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Daß Tänzerinnen mit Tablaspielern auftreten, das kennt man. Daß Tänzerinnen mit Live-Bands auftreten, ist auch keine Sensation mehr. Wenn aber eine Tänzerin mit einem DJ auftritt, das ist nun doch nicht alltäglich, oder? Calamity Sam aus Kalifornien hat ihren eigenen DJ, Amar, und erklärt, dass so etwas an der US-Westküste längst keine Seltenheit ist. Was sie sonst noch zu erzählen hat, erfahrt ihr in diesem Interview.
BAUCHTANZ MIT DJ

Interview mit Calamity Sam

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Wie bist du an den Bauchtanz gekommen?

Ich bin während des Studiums an der kalifornischen Fullerton durch eine Freundin mit dem Bauchtanz in Kontakt geraten. Sie hatte eine DVD von Rachel Brice – wo sie mit einem ihrer berühmten Layback Drops zu sehen ist – und ich war sofort hin und weg. Ich wollte unbedingt herausfinden, wie Rachel das schaffte und was ich tun musste, um das auch zu können (ich bin heute noch immer nicht am Ziel). Jedenfalls bin ich dem Bauchtanz seitdem verfallen. Ich habe mir ein paar DVDs von Jillina besorgt, zuhause wie eine Verrückte geübt und endlich den Mut aufgebracht, in eine Tanzschule zu gehen.

Meine erste Lehrerin aus Fleisch und Blut hießt Zahra Zuhair, und ich hätte keine bessere finden können. Sie bringt nicht nur eine Engelsgeduld auf, sie ist auch eine der besten traditionellen  OT-Tänzerinnen, sie brachte mir auch alle Grundlagen bei, die ich kennen musste. So habe ich eine Weile bei ihr gelernt, bis mich der Tribal mehr interessiert hat. Sherri Wheatley arbeitete zu der Zeit als Lehrerin für Tribal Fusion in der Tanzschule, und so bekam ich den ersten Vorgeschmack auf die wunderbaren Schlangenbewegungen, die mir seitdem so gut gefielen.

Wenig später fing Heather Shoopman bei uns an, und ich habe mich sofort bei ihr angemeldet. In ihr habe ich nicht nur eine tolle Lehrerin, sondern auch gute Freundin und spätere Tanzpartnerin gefunden. Nach einer Weile fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte, bei „Se7en“ (ausgesprochen „Seven“, ihre damalige truppe). Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen, und für einige Zeit bin ich mit diesem Stamm im Großraum Los Angeles aufgetreten, einmal auch beim „Unmata Bloodmoon Regale“. Von Mal zu Mal wuchs die Freundschaft von Heather und mir, und eines Tages haben wir beschlossen, es miteinander als Duett zu versuchen. Heather ist mir auch heute noch eine Inspiration, und zwischen uns hat sich eine Fern-Tanzbeziehung entwickelt, denn ich bin später nach Nordkalifornien in die Bay-Area gezogen (um Amar näher zu sein). Und hier finde ich mich in der Situation wieder, in einer Gegend Tanzunterricht geben zu wollen, die mit Tanzlehrerinnen so ziemlich gesättigt ist. Hier gibt es so viele wahnsinnig tolle Tänzerinnen. Aber ich liebe meine neue Heimatstadt Oakland und überhaupt die ganze Bay Area, und ich bin hier sehr glücklich.
Mein Tribal Fusion ist immer noch von meinen Lieblings-Lehrerinnen beeinflusst, aber darüber hinaus haben auch Hip Hop, Modern und Bollywood meinen Stil geprägt. Ich schaue mir auch gern Volkstänze von anderen Kulturen an, weil sie mich oft auf neue Ideen bringen. Das schafft übrigens auch der amerikanische Square Dance.

Du bist im Frühjahr zum ersten Mal in Europa aufgetreten.

Für mich war es von Kindheit an ein Traum, einmal Europa zu besuchen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und früher nicht viel herumgekommen. Aber ich war eine richtige Leseratte und habe mittels der Bücher die ganze Welt „bereist“. Als ich im Frühjahr auf dem Alten Kontinent war, habe ich Paris, die Bretagne, Amsterdam und Utrecht kennengelernt, und das war für mich, als wären die Bücher lebendig geworden. Ich war zum ersten Mal außerhalb der USA und habe mich sehr bemüht, nicht wie der typische amerikanische Tourist aufzutreten. Natürlich habe ich dann doch alles angestaunt, man kommt als Tourist ja nicht aus seiner Haut; ich hoffe nur, ich bin keiner von der nervigen Sorte gewesen. In Amerikaner gibt es einige Vorurteile über die Europäer, und ich hatte mir fest vorgenommen, mich nicht von denen leiten zu lassen. Bei meiner Reise durch Frankreich und die Niederlande habe ich dann feststellen können, daß die Menschen doch überall auf der Welt gleich sind. Sie haben ihre Sorgen und Freuden, es gibt gute und schlechte, und das ist ein beruhigendes Gefühl.

Zu der ganzen Reise ist es überhaupt gekommen, weil Tjarda (Veranstalterin von Beyond Bellydance) Amar und mich in ihre Show eingeladen hat. Sie kannte Amar von ihren gemeinsamen Projekten mit „Hot Pot“ und „Unmata“ – mit denen Amar schon seit Jahren zusammenarbeitet. Tjarda ist außerdem mit Heather Shoopman (meiner Fern-Tanzpartnerin) befreundet

Du bist mit DJ Amar nicht nur als Paar zusammen, ihr arbeitet auch zusammen. Es hört sich ungewöhnlich an, statt mit einem Tabla-Spieler mit einem DJ zu arbeiten.

Mit Amar zusammenzuarbeiten unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Kooperation mit einem Trommler oder einer Live-Band. Es kommt eben drauf an, wie gut es zwischen uns auf der Bühne klappt, und das kann mit einem DJ genauso gut funktionieren wie mit einem Trommler. In Kalifornien sind solche Verbindungen übrigens gar nicht so selten. Ich weiß jetzt gerade nicht, wer damit angefangen hat, aber Amar hat schon mit ein paar anderen Tänzerinnen zusammengearbeitet, und das hat eigentlich immer ganz gut geklappt. Er hat auch immer erkannt, wann die Tänzerin ein neues Lied wollte. Also genau so wie ein Tablaspieler, der auch spürt, wann seine Tänzerin zum Baladi, zum Csiftetelli oder zum Shimmy-Solo ansetzt. Als wir beide angefangen haben, zusammen aufzutreten, und da hatten wir schon nach wenigen Malen den Bogen raus. Heute brauche ich ihm nur einen Blick zuzuwerfen, und schon weiß er, daß ich ein neues Lied oder ein Ende brauche.

Wir sind 2009 zusammengekommen, nachdem wir uns auf einer Show in Los Angeles kennengelernt hatten. Dank zahlreicher gemeinsamer Freunde sind wir uns immer wieder begegnet, haben dann festgestellt, daß wir doch zusammenarbeiten könnten, und sind dann erstmal privat miteinander ausgegangen. Daraus ist eine Beziehung entstanden, die uns beiden in persönlicher und in professioneller Hinsicht sehr viel gegeben hat. Amar hat bei World Music und moderner elektronischer Musik eine geschickte Hand und kann alles wunderbar mischen. Er hat vor mir schon mit anderen gearbeitet und tritt auch heute noch mit ihnen zusammen auf. Zu seinen Bühnen-Partnerinnen gehörten und gehören Jill Parker, Ultra Gypsy, Ariellah, The Lady Fred, Unmata, Mavi und viele andere. Daß ich mich zu dieser Liste hinzuzählen darf, ist mir bei einem so gefragten Künstler schon eine große Ehre. Ich bin da natürlich etwas parteiisch, aber für mich gehört er zu den besten Tanz- und Musik-Produzenten, die mir je untergekommen sind. Amar hat mir auch den Anstoß gegeben, mich tänzerisch weiterzuentwickeln und an lukrativere Auftritte zu gelangen.
Was hast du vor deiner Tanzkarriere gemacht, und wie sieht dein Leben heute aus?

Ich habe einen Studiengang in Angewandter Kunst hinter mir, aber als ich von der Uni
kam, setzte gerade die große Krise in der US-Wirtschaft ein. Während ich nach
irgendeiner Stellung suchte, die etwas mit bildenden Künste zu tun hatte, bin ich mehr
und mehr als Tänzerin aufgetreten. Drei Jahre lang habe ich Büro und Bühne unter einen
Hut zu bringen versucht, und Ende letzten Jahres habe ich dann Nägel mit Köpfen
gemacht und die Bürotätigkeit aufgegeben, um nur noch zu tanzen. Bislang habe ich das
auch noch nicht bereut. Aber ich tanze ja nicht nur, ich betätige mich ja auch sonst
künstlerisch.

Ich kenne eine Menge Tänzerinnen, die nur von Auftritten und Workshops leben, und mindestens ebenso viele, die jede Menge Neben-Jobs angenommen haben, um über die Runden zu kommen. In den USA hat man es als Künstler nicht leicht, ganz gleich, welcher Richtung man anhängt. Aber ich spüre, daß es mir immer besser geht, seit ich den Bürodienst abgebrochen habe und von Los Angeles weg und nach Oakland gezogen bin.

Wenn Amar und ich wieder in Los Angeles sind, veranstalten wir in Zusammenarbeit mit dem Studio Iquaat eine Show namens „Eclectic Ensemble“ (so viel wie „Vielseitiges Ensemble“). Wir lassen dort professionelle Tänzerinnen wie Aubre Hill, Heather Shoopman oder Sherri Wheatley, aber auch ihre Schülerinnen auftreten. Wir möchten eine Stätte aufbauen, in der Künstler wie Publikum gleichermaßen willkommen sind. Die Anfängerin soll ebenso gern kommen wie die Profi-Tänzerin, die hier vielleicht etwas Neues vor Publikum testen will. Ich habe jetzt immer mehr damit zu tun, mir Gedanken darum zu machen, wie man eine Show produziert, das artet richtig in Arbeit aus. Das flößt mir auch einen Heidenrespekt vor denen ein, die viel größere Veranstaltungen stemmen, wie zum Beispiel Tjarda und Renate bei „Beyond Bellydance“. Ich finde die beiden großartig. Ihre Show ist störungsfrei abgelaufen, und das beweist mir, daß man sich dafür auch in die Arbeit hineinknien muß.

Und was mache ich sonst? Ich habe das große Glück, in einer Region zu leben, in der es unzählige Tanz- und Musik-Shows gibt. Ich kann in eine Diskothek gehen und mir tolle DJs anhören und am nächsten Abend klassischer indischer Musik lauschen, von Meisterhand gespielt. Das alles kommt meinem eigenen Tanz natürlich zugute. Man wird hier an jeder Ecke inspiriert. Neue Bewegungen auf der Tanzfläche oder neue Ideen durch Musik fließen direkt in meinen Fusion ein.

Letztes Jahr bin ich auch zum ersten Mal nach Sebastopol zum Tribal Fest (in den Vorjahren hatte ich mir die Fahrt, damals noch von Los Angeles aus, einfach nicht leisten können). Na, das war vielleicht der Hammer. Ich habe mit Tjarda und Sherri Wheatley auf derselben Bühne gestanden. Und ich habe mir „Unmata“ anschauen können, wie sie das Festival mit ihrem einmaligen „Fashion“ beschlossen haben. Chuck und Kajira haben eine Wahnsinns-Show auf die Beine gestellt. Nur wenige bekommen so etwas jemals hin. Ich würde dieses Festival jedem empfehlen, der das nötige Kleingeld aufbringen kann. Ich glaube, daß das weltweite Netzwerk von Tribal- und Tribal-Fusion-Tänzern solche Festivals braucht, um sich immer wieder daran zu erinnern, daß wir eine große Gemeinschaft sind und zusammengehören.In diesem Jahr war ich wieder in Sebastopol und bin am Sonntag als Gast bei DJ Amar aufgetreten. Und natürlich bei der After-Party am Samstag.
Homepage: www.calamitydances.wordpress.com
Calamity Sam und DJ Amar sind zu Gast bei "BEYOND BELLYDANCE IV"
16. - 20. November 2011 in Amsterdam/Utrecht (NL)
Informationen zur Veranstaltung unter: www.tjarda.nu
Grafische Gestaltung und Photos © Konstanze Winkler
Calamity Sam
DJ Amar