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"BEIM TANZ HALTE ICH FÜR MICH UND DAS PUBLIKUM DIE ZEIT AN"
Interview mit Amaya

von Marcel Bieger

Amaya ist tänzerisches Urgestein, sie hat schon die Hüften gewiegt, als Tribal und ATS noch nicht erfunden waren. Die ewig junge Amaya ist heute immer noch aktiv und hat in ihrem Leben so manches erlebt. In jungen Jahren ist sie mit einem Wanderzirkus herumgezogen, und erst danach hat sie ihre Tanz-Laufbahn verfolgt. Wir haben sie im letzten November bei Leyla Jouvana auf der Bühne bewundern dürfen, und nach einigem koketten Zögern hat sie sich bereiterklärt, aus ihrem reichhaltigen Leben zu berichten.

        Zu Ehren von Amayas vieler Verdienste um den Bauchtanz erscheint dieses Interview zeitgleich sowohl im US-amerikanischen Fachblatt „Zaghareet“ (in englischer Sprache) und hier in „hagalla“ (in deutscher Sprache).

Wie war das eigentlich damals, als noch niemand ATS und Tribal kannte?

Ursprünglich war unser Tanz Volkstanz, man hat im Dorf getanzt, um die anderen Dorfbewohner zu erfreuen. Damals gab es auch noch keine Vorschriften, wie alt man sein durfte oder welche Körpermaße man mitbringen mußte, um tanzen zu dürfen. Kinder, Erwachsene und Alte haben alle gemeinsam getanzt, denn Tanz war ja für alle gemeinsam da (so ähnlich, wie das heute noch bei den nordamerikanischen Indianern betrieben wird). Aber dann wurde der Tanz immer mehr kommerzialisiert, und heute hat man ihm noch allerlei Sexual-Vorstellungen aufgepfropft. Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich bin nicht prüde und habe nichts gegen eine gesunde Sexualität. Aber wenn man zu deutlich den moralischen Zeigefinger erhebt oder die ganze Geschichte pervertiert (ich denke hier an halbwüchsige Knaben, die in Frauenkleidern in irgendwelchen Hinterzimmern vor sogenannten verheirateten Gottes-Männern tanzen), dann bin ich nicht mehr sehr glücklich mit der Entwicklung, die unser Tanz teilweise genommen hat.

Heutzutage hat sich unser Tanz wie eine Baumkrone in mehrere Richtungen entwickelt. Manche wachsen in die verkehrte Richtung, aber viele in die richtige. Ich glaube fest daran, daß sich eine gute künstlerische Ausdrucksweise immer und überall durchsetzt. Und ich verfolge immer noch beglückt und mit Begeisterung die neuen Ideen, die sich rings um diesen jahrhundertealten Tanz entwickeln.

Warum waren deiner Meinung nach manchen Tänzerinnen der Bauchtanz und die anderen klassischen Orientalischen Tänze nicht genug?

Ich weiß nicht, warum andere Tänzerinnen den traditionellen Pfad verlassen und ihren eigenen gesucht und beschritten haben. Aber was mich angeht, so kann ich sagen, daß ich meinen Tanz in einen Arabo-Flamenco-Fusion gewandelt habe, weil ich zum einen meiner eigenen Herkunftskultur die nötige Reverenz erweisen,

zum anderen mich auf der Bühne von den anderen unterscheiden wollte, die immer nur klassisch Orientalisch getanzt haben, und mich zum dritten der normale Bauchtanz nicht mehr ausgefüllt hat und ich unbedingt andere Tanz-Elemente ausprobieren wollte. Natürlich hat es auch Zeiten gegeben, in denen es mir alles gegeben hat, wenn ich in einem verrauchten, lärmenden Club zu Live-Musik einen guten alten Raks Sharki auf die Bretter legen konnte. Ach ja, die gute alte Zeit …
Wären Folklore und klassischer Bauchtanz heute noch dieselben, wenn es Tribal und das, was sonst noch aus ihm erwachsen ist, nicht gegeben hätte?

Folklore und der klassische Bauchtanz haben sich immer schon gewandelt und wandeln sich auch weiterhin, da hat auch der Tribal nichts dran geändert.

Kunst bedeutet doch ständigen Wandel. Schau dir den Bauchtanz der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an, der war total anders als der heutige Raks Sharki und so weiter. Unser Tanz spiegelt die jeweilige Kultur, die jeweilige Musik, Moden, gesellschaftlichen Verhältnisse und so weiter und so fort wieder. Unser Tanz ist gewiß nicht erhaben über all den Einflüssen, die der Rest der Welt auf ihn ausübt.
In der guten alten Zeit hat es weder DVDs noch Internet, keine Handys und noch nicht einmal Video gegeben. Wie ist der Bauchtanz damals zurechtgekommen? Wie seid ihr damals miteinander in Verbindung getreten, wie seid ihr überhaupt zusammengekommen?

Damals war die Tanz-Welt noch viel kleiner, und da konnten wir uns mit Rauchzeichen und Luftballons behelfen, an die wir Zettel gehängt haben. Nein, war nur Spaß.

Wenn eine Tanz-Veranstaltung anstand, haben wir uns gegenseitig auf Festnetz angerufen oder die „Schneckenpost“ benutzt. Telephonanrufe dauerten meist nicht lange, weil Ferngespräche (also ein Anruf in eine andere Stadt) unglaublich teuer waren. Wenn man genug in der Kasse hatte, hat man entsprechende Flugblätter oder Prospekte als Brief verschickt, oder wir haben gleich tausend Stück drucken lassen (natürlich beidseitig, um Kosten zu sparen) und die dann als Drucksache versendet. Das war sehr billig, hat aber viel Zeit verschlungen, bis man tausend Zettel gefaltet und in den offenen Briefumschlag gesteckt hatte, und dann das Ganze noch auf die Post tragen. Heute erreichen wir die gleichen 1000 Leute, in dem wir am Computer kurz auf „Senden“ drücken. In der heutigen Welt kann man seine Mitmenschen viel schneller, einfacher und kostengünstiger erreichen als früher.
Warum gibt es heute im Tanz nicht mehr so oft Live-Musik?

Das (Fast-)Verschwinden von Live-Kapellen und Auftritten in Nacht-Clubs stellt für unser Genre einen herben Verlust dar. Mir tun die heutigen Tänzerinnen leid, weil sie nie mehr die Freude daran erleben werden, nur für den Augenblick zu tanzen. Unsere Kultur und die sich verändernden wirtschaftlichen Verhältnisse haben so manches bei uns verändert.

Deswegen ist die Unterstützung unseres Tanzes durch die orientalischen Nacht-Clubs und Restaurants zum großen Teil weggebrochen. Und in dem Maße wie diese Läden dichtgemacht haben, schwand auch das Einkommen der orientalischen Kapellen. Heute überlegt es sich ein Veranstalter lieber zweimal, ehe er eine Band engagiert. Denn dann muß er für drei bis sieben Musiker die Kosten für Reise, Essen, Unterbringung und Gage aufbringen. Solchen finanziellen Aufwand können sich nicht viele leisten.
Wenn du auf deine lange Karriere zurückblickst, wo waren da die Höhepunkte, und was würdest du auf jeden Fall wieder tun, komme, was da wolle.

Ach, es waren so viele Höhepunkte, daß ich sie gar nicht alle aufzählen kann … einmal habe ich mit meinem Freund Mohamed Khalil (Naqua Fuads Choreograph) um Mitternacht auf der Spitze einer Pyramide getanzt … ein anderes Mal unter Vollmond in Marokko ... als ich im Kairoer Sheraton den ersten Platz gewonnen habe … in Chicago zusammen mit Bert Balladine auf der Bühne zu stehen und zur Live-Musik von George Abdo zu tanzen … in Alaska in einer kalten und regnerischen Nacht in einer Blockhütte zu tanzen … oder erst letzte Woche vor einer Gruppe Vorschulkinder aufzutreten und ihre kleinen Münder „oooh“ machen zu sehen, als ich ein Schwert auf dem Kopf balanciert habe, so etwas ist unbezahlbar. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, so viele wunderbare Sachen erlebt zu haben, und es werden ja bestimmt noch ein paar mehr.

Erzähle uns etwas über die „Wise Women Dance Retreats“.

Diese Tanz-Zufluchten für Weise Frauen sind eigentlich daraus entstanden, daß ich mein „Shake & Bake“ Festival nach 14 Jahren an den Nagel gehängt habe. Zu diesen Festivals habe ich immer Gast-Dozenten eingeladen, die dann groß herausgestellt worden sind. Irgendwann habe ich mitbekommen, daß einige Besucher sich gewundert haben, warum ich auf meinem eigenen Festiival keine Workshops gebe. Dabei ist die Antwort ganz einfach – man kann nicht alles gleichzeitig machen (organisieren, veranstalten, tanzen und unterrichten). Eines Tages wurde mir auch klar, daß mein Festival für einen Einzelnen zu groß und zu unübersichtlich geworden war. Deswegen habe ich mich für das andere Extrem entschieden und mache jetzt Veranstaltungen für nur noch 15 Teilnehmer, die dafür aber etwas von mir lernen wollen. Ich nenne sie „Tanz-Zufluchten“, weil wir ganz unter uns sind, und mit dem Ausdruck „Weise Frauen“ möchte ich auf unsere reichhaltige Tanzgeschichte verweisen, und daß der Tanz selbst alt und weise ist.

Die meisten Tänzerinnen wissen, daß mehr am Bauchtanz dran ist, als mit einem sexy Körper vor einer Gruppe lechzender Sultane zu tanzen. Meine Zufluchten sind aber auch so eingerichtet, daß die Teilnehmer etwas von dem kulturellen Erbe New Mexicos mitbekommen. Dieser Bundesstatt im Südwesten der USA ist uralt und steckt voller Magie. Mein Mentor, Bert Balladine, hat immer gesagt: „Du musst mindestens 35 sein, um mit deinem Tanz etwas erzählen zu können. Im Laufe der Zeit haben wir diese Grenze auf 45 angehoben.

Ganz im Ernst, wer ein erfülltes Leben hinter sich hat, kann seinem Tanz eine ganz andere Tiefe verleihen. Ganz ehrlich, wenn man eine vielseitige Tänzerin sein will, muß man sich auch das Leben außerhalb des Tanz-Studios anschauen.

Für mich hat Tanz immer mit Lebensfreude zu tun gehabt. Während ich tanze, halte ich für mich und das Publikum die Zeit an, und die Musik hüllt uns ein. Und wenn all die magischen Bestandteile beisammen sind, werden Körperbau, Kostüm, Alter und Geschlecht vollkommen nebensächlich und fallen von uns ab.

Homepage Amaya: www.wisewomandancer.com
Photos: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Amaya
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Die Einwanderer aus dem Nahen Osten haben sich in unserer Gesellschaft eingelebt und sind Amerikaner geworden. Die zweite und dritte Generation der Algerier, Griechen, Ägypter, Türken, Libanesen und so weiter interessieren sich nicht mehr in dem Maße für die Musik der alten Heimat, wie das noch ihre Großeltern getan haben.
Amaya
...auch im Zirkus ist Amaya aufgetreten
Maya Amaya
Amaya und ihr Mentor Bert Balladine