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Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Photos © Roland Soldi (www.rolandsoldi.ch)
Ein Glühen. Eine Passion. Ein Traum. Der Traum eines Musikers war es, der dem Gypsy Festival vor zwölf Jahren Leben einhauchte. Das Zusammenführen verschiedener Roma-Kulturen, das gemeinsame Musizieren, Tanzen, Feiern an einem Ort, an einem Abend – was sich vor uns entfaltet, ist ein bunter Fächer von musikalischen und tänzerischen Fusionen voller Leidenschaft und Lebensfreude. Aus einem anfänglichen Glühen wird ein Funken. Und aus dem ein interkulturelles Feuerwerk.
DIE FREITAG PRE-SHOW, 22. März 2013

Dieses Jahr spielen an zwei Abenden 20 Künstler aus 5 Ländern im Zürcher Bernhard Theater und laden uns ein zu einem ganz besonderen Fest der Kulturen. Uns erwarten Roma-Musik und Tanz aus Indien, Spanien, Mazedonien (helvetisch-mazedonisch) und Ungarn. Am Freitagabend findet unter der Leitung von Nicole McLaren zusätzlich ein Tanzprogramm statt.

Die auch in Deutschland bekannte Zürcher Tribal Fusion-Tänzerin Viviane Gerhard eröffnet den Abend gefühlvoll mit einem Tanz zu Klängen von der Folkgruppe Beirut. Ihre Bewegungen sind sehr präzise und harmonisch. Sie zieht uns mit ihren sanften Drehungen in einen melancholisch-träumerischen Bann.

Musik knistert wie von einem alten Plattenspieler. Zurückgesteckte Frisuren. Tangokleider. Die „Oriental Divas“. Diese Tänzerinnen versetzen uns mit ihrem Stück zurück in eine vergangene Zeit. Charmant-elegant lassen sie Tango- und Bauchtanzelemente ineinander fliessen.

Bseisa aus Deutschland, tanzt einen frechen, traditionell anmutenden, ungarischen Zigeunertanz und lädt das Publikum zum Mitklatschen ein. Ein heiterer Tanz!

Für diesen Tanz der „Lilalaune-Company“ finden sich Tänzerinnen aus unterschiedlichen Stilen zusammen, was auch die abwechslungsreiche Darbietung auszeichnet. In ausgefallenen Formationen tanzen sie mal mit Feder-Boa, mal mit Schirmchen und flirten dabei keck mit dem Publikum. Ihre Kreativität wird von den Zuschauern mit viel Applaus belohnt.

Als nächstes folgt ein wunderschönes Solo von Alia. Alia verzaubert die Zuschauer mit ihrer Musikalität, ihrer Anmut und ihren sehr femininen Bewegungen. Sie interpretiert, passend zum Titel des Festival, einen Jazz-Klassiker von Duke Ellington: „Caravan“.    

Den Abschluß dieses vielseitigen „Vorprogramms“ bildet das Solo-Stück von Nicole McLaren. Eine Magierin auf der Bühne. Ihr Drehtanz zu einem modernen Stück ist berührend und elektrisierend zugleich. Das Publikum klatscht und jubelt.
Mit farbigen, voluminösen Röcken betreten die Tänzerinnen der „Dancers of Seraphim“ die Bühne. Zum ersten Mal erweist sich die Bühne als ein bißchen zu eng als sich Röcke von einigen Tänzerinnen: In einen schon für die Musiker des Vollprogramms bereitstehenden Stuhl verheddern und diesen beinahe zum Stürzen bringen, was sie aber nicht davon abhält uns ihren munteren Balkan-Gypsy spielerisch zu präsentieren. Im Gegenteil: Das nicht der Choreographie zugehörige Detail wird gekonnt spontan ins Stück miteinbezogen. Opà!
DAS GYPSY FESTIVAL

 Christian Fotsch, der Produzent und künstlerische Leiter des Gypsy Festivals sowie Musiker der Gruppe „SSASSA“, leitet den Abend mit einer kurzen Rede ein und erklärt, daß am heutigen Abend vier Künstlergruppen anwesend sein werden, wie die Bühne für sie aufgeteilt ist und daß das diesjährige Festival unter dem Motto „Chave amare cerenja – die Kinder sind unsere Sterne“ steht.  

Radschastan
Dhoad: Die Zuschauer schmunzeln als Amrat Hussain, der Tablaspieler der Musikgruppe Dhoad aus Radschastan, die Bühne betritt. Er weiß das Publikum mit einem Spiel der Augen zu unterhalten.Und mit Worten. Amrat stellt sich vor ... eingebettet in geistreiche Anekdoten. Auch sein jüngerer Bruder, Sanju Hussain, kommt mit einem ansteckenden Lächeln auf die Bühne und setzt sich ans Harmonium. Und auch er wird sich als großartiger Unterhaltungskünstler, talentierter Harmonium-Spieler und Sänger erweisen. Der letzte und jüngste Musiker dieser Formation, Anurag Hussain, ist der elfjährige Sohn von Amrat.
Die Art, wie er die Übergänge zwischen den einzelnen Liedern gestaltet beweist Amrat Hussains Talent zum Geschichtenerzähler. Nun erzählt er uns von einer indischen Palasttänzerin, wie sie mit ihrem Tanz in einem majestätischen Palast das Fest der Farbe und der Liebe zelebriert. Shamla Kalbelia Sapera, die Tänzerin von Dohad, setzt diese Geschichte in ihrem Tanz um. 

Lebensfreude spiegelt sich im indischen Zigeunertanz von Shalma Kalbelia Sapera wieder. Die Genauigkeit ihrer Bewegungen und die gleichzeitige Losgelöstheit in ihrem Tanz faszinieren ebenso, wie die Sprache ihrer Hände und ihr prachtvolles Kostüm. Damit ist die Trickkiste der Künstler aus Radschastan noch nicht ausgeschöpft. Sie beziehen auch das Publikum in ihre Darbietung mit ein. Wir sind aufgefordert das Wort „Nibula“ mitzusingen. Das Publikum freut sich, im immer dynamischer werdenden Lied Teil der Darbietung zu sein, welches in ein spektakuläres Ende des ersten Aktes mündet.

Heute spielt und singt er zum ersten Mal auf einer großen Bühne. Für ihn steht ein etwas kleineres Tabla-Paar bereit. Sein Vater stellt auch ihn vor und erzählt uns von den uralten Traditionen ihrer Musikerfamilie, wo den ganzen Tag Musik gemacht wird und die Kostbarkeiten des Musizierens, wie etwa das Tabla-Spiel, von Generation zu Generation
weitergegeben werden.

Gleich geben sie uns eine Probe davon, wie ein solcher Musikeralltag zwischen Vater und Sohn gestaltet sein kann. Amrat Hussein spricht die Takte vor, Anurag gibt sie flink auf der Tabla wieder. Zunächst sind es ganz kurze Passagen, die sie uns vortragen dann immer längere und virtuosere!
Sie bieten uns auch ein Liebeslied dar, von dem sich der junge Anurag Hussein gewünscht hatte, es auf seinem ersten großen Konzert singen zu dürfen. Daß ihm dieses Lied ‚am Herzen’ liegt ist zu hören und zu spüren!
Von Indien nach Spanien.

Jerez Puro: Der Flamenco-Guitarrist Miguel Soto stimmt zunächst ein melancholisches Lied an, als würde er die fröhlich-lustigen, indischen Musiker verabschieden ... als die Musik darauf eher von Freude als von Schmerz erfüllt ist, setzt sich eine Frau zu ihm auf die Bühne. Sie lächelt, schlägt die Beine übereinander und blickt frech, abwechselnd zum Gitarristen und ins Publikum. Zustimmend nickt sie dem Gitarristen zu, hebt ihre Hände an und läßt sie kraftvoll wieder sinken. Percussion. Sie hatte sich auf ein Cajon gesetzt. Die Frau ist Marta Themo, wie sich zeigen wird eine außergewöhnliche Cajon-Spielerin aus Genf. 

Jorge San Telmo. Der Ausdruck dieses Tänzers ist wahrhaftig mit Worten schwer zu fassen. Die Intensität, mit welcher er die Bühne betritt. Das feurige Wechselspiel zwischen Musik, Gesang und Tanz, was sich nun entfacht, hält das Publikum in Atem. Gegenseitig feuern sich die Künstler an und fordern sich heraus. Die Fußtechnik von Jorge San Telmo ist dermassen mitreißend, daß das Publikum sich vor Begeisterung nicht halten kann, dazwischenruft und lebhaft applaudiert. Und wie es ihm gelingt die Spannung besonders auch in den langsamen Passagen aufrecht zu erhalten! Pura Arte. Arte Pura!
v.l.n.r.: Miguel Soto, Jorge Sal Telmo,
Marta Themo
Shamla Kalbelia Sapera
Amrat
Sanju
Anurag
Von Spanien nach Mazedonien/Schweiz/Iran

SSASSA & Maryam Ribordy: SSASSA, die mazedonisch-helvetische Musikgruppe, eröffnet ihren Akt mit einem besänftigenden Zigeunerlied. Christian Fotsch, Leiter dieser Gruppe und zugleich Gastgeber des Gypsy Festivals steht am Kontrabaß. Sein Gesicht glüht vor Freude. Weitere Instrumente dieser Gruppe sind unter anderen die Darabuka, das Akkordeon, Blasinstrumente und Gitarren. Faszinierend ist, wie es diesen Musikern gelingt Balkan-Zigeunermusik mit Flamenco-Rhythmen zu mischen. Sie nehmen die Stimmung der vorherigen Flamenco-Künstler auf, lassen sie als Echo in ihren Liedern nachklingen und kreieren ihre ganz eigene fesselnde Atmosphäre.

Mit Maryam Ribordy, der persischen Tänzerin aus Fribourg, erreicht diese Fusion ihren interkulturellen, kreativen und ästhetischen Höhepunkt. Diese Tänzerin hat eine starke Bühnenpräsenz und eine außergewöhnliche, wunderschöne Mimik. Sofort schließt sie uns ein in ihre Geschichten.

Geschichten, die sie uns allein mit einem Lächeln oder einem Ausdruck des Schmerzes zu erzählen vermag. Ihre Bewegungen dabei sind weich, sinnlich, verführerisch - Orient pur.
... und nach Ungarn

Romano Drom: Die vierten und letzten Künstler des Abends sind Romano Drom. Roma aus Budapest. Romano Drom ist eine Truppe wie wir uns Roma aus Ungarn vorstellen. Als Perkussionsinstrument beispielsweise dient ihnen eine Milchkanne. Stimmungen lassen sie aufkommen, als wäre man Teil einer ausgelassenen Roma-Feier unter freiem Himmel und dann wieder als säße man in einem kleinen Café und lausche einem intimeren Konzert. „Chave amare cerejna“ – die Kinder sind unsere Sterne. Das Motto des Festivals wird wieder aufgegriffen und mit dem kleinen Dominik Balogh der Kreis geschlossen. Der Siebenjährige, der jüngste Künstler von Romano Drom und an diesem Abend, tanzt einen kecken Stocktanz. Als er seinem Stock Ruhe gönnt, zeigt er uns schnelle Fußkombinationen. Welch ein Talent! Zu ihm gesellen sich sein Vater und einer der Musiker und zeigen virtuos, daß auch der Körper ein Perkussionsinstrument sein kann!

Allmählich versammeln sich alle vier Künstlergruppen auf der Bühne. Es bilden sich erste Musik- und Tanzfusionen. Ein berauschendes Mosaik aus unterschiedlichen Roma-Steinen entsteht bevor die Zuschauer trunken an Eindrücken in eine Pause entlassen werden.

Das Ineinander und Miteinander der verschiedenen Zigeunerkulturen wird in der zweiten Hälfte nochmals gesteigert. Besonders unter die Haut geht ein „Dialog“ der Perkussionisten. Indische Tablas fordern ein Cajon heraus, das wiederum gibt den Rhythmus an eine Darabuka weiter, und schliesslich entfaltet eine Milchkanne ihr komplettes Klangpotenzial. Bei dieser Reihenfolge aber bleibt es nicht. Die Rhythmen variieren, das Tempo steigert sich - bis sich auch ein Teil des Publikums auf der Bühne befindet und ausgelassen feiert! Das Gypsy Festival! Was für ein Spektakel! 

Homepage:
www.gypsyfestival.ch
Viviane Gerhard
Bseisa
Oriental Divas
Alia
Nicole McLaren
Dancers of Seraphim
Lilalaune-Company
Christian Fotsch
SSASSA
SSASSA
Maryam Ribordy
Romano Drom
Romano Drom
links: der kleine Dominik
"WAS FÜR EIN SPEKTAKEL"
8. Oriental & Flamenco Gypsy Festival „Chave Amare Cerenja“ in Zürich
von Anamaria Novak