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"DER HIMMEL HEILT MICH"
Mihrimah Ghaziya
im Himalaja
Wir haben die Französin Mihrimah Ghaziya kennengelernt, als sie in Regensburg als Lehrerin an einer Tanzschule tätig war. Und wir haben sie kennengelernt, als wir über „BellyFusions“, dem alljährlichen Tribal-Festival in Paris berichtet haben, wo sie etliche Male auf der Bühne gestanden hat. Und wir waren sehr traurig, als sie uns 2010 eröffnet hat, Deutschland verlassen zu wollen. Weil es sie wieder hinauszöge in die weite Weit, weil sie wieder weiter müsse, auch wenn sie nicht wisse, wohin sie denn eigentlich wolle. Da haben wir erkannt, daß wir sie noch gar nicht richtig kennengelernt hatten. Das tun wir jetzt, nach und nach – und von Mal zu Mal mit wachsendem Interesse – mit jedem neuen Kapitel über die Tänze dieser Welt, an denen sie aktiv teilnimmt. Mihrimah ist seit vergangenem Dezember „on tour“, und wir freuen uns jetzt mit ihr, daß sie immer noch weiter will.

heute das dritte Kapitel:

Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Homepage Mihrimah Ghaziya: www.mihrimah-ghaziya.de
Photos © Mihrimah Ghaziya
Ich war dann eine Woche im Himalaja. Das war eigentlich meine Urlaubswoche. Ich bin dort in dreieinhalbtausend Metern Höhe bei einer Familie untergekommen, deren Freundlichkeit, Demut und Gastfreundschaft alles übertroffen haben, was mir jemals begegnet ist. Getanzt habe ich dort nicht viel, die dünne Luft hat mich zu schnell erschöpfen lassen. Aber ich habe viel erlebt,  absolut atemberaubende und alle Sinne ansprechende Dinge. Von einem ganz besonderen Abenteuer bei einer Tagestour in den Höhen will ich erzählen. Eigentlich sollte sie drei Tage dauern, wurde aber wegen dem Schneesturm gekürzt.
Ich bekam eine Panik-Attacke, und die führe ich im Nachhinein darauf zurück, daß ich niemanden hatte, mit dem ich reden und meine Eindrücke verarbeiten konnte. Nicht daß der Eindruck entsteht, ich wäre dort alleine gewesen. Es ging um den kulturellen Schock. Meine Gastfamilie konnte nur schwer verstehen worüber ich mich gewundert habe. Es war am vorletzten Tag meines dortigen Aufenthalts, als ich den Anfall bekam. Wahrscheinlich war mir alles zuviel geworden, ich hatte eine Menge von allem unverarbeitet in mir. So viel Fremdes war in mir, und trotzdem habe ich keine negativen Erinnerungen an diesen Tag. Es war eine Reaktion meines Körpers, und ich brauchte jemand, mit dem ich reden konnte. Aber ich hatte niemanden.
Wir befanden uns auf einem Wandermarsch in die Berge, und ein Schneesturm kam auf. Da haben wir irgendwo am Ende der Welt in einem Gasthaus Unterschlupf gefunden. Wir befanden uns in dreieinhalbtausend Metern Höhe. Die Luft war bereits so dünn, daß ich auch wegen der beißenden Kälte Mühe mit dem Atmen hatte. Wir konnten wegen des Schneesturms nicht nach draußen, und ich dachte, ich müßte sterben Atemnot, Nasenbluten und Magenbeschwerden führten letztendlich zur Panik.

Es war eine ebenso schlimme wie gleichzeitig starke Vorstellung, daran zu denken, so weit gekommen zu sein, wo ich meine Lieben nicht mehr erreichen kann. Wo ich mich nicht von ihnen verabschieden kann. Hier kann mir niemand mehr helfen, und niemand wird wissen, daß ich hier gestorben bin, so ging es mir dauernd durch den Kopf. Ich bin regelrecht ausgeflippt. Alle Gefühle, die sich in mir aufgestaut hatten, wollten gleichzeitig nach draußen.
Ich war in dem Haus mehr oder weniger mit meinem Führer Norbu allein. Ich kannte ihn vor der Unternehmung nicht, und er sprach kaum Englisch. Er war meine einzige Bezugsperson dort, und ich wußte nicht, ob ich ihm vertrauen konnte, aber ich mußte mit ihm klarkommen.

Der Mann hat aber gesehen, daß es mir nicht gut ging. Ich war übernervös, mir kamen die Tränen, und ich wollte von ihm wissen, ob ich an der tödlichen  Bergsteigerkrankheit litt, bei der die Lunge aufgrund der dünnen Atmosphäre nur noch eingeschränkt arbeiten kann. Ich wollte immer wieder von ihm wissen, ob er sich mit dieser Krankheit auskennt, ob er schon Symptome an mir erkennen könne. Aber er war ein Mann der wenigen Worte, und so kam von ihm nur „Ja“ oder „Ja, ja“, nicht mehr. Ich hätte Trost und Beruhigung gebraucht, und deswegen haben mir seine wenigen Worte überhaupt nicht geholfen. Er hat mich aber mit einer Salbe eingerieben und Feuer gemacht. Und danach ist er bei mir geblieben, ohne ein Wort zu sagen.
Irgendwann ist er wieder gegangen, und ich bin den ganzen Tag auf meinem Zimmer irgendwo im Himalaja geblieben. Ich habe versucht, die Radiosendungen auf meinem Podcast zu hören. Das sind meist lustige Aufnahmen aus dem französischen Rundfunk, und ich hoffte, sie würden mich beruhigen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, und es war so kalt dort. Auf dem Flur des Gasthauses konnte man Schlittschuh laufen. Das Eis war unglaublich und gleichzeitig so intensiv.
Der Führer hat bei meiner Gastfamilie angerufen, sie sollten mich abholen kommen, und am nächsten Tag war ich wieder bei ihnen.
Was für ein Erlebnis! Ich habe den weißen Tod und den blauen Himmel gesehen. Ein ebenso extremes wie spirituelles Naturerlebnis.
Solche und andere Ereignisse sind es, die mich reisen lassen und mir das Gefühl geben, beim Reisen zu leben. Und im Moment fühle ich mich sehr lebendig.
In Likir habe ich meine Wanderung begonnen, denn an dem Tag war Klosterfest. Einmal pro Jahr feiert das Kloster einen besonderen Tag. Die Leute strömen aus weit her, oft zu Fuß, um sich die Tänze der Mönche anzuschauen. Die Stimmung ist gelöst, fast zu unseriös für Christen, bei denen alle Feiern extrem formal sind. Hier im Himalaja laufen Kinder ständig herum und schauen ohne Hemmungen den Priestern ins Gesicht. Die Mönche die Masken tragen spielen sogar mit den Kindern.
So viel habe ich gesehen. Verstanden habe ich damals nichts. Eine Erklärung findet sich aber hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Cham-Mysterien
Aber zuerst ist der Hof leer, und die Leute warten. Dann fangen Mönche, die an der Seite sitzen, an Musik zu spielen. Am meisten hört man den Dung, ein langes Blasinstrument, und die großen Zimbeln. Die Musik ist eintönig, ohne richtige Melodie, und darauf erscheinen einer nach dem anderen die heiligen Männer. Zuerst die Maskierten. Vier insgesamt, mit Tiermasken. Langsam, dem Rhythmus folgend, kommen sie eine Treppe herunter und bewegen sich mit kleinen Schritten und kreisende Hopsern zu den Musikern. Danach kommen unmaskierte Mönche, die aber auch Festkleidung tragen.
Am späten Nachmittag hat der Sturm dann nachgelassen. Der Führer kam und sagte mir, jetzt gehen wir nach draußen. Ich war von meiner Panik vollkommen erschöpft, habe mich aber zusammengerissen und bin ihm gefolgt. Wir gelangten in eine vollkommen weiße Landschaft, wo man nicht mehr unterscheiden konnte, was vorn und was hinten war. Der Mann brachte mich auf einen kleinen Hügel, und als wir die Kuppe fast erreicht hatten, riß die Wolkendecke auf, und wir konnten blauen Himmel sehen. Da konnte ich wieder besser und tiefer atmen, und es gab auch wieder Mobiltelephon-Empfang.
Himalaja Mädchen Palkit, Spalzes und Angmo
Heiliger Tanz der Mönche in Likir
Himalaja Landschaft in Likir, Ladakh
Mirihmah mit dem traditionellen Ladakhi Kostüm
Teil 1: "Radschastan"
Teil 2: "Neu Delhi"