fliegt mit mir! Der Tanz enthält aber auch eine geistige Note: Mit ihm kann man über die Grenzen der Logik und Sicht hinausgelangen und dahinter mit dem Chaos und der Einsicht in Kontakt treten.
In deiner sehr farbigen Biographie lesen wir, daß du beides betreibst, klassischen Bauchtanz und Tribal. Das ist zwar nicht gerade unvorstellbar, kommt aber dennoch nicht häufig vor. Warum bist du in beiden Welten zuhause?

Wie die meisten Menschen habe ich eben viele Seiten. Und das sind nicht nur die beiden Tanz-Genres, sondern sehr viele Elemente, die zusammen mich ergeben.

American Tribal Style ist improvisierter Gruppen-Tanz. Das liebe ich, und ohne kann ich gar nicht mehr leben. Aber ich habe als Solo-Tänzer angefangen und ägyptischen OT vorgetragen. ATS ist gelebter Gruppentanz, und deswegen muß ich mich dabei auf das Tanzen mit anderen und überhaupt die anderen konzentrieren. Und ich muß die Bewegungen im Kopf haben, die in einem festen Format vorgegeben sind.

Wenn ich hingegen solo tanze, kann ich mich ganz auf das einlassen, was ich gerade fühle und was die Musik mir an Gedanken eingibt. Ich muß also nicht anderen Tänzern das zu verstehen geben, was gerade abgeht.

Beide Stile haben ihre Vorzüge, aber entscheidend ist für mich die unterschiedliche Energie, die ihnen innewohnt. Gruppenenergie bedeutet Kameradschaft, Solo-Energie Freiheit der Bewegung. Wenn ich ATS tanze, bin ich einer der Bestandteile, die mit den anderen Bestandteilen das Ganze formen. Wenn ich allein tanze, tue ich genau das, ich tanze für mich allein.

Wie stellt sich denn überhaupt die Lage der männlichen Tribal-Tänzer im heutigen Nordamerika dar?

Ich tanze mittlerweile seit 20 Jahren und habe mit fasziniertem Interesse verfolgt, wie die männlichen Tänzer in der Tribal-Szene ganz allmählich immer mehr geworden sind. Ich spreche von Paige Lawrence, seinem Witz, seiner Intelligenz und seiner Liebe zu dieser Tanzform; ich spreche auch von Yuska Tuanakotta, der mit der Eleganz seiner Bewegungen und seiner unerschöpflichen Energie sogar bei “FatChance” getanzt hat. Und ich spreche von Russ Martin aus Seattle. Ich denke an all die Männer, die den Tribal zum ersten Mal ausprobieren, und es beglückt mich, wenn immer mehr Männer sich im Tanz – und ganz besonders im Tribal – ausdrücken wollen.
Was wirst du uns im Schwarzwald auf der Bühne zeigen?

Natürlich ATS. Wir überlegen noch, ob wir weitere Mitglieder meiner Truppe mitbringen, damit unsere deutschen Freunde auch die „Shades of Araby Goodness“ erleben können.

Und was wirst du in Deutschland unterrichten?

Ich gebe zwei Kurse: „ATS Duet Dynamics” beschäftigt sich mit Bewegungen und Kombinationen im Duo. Einige der aufregendsten Darbietungen im ATS sind die Interaktionen zu zweit, weil man dabei im Tanz mit und gegeneinander spielen kann. Ich zeige Euch tolle Bewegungen und Schritte für ATS-Duos, die so richtig Spaß machen!

“Shady Secrets” führt die Schritte vor, die meine “Shades Of Araby” im Lauf der Jahre entwickelt haben, und die sich hervorragend in den ATS-Kanon einbringen lassen. Bei einigen darunter finden sich wirklich tolle Ableitungen bestehender Schritte, andere haben keine ATS-Grundlage. Aber alle machen beim Tanzen ungeheuren Spaß.

Eines wollen wir dich aber doch noch fragen, wie fühlt man sich eigentlich als einziges ATS-„Brother Studio“ auf der ganzen Welt, ja, im gesamten Universum?

Äh … aber ich bin doch gar nicht das einzige! Ich war lediglich das erste „Brother Studio“, aber mittlerweile sind wir zu dritt! Russ Martin, Yuska Tuanakotta und ich. Und ich freue mich schon sehr darauf, wenn ich mit diesen beiden Herren beim „Cues & Tattoos“-Festival in Seattle auftreten darf. Wir nennen uns dort übrigens „Sons Of The Trimurti“ (Begriff aus der Hindu-Religion, steht für die drei kosmischen Dimensionen Erschaffung, Erhaltung und Zerstörung).

Als ich noch der einzige weit und breit war, stand ich unter dem Eindruck, mich ständig für meine langen Versuche, ATS zu lernen, rechtfertigen zu müssen. Carolena Nericcio (Gründerin von FCBD, Erfinderin von ATS) duldet keine Männer im regulären ATS-Unterricht in den „FatChance“-Studios in San Francisco. Und als ich dort erschien und sie mir das gleich mitteilte, war ich doch ein wenig am Boden zerstört. Aber dann habe ich an jedem ihrer Workshops teilgenommen, wenn sie gerade in der Nähe war, und habe mir in den „FatChance“-Studios Privatunterricht geben lassen, wann immer ich mir den Flug nach Kalifornien leisten konnte. Als ich dann das „Teacher Training“ in Milwaukee (US-Bundesstaat Wisconsin) abgeschlossen hatte, bin ich wieder zu Carolena und habe sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, mich in die Gemeinschaft der Sister Studios einzufügen, und diesmal hat sie ja gesagt.

Deswegen bin ich auch etwas stolz darauf, das erste „Brother Studio“ zu sein und ATS vertreten zu dürfen.

Einige unserer Tänzerinnen haben uns gebeten, dich zu fragen, was du von Carolenas neuem Ausbildungssystem SSCE hältst. Die einen sind unglücklich über die hohen Kosten, die dabei auf sie zukommen, die anderen freuen sich, daß sie sich noch weiter qualifizieren können.

Es gibt ein altes Sprichtwort des Inhalts: „Wenn du Geld verdienen willst, mußt du erst einmal welches ausgeben.“ Das heißt kurz und knapp, daß man erst einmal in sich selbst investieren muß (zum Beispiel die nötige Ausrüstung erwerben und den erforderlichen Unterricht nehmen). Bevor man ein Schild mit der Aufschrift an seine Tür hängen kann, man sei Fachfrau für dieses oder jenes.

Das neue „Sister Studio Continuing Education”-System (SSCE) mag für die einen ein Segen und für die anderen ein finanzieller Fluch sein. Aber fest steht, daß Carolena damit auf all diejenigen reagiert hat, die sich darüber beschweren, daß das „Sister Studio“-Zeugnis nur noch ein Stück Papier sei. Es gibt eine ganze Reihe von Geschichten über Tänzerinnen, die erst die Anfangsstufe, die General Skills, bewältigt und dann gleich das „Teacher Training“ angeschlossen haben, um einen Atemzug später schon zum „Sister Studio“ aufzusteigen. Dem gegenüber stehen diejenigen, welche schon seit zehn Jahren oder länger ATS tanzen und über ein Fachwissen verfügen, das nur langjährige Erfahrung einem geben kann.

Das neue System SSCE ermöglicht den „Sister Studios“ (die Personen, die allein berechtigt sind, ATS zu unterrichten) sich zusätzlich zu qualifizieren und als noch bessere Lehrer zu vermarkten. Man muß sich doch einfach einmal klarmachen, daß ein Tanz sich weiterentwickelt; darin unterscheidet sich der Tribal von keinem anderen Genre. Mit dem neuen SSCE können die bereits bestehenden „Sister Studios“ sicherstellen, daß sie bei allen Neuerungen und Veränderungen, die sich in den „FatChance“-Studios in San Francisco tun, immer die Nase vorn haben.

Ich habe mich nicht nur einmal dabei ertappt, keine Ahnung von dem zu haben, was eine Studentin kann oder von mir wissen will. Meist lag das daran, daß diese Studentin in letzter Zeit öfter in San Francisco gewesen ist als ich und dort etwas gelernt hat, zu dem ich noch nicht gekommen war. Als Lehrer fühlt man sich dann ein bißchen allein gelassen, weil man sich ja darauf verlassen hat, daß die „FatChance“-Studios ihre „Sister Studios“ (inklusive der Brother Studios) über alle Neuerungen und Veränderungen informiert halten würden. Aber jetzt gibt es ja die neuen SSCE, und mit denen kann man immer auf dem neuesten Stand sein. Die neuen Gebühren kommen „FatChanceBellyDance Inc.” zugute, und das ist doch eigentlich eine feine Sache. Wenn man sich Ballettschüler anschaut und was die alles für Unterricht und Ausrüstung auf den Tisch blättern müssen, dann ist man mit den neuen ATS-Gebühren doch immer noch gut bedient.

Die Tänzer in Europa sollten aber wissen, daß sie nicht unbedingt verpflichtet sind, das ganze SSCE-Programm oder nur Teile davon zu absolvieren. Laut der „FCBD“-Seite (http://fcbd.com/tribal-pura-intl/instruction/ss-continue-education/) ist das alles freiwillig. Jedes „Sister Studio“ sollte für sich selbst entscheiden, wieviel sie finanziell, körperlich und emotional in ihre ATS-Karriere stecken will. Für einige ist Tribal in erster Linie eine Freizeitbeschäftigung, andere lernen Tribal, um sich selbst etwas zu beweisen, und wieder andere, so wie ich, haben daraus einen Beruf gemacht. So muß sich dann jede und jeder von uns die Frage stellen, ob sie sich diese Weiterqualifikation leisten können oder wollen und wie viele Vorteile für sie darin stecken.

Ich jedenfalls werde nicht jedes Jahr einen neuen Schein machen. Das normale Publikum achtet nicht darauf, ob ich beim Auftritt ein bestimmtes Papier in der Tasche habe oder nicht. Sie wollen lieber gut unterhalten werden, und ich glaube, auf meinem jetzigen Standard kann ich ihm das den Zuschauern auch bieten. Ob ich ein zusätzliches Zeugnis von Carolena an der Wand hängen habe oder nicht, macht mich noch nicht zu einem besseren Tänzer.

Wie heißt es so schön? Übung macht den Meister.

Als Lehrer glaube ich, daß meine Erfahrung für sich selbst spricht. Ob ich immer weiter lernen muß? Aber unbedingt! Ich bin der ewige Student des Tanzes.

So weit, so gut. Ich als Valizan werde versuchen, mindestens zweimal im Jahr zu den “FatChance”-Studios zu fahren und bei Carolena oder einer anderen Unterricht zu nehmen.

Valizans Homepage:
http://www.valizan.com/

Homepage "Shades of Araby":
http://shadesofaraby.valizan.com/

Valizan
ist zu Gast beim
5. Black Forest Tribal Festival
11. - 14. September 2014 in Offenburg

Hier geht es zu
Valizans Workshops ...
Photos © 1, 5 und 7 Joe Szilvagyi, 2 und 8 Ai Rei Dooh Tousignant, 3 Diana Marina Gaeddart, 4 Libra Moon, 6 Valizan
Und wenn ich es mir wieder leisten kann, fliege ich noch einmal nach San Francisco, um dort Privatunterricht zu nehmen und meine Fachkenntnisse auf den neuesten Stand zu bringen.

Für mich liegt der einzige Vorteil beim SSCE darin, sich besser vermarkten zu können. Aber mich persönlich interessiert viel mehr das „Advanced Teacher training program“. 

Ich freue mich, euch alle kennenzulernen,
Euer Valizan

Valizan mit Carolena Nericcio-Bohlman
Valizan und "Shades of Araby"
Rachel Brice und Valizan
Valizan und seine "Shades of Araby", v.l.n.r.: Sarah, Maral, Valizan, Delice, Karina
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Interview mit Valizan
- von Marcel Bieger
(auch Übersetzung)
ICH BIN „VALIZAN AIRLINES“, KOMMT MIT, UND FLIEGT MIT MIR!