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für eine künstlerische Karriere: Kreativität und Fleiß. Und wenn sich da noch der interdisziplinäre Blick findet, die Fähigkeit nämlich, das Gemeinsame in mehreren verschiedenen Richtungen zu erkennen und zusammenzubringen, dann wird da auch auf Dauer etwas draus.
Du kommst auf der Rock-Musik, bist den Pfad des Tribal gegangen, hast eine tolle Konzept-Gruppe geschaffen und gibst jetzt auch noch Gesangs-Workshops. Was treibt einen Menschen auf einen solchen Weg.
Vermutlich die Gene, zumindest geht davon die Zwillingsforschung aus.Die Chronologie war allerdings ein bißchen anders: Ich habe zuallererst elektronische Musik produziert und Mitte der 90er Jahre bei einem Tape-Label (das gab es tatsächlich – kleine Firmen, die Kassetten vervielfältigt und verkauft haben) unter dem Projektnamen VaNi veröffentlicht. Theoretisch gibt es das Projekt immer noch (es wird alle paar Jahre wiederbelebt), aber im Moment komme ich einfach nicht dazu, neue Sachen aufzunehmen.
Kurze Zeit nach der Entstehung von VaNi habe ich Oliver – der sich inzwischen in Dr. P verwandelt hat – kennengelernt, und wir haben uns „Violet“ ausgedacht. Mit Violet ging es erst einmal bergauf, wir mochten „Dead Can Dance“ und andere mittelalterlich inspirierte Musik (damals beschränkte sich die Mittelalter- begeisterung noch weitgehend auf die Schwarze Szene, parallel tauchten die ersten Mittelaltermärkte auf), und so lag es nahe, daß wir uns in eine ähnliche Richtung bewegten. Wir schrieben überwiegend eigene Stücke, verwendeten aber damals schon Hackbrett, Flöten und Sackpfeifen zusätzlich zur üblichen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Besetzung. Das funktionierte gut, wir waren mit den ersten Alben im ganzen Land sowie in Österreich und der Schweiz unterwegs und haben 2007 in Zusammenarbeit mit Fantasy-Autor Kai Meyer „The Book of Eden“ veröffentlicht, ein Konzeptalbum, das wir gemeinsam mit einer Theatergruppe live aufgeführt haben.
Für „The Book of Eden“ habe ich die Stücke, die wir sonst als Band gemeinsam entwickelten, elektronisch vorbereitet, und diese Arbeitsweise – eine elektronische Basis mit akustischen Instrumenten und Gesang zu verbinden – wollte ich gern weiterführen. Mittlerweile schrieben wir das Jahr 2009, die Tanzbegeisterung hielt an, und die Idee, mit diesen Mitteln eine „Tribal-CD“ zu machen, wurde immer konkreter. Der Titel für das neue Projekt ergab sich aus der Vorgeschichte und der Verbindung zum Tanzen, Lily war auch gleich mit dabei – und der Rest ist bekannt (Interview mit „The Violet Tribe“ in Kürze in dieser Zeitschrift).
Damals kam zum ersten Mal das Tribal-(Fusion-)Tanzen ins Spiel: Kurz zuvor hatte ich Lily („Miss Lily“) kennengelernt und war ganz begeistert, daß sie genau das tat, was ich neuerdings bewunderte. So kam es, daß sie uns einige Male als Gasttänzerin begleitet hat.
Ich wiederhole mich gern, du kommst aus der Rock-Musik, lehrst aber über mittelalterliche, Renaissance- und andere vor-moderne Musik. Bei The Violet Tribe (TVT) darf es gern auch einmal Barock oder Rokoko sein. Ganz naiv gefragt, warum keine Rock-Röhre?

Mit Alter Musik und mittelalterlich inspirierten Projekten beschäftige ich mich seit fast zwei Jahrzehnten, und obwohl die historischen Elemente bei TVT nicht so sehr im Vordergrund stehen, sind sie in meinem Arbeitsalltag häufig präsent und fließen somit auch in die Produktionen ein.

Um 2004/2005 herum wollten wir die „authentische“ mittelalterliche Musik und unsere eigenen Stücke voneinander abgrenzten und gründeten das Ensemble Violetta. Auch während des Studiums habe ich mich viel mit Alter Musik – von Mittelalter bis Barock –  auseinandergesetzt; seit 2005 arbeite ich außerdem als Chorleiterin und habe in diesem Kontext meinen damaligen Kirchenchor zu einigen kleineren Konzerten mit den Violettas angestiftet. 

Ich unterrichte klassischen Gesang und Stimmbildung, weil ich damit seit vielen Jahren Erfahrung habe und mit den Techniken vertraut bin. Rock- und Popgesang ist eine schwierigere Angelegenheit, weil bei falscher Handhabung ein größeres Risiko besteht, die Stimme zu schädigen. Solide klassische Grundkenntnisse können auf der anderen Seite dabei helfen, auf eine gesunde Art und Weise mit anderen Stilen zu experimentieren.

Du gibst Workshops in Deutschland und sogar in den USA beim Tribal Festival in Kalifornien. Was genau unterrichtest Du dort, und welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Die Workshops vermitteln einen Einblick in die mittelalterliche Musik, es gibt viele ein- oder zweistimmige Stücke, die sich auf Anhieb mit einer Gruppe umsetzen lassen, Vorkenntnisse sind dafür nicht notwendig. Mir ist es dabei besonders wichtig, am Beispiel der Stücke Stimmbildung und musikalische Gestaltung zu üben, damit die Teilnehmer nach dem Workshop nicht nur ein paar neue Melodien im Ohr haben, sondern auch etwas dazulernen, mit dem sie später weiterarbeiten können.

Sowohl in Deutschland als auch beim Tribal Fest in Sebastopol wurde genau das von den Teilnehmern geschätzt, da in vielen Chören die Vermittlung von Gesangstechniken häufig zu kurz kommt. Das hat zur Folge, daß die Sängerinnen und Sänger sich später angestrengt fühlen, und nicht wissen, wie sie dem vorbeugen können. Gesang und Tanz haben auch in dieser Hinsicht einiges miteinander gemein, falsches Training kann mehr schaden als nützen.

Das Workshop-Konzept heißt „Mittelalterlicher & Orientalischer Gesang“, der „orientalische“ Gesang ist ein neuer Aspekt, der hierzulande selten als Lehrangebot zu finden ist. Am Beispiel z.B. sephardischer Stücke (die Sephardim sind die ursprünglich aus dem maurischen Spanien stammenden Juden, die über eine eigene Sprache und musikalische Tradition verfügen) läßt sich gut zeigen, was genau eigentlich das „Orientalische“ in der Musik ausmacht und wie man es zum Ausdruck bringt. Zudem ist die Aussprache relativ unproblematisch, sodaß sich im Rahmen eines zwei- bis dreistündigen Unterrichts gut damit umgehen läßt.
Du wendest Dich mit Deinen Kursen an Tänzerinnen, und die gelten ja nicht gerade als notorische Sängerinnen. Wer genau ist deine Zielgruppe, und wen sprichst du an?

Gesang und Tanz sind Ausdrucksformen, die den Körper als „Instrument“ nutzen – beim Tanzen auf der visuellen, beim Singen auf der akustischen Ebene. Vieles ist ähnlich, die Grundhaltung zum Beispiel, und beides erfordert Musikalität und den Wunsch, eine Atmosphäre oder ein Gefühl zu transportieren. Außerdem sind Tribal und Mittelalter eng miteinander verknüpft, es gibt also auch inhaltliche Schnittstellen. Tänzerinnen, die vorher noch nicht gesungen haben, lernen einen neuen Ansatz kennen, sich mit der Musik auseinanderzusetzen, die ihnen zum Teil schon vertraut ist, und Sängerinnen mit Vorkenntnissen entdecken vielleicht neue Stücke und neue Übungen oder singen einfach gern mit anderen zusammen.

Du selbst bereitest dich auf deinen Doktor phil vor und schreibst an deiner Doktorarbeit. Damit wärst du eine der ganz, ganz wenigen Künstlerinnen in der Szene mit einem solchen akademischen Grad. Worüber schreibst du, worüber hast du geforscht?

Die Arbeit habe ich schon eingereicht, es fehlt nur noch der mündliche Teil. Ich habe ein echtes Luxusthema: Mein Dozent ist popularmusikalischer Forschung gegenüber sehr aufgeschlossen, also durfte bzw. darf ich mich – nachdem ich während des Studiums den Schwerpunkt immer auf Alte Musik gelegt hatte – nun mit meinem anderen Lieblingsthema, der elektronischen Musik, befassen. Und zwar: mit der „elektronischen Musik der Gothic-Szene“, die nämlich bislang weder sozial-, geschweige denn musikwissenschaftlich untersucht worden ist. Die Arbeit ist also, da bei so einem Thema natürlich auch die Szene selbst als übergeordneter Rahmen eine wichtige und „stilbildende“
Rolle spielt, eine interdisziplinäre Studie geworden, die nicht nur musikalische, sondern auch soziokulturelle Faktoren aufgreift.

Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

In den vergangenen Jahren hat das Tanzen immer mehr Raum eingenommen und zählt inzwischen zusammen mit der Musik und dem Schreiben zu meinen drei „Standbeinen“. Insgesamt ist das ziemlich aufwendig, aber ich würde auf nichts davon verzichten wollen, da arbeite ich lieber etwas mehr.

Im Herbst erscheint erst einmal mein neuer Roman „The Spooky Verona Freak Show“, diesmal beim sympathischen Unsichtbar Verlag. Die „Spooky Verona Freak Show“ ist eine Band, der zum gefühlten großen Durchbruch nur noch eines fehlt, nämlich der richtige Bassist. Der ist gar nicht so leicht zu finden, der erste ist entschieden zu gutgelaunt, der zweite kann sich nichts merken, der sechste riecht nichts. So kommt es, daß Erzählerin Vicky, die schöne Gitarristin Scarlett, der transsylvanische Trompeter Cristian und Schlagzeuger Nico mit seinem dreibeinigen Hund, dem kleinen Saalfeld, mit wechselnden Bassisten durch Jugendzentren touren, Stadtfeste behelligen und Geburtstagsfeiern aufmischen … Das Ganze muß selbstverständlich auch vorgelesen werden, ab November geht es los, zu ausgewählten Terminen sogar mit echtem Trompeter.  

Bei all diesen Aktivitäten, wo siehst du dich in zehn Jahren?

In einem Südseeparadies? Im eigenen Schauerschloß? Inhaftiert? Ich lasse mich einfach mal überraschen!

Mehr Infos, Live-Termine & Unterricht: www.bianca-stuecker.de
Veröffentlichungen (Auswahl)

Texte

The Spooky Verona Freak Show, Unsichtbar Verlag 2012
Schaulaufen für Anfänger, Fischer Taschenbuch Verlag 2007

Musik

The Violet Tribe, Grand Hotel (Équinoxe Records/Nova MD 2011)
The Violet Tribe, The Violet Tribe’s Ravishing Collection Of Curios (Équinoxe Records/Nova MD 2010)

Violet, Modern Life (Équinoxe Records/ALIVE 2009)
Violet, The Book of Eden (Équinoxe Records/ALIVE 2007)
Violet, Omnis Mundi (costbar/Broken Silence 2002)
Violet, September (dodo/EFA 1999)

VaNi, Straßenunterhaltung (enoxe/ALIVE 2007)
VaNi, Traumzeit (A+T Records 1997 // limitierte CD 1997)
VaNi, Skywards (Trash Tape Records/Amöbenklang // MC 1995)
VaNi, Summergate (Trash Tape Records/Amöbenklang // MC 1995)

Violetta, Mandra mea (dodo/Broken Silence 2005)

oben: Die Teilnehmerinnen des Gesang-Workshops von Bianca beim diesjährigenTribal Fest in Kalifornien ... unten: Bianca auf der Tribal Fest Bühne
Biancas neues Buch
Bianca und das Ensemble "Violetta"
The Violet Tribe
Bianca Stücker und Miss Lily Qamar
"Violet", Biancas erste Musik-Gruppe
Photos ©: 1 Necro Web, 2 Soester Anzeiger, 3 Marten Ter Braak, 4 Detlev Janßen, 5 Ulrich Stücker,
6 Alternation PL, 7 Bianca Stücker, 8 The Naked Artisan Photography, 9 Lee Corkett, 10 Henrik Wiemer, 11 Stefan Pütz
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Workshops Mittelalteralterlicher & Orientalischer Gesang für Einsteiger

26.08. Oriental Dance Motion, Münster
(Infos und Anmeldungen: Sandra Faßmer, orientaldancemotion@web.de)
09.09. AWO Hagen
(Infos und Anmeldungen: Miss Lily Qamar, misslilyq@googlemail.com)
13.11. Tanzstudio Le Serpent Blanc, Herne
(Infos und Anmeldungen: Arzo Renz, info@serpent-blanc.com)
"DANN ARBEITE ICH EBEN ETWAS MEHR"
Interview mit Bianca Stücker

von Marcel Bieger
Bianca Stücker ist nicht nur die Leiterin der tanzenden Kapelle „The Violet Tribe“, sondern vor allem eines dieser „Wundertiere“, wie sie nur alle paar Jahre einmal auftauchen. Bianca alias Cinnamon Star hält sich schon seit Jahren an der Spitze, und das verwundert überhaupt nicht mehr, besitzt sie doch die zwei Grundzutaten