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Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Eines ihrer radikalsten Projekte nennt sich „Cyber Gypsy“ und nutzt die Möglichkeiten des virtuellen Raums für ein besonderes Tanzprojekt. Nachdem wir vom ersten Durchlauf berichtet haben, erschien es uns für Cyber Gypsy 2 geboten, mit einer ihrer engsten Mitarbeiterin zu sprechen, Louise Hechmann hat sich dazu bereiterklärt. – Dud Muurmand wird im Frühjahr 2012 ein größeres Festival in Kopenhagen durchführen, zu dem Künstler und Gäste aus ganz Europa erwartet werden.
Schon beim ersten Mal, als wir sie tanzen gesehen haben, ist Dud Muurmand uns im Gedächtnis geblieben. Obwohl sie (auch) Tribal Fusion tanzt, hat sie doch eine bemerkenswert andere Herangehensweise. Die dänische Künstlerin kennt sich mit Theater aus, und das merkt man ihren Bewegungen und dem Drumherum ihrer Auftritte an.
Erzähle uns bitte etwas über dich und deine Beziehung zum Tanz

Ich heiße Louise Granhøj Hechmann und mache zur Zeit meinen Master im Fach „Cross Cultural Studies“. Aber wenn ich nicht fürs Studium arbeite, gibt es für mich nur Tanzen. Der Tanz hat in meinem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Meine Mutter ist Tanz-Lehrerin, und so habe ich schon ziemlich früh einen Zugang zu dieser Kunstform gefunden.

Seit ich laufen konnte bis zum Alter von 14 habe ich verschiedene Tänze und verwandte Sportformen gelernt, dann kam es zu einer Pause von mehreren Jahren. Aber seit meinem 22. Lebensjahr bin ich wieder dabei. Zuvor habe ich lange in Lateinamerika gelebt und bin deswegen über den Salsa wieder eingestiegen. Während eines Salsa-Kurses auf Jütland bin ich mit dem Bauchtanz in Berührung gekommen, und der hat mich gleich fasziniert. Als ich nach dem Salsa-Kurs wieder zuhause war, habe ich mich gleich in einer Bauchtanz-Klasse eingeschrieben. Nach ungefähr einem Jahr habe ich Dud Muurmand kennengelernt, die als Vertretung für eine meiner Tanzlehrerinnen eingesprungen war. Duds einzigartiger Tanzstil hat mich gleich gepackt, und als sie mir ATS und Tribal Fusion gezeigt hat, war es um mich geschehen.

Ich bin dann zu ihr in den Unterricht und habe bei ihr ATS, Tribal Fusion, Zigeunertanz und Baladi gelernt. Nach einem Jahr hatte ich dann das Glück, in ihren Stamm „Tribe of Gaia“ aufgenommen zu werden. Und mit dem habe ich an einigen wirklich aufregenden Projekten und Experimenten teilgenommen, wie jetzt zum Beispiel „Cyber Gypsy“.
Du hast nicht nur daran teilgenommen, sondern auch eine wichtige Rolle in Cyber Gypsy (CG) 1 und 2 gespielt.

Ja, ich war bei beiden CG dabei. Bei “Cyber Gypsy II – Matrix Expanded” handelte es sich um ein Nachfolgeprojekt von “Cyber Gypsy 1”, das wir am 16. Dezember übers Netz ausgestrahlt haben (siehe Bericht in dieser Zeitung). Bei CG 1 habe ich in dem kleinen Mitarbeiterstab mitgewirkt und mich vor, während und nach der Sendung um praktische und technische Belange gekümmert.

Obwohl ich damals noch nicht zu den Tänzern gehörte, habe ich hinter den Kulissen doch gehörig Erfahrungen sammeln können. Erst da ist mir so richtig aufgegangen, was eigentlich hinter dem Projekt steckte und wie vieler Anstrengungen es bedurfte, so ein Experiment in die Tat umzusetzen. Selbst in der Technik mußte man ständig aufpassen, weil andauernd neue unvorhergesehene Sachen aufgetaucht sind.
In CG 2 habe ich dann zu den Tänzerinnen gehört, zusammen mit Dud Muurmand and Lisa Bügel Jørgensen – letztere gehört auch zum „Tribe of Gaia“. Vor der Kamera zu stehen, war ganz neu für mich, und eine tolle Herausforderung. Das kommt einen schon ganz anders an, wenn man im Cyber-Raum vor einem unsichtbaren Publikum tanzen muß, atatt vor einer
sichtbaren Zuschauerschar, die sich mit einem im selben Raum befindet. Man muß sich erst an die Vorstellung gewöhnen, daß man selbst niemanden sehen kann, da draußen irgendwo aber wer weiß, wie viele sitzen und jede Bewegung von einem verfolgen. Eine wirklich ungewöhnliche Erfahrung.
Welche Intention steckte hinter Cyber Gypsy 2?

Bei CG 2 handelte es sich, wie schon bei CG 1 um eine experimentelle Tanz-Vorführung, die nicht weniger beabsichtigte, als dem Tanz-Theater eine neue und noch nicht dagewesene Dimension zu verleihen. Bei CG ging es uns darum, etwas auf die Bühne zu stellen, bei dem das Publikum und die Vortragenden sich irgendwo im virtuellen Raum begegnen. Wir haben uns dafür der Neuen Medien und der neuen Kommunikationsformen bedient  (und zum Beispiel „Ustream“ als Live-Sende-Kanal benutzt).
Und auch, daß wir CG 2 mitgefilmt haben, hat den Tanz auf eine ganz neue Weise begleitet, hat die neuen technischen Möglichkeiten und Grenzen in Beziehung zur künstlerischen Seite der Darbietung gestellt.
Die große Besonderheit und interessanteste Seite an Cyber Gypsy war die Live-Übertragung und die Frage, was man damit bewirken kann. Nachdem wir im vorvergangenen Jahr den ersten Versuch gestartet hatten, haben viele Menschen Dud immer wieder gefragt, warum wir die ganze Geschichte nicht mitgefilmt und dann zum Beispiel in „You Tube“ eingestellt hätten. Aber genau darum ging es uns ja nicht. Wir wollten eine neue Form von Theateraufführung erschaffen und nicht bloß irgendein Video drehen, das man später irgendwo einstellt.Dud wollte etwas Neues und bis dahin nie Dagewesenes in die Welt setzen.
Mit Cyber Gypsy sollte den Zuschauern die gleiche Erfahrung vermittelt werden, als wenn sie eine Aufführung in einem Theater besuchen. Dort bekommt man ja auch zu sehen, unter welcher Spannung und Energie die Schauspieler stehen. Wie ich vorhin schon ausgeführt habe, strahlt man als Tänzer eine ganz neue Form von Spannung und Energie aus, wenn man weiß, daß draußen im Cyberraum ein Publikum sitzt, das einem zuschaut, das jedem Schritt und jeder Bewegung von einem folgt. Die Spannung und Energie überträgt sich auch auf das Publikum, und das in einem fruchtbaren Sinne. Gar nicht erst zu reden davon, daß man bei einer Live-Ausstrahlung nicht schneiden oder nachbearbeiten kann. Was in den zehn Minuten, in denen die Kamera läuft, von ihr übertragen wird, bekommen die Leute auch zu sehen. Wenn es dabei zu einer Panne kommt, muß man die halt in kauf nehmen. Bei einer Theateraufführung ist das doch auch so. Deswegen haben wir ja auch live ausgestrahlt und kein Video mitgedreht, daß wir später bearbeiten und dann in You Tube einstellen könnten. Wir wollten, daß das Publikum im Moment des Ausstrahlens dabei ist, damit es an unserer Erfahrung teilhaben kann und wir alle Bestandteil dieses Experiments werden.
Für wen ist CG gedacht?

Für jeden. Alle können sich Cyber Gypsy anschauen, Tänzer wie Nichttänzer, alt und jung. Eines unserer Ziele lautet doch auch, mit der Übertragung Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Wir haben 82 Personen gezählt, die unsere Sendung verfolgt haben, darunter solche aus Deutschland, den USA, Schweden, Norwegen oder Tschechien. Und noch während wir gesendet haben, haben die Zuschauer sich auf „Usteam“ gemeldet, Kommentare zur  Vorführung abgegeben oder Fragen gestellt. Deswegen dürfen wir wohl feststellen, daß CG weltweit eine größere Gruppe Menschen in Verbindung miteinander gebracht hat, und darum ging es uns ja.
Wir wollten die Zuschauer und die Darsteller (also uns) zusammenführen, damit sie zum selben Zeitpunkt gemeinsam etwas erleben können, genauso wie es bei einer Theateraufführung zugeht.
Und was habt ihr für die Zukunft vor?

Ich weiß, daß Dud darüber nachsinnt, wie man über das  ganze CG-Projekt ein Video herstellen kann. Die Zuschauer sollen sich daraus ein Bild machen, wie eine solche Show zustande kommt, welche Vorbereitungen man treffen muß und was sonst noch alles wichtig ist. Von beiden Shows gibt es Filmmaterial. Beim ersten Mal haben wir einen Berufsphotographen kommen lassen, der im Vorfeld der Ausstrahlung gefilmt hat, was sich hinter der Bühne so alles tut. Und beim zweiten Mal haben wir ja selbst mitgedreht.
Davon abgesehen freuen wir uns natürlich schon auf CG 3. Das Schöne an dem Projekt ist ja, daß wir mit jedem Mal wieder einiges mehr über die Arbeit mit dem Cyber-Raum herausfinden. Mit jeder neuen Erkenntnis gelingt es uns, das Projekt zu verbessern und ganz neue Dinge auszuprobieren. Die Arbeit an Cyber Gypsy war überaus spannend, und ich bin sehr stolz, dabeigewesen zu sein. Ganz zu schweigen davon, wie toll es ist, mit Dud Muurmand zusammenzuarbeiten, die einen immer wieder mit neuen interessanten Ideen überrascht.

Homepages:

Dud Muurmand: http://www.dudmuurmand.dk/

tribalDance DK: http://www.tribaldance.dk/

Photos © Nils Djervad
Louise Granhøj Hechmann
Louise Granhøj Hechmann und Lisa Bügel Jørgensen
beim Filmdreh
Dud, Louise und Lisa
Dud Muurmand
Im Filmstudio
TANZ IM VIRTUELLEN RAUM -
Projekt Cyber Gypsy II

Interview mit Louise Granhøj Hechmann

von Marcel Bieger