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"EINE MYRIADE GÖTTER"
Mihrimah Ghaziya
lernt und lehrt in Südostasien
Wir haben die Französin Mihrimah Ghaziya kennengelernt, als sie in Regensburg als Lehrerin an einer Tanzschule tätig war. Und wir haben sie kennengelernt, als wir über „BellyFusions“, dem alljährlichen Tribal-Festival in Paris berichtet haben, wo sie etliche Male auf der Bühne gestanden hat. Und wir waren sehr traurig, als sie uns 2010 eröffnet hat, Deutschland verlassen zu wollen. Weil es sie wieder hinauszöge in die weite Weit, weil sie wieder weiter müsse, auch wenn sie nicht wisse, wohin sie denn eigentlich wolle. Da haben wir erkannt, daß wir sie noch gar nicht richtig kennengelernt hatten. Das tun wir jetzt, nach und nach – und von Mal zu Mal mit wachsendem Interesse – mit jedem neuen Kapitel über die Tänze dieser Welt, an denen sie aktiv teilnimmt. Mihrimah ist seit vergangenem Dezember „on tour“, und wir freuen uns jetzt mit ihr, daß sie immer noch weiter will.

heute das fünfte Kapitel:

Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Homepage Mihrimah Ghaziya: www.mihrimah-ghaziya.de
Photos © Mihrimah Ghaziya
Tempeltänzerinnen in Bangkok, Thailand
Teil 1: "Radschastan"
Teil 2: "Neu Delhi"
Teil 3: "Himalaja"
Nach Europa war meine nächste Station Bangkok, die Hauptstadt von Thailand, wo ich einige Workshops gegeben und viel besichtigt habe. Ich komme in der Regel durch Freundinnen an die Tanzstudios, wo ich Workshops anbieten kann. Diese beiden Freundinnen handeln unabhängig voneinander, sie kennen sich nicht, haben aber beide mehrere Jahre in Südostasien gelebt und getanzt. Sie halfen mir bei der Kontaktherstellung Sie haben mir die Kontakte gegeben, mich vorgestellt, den Rest habe ich natürlich selber erledigt, ganz von alleine. Das beweist, daß es im Bauchtanz auch Freundschaft geben kann (lacht).

Wie gesagt, ich habe ich Bangkok Unterricht gegeben, bin aber nicht aufgetreten. Aber ich habe Unterricht in Thai-Tanz genommen. Das war sehr, sehr schön und sehr interessant. Ich habe mit zwei anderen Frauen eine normale Unterrichtsstunde besucht und dann noch Privatunterricht genommen. Ich war bei einer sehr bekannten Thai-Tänzerin (sie hat im Königspalast getanzt!), und die war super. Sie hat nach der alten Schule unterrichtet, also: Folgt mir und meinem Beispiel. Sie war ungeheuer graziös und elegant, das hat mir gut gefallen. Doch der Thai-Tanz ist ganz anders und deswegen schwer.
Man könnte ja annehmen, meine Kenntnisse im indischen Tanz wären mir hierbei von Nutzen, aber nein, nein, sie nutzen überhaupt nicht. Beide haben nicht miteinander zu tun. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, daß ich im indischen Tanz Volkstänze tanze. Wenn überhaupt eine Beziehung zwischen dem indischen und dem Thai-Tanz bestünde, dann höchstens auf der klassischen Ebene. Oder anders ausgedrückt, die Thai tanzen Tempeltänze. Man kann in Thailand auch Tempeltänzerinnen bei der Ausübung ihrer Kunst sehen, sogar ziemlich oft. Gleich unter dem Tanzstudio, in dem ich war, gab es eine Art Schrein mit einem kleinen Altar. Ein bedeutender religiöser Ort, an dem immer Andrang herrscht. Jeden Tag fanden sich dort sechs Tempeltänzerinnen ein und haben dort getanzt. Das war sehr hübsch und interessant anzuschauen aber auch zutiefst spirituell und für mich erstmalig.) Dort kann man Religion auch „kaufen“. So etwas gibt es bei uns nicht, weil wir einen anderen Zugang zur Religion haben. Mehr noch, durch unsere Religion sind wir sehr weit vom Tanzen entfernt worden. Aber in der hinduistischen Welt kann man mit Tanz den Göttern danken. Man kann als Gläubiger vor einen Altar treten und etwas erbitten. Wenn die Götter einem diesen Wunsch erfüllt haben, kehrt man zu dem Altar zurück und wird die Tänzerinnen zum Dank dafür bezahlen, das heißt, ihren Tanz buchen. Man reicht den Tänzerinnen einen Zettel, auf dem der in Erfüllung gegangene Wunsch geschrieben steht. Dazu singen und tanzen die Tänzerinnen dann etwas, während der glückliche Gläubige vor dem Altar kniet und sich bei der Gottheit bedankt. Ich habe selbst einmal dabei zugesehen und war begeistert von der uns fremden, anderen Art des Tanzes. Diese sakralen Tänze sind den Menschen dort heilig.
In Kambodscha, wo die gleichen religiösen Verhältnisse herrschten (heute ist das eine längst abgeschaffene Vergangenheit), habe ich in Angkor das Gleiche gesehen (eingraviert in den Tempeln). Auf der indonesischen Insel Bali trifft man so etwas nur zeitweise an, der Tanz ist dort zu profan geworden (wird zwar in den Tempeln aufgeführt, aber auch zum Amüsement in Hotels). Indonesien ist zwar zu 90 Prozent muslimisch, aber Bali eben nicht, Bali ist hinduistisch geprägt.

Der balinesische Hinduismus unterscheidet sich aber vom indischen, sie haben ein paar weniger Götter. In Indien sind die Avatare sehr stark, die unterschiedlichen Erscheinungsformen, die Götter annehmen können. Sie spielen eine sehr große Rolle, und so kann man leicht der Täuschung unterliegen, daß es in Indien eine Myriade Götter gibt. In Wahrheit sind es nur drei Hauptgötter, und auf Bali kann man sie auch sehr gut erkennen. Und bei den Indern verhält es sich ähnlich wie auf Bali. Kambodscha ist heute aber zur Gänze ein buddhistisches Land.
Die Tempel von Angkor sind zur einen Hälfte buddhistisch und zur anderen hinduistisch. Der Ursprung ist letzteres, die später dort ankommenden Buddhisten haben im Laufe der Zeit viel verändert. Dort gab es aber nicht nur zu hinduistischer Zeit sondern auch später noch Tempeltänzerinnen wie die, von denen ich vorhin aus Thailand erzählt habe. Man nennt sie dort „Apsara“. Eine „Apsara“ ist eigentlich eine Nymphe, und die Tänzerinnen heißen eher „Devata“, aber ersterer Name hat sich eben für sie eingebürgert. Eigentlich sind die Devata aber nur die Tänzerinnen, ähnlich den Devadasi in Indien.
Bei diesen Devadasi handelte es sich um Tänzerinnen, die zu einem bestimmten Tempel gehörten. Offiziell sind sie heute verboten (in Indien siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Devadasi), aber inoffiziell gibt es sie immer noch. Unter ihnen versteht man Frauen, die mit einer Gottheit, es muß also nicht nur eine weibliche sein, verbunden sind. Sie tanzen für diese Gottheit, und sie bieten Gläubigen sexuelle Dienstleistungen an, damit man durch sie mit der betreffenden Gottheit in sexuellen Kontakt gelangen kann. Darum wurden die Devadasi auch immer wieder verboten. Man nennt so etwas auch „heilige Prostitution“ oder „Tempelprostitution“, eine Tradition, die es schon im Mesopotamien des Altertums gab. Je „gutmenschenhafter“ oder „politisch korrekter“ ein Regime sich gab, desto eher ist das Devadasitum verboten worden, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Aber weder „heilige Prostitution“ noch „Tempelprostitution“ treffen zu, weil es zu allen Zeiten daneben ja auch noch die gewöhnliche Prostitution mit Bordellen und Straßenstrich gegeben hat. Die Menschen wußten also schon zu unterscheiden. Man ging auch nicht zu einer Tempeltänzerin, bloß um Sex zu haben. Bei den Sumerern, der ersten Hochkultur überhaupt, gab es schon die „heilige Hochzeit“, in welcher die Götter den Menschen vormachten, was sie zu tun hatten, ein frühes Furchtbarkeits-Ritual.

Zurück zu den Devadasi. Begab man sich zu einer solchen, mußte es nicht unbedingt zum sexuellen Kontakt kommen, es konnte auch bei einer symbolischen Handlung bleiben. Die Devadasi hatten nämlich dafür zu sorgen, die sexuellen Aktivitäten am Leben zu erhalten, gleich ob körperlich oder symbolisch. Zur Zeit sind sie wieder verboten, aber sie wirken heimlich fort. Das gilt für Indien, vor allem für Südindien, über die anderen hinduistischen Länder bin ich da nicht so gut informiert.

Wenn du in Südostasien Tanzunterricht gibst, was unterrichtest du dann?

Viele verschiedene Sachen. Hauptsächlich Orientalischen Tanz und seine Varianten, also auch Tribal. Manchmal aber auch, wie zum Beispiel in Vietnam, Zeitgenössischen Tanz. Die Nachfrage danach war dort ziemlich groß. Ich habe das dann dort unterrichtet, ihnen aber vorher gesagt, daß ich dazu nicht ausgebildet bin. Ich habe deswegen nur das weitergegeben, was ich mir selbst im Lauf der Jahre angeeignet habe. Ich war ja zwei Jahre lang in einer Zeitgenössischen Tanz-Truppe. Ich habe zu meinen ehemaligen Lehrerinnen dort Kontakt aufgenommen und sie nach Vietnam empfohlen, damit die Schülerinnen auch in den Genuß von ausgebildetem Unterricht kommen werden. Aber vor mir haben die Vietnamesinnen eigentlich keinen wirklichen Unterricht in Zeitgenössischem Tanz gehabt.

In Vietnam ist Zeitgenössischer Tanz nie gelehrt worden, in Indien nie Ballett (na gut, es gibt schon ein bißchen Ballett, aber sehr, sehr wenig). Als gut ausgebildete Tänzerin stünde einem dort ein ganz neuer Markt offen. Überall sind andere Tänze populär oder wichtig.

Indien zum Beispiel hält sehr auf seine klassischen Tänze, und die werden in jeder Schule unterrichtet. Thailand läßt nichts auf seine Thai-Tänze kommen. Aber wie überall auf der Welt interessieren die jungen Leute sich dort nicht mehr so sehr für die althergebrachten Dinge. Wenn ich in Bangkok Thai-Tanz gelernt habe, waren wir nur zwei Schülerinnen im Kurs. Die Lehrerin hat mir gesagt, daß die Kinder das in der Schule lernen müssen, und wenn sie die hinter sich haben wollen sie lieber Salsa tanzen. Salsa ist in ganz Südostasien der Hit. In Vietnam habe ich auch Unterricht in vietnamesischen Tänzen genommen, aber leider nur eine Stunde lang, die zweite Stunde wurde abgesagt, weil die Mutter der Lehrerin erkrankt war. Der vietnamesische klassische Tanz ähnelt sehr den chinesischen Tänzen (war kein klassischer Tanz, sondern Volkstanz). Als die Lehrerin mir die Grundschritte beigebracht hat, konnte ich gleich sagen, ach, das kenne ich.

Als nächstes reise ich wieder nach Indien, es zieht mich doch sehr zu meiner Kalbeliya-Familie. Ich habe so oft an sie gedacht überall, wo ich gewesen bin, Kalbeliya getanzt. Ich bin mir bewusst, daß ich sehr viel Glück habe. Mein derzeitiges Leben ist zwar in körperlicher und finanzieller Hinsicht nicht gerade einfach, aber ich fühle mich innerlich so reich und so glücklich. Ich bin so dankbar, sowohl an die Menschen, denen ich begegne, wie auch an mich selbst, daß ich es immer wieder schaffe, daß ich an mich selbst glauben kann. Und ich danke dem Universum, welches alles immer so einfädelt, daß ich weiterkomme (ich danke vor allem mir selber! Ich fädele eine ganze Menge ein!). Meine Reisen sind natürlich Luxus, aber in dem Sinne, in dem Glück Luxus ist. Jeder neue Tag ist ein neues Glück. Man hat mir gesagt: „Die Götter lieben dich!“
Ich bin nicht religiös im kirchlichen Sinne und eigentlich auch in keinen anderen Sinne. aber ich mag religiöse Orte. Ich besuche Tempel und bete mit den Menschen dort, nachdem sie mir gezeigt haben, wie man in ihrer Religion betet. Oder wie in Bangkok setze ich mich einfach im Tempel auf die Seite und beobachte die Gläubigen, wie sie kommen und beten. Das wirkt sehr beruhigend auf mich. Hier in Asien sind die Menschen viel gläubiger als in Europa, und das prägt natürlich. Mir geht es nicht darum, zum Buddhismus oder zum Hinduismus überzutreten, aber ich höre den Menschen sehr viel zu, wenn sie über ihre Religion erzählen, denn dabei gibt es eine Menge zu lernen. Zum Beispiel war ich auf Bali bei einer Zeremonie dabei und habe mit den Menschen gebetet. Auch im Himalaja war ich bei einer „Messe“ dabei, ebenso in Vietnam und in Kambodscha in Tempeln. In Angkor habe ich einen Sonnenaufgang gesehen, ebenfalls en sehr spirituelles Erlebnis - wie alle Naturerlebnisse, siehe Schneesturm in Ladakh)

Deswegen erzähle ich gern von meinen Abenteuern, teile sie gern mit den Menschen, die auch gern in ferne Länder reisen würden, daß aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht können.

Mihrimah Ghaziya
Teil 4: "London"