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Konstanze Winkler
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"GRENZGÄNGER"
Zum Einjährigen der Gruppe
„The Violet Tribe“
von Marcel Bieger
Vor genau einem Jahr ist diese Gruppe als „The Violet Tribe“ erstmalig mit ihrem Konzept aufgetreten, als musizierende Tänzerinnen oder tanzende Musikerinnen ihr Publikum zu finden. Dabei wechseln sie einander beim Tanz und beim Musikmachen ab, und wenn eine mal erkrankt ist, sind die anderen geübt genug, auch ihren Part zu übernehmen. Kein basisdemokratischer Verein, aber einer, in dem alle Mitglieder ihren Beitrag leisten und geschätzt werden. Musik machen und tanzen, etwas bis dahin nie Dagewesenes (nicht nur in Deutschland, auch international, es gab lediglich in den USA einmal einen ähnlichen Versuch).
Henneth Annun und
Mariam Ala Rashi, Miss Lily und Arzo, Svahara, der Musiker Dr. P und Musikproduzentin Cinnamon Star alias Bianca: Bis auf Dr. P tanzen alle.
Was für ein Experiment!
Ein Jahr später darf man erste Bilanz ziehen. Aus „The Violet Tribe“ ist kein deutscher Wanderzirkus a la BDSS (oder Ablegern geworden), wie einige erhofft hatten, aber die Gruppe ist auch nicht ins lukrativere Musiklager abgedriftet, wie andere befürchtet hatten. Sogar das US-amerikanische Magazin „Zaghareet“ berichtete über die Formation, ein Auftritt beim diesjährigen Tribal Fest in Sebastopol war geplant (die höchste Tribal-Weihe), und „The Violet Tribe“ trat zusammen mit Musikgruppen auf, Qntal sei hier genannt. Ganz zu schweigen von ihrem hervorragenden Debut-Album „Ravishing Collection of Curios“.

Eine tolle Bilanz, nicht wahr, aber längst sind nicht alle Bäume in den Himmel gewachsen. Hier reden „The Violet Tribe“ über ein einzigartiges Jahr, über Erfolge und Rückschläge, über den Zusammenhalt in der Gruppe, über weitere Album-Pläne und überhaupt über ihr Jahr, das Jahr des Violet Tribe.
Erfolgreiche Grenzgänger zwischen zwei Welten - der des Bauchtanzes und der der Rock-Musik - wie fühlt man sich da und wie verändert das einen?
Lily: Ich finde die Musikszene definitiv ehrlicher. Es wird weniger gelästert. Irgendwie scheint jeder zu respektieren, daß alle das Gleiche machen, nämlich Musik und Kunst. In der Bauchtanz/Tribalszene kennen diesen Respekt leider nur wenige, und das finde ich sehr frustrierend, zumal der Tribal auf Zusammengehörigkeit aufbaut. Trotzdem herrscht dort ein ständiger Wettbewerb ...

Annun: Da ich gerade erst beginne, in die Musikszene hineinzuschnuppern, kann ich das noch gar nicht so genau beantworten. Es ist schon anders, aber auch irgendwie ähnlich: Hier wie dort gibt es treue liebe Fans.

Arzo: Vieles, was in der Orienttanz- und Tribal-Szene üblich ist, ist so im Musikgeschäft nicht möglich. Mit Musikauftritten verdient man mehr, man steht aber auch viel stärker in der Pflicht, weil es da Verträge gibt. Die Tanzszene ist da lockerer. 

Bianca: „Rock-Musik“ ist vielleicht nicht ganz treffend, es ist eher ein Mix aus untergründigem Pop, experimenteller Elektronikbastelei und Weltmusikeinflüssen. Beide Szenen – Musik und Tanz – waren am Anfang ein bisschen verwundert, haben sich aber schnell an uns gewöhnt. Mir hat die Begeisterung für Tribal und Tribal Fusion die Freiheit gegeben, musikalisch mal etwas völlig Genre-Unabhängiges zu machen, die Produktion der ersten CD war eine Art Abenteuerspielplatz für mich.

Dr. P.: Beide Szenen haben ihren Reiz, aber ausschließlich mit Frauen zu arbeiten (und zu diskutieren), ist manchmal schwerer. Aber man gewöhnt sich an alles. 

Mariam: Ich denke, daß man sich bezüglich der Szenen gar nicht entscheiden muß: Jeder Mensch hat eine helle und eine dunkle Seite. Und beide Seiten möchten gepflegt werden.

Svahara: Ich war schon vorher eine Grenzgängerin zwischen diesen Welten. Beides zusammen zu machen, ist daher für mich nur natürlich, wenn auch eine gewisse glückliche Fügung dazu führte, daß wir so zusammenkamen. Interessanterweise fühle ich mich freier, weil ich in jedem Bereich nicht ganz das bin, was dort üblich ist.
Svahara: Ich weiß mittlerweile, daß ich mit allen Bedingungen zurechtkomme, mit alten brüchigen Steinstufen in einen Burgkeller hinauf und hinab zum Umziehen zwischen den Songs, mit winzig kleinen Raum auf der Bühne zum Tanzen und allen Arten von Menschen. Das gibt Sicherheit und Ruhe. 

Bianca: Das stimmt. Die zwölf Shows, die wir mit dem „alten“ Programm hatten, waren wirklich vollkommen unterschiedlich, da mußten wir vor allem auf der praktischen Ebene flexibel sein und oft genug improvisieren. Damit haben wir im Laufe der Zeit gelassener umzugehen gelernt und sind inzwischen gut aufeinander eingespielt – und wir wissen, was wir nun hinsichtlich der Konzeptionierung des neuen Programms schon im Vorfeld bedenken müssen.

Wenn man Euch heute sieht und mit Euch vor einem Jahr vergleicht, so seid Ihr alle innerlich gewachsen. Wie seht Ihr das selbst? Was hat TVT aus Euch gemacht?
Annun: Was das Persönliche angeht, erwarte ich, daß ich mich bei einer so besonderen neuen Erfahrung weiterentwickle. Wenn dem nicht so wäre, würde ich höchstwahrscheinlich nicht in den Tribe passen. Ich empfinde uns als starke individuelle Charaktere, die im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind, weil uns etwas verbindet: nämlich die Liebe zur Musik. Ich muß als Tänzerin Musik lieben, und als „sich ausprobierende Musikerin“ gleichermaßen.

Arzo: Na ja, der Violet Tribe ist mehr oder weniger zeitgleich mit meiner Tanzschulgründung gekommen, und die hat mich viel stärker geformt. Ich bin ja auch vorher mit Gruppen in szenefremden Bereichen aufgetreten, als Gogo-Girl in Discos, auf Gothic- und Fetischmessen und Musikfestivals. Also war mir die "andere Situation" ja schon bekannt, neu hinzugekommen ist nur, daß ich auch Bass spiele.

Mariam Ich persönlich habe gelernt, wie schön es sein kann, in einer Gruppe zu arbeiten. Ich war so viele Jahre allein – solo – unterwegs, daß es wirklich toll war und immer noch ist, sich in einer Gruppe aufzubauen, und alle Erfahrungen teilen zu dürfen. Wenn man gemeinsam etwas erschafft und gemeinsamen wächst, ist das eine unglaubliche Bereicherung.
Photos © Detlev Janßen
The Violet Tribe bei ihrem ersten Auftritt in Hamm
Arzo und Mariam Ala Rashi
Dr. P, Mariam, Svahara und Arzo
Dr. P, Svahara, Bianca und Arzo in Hamm