Startseite/Aktuelles
zurück zu ma kuck'n
Photos: 1 und 7 © Polstar Photography, 2,3 und 4 © James Hedley, 5 © Maani, 6 und 8 mit freundlicher Genehmigung von Hilde Cannoodt
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
"EINMAL HABEN WIR UNS SCHNURRBÄRTE ANGEMALT"

Interview mit Hilde Cannoodt

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Hilde Cannoodt
Es war im Frühjahr bei Tjarda van Straatens Show „Beyond Bellydance“, als wir Hilde Cannoodt zum ersten Mal auf der Bühne erlebt haben. Der erste Eindruck bestätigte sich beim Gespräch nach der Show mit ihr: Wir haben es hier mit einem leibhaftigen Energiebündel zu tun. Hilde tanzt nicht nur wunderbar, sie gibt auch einen guten Eindruck davon, was gerade in der englischen Szene angesagt ist. Und sie ist ein Organisationstalent der Extraklasse. Wer jemals was auf der Insel machen möchte, sollte sich vertrauensvoll an sie wenden.
Du scheinst ein sehr aktiver und energiegeladener Mensch zu sein, was treibst du so alles in der britischen Szene?

Ja, ich habe immer gerne etwas zu tun. Ich gebe Workshops, unterrichte wöchentlich Klassen, leite zwei verschiedene Tanzgruppen, trete solo und zusammen mit einer Live Band auf und organisiere Veranstaltungen...

...Das liegt an verschiedenen Dingen, daß ich zum Beispiel so viele Interessensgebiete habe, und zum anderen, daß ich überall dabeisein möchte. Ich habe vor kurzem meinen Abschluß an der „Laban School of Dance“ in London gemacht, und seit ich wieder in meiner Heimatstadt Brighton sitze, bereite ich unsere neue Show im September vor. Ich gebe in Brighton Tanzunterricht, reise aber auch gern nach London und in andere britische Städte, um dort Workshops zu geben oder aufzutreten.

Zur Zeit leite ich zwei Tanztruppen, meine Schülerinnen und die Gruppe „Masmoudi“. Es ist so toll, mit den Mädels zu arbeiten, weil sie wunderbare Tänzerinnen und prima Kumpels sind, und bei unseren Trainingsstunden haben wir immer jede Menge Spaß.

Ich arbeite aber auch gern mit anderen Künstlerinnen zusammen, sowohl britischen wie auch ausländischen.

Vor allem sind da aktuell Donna Mejia, Sarah Locke und Ela Rogers aus den USA zu nennen, mit denen zusammen ich gerade ein Projekt einstudiere. Damit wollen wir in den USA und in Europa auf Tournee gehen. Ich bin schon sehr aufgeregt.

In Brighton mache ich auch einige Sachen mit Musikern. Wir haben die Live Band „Chaos Carousel“ gegründet, die türkische, osteuropäische und griechische Musik spielt. Alle Stücke sind von dem phantastischen Merlin Shepherd geschrieben worden, der in unserer Kapelle die Klarinette spielt. Ich tanze dazu und spiele Zimbeln. Wir treten zusammen auf, und geben Workshops mit Live Musik, und das macht ungeheuer Laune.

Du stammst aus Belgien und bist nach England gegangen. Warum bist du geblieben?

Ich bin nach England gezogen, weil ich mich in die Stadt Brighton verliebt habe. Das ist ein wundervoller Ort im Südosten des Landes, direkt am Meer. Als ich zum erstenmal dorthin geraten bin, wußte ich sofort, daß ich hier leben wollte. Brighton ist voller Kunst, hat eine großartige Musikszene und vibriert auch sonst an allen Ecken und Enden. Ich hätte sie am liebsten gar nicht mehr verlassen.

Aber eigentlich bin ich nach Brighton gegangen, um mir meinen Traum zu erfüllen und Profi-Tänzerin zu werden. Ich habe mich an der Uni in Brighton eingeschrieben und 2007 meinen Bachelor in „Dance and Visual Arts“ gemacht. Schon während des Studiums habe ich angefangen, Unterricht zu geben, und um mich hat sich bald eine richtige Gemeinde geschart. Tribal Fusion war in Brighton noch völlig unbekannt. Und dieser Tanz hat in der Szene gleich richtig eingeschlagen.

Von da an war Brighton mein Zuhause und mein Stützpunkt, von dem aus ich in der ganzen Weltgeschichte herumreisen konnte. Deswegen mußte ich mich auch nirgendwo anders niederlassen. Natürlich packt mich gelegentlich das Heimweh nach Belgien, und ich fahre oft hin, verbinde dann Familienbesuche damit, Workshops zu geben.
Du kommst viel in Tanz-Europa herum. Hast du auch den Eindruck gewonnen, als sei auf dem alten Kontinent einiges im Aufbruch, vor allem in Mittel- und Osteuropa? Und hast du auch die Beobachtung gemacht, daß Steampunk und Burlesque in Großbritannien schwer angesagt sind, aber es nicht oder noch nicht geschafft haben, sich auf dem Kontinent zu etablieren?

Ich finde es ganz toll, was die europäischen Tänzerinnen auf der Bühne zeigen. Das meiste ist erfrischend neu und anders. Deswegen lade ich ja auch bevorzugt europäische Künstlerinnen zu meinen Veranstaltungen ein, um ihren Stil zu unterrichten. Doch, der alte Kontinent hat viel Potential und Talent. Und es ist auch sehr aufregend, bei meinen Reisen zu erleben, wie diese oder jene Tänzerin sich weiterentwickelt hat. Ich fahre sehr oft nach Ost-Europa, in Polen war ich zum Beispiel schon viermal. Ich kenne dort mittlerweile eine ganze Reihe Tänzerinnen und freue mich zu sehen, wie sehr sie jedes Mal vorangekommen sind.

         Stimmt, Burlesque und Steampunk spielen in großen Städten wie London oder Brighton eine besondere Rolle. Ich muß auch gestehen, daß deren Garderobe mir ausgezeichnet gefällt. Man hat mir nach Auftritten auch gesagt,
daß ich etwas Varietéhaftes, Tingel Tangel und so weiter an mir hätte. Das kommt nicht von ungefähr, denn ich trete oft in Varietes auf, wo die Künstler gern in verschiedene Rollen schlüpfen, und das hat sicher auf mich abgefärbt.
Du lädst Dozentinnen aus der ganzen Welt zu dir ein, um Unterricht zu geben. Wie gerätst du an sie, welcher große Coup ist dir da schon gelungen? Und da ist es doch sicher auch zu der einen oder anderen lustigen Begebenheit gekommen.

Normalerweise lade ich Lehrer zu mir ein, die ich unterwegs kennengelernt habe. Wenn ich einen Workshop besucht habe, der mir etwas gebracht hat, gehe ich nach dem Kurs zu der Dozentin. Wenn ich dann eine Veranstaltung mit Workshops und so weiter vorbereite, lasse ich mich von zwei Prinzipien leiten. Zum einen sollen tolle Dozenten bei mir auftreten, aber das ist ja selbstverständlich, und zum anderen sollen die Schülerinnen bei mir eine rundum gute Zeit haben. Ich folge dem Motto “Work Hard And Play Hard”, also, wer feste arbeitet, soll auch feste feiern! Nach dem Unterricht organisiere ich dann gern noch eine Art Abendprogramm, wir gehen alle zusammen essen oder uns eine Balkan-Band anschauen, die irgendwo live auftritt; also etwas, das wir alle zusammen unternehmen können. Deswegen lade ich mit Vorliebe Lehrerinnen ein, die dabei mitmachen.
Wir hatten ein paar tolle Wochenenden zum Beispiel mit Amy Sigil, Donna Mejia, Tjarda van Straaten, Samantha Emanuel, Olivia Kissel, Suhaila Salimpour, um nur ein paar zu nennen. Im Lauf der Jahre sind da natürlich einige Geschichten zusammengekommen, die man am Lagerfeuer erzählen kann. Nach der Show von Donna Mejia etwa, die war im Januar 2011, sind wir alle zur After-Show-Party von einer Funk Band gezogen. Wir sind nach unserer Show so gegen 22 Uhr dort eingetroffen, alle mit Taschen und sonstigem Kram, und zu dem Zeitpunkt war außer uns noch niemand da. Die Kellner wußten wahrscheinlich nicht, wie ihnen geschah, als da 50 bis 60 bepackte Bauchtänzerinnen hereingetrabt sind. Das war jedenfalls sehr lustig.

Auch wenn wir zusammen essen gehen wird es nicht besser. Wir sind immer so 40 bis 50 Leute und übernehmen dann in der Regel das Restaurant. 40 Mädels, die den ganzen Tag hart trainiert haben und jetzt endlich feiern wollen! Die Bewohner von Brighton, die in ihrer Mehrheit keine Ahnung haben, daß es uns gibt, können dann sehr rasch diese Bildungslücke schließen, wenn wir in ein Lokal eingefallen sind und nach der Schlußansprache der Dozentin in laute Zaghareets ausbrechen. Ich weiß es auch noch wie heute, als wir uns einmal nach einer gemeinsamen Mahlzeit Schnurrbärte angemalt haben und so durch Brighton gelaufen sind. Solche Momente sind einfach unvergeßlich.

Und besonders gelungen war auch der Tag im März 2009, als ich nach den Workshops mit Amy Sigil aufs Meer hinausgerudert bin. Ich glaube, auf der ganzen Welt kann nur Amy in Taucheranzug und mit Schwimmweste cool aussehen. Ein unbezahlbarer Anblick!
Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Zunächst einmal kommen im September die wundervolle Amy Sigil und die unglaubliche Samantha Emanuel zu uns. Ihre Workshops sind schon seit Monaten ausverkauft. Nur für die Show mit ihnen am 23. September gibt es noch ein paar wenige Karten. Ich werde nach der Show zusammen mit meiner Band “Chaos Carousel” auftreten, und Phil Meadley gibt an dem Abend den DJ.

Die phantastische Donna Mejia, eine meiner Lieblings-Lehrerinnen, kommt im März 2012 nach Brighton. In der Show stellen wir dann die Ergebnisse unseres gemeinsamen Projektes vor. Donna gibt einen zweitägigen Intensiv-Kurs vom 24. - 25. März.

Danach sollte man sich den 1. – 4. Juni merken, denn dann kommen Sharon Kihara und Susan Frankovich zu uns nach Brighton, um zu tanzen und zu lehren. Die Einzelheiten erfährt man bald auf meiner Homepage.

Für das kommende Jahr ist noch einiges mehr geplant, aber das ist im Moment nicht so ganz spruchreif. Deswegen schaut auf meine Seite, wo dann rechtzeitig alles bekanntgegeben wird: www.hildebellydance.co.uk
1
2
3
4
5
7
6
8
Hilde und ihre Live Band "Chaos Carousel"