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TANZ DEN KALBELIYA
Mihrimah Ghaziya
in Radschastan
Wir haben die Französin Mihrimah Ghaziya kennengelernt, als sie in Regensburg als Lehrerin an einer Tanzschule tätig war. Und wir haben sie kennengelernt, als wir über „BellyFusions“, dem alljährlichen Tribal-Festival in Paris berichtet haben, wo sie etliche Male auf der Bühne gestanden hat. Und wir waren sehr traurig, als sie uns 2010 eröffnet hat, Deutschland verlassen zu wollen. Weil es sie wieder hinauszöge in die weite Weit, weil sie wieder weiter müsse, auch wenn sie nicht wisse, wohin sie denn eigentlich wolle. Da haben wir erkannt, daß wir sie noch gar nicht richtig kennengelernt hatten. Das tun wir jetzt, nach und nach – und von Mal zu Mal mit wachsendem Interesse – mit jedem neuen Kapitel über die Tänze dieser Welt, an denen sie aktiv teilnimmt. Mihirimah ist seit vergangenem Dezember „on tour“, und wir freuen uns jetzt mit ihr, daß sie immer noch weiter will.

„hagalla“ ist stolz, das erste Kapitel präsentieren zu dürfen:

Ich werde oft gefragt, wohin mich meine Reise führen soll. Das will ich aber gar nicht wissen. Ich bin aus einer Intuition heraus aufgebrochen. Was ich auf dieser Reise suche – nichts! Ich will weiter meiner Intuition folgen, und ich lasse mich überraschen, denn nach etwas Konkretem suche ich nicht. Das Leben ist spannend, und ich lerne mehr, indem ich nichts erwarte. Man muß sich öffnen und für alles bereit sein. Woher soll ich da wissen, wie lange meine Reise anhalten wird, ich werde einfach nur weiter auf meine Intuition hören …
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Eines der schönsten und bewegendsten Erlebnisse für mich war die Ankunft und Aufnahme bei der indischen Familie in Radschastan. Wir kannten uns bereits, denn ich war schon letztes Jahr dort und habe sie jetzt zum zweiten Mal besucht. Ich bin mit einem bangen Gefühl hingefahren, weil ich mich gefragt habe, ob sie sich an mich erinnern.
Es hätte mich sehr traurig gestimmt, wenn es so gekommen wäre. Mögen sie mich noch und haben sie mich noch genauso lieb, wie ich sie liebgewonnen habe. Ich habe im zurückliegenden Jahr so oft an sie gedacht. Für mich waren sie wie eine richtige Familie. Das umso mehr, als ich schon sehr lange von meiner wahren Familie fort bin und auch kaum noch Heimatgefühle habe; die waren ohnehin nie stark ausgeprägt. Auch deswegen wollte ich die Inder unbedingt wiedersehen. Da war es mir natürlich schon wichtig zu erfahren, ob sie in den zurückliegenden zwölf Monaten ebenfalls  an mich gedacht haben.
Dann kam der große Moment, und ich betrat sehr angespannt das Anwesen der Familie. Schon auf dem Hof kamen die Mutter und die Tochter, ein Kind, auf mich zu, kannten noch meinen Namen und sangen das Lied, das mich schon letztes Jahr zum Weinen gebracht hatte. Beim letzten Mal hatte ich ihnen meinen Pfauen-Tanz vorgeführt, und an den konnten sie sich auch noch erinnern. Sie wußten noch alles, und das hat mich sehr beglückt. Dann haben wir zusammen getanzt.
Dieser Tanz trägt den Namen „Kalbeliya“ und ist eigentlich nicht sehr bekannt in Europa (auch „Kalbelia“, nach einem dort lebenden Stamm). Alle Frauen dieses Volkes tanzen, die Männer machen dazu die Musik, und einige wenige von ihnen sind auch noch Schlangenbeschwörer. Ursprünglich gingen sie alle dieser Tätigkeit nach, aber heutzutage ist die Nachfrage nach dieser Kunst nicht mehr so groß. Heute vermarkten sie statt den Schlangen lieber ihre tanzenden Frauen (lacht). Außerhalb Radschastans trifft man dieses Volk gar nicht an, es sei denn es sind Auswanderer, doch in diesem ehemaligen Fürstentum sind sie noch sehr häufig vertreten. Sie bilden eine eigene Kaste, die ziemlich weit unten steht, und so werden sie in einigen Städten toleriert, in anderen hingegen von der Polizei schikaniert.
Die Frauen tanzen nicht, so wie bei uns, auf Festivals und dergleichen. Dort erlebt man sie nur sehr selten, aber es ist schon vorgekommen. Ihre Bühne ist die Straße.
Sie gehen mit ihren Musikern in den Städten, in denen sie leben, auf die Straße und zu den Sehenswürdigkeiten und fangen dort einfach an zu tanzen. Die Begleitmusiker sind ihre Männer, Brüder oder Söhne. Ihre Vorführungen sind nicht nur Tanz, sondern auch gemischt mit Akrobatik oder Tricks. Und dieser Kalbelia-Tanz ist der Ursprung aller Zigeunertänze. Von diesem Stamm und einigen anderen Volksgruppen, die durch diese Landschaft ziehen.
Ethnologisch, kulturell und genetisch gehen von diesen Menschen die ursprünglichen Zigeuner aus. Die Quellen sind da sehr eindeutig. Ich habe mich auch viel mit dem Zigeunertanz befaßt, mit Ghawazi oder dem russischen Zigeunertanz, und diese auch alle schon ausprobiert. Glaub mir, man kann es sehen, daß man hier an den Ursprung gelangt ist. Außerdem gibt es aus dem europäischen Mittelalter Abbildungen von Zigeunerinnen, und die sehen aus wie die Menschen in Kalbelia.
Auch wenn man bei uns im Westen immer noch glaubt, die Herkunft der Zigeuner sei unbekannt, so ist doch schon seit dem 19. Jahrhundert erwiesen, daß ihre Sprache sehr nahe am Sanskrit steht. Die Kalbelia sprechen kein richtiges Hindi, sondern Marwari, eine Form des Radschastani (ein Dialekt des Hindi), der aber offiziell nicht als eigene Sprache anerkannt ist. Hindis, die weiter weg wohnen, haben allerdings Schwierigkeiten, Radschastani zu verstehen, so wie wenn ein Berliner nach Bayern kommt. Um zum Ende zu kommen, seit dem 19. Jahrhundert weiß man, daß die Roma, also die in Europa weilenden Zigeuner, ursprünglich aus Nord-Indien, genauer aus Radschastan kommen.

In Frankreich nennen wir Zigeuner „Gitans“, und das leitet sich wie das englische „Gypsies“ von Ägypten ab. Nachdem die Zigeuner im 10. Jahrhundert Nordindien verlassen haben, haben sie zuerst in Persien Station gemacht. Dort haben sie sich in zwei Strömungen geteilt. Der eine ist nach Norden weitergelaufen und in Ost-Europa gelandet, den anderen, den südlichen, zog es erst nach Kleinasien und von dort nach Ägypten. Warum man sie bei uns nun alle „Ägypter“ nennt, hat den Grund, daß sie erklärt haben, aus Klein-Ägypten zu kommen. Das ist eigentlich eine Region in Griechenland, aber das hat man als (Groß-)Ägypten mißverstanden, und dank ihres Aussehens paßten sie ja auch eher zu dem Land am Nil. Man wusste damals ja nur sehr wenig darüber. Die Ghawazi oder asiatischen Zigeuner gehören zum südlichen Strom.
Was die Ankunft der Zigeuner in Ägypten angeht, so weiß man heute nicht, wann das gewesen sein mag. Noch im 10. Jahrhundert oder erst viel später,  mehrere Jahrhunderte später, mit den Seldschuken, bzw. Osmanen. Das Ganze hat den Hintergrund, daß einige Forscher gern nachweisen möchten, die Zigeuner seien schon sehr früh dort eingetroffen und ins spanische Andalusien weitergezogen, womit man sie als Vorfahren des Flamenco festlegen könnte. Inwieweit dabei der Wunsch der Vater des Gedankens ist, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen. Denn man findet keine genetischen Nachweise der Zigeuner bei den Bewohnern von Tunesien, Algerien und Marokko, also den nordafrikanischen Ländern, die Spanien gegenüberliegen. Warum sollten die Zigeuner nur durch diese Länder geeilt sein, um dann erst in Spanien zur Ruhe zu kommen.
Nach der langen Vorrede zurück zu meiner Kalbeliya-Familie, bei der ich mich so zuhause gefühlt habe. Als Tänzerin hatte ich dort durchaus das Gefühl, zu den Ursprüngen zurückgekehrt zu sein. Auch als Mensch habe ich mich dort gut aufgehobn gefühlt, weil ich mich ja in einer ähnlichen Situation befinde und viel herumwandere. Und ein dritter Punkt: Diese Menschen leben ausschließlich vom Tanzen und fürs Tanzen, was ja auch meiner Lebenseinstellung entspricht.

Jedes Volk besitzt einen oder mehrere Volkstänze, denn Tanz gehört zur Kommunikation des Menschen. Tanz ist ein sozialer Akt. Beim Kalbelia besteht jedoch die Besonderheit, daß dieser Tanz nicht nur für die Kommunikation innerhalb der Gemeinde bestimmt, sondern auch nach außen gerichtet ist, als Darbietung.

Zum einen ist dieser Tanz recht traditionell, weil er uralt ist und von diesen Menschen innerhalb ihrer Gemeinde getanzt wird, er erhält auch sehr einige Einflüsse von außerhalb, weil er ja dort für andere Inder und für Ausländer aufgeführt wird.
Ich habe diesen Tanz mit dieser Familie innerhalb der Familie getanzt, bin aber nicht mit ihnen öffentlich auf der Straße aufgetreten. Das hätte sich nicht gehört, da sollte ich mich als Weiße zurückhalten. Und dort bin ich weiß, jeder Inder sieht in mir sofort eine Weiße. Ganz gleich, wie sehr ich mich eingliedern kann und wie herzlich sie mich bei sich aufnehmen, ich bleibe doch immer eine Weiße. Mögen die Inder im Norden auch deutlich heller sein als die im Süden, so sehen sie sich selbst doch noch lange nicht als Weiße – und Kalbelia heißt soviel wie schwarz. Wenn ich mich in einem anderen Land aufhalte, vor allem in einer Region mit so anders gearteten Sitten, muß ich mich anpassen. Hier gibt es bereits eine funktionierende Kultur, deswegen muß man seine eigene Kultur nicht unbedingt einbringen und den Menschen auch nicht seine eigene, andere Meinung aufzwingen.
Man muß Demut zeigen, alles andere wäre eine moderne Form von Kolonialismus, das sollten sich auch die Rucksack-Touristinnen und –Touristen und sonstigen Gutmenschen einmal überlegen. Auch bei den Hilfsorganisationen in Indien befallen mich zwiespältige Gefühle. Sie meinen es sicher gut, und das, was sie tun, sieht auf dem ersten Blick auch großartig aus. Aber die Inder haben eine eigene Religion, eine eigene Kultur und einen eigenen Erfahrungsschatz – wenn sie etwas ändern wollen, werden sie es auch tun.
Wenn ich mit ihnen tanze, geht es dabei sehr locker zu. Für sie ist der Tanz etwas ganz Normales, und sie verstehen nicht, daß man auf Tanz verzichten kann. Wenn die Mutter sagt, jetzt tanzen wir, kommen alle Kinder angelaufen und tanzen mit. Dabei entstehen weder Scham noch Hemmungen. Die Mutter sagt ihrer Tochter, zeig dein Kostüm, und zeig einen Tanz. Dann verschwindet die Kleine für zwei Minuten und kehrt zurück, um ihren Tanz aufzuführen, bis die Mutter sie aufhören läßt. Man sieht es dem Mädchen richtig an, wie sie sich freut, wie sie voll Eifer bei der Sache ist. Und mit mir haben sie es nicht anderes gehalten. Jedesmal, wenn ich gesagt habe, mir ist zu heiß, oder, ich bin müde, haben sie das nicht gelten lassen. „Marie, komm, Marie, komm!“ (lacht) Marie ist mein Vorname.
Zwei Monate bin ich in Indien geblieben, aber nicht nur in Radschastan. Bei der Familie, von der ich erzählt habe, durfte ich zwei Wochen wohnen.
Homepage Mihrimah Ghaziya: www.mihrimah-ghaziya.de
Photos, wenn nicht anders vermerkt, © Mihrimah Ghaziya
Mihrimahs Pfauentanz (Photo © Heilmeier)