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Wir haben es bereits begeistert vermeldet, das diesjährige Tribal Festival zu Hannover im Juni hatte es in sich, das Festival hat sich quasi selbst neu erfunden. Zu den absoluten Höhepunkten zählten die Darbietungen einiger japanischer Künstlerinnen mit ihren Rückgriffen auf den modernen japanischen Gruselfilm (Camew) oder die lange japanische Geschichte. Wir konnten die in Köln lebende Japanerin Junko von Kieferwäldchen für ein Gespräch gewinnen, in dem sie auf ihren Tanz – so etwas hat man bei uns noch nicht gesehen – eingeht und uns allerlei erklärt.
Zur Einführung: Im 15. und 16. Jahrhundert fand in Japan ein Bürgerkrieg statt, in dem sich die hohen Häuser (von Junko „Clans“ genannt) gegenseitig vernichtet haben. Der Kaiser war schwach, und alle Macht lag in den Händen eines Reichseinigers („Shogun“). Um diesen Posten für sich zu ergattern, haben sich die Großen des Inselreiches hundertfünfzig Jahre lang in den Haaren gelegen.

Das Interview veröffentlichen wir auch in japanischer Sprache, siehe dazu auf unsere englische/internationale Seite.

"RÜCKBLICKEND WAR ES EIN INTERESSANTES EXPERIMENT"

Interview mit Junko von Kieferwäldchen

- von Marcel Bieger

Beim diesjährigen Tribal Festival in Hannover hast du am Wettbewerb teilgenommen und eine sehr geheimnisvolle Nummer mit vielen mythischen Elementen vorgeführt, wofür du zurecht den 3. Platz erobert hast. Was genau haben wir da zu sehen bekommen? Welche Rolle spielen diese Bilder in der japanischen Mythologie?

Mein diesjähriger Auftritt hat eine etwas längere Vorgeschichte die in der Tat, wie du schon erwähnt hast, auch die japanischen Mythen anschneidet. Der Titel meines Stücks lautete "Die Schlacht von Okehazama", und dabei handelt es sich um eine der für Japan geschichtsträchtigsten Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts zwischen. Zwei der großen japanischen Clans - den Imagawa und den Oda rangen dort um die Vorherrschaft.

Um unser Interview nicht zu einer unfreiwilligen Geschichtsstunde werden zu lassen, nur so viel: Oda Nobunaga schlug die Imagawa bei dieser Schlacht vernichtend und leitete damit den Untergang dieses Clans ein. In der Folge erlangten Oda Nobunaga sowie seine Alliierten Tokugawa Ieyasu und Toyotomi Hideyoshi, als die sogenannten drei Reichseiniger, einen legendären oder, wie du es beschreibst, einen nahezu mythischen Status.
Bis heute ist Oda Nobunaga neben seinen Erfolgen als Kriegsherr und Reichseiniger erstaunlicherweise auch für seinen Tanz, den Atsumori, bekannt. Ein Kriegstanz den Nobunaga unter den Augen seiner engsten Vertrauten getanzt haben soll, um sich selbst auf die bevorstehende Schlacht vorzubereiten.
Hier schließt sich dann auch der Kreis zu meinem Auftritt: Inspiriert von einem 500 Jahre alten Tanz und seiner Geschichte habe ich versucht diesen dramatischen Wendepunkt der japanischen Geschichte mit meiner Darbietung auf die Tribal-Star-Bühne zu übersetzen.

Meine Vorbereitungen dazu haben im letzten Jahr mit einer Privatunterrichtsreihe in Nô-Theaterschauspiel begonnen. Viele der langsamen Elemente, die ich in der ersten Hälfte meiner Performance gezeigt habe, stammen nämlich eigentlich aus dem Nô-Theater.

Der langsame und etwas experimentelle Teil meines Stücks steht für die oben beschriebenen Vorbereitung Nobunagas auf die herannahende Schlacht mit den Imagawa. Während Imagawas Gefolgsleute sich siegessicher und ausgelassen betrinken, nähert sich Nobunagas Streitmacht. Der anschließende musikalische und stilistische Schnitt bezeichnet den Beginn der Schlacht: Ich lege den zeremoniellen Fächer beiseite und streife das Kimonooberteil ab. Das erste Blut ist vergossen,

mein Lippenstift ist verschmiert. Pfeile surren durch die Luft, Nobunagas Soldaten umkreisen ihren Feind, und letztendlich stehen sich Oda Nobunaga und Imagawa Yoshimoto von Angesicht zu Angesicht

gegenüber. Nobunaga überwältigt den unterlegenen Imagawa und enthauptet ihn mit einem Schwertstreich. Imagawas Körper sinkt zu Boden, und mein Auftritt endet.

Der Weg aus den japanischen Geschichtsbüchern bis auf die Hannoveraner Bühne war eine tolle Erfahrung, und ich hoffe, ich konnte zumindest einen kleinen Teil der Schlacht von Okehazama adäquat präsentieren. Rückblickend war es ein spannendes Experiment und insofern vielleicht sogar ein wenig riskant. Dafür freue ich mich natürlich umso mehr über einen Platz auf dem Treppchen.
Ist die japanische Mythologie und Geschichte im japanischen Tribal ein großes Thema?

Aus japanischer Sicht, wenn ich das so verallgemeinernd sagen darf, ist der Tribal-Fusion ein amerikanischer Tanz mit orientalischen Wurzeln. In Japan habe ich vielleicht auch deshalb noch nicht viele Variationen dieser beiden Spielarten gesehen. Aber daß das Thema spannend und aktuell ist, zeigt natürlich auch Camews genialer Auftritt, bei dem auch sie Elemente japanischer Mythologie in den Tribal-Fusion eingebracht hat.

Du tanzt beim Tribe "Coal Dust" mit, inwieweit bringst Du dort Dein japanisches Erbe ein?

Da „Coal Dust“ erst in diesem Jahr gegründet wurde, hat sich bisher noch nicht die Gelegenheit ergeben, in dieser Richtung zu experimentieren. Wir haben ehrlich gesagt die meiste Zeit mit der Vorbereitung auf unseren Auftritt beim Tribal-Star verbracht. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Es gibt sicherlich viel Potential und jetzt auch mehr Zeit für einige interessante Experimente.

Homepage: JUNKO, Bellydance Japan (JBDJ)
http://www.bellydancejapan.com

Junko von Kiefernwäldchen
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Die Schlacht von Okehazama (Bildquelle Wikipedia)
Pfeile surren durch die Luft
ausgelassen und siegessicher
der Feind wird eingekreist
der entscheidende Schwertstreich
Siegerehrung der Gewinner des "Tribal Star" beim Tribal Festival 2015, Hannover
Junko (vorne Mitte) tanzt auch bei "Coal Dust"
Junkos Interview im japanischen Original hier ...
Junkos Beitrag zum "Tribal Star"-Contest - Die Schlacht bei Okehazama -
hier das
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