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"TANZEN IST WIE EIN SPIEGEL"
Mihrimah Ghaziya
in London (Europa)
Wir haben die Französin Mihrimah Ghaziya kennengelernt, als sie in Regensburg als Lehrerin an einer Tanzschule tätig war. Und wir haben sie kennengelernt, als wir über „BellyFusions“, dem alljährlichen Tribal-Festival in Paris berichtet haben, wo sie etliche Male auf der Bühne gestanden hat. Und wir waren sehr traurig, als sie uns 2010 eröffnet hat, Deutschland verlassen zu wollen. Weil es sie wieder hinauszöge in die weite Weit, weil sie wieder weiter müsse, auch wenn sie nicht wisse, wohin sie denn eigentlich wolle. Da haben wir erkannt, daß wir sie noch gar nicht richtig kennengelernt hatten. Das tun wir jetzt, nach und nach – und von Mal zu Mal mit wachsendem Interesse – mit jedem neuen Kapitel über die Tänze dieser Welt, an denen sie aktiv teilnimmt. Mihrimah ist seit vergangenem Dezember „on tour“, und wir freuen uns jetzt mit ihr, daß sie immer noch weiter will.

heute das vierte Kapitel:

Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Homepage Mihrimah Ghaziya: www.mihrimah-ghaziya.de
Photos © Mihrimah Ghaziya
Ich habe den Eindruck, ich bin schon seit 15 Jahren unterwegs, dabei ist es kaum ein Jahr her, seit ich aufgebrochen bin. Ich erlebe so viel, da kommt einem die Zeit immer länger vor, aber nicht im negativen Sinne.

Während meiner Reisen muß ich von irgend etwas leben, und das nötige Kleingeld beschaffe ich mir durchs Tanzen, ich trete auf der Straße auf. Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich tanze wirklich gern, und ich betrachte es als  Glück, für meinen Lebensunterhalt tanzen zu können. Natürlich reicht das nicht ganz, aber ich glaube, ich habe da eine ganz gute Lösung gefunden, ich schaue einfach nicht auf mein Bankkonto (lacht). Wenn ich die meiste Zeit bei Familien unterkomme, brauche ich mich um Essen, Unterkunft und so weiter nicht zu kümmern. Deswegen brauche ich wirklich nicht viel Geld. Ich bin bislang überall gut versorgt worden, vor allem in Vietnam. Das Teuerste sind die Flugscheine. Meine Schwiegereltern haben mir dringend angeraten, mal auf mein Konto zu schauen (lacht).

Zwischen Indien und den südostasiatischen Ländern war ich mal wieder in Europa und habe in London auf der Straße Kalbeliya getanzt. Mit einer Freundin, Sorcha Ra (http://www.sorchara.com/), sie ist Jongleuse, haben wir uns dort auf den Weg zum Riesenrad gemacht, bepackt mit einem Musikrekorder und sind dort aufgetreten. Die Leute haben uns Münzen in den Hut gelegt, und davon haben wir uns ein schönes Abendessen gegönnt. Das war eine ganz tolle Erfahrung, ich liebe es doch, auf der Straße zu tanzen. Daran ist überhaupt nichts Demütigendes, im Gegenteil, auf der Straße zu tanzen hat ein ganz besonderes Flair. Die Passanten kommen ja nicht extra zu dir, wie in einem Theater, um dich zu sehen, du kannst sie überzeugen, stehenzubleiben und dir zuzusehen. Für sie bietet das eine tolle Gelegenheit, meine Kunst unerwartet zu erleben. Vielen Menschen würde es niemals einfallen, in eine Tanzschule oder Tanzshow zu gehen, weil sie kein Interesse daran haben.
Aber hier auf der Straße werden sie für ein paar Sekunden mit Tanz konfrontiert. Selbst wenn sie nach zwei Minuten weitergehen und selbst wenn man denkt, sie hätten nicht geschaut, nehmen sie meinen Tanz mit und erinnern sich auch später noch dran, egal in welcher Form.

Als Künstlerin habe ich eine ganz andere Einstellung zum Tanz als die Straßenpassanten. Ich tanze nicht in erster Linie, um zu unterhalten, für mich ist Tanz vielmehr wie ein Spiegel, den ich den anderen Menschen vorhalten darf, damit sie sich darin sehen. Deswegen hat der Tanz auch keine Botschaft, denn jeder sieht in dem „Spiegel“ etwas anderes. Ich drücke nicht vor allem meine Gefühle aus, wie vom Tanz oft behauptet wird, ich drücke eher die Gefühle anderer aus, versuche es zumindest, nein, noch anders, ich versuche, die Fläche zu sein, auf der andere ihre vergessenen oder unterdrückten Gefühle erleben können. Ich muß immer lächeln, wenn ich sehe, was manche schreiben oder von sich geben, daß sie sich selbst ausdrücken wollen, daß sie ihre Gefühle zeigen wollen – was ist das für eine Arroganz? Ich, ich, immer nur ich! 

In London habe ich auch Workshops gegeben und in einer Show getanzt, aber das schönste und bleibendste Erlebnis war, dort unter dem Riesenrad auf der Straße zu tanzen. Manche mögen Straßenkünstler als lästig empfinden, ich habe aber noch nie offene Feindschaft erlebt, nein … eigentlich nicht. Im schlimmsten Fall gehen die Leute vorbei und schauen nicht einmal. Aber das sehe ich nicht als Feindschaft. Ich bin ja nicht da, um die Leute zu locken, sondern ich biete etwas an. Wer anhält und stehenbleibt, um meinen Tanz zu sehen, freut sich mit mir. Nicht jeder kann stehenbleiben, und das ist ja auch in Ordnung. Ich bin da, Leute sind da, und wenn wir uns auf irgendeiner Ebene treffen, ist das in Ordnung. Mir zuzuschauen ist in Ordnung ebenso wie mich anzusprechen. Ich habe dort Kalbeliya getanzt, weil ich ja gerade aus Indien gekommen war. Und natürlich, weil es in London ein große indische Gemeinde gibt. Die Inder haben mir übrigens auch Geld gegeben (lacht), von ihnen habe ich das meiste Geld bekommen.
Mirihmah tanzt vor dem Londoner Riesenrad
Mirihmah Ghaziya (re.) und Freundin Sorcha Ra (li.)
Teil 1: "Radschastan"
Teil 2: "Neu Delhi"
Teil 3: "Himalaja"