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GOLDMÄDEL AUS DER GOLDSTADT

Interview mit der Tänzerin
Mayyadah

von Marcel Bieger
Entgegen anderslautenden Gerüchten ist „Hagalla“ keine reine Tribal-Zeitung. Wir schauen auch gern in Richtung OT und noch viel lieber, wenn es eine erfahrene Künstlerin mit Perfektion und unerschöpflichem Tanzfundus zu sehen gibt, oder ein junges Talent mit viel Überschwang und Leidenschaft oder eben eine Erscheinung wie Mayyadah, die all dieses, Erfahrung, Überschwang und Leidenschaft in ihrem Tanz vereint.

Wir sehen sie im November auf Leylas Orientalischen Festival in Duisburg. Hier ist sie im Gespräch.
Warum bist du beim Orientalischen Tanz hängengeblieben?

Das ist ganz einfach! Bei jeder der herkömmlichen Tanzrichtungen fehlte mir irgendwann die Motivation, da die Tänze für mein Empfinden zu eng geschnürt sind, was die Kreativität und die Persönlichkeitsentfaltung betrifft. Du lernst die Technik und strebst die Perfektion der Ausführung an. Mir war das immer zu wenig. Ich hasse Grenzen, und wenn ich meinem inneren Drang, immer wieder auszuprobieren, neue Richtlinien zu setzen und mich in kreative Abenteuer zu stürzen, nicht freien Lauf lassen kann, egal wann, wo und auf welche Weise, verliere ich das Interesse.

Ich habe den starken Wunsch, immer wieder etwas Neues zu schaffen und zu entdecken, auch wenn ich da sehr oft gegen vorgefaßte Meinungen renne. Irgendwie bin ich eine kleine Revolutionärin, die die Dinge nicht so einfach hinnimmt. Diese Eigenschaft machte es mir unmöglich, bei einer der herkömmlichen Tanzrichtungen zu bleiben.

So war ich immer auf der Suche, bis ich in die heiligen Hallen des orientalischen Tanzes eintreten durfte, und der ist bekanntlich unerschöpflich. Zwar hat jeder seiner Stile feste Regeln auf Grund der ganz eigenen Kultur und Geschichte, die unbedingt eingehalten und bewahrt werden sollen, jedoch bekommen wir unendlich viele Möglichkeiten geschenkt, uns hier zu entfalten, unsere Persönlichkeit auszuleben, selbst immer wieder neue Bewegungsmuster zu entwerfen, ohne dabei die Traditionen zu verleugnen. Und - du kannst du selbst sein, mit deiner ganz eigenen Art und Aura, ohne dich wegen strenger Regeln in Technik und Positionen anzuketten!
Was hat der ägyptische Raks Sharki, was andere Tänze nicht haben?

Der ägyptische Raks Sharki hat den großen Vorteil, in einem Musikstück verschiedene Traditionstänze zu beinhalten, was ihn dadurch auch so beliebt macht. Großartige Komponisten haben hier auch für sich die fantastischen Möglichkeiten, die unterschiedlichsten Stile in ihren Musikstücken unterzubringen. So wird dieser Raks Sharki auch nie an den Punkt kommen, wo alles ausgeschöpft ist, und es können immer wieder neue mitreißende Kompositionen entstehen. Das ist das Wunderbare an diesem Tanz und dieser Musik, es hört nie auf, man steht nie am Ende, genauso, wie die Erde sich immer weiter dreht und nicht stehenbleibt. Und wenn der Einzelne nicht mehr kann, dann gibt er das Geschaffene an die nächsten Generationen weiter und diese lassen dann auch immer wieder ´Neues Altes` entstehen.

Du warst auch als Modeschöpferin und Model tätig, entwirfst und schneiderst Du Deine phantastischen Kostüme selbst?

Es gibt kein Kostüm, an das ich nicht irgendwie Hand angelegt habe, mehr oder weniger … wenn man wie ich mit Leib und Seele Modeschöpferin war, läßt einen das nie wieder los! Ich war immer sehr spezialisiert auf große Abendroben und ausgefallene elegante Kleidungsstücke, die stets einen besonderen Kick hatten (manche sagen auch: Tick). Ich bin der Meinung, zu einer gelungenen Bühnenshow gehört nicht nur das richtige Zusammenspiel von Musikthema,

Tanz und Choreografie, sondern, und das betone ich immer sehr deutlich: das richtige Kostüm in seiner ganzen Beschaffenheit, d.h. Farbe, Stoffe, Kostümstil zum Thema der Musik, ist der Rock eng, weit oder eine Mischung aus beidem, Hose usw., sehr wichtig! Wenn dann noch die Tänzerin/der Tänzer in diesem Paket stecken, dem oder der alles auf den Leib geschrieben steht, dann ist es grandios!
Ich entwerfe alle Gruppenkostüme meiner Ensembles. Die Duettkostüme für Amir und mich entwerfe, nähe und besticke ich selbst. Meistens habe ich zuerst die Tanz-Idee,  Musiken werden zusammengeschnitten, die Choreografien entworfen. Daraus resultieren die Kostümentwürfe in Stilrichtung und Farben. Außerdem möchte ich dafür Unikate, d.h. die Kostüme werden eigens für den oder die Tänze entworfen, also sollten sie auch nur einmal existieren! Bei meinen Solokostümen ist es unterschiedlich. Für ganz bestimmte Tänze (ich nenne sie meine Haupttänze) gibt es ganz speziell angefertigte Kostüme, die ich nur zu diesem Tanz trage. Ich entwerfe sie und lasse sie ´Vorschneidern`, die endgültige Gestalt bekommen sie dann von mir, oft ertanze ich mir beim Choreografieren die Charaktermerkmale der Kostüme, d.h. ich tanze dann vor dem Spiegel mit tausend Stecknadeln in den Stoffen an mir, um zu sehen und zu fühlen (autsch!), wie sich das Kostüm zu den Bewegungen verhält. Ich gebe erst Ruhe, wenn ich es als ´perfekt zum Tanz` absegne. Sicher ist jedem klar, daß hier unzählbare Stunden und sehr viel Aufwand drinstecken, aber das ist für mich nebensächlich, allein das Endprodukt zählt! Ab und zu kaufe ich auch ein Kostüm von der Stange, wenn ich irgend etwas Interessantes Veränderbares an ihm entdecke. Eine bekannte Kostümherstellerin schüttelt da nicht mal mehr den Kopf drüber. In den vielen Jahren hat sie sich daran gewöhnt und erzählt jedem, Mayyadah kauft teure Kostüme und dann schneidet sie diese erst mal auseinander und macht etwas Neues daraus.
Mein Tanzpartner Amir kann da nie zuschauen, er bekommt jedesmal Schmerzen, wenn ich die Schere nehme und ein in seinen Augen doch so tolles Kostüm auseinanderschneide. Aber ich kann bisher mit gutem Gewissen sagen, es entstand jedes mal ein Hammerkostüm, unvergleichbar und heiß begehrt bei den Tänzerinnen! Um alle Kostüme zu schneidern, fehlt mir natürlich die Zeit, ich bräuchte da noch zwei drei Leben zusätzlich, aber wer will das schon …
Du bist früher schon beim Orientalischen Festival von Leyla Jouvana und Roland als Lehrerin dabeigewesen und als Künstlerin aufgetreten, warum reist Du gerne dorthin?

Zuallererst muß ich vorausschicken, daß ich nur dann wiederholt bei Festivals mitwirke, wenn ich den oder die Veranstalter als Person mag und von der Art und Weise begeistert bin, wie sie mit Künstlern umgeht und sich dafür einsetzt, dieser Kunstform mit Hilfe der ausgewählten Künstler und allen Beteiligten vom Aussteller bis zu den fleißigen Helfern zu besserem Ansehen zu verhelfen, anstatt sich nur selbst Beachtung damit zu verschaffen. Warum ich so gerne bei Leyla und Roland mitwirke? Na diese Frage müßte jetzt eigentlich beantwortet sein. Ich erlebe diese beiden Künstler immer wieder als herzliche, freundliche, stets respektvoll mit anderen umgehende liebevolle Menschen, die nicht damit geizen, dieses immer wieder weiterzugeben.
Dabei leisten sie selbst Großartiges und stellen sich nie in den Vordergrund! Ich habe es sehr oft erlebt: Trotz Hektik und Streß hinter den Kulissen, sind beruhigende Worte und der liebevolle Umgang auch mit der unerfahrensten Schülerin für sie eine Selbstverständlichkeit.  Ich erlebe jedesmal wieder, wie selbst die weitest angereisten Künstler davon berührt sind und diesen einfühlsamen Umgang zu schätzen wissen, das zeigt doch, auch in der restlichen Welt ist das keine Selbstverständlichkeit! Und jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, was in Duisburg so fantastisch für uns Künstler ist: Das Publikum spürt die positive Aura und wird mitgerissen! Für die Künstler ist das wie ein Glücksregen nach dem Auftritt, in den Workshops ist die Stimmung genauso unbeschreiblich gut, man muß es einfach erleben, um es zu verstehen. Ich liebe es aus ganzem Herzen, mit Menschen unterschiedlichster Länder zusammen zu sein. Leylas und Rolands Festival bieten mir diesen Raum, ich habe das bisher nur in den USA und Kanada bei den großen Festivals erlebt, nur ist der Weg dorthin sehr weit. Was für ein Glück, Duisburg liegt in Deutschland!!!
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Mayyadah
Mayyadah und ihr Tanzpartner Amir Bedour
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Photos ©: Titelbild André Elbing, alle anderen Beatrix Krone
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