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Als ich gefragt wurde, ob ich denn wohl einen Showbericht zu „Dance in Concert II“ schreiben würde, habe ich mich ein wenig gesträubt, Modern und Jazz liegen mir normalerweise nicht so sehr ... Aber als ich dann im Publikum saß, wurde ich äußerst positiv überrascht! Die gepflegte, aber etwas alternative Hallenanlage versetzte mich gleich in die richtige Stimmung für das kommende Ereignis. Das Licht verlöschte.
Emotion Ensemble
Die Musiker betreten im Dunkeln die Bühne. Geheimnisvolles Klingen und Rasseln ertönt, als der Perkussionist von „1 2 hoch Null“ seine Instrumente „anlegt“ und sortiert. Die Spannung steigt. Das Licht auf der Bühne beleuchtet nun die Musiker, die am rechten Bühnenrand sitzen, und Musik hebt an. Hui-Chun Lin am Cello, Peter Kuhnsch mit diversen Percussion-Instrumenten und  Max Löb Garcia (Gitarre) begrüßen das Publikum mit angenehmen, ohr-und seelenstreichelnden Melodien voller Einflüsse verschiedener Kulturen. Ich beginne mich der Musik mehr öffnen. Der Perkussionist führt mit kurzen Ansagen zu Tänzerin und dem Titel des Stücks durch das Programm.
Homepage Natalie Pichler-Hagge:
www.emotion-studio.de
Graphik/WebDesign: Konstanze Winkler
Den tänzerischen Teil eröffnen Shalymar & Serkan aus Berlin, mit einem Duo über Lieben, Lösen, Nicht-Lassen-Können, aber auch  über Auseinandersetzungen, Macht und Unterwerfung. Über die ausdrucksstarke Darbietung, die in wundervoller Harmonie zur teilweise improvisierten Musik steht, vergißt mein Ohr, die sich aus der steigenden Spannung ergebenden Disharmonien der Musik zu beklagen. Es ist einfach eine mitreißende Geschichte, und ich bin gespannt darauf, wie sie ausgeht. Und mir kommt die Erkenntnis: Dies ist kein orientalischer Tanz, der versucht, moderne Musik zu interpretieren. Dies ist auch kein Versuch, Modern Dance im neuen Gewand darzustellen. Vielmehr erleben wir einen Auftritt, der ausdrucksstark, dynamisch und schön anzusehen ist. So wie er ist.
Teilweise improvisiert ist die Musik übrigens in allen Stücken des Abends. Als nächstes kommt Saphira aus Offenbach auf Bühne.  Mit ihr einige Dämonen, denen sie wohl schon glaubte, entwischt zu sein. Es kommt zum Kampf … Ein wenig aus dem orientaltänzerischen Bewegungs-Repertoire, ein bißchen Tribal Fusion Style, etwas moderner Tanz und eine Riesenportion Ausdrucksstärke. Ich kann die Dämonen, die sie jagen, fast sehen und über die dramatische Musik auch fühlen. Saphira kämpft mit jeder Faser des Körpers – uns sie gewinnt! Auch bei mir.
Es folgt ein Duo von Karime & Lavinia mit dem Thema „Begegnungen“, gleich danach das Trio der beiden mit der hinzukommenden Gastgeberin Natalie mit dem Titel „Abschied“. Die Choreo entspricht allen Regeln der Kunst, tänzerisch niveauvoll und jede Sekunde ausdrucksstark getanzt. Dennoch kann ich hier nicht ins Stück finden. Diese Darbietung erinnert mich als einzige in der ganzen Show etwas an mein Vorurteil „Modern Dance den Modern Dancern“.  Dennoch schön anzusehen und als Überraschung am Schluß: Wer sagt denn, daß man zum Tanzen Musik bräuchte? Diese hört der Zuschauer auch noch lange nach dem letzten Ton durch die melodiöse und rhythmische Weiterführung der Tänzerinnen.

Nach dieser ereignisreichen, aus facettenreichen Bildern bestehenden Vorführung entführt uns zunächst wieder ungewohnt eingängige Musik in andere Klangsphären und das Auge hat Gelegenheit, sich vor dem nächsten Leckerbissen wieder erfrischen zu lassen.
Patricia zeigt uns Tribal Fusion vom Feinsten. Jeder Akzent sitzt, jedes Popping und Locking exakt, klar und perfekt positioniert, jeder Shimmy voller Energie. Ein binnenkörperliches Spektakel. Schade ist allein, daß sie aus der doch ungewöhnlichen Musik keine Inspiration für neue Einflüsse zieht. Dennoch ein gelungener Auftritt. - Schließlich wirbelt noch einmal Serkan schleierwehend über die Bühne. Und enthüllt, charmant lächelnd, das Pausenschild.
Den zweiten Teil eröffnet Natalie zu dem  Stück „About Bach“ – und um dies zu verstehen, fehlen mir offenbar die Hintergründe zu Bach. Aber auch ohne die Idee, was Natalie mir sagen möchte, begeistert mich die Darbietung. Kreative Ideen (natürlich. Es ist Natalie!), furiose, beeindruckende, nicht enden wollende Drehungen, Augen, die mich direkt auf die Bühne ziehen, Ausdrucksstärke, überraschende Bodenteile … Natalie in ihrem Element! Und hier kann ich zum ersten Mal wirklich bemerken, daß die Musik  improvisiert ist, dass eine Kommunikation stattfindet zwischen Tänzerin und Musikern; die kleinen Unperfektheiten bei Akzenten werden durch das zusätzliche Leben x-fach aufgewogen.
Danach tanzen noch einmal  Shalymar & Serkan, diesmal mit Maryam als Dritter im Bunde. Hintereinander stehend zeigen sie sich erst nach und nach – und überraschen den Zuschauer damit, daß alle drei die Augen verbunden haben. Es entspinnt sich ein Spiel aus Finden und Entfernen, Zusammenwirken, sich gegenseitig stärken, aber auch Ausnutzung von Schwächen … Eine Gemeinschaft, die in blindem Vertrauen agiert und sich immer wieder zusammenfindet? Ein Hinweis auf die subjektiv eingeschränkte Sicht, die subjektive Wahrnehmung, die Kommunikation oft so schwierig macht? Das Rätsel nehme ich mit in die Nacht. Die choreografische Handschrift von Shalymar, die auch schon im Duo erkennbar war, offenbart sich auch hier. Der Stil wie schon im Duo, sauberer Tanz, ohne gewollt oder gekünstelt zu wirken, kein in die Musik gepreßter Orienttanz, sondern wiederum Bewegungen und Bilder, die sich den Emotionen des Stücks unterordnen.
Und gerade als ich mich wage zu denken, ich hätte nun das Beste gesehen, was der Abend zu bieten hat, da kommt sie: Lorena Galeano. Sie hat Zeit. Die Musik läuft. Die Musik verändert sich, steigert sich, ruht wieder. Die Zuschauer sind gespannt. Die Musik hebt erneut an. Ich überlege, ob es wohl ein Problem hinter der Bühne gibt.  Und dann erweist Lorena uns die Ehre. Sie schreitet auf die Bühne. Selbstbewußt und erhaben. Wird mit dem ersten Schritt eins mit der Musik. Beginnt eine Suche. Eine Suche nach ihrem persönlichen Weg. Eine Suche nach der versteckten Bedeutung, wo gerade doch noch alles klar war. Sie geht manche Wege zweimal. Sie irrt sich. Sie setzt neu an. Und schließlich klärt sich alles. Sie findet zurück zu ihrer Mitte und verläßt die Bühne, wie sie kam. Ohne jeden Zweifel an dem, was sie ist und kann und leistet. Lorena muss den Modern Dance niemandem überlassen. Sie ist die Frau, der wir den Modern Dance überlassen können. Und die ihn an passender Stelle mit einem Shimmy garniert.
Zum Schluß reißen uns Perlatentia mit einer wundervoll lebendigen und nicht ganz ernst gemeinten Vorführung aus der nachdenklichen Stimmung. Sie nutzen ATS-Improvisationen, unterbrechen diese mit kleinen frechen Soli und nehmen die Kapriolen der Musik mit einem tänzerischen „Hoppla“ von der heiteren Seite. Wunderbar. Genau deswegen liebe ich ATS.

Mit vielen neuen Eindrücken, überraschenden Erkenntnissen und einem Herzen voller Tanz genieße ich dann noch den restlichen Abend. Und mein Fazit? Wohl das beste, das man einer Tanzshow aussprechen kann: Sie war zu kurz!
rechts, der Video-Trailer zu
"Dance in Concert 2"
bei YouTube, ... klick auf's Bild
Homepage Amira Almaas:
www.amira-almaas.de
Finale
Perlatentia
Lorena Galeano
Die Band "1 2 hoch Null"
Shalymar und Serkan
Saphira
Karime, Lavinia und Natalie
"1 2 hoch Null" - Hui-Chun Lin am Cello
Patricia
Serkan
Natalie
Shalymar, Serkan und Maryam
"Ich kann die Dämonen fast sehen"
DANCE IN CONCERT 2
Leipzig, 27. Juni 2014
von Amira Almaas