Startseite/Aktuelles
zurück zu ma kuck'n
Photos © Konstanze Winkler
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
“Obaldel”

Interview mit dem russischen Bauchtanz-Star Nadia Nikischenko

von Marcel Bieger
Was für ein hübscher Name, warum nennst du dich nicht einfach Nadia?

Weil es in Rußland so viele Nadias gibt. Das ist ein ganz typischer russischer Name, und deswegen kann ich mich oder meine You Tube Rubrik nicht einfach nur „Nadia“ nennen. Auf You Tube findet man mich sogar unter sechs verschiedenen Namen, wie zum Beispiel Nadejda, Nadya oder Nadine (lacht), und dabei handelt es sich um Abarten meines Namens. Um mich also von den anderen Namensschwestern zu unterscheiden trete ich immer zusammen mit meinem Nachnamen auf.

Ist Bauchtanz in Rußland populär? Und läuft Tribal Fusion bei euch auch an?

Tribal Fusion fängt gerade erst an, sich in Rußland auszubreiten, aber den klassischen Raks Sharki kann man bei uns schon ziemlich lange erlernen. Wir haben sehr schöne und beeindruckende Raks-Sharki-Tänzerinnen, tausende Bauchtanz-Studios und im ganzen Land Tanzschulen. Meine Generation hat großes Glück gehabt, noch zu Sowjet-Zeiten freien Tanzunterricht erhalten zu haben. Deswegen finden wir uns ja auch so gut mit  Bauchtanz- und Oriental-Fusion-Choreographien zurecht. Wenn man über eine ausgezeichnete Tanz-Ausbildung verfügt, kommt man auch gut in neue Stile hinein.

Im Sozialismus hat es von staatlicher Seite kostenlose Tanzausbildung gegeben?

Ja, natürlich. Davon zehren wir heute noch. Damals war in dieser Hinsicht alles frei, und das war eine gute Sache. Heute muß man für jede Art von Ausbildung bezahlen.

Mein Vater war Konzert-Pianist und hat Musik studiert, und meine Mutter hat in einer Sportschule Klavier gespielt. Ich bin also mit klassischer Musik aufgewachsen.
Wir hatten zuhause ein Klavier, und darauf hat meine Vater jeden Tag gespielt. Klassische Musik  hat mich also von allen Seiten umgeben. Und irgendwann habe ich angefangen zu tanzen, wenn mein Vater die Tasten angeschlagen hat.

Das geschah ganz unwillkürlich, ich konnte gar nicht anders. Ich wollte nicht klavierspielen lernen, sondern nur tanzen und nichts als tanzen. Deswegen hat mein Vater sich auch nicht lange bemüht, mich dem Klavier näherzubringen, er und meine Mutter konnten sich ja mit eigenen Augen davon überzeugen, wie sehr mir der Tanz am Herzen lag. Als meine Mutter bei der Sportschule anfing – sie unterrichtete Kunst- und Geräteturnen -, hat sie mich immer mitgenommen, und so ist aus mir ein Sportkind geworden. Ich habe immer gern Sport betrieben, und damals habe ich mich sehr wohl gefühlt. Aber als ich zwölf oder dreizehn war, hat sich alles in mir geändert.

Ich habe neue Interessen gefunden, und von da an waren fremde Sprachen für mich das wichtigste. Ich bin in die Fremdsprachenschule gegangen, und Englisch wurde mein Hauptfach, Deutsch mein zweites Fach. Nur das Tanzen habe ich immer beibehalten, wenn auch hauptsächlich vor dem Spiegel. Aber ich habe von einer Zukunft voller unerwarteter Überraschungen geträumt, die mich eines Tages auf die Bühne bringen würden.

Wie haben dir die Shows hier in Duisburg gefallen?

Sährr gutt (lacht) Jede einzelne Darbietung hat die Persönlichkeit des Tänzers zum Vorschein gebracht. Ich bin sehr froh, hierher gekommen zu sein.

Wer schreibt deine Choreographien?

Ich ganz allein und sonst niemand. Aber so viel Choreographie gibt es bei mir gar nicht, weil ich sehr viel improvisiere. Zum Beispiel der Khaleegy, den ich heute getanzt habe, war bis auf den Anfang vollkommen improvisiert. Das gehört zu meinen Tanz-Prinzipien: Soviel Improvisation wie nur möglich. Und das hat seinen Sinn, weil man bei jedem Auftritt eine andere Energie im Tanz verspürt. Wenn man etwas aus dem Augenblick heraus erschafft, spürt das das Publikum. Die Menschen lassen sich von deiner Schöpfung, von deiner Geschichte einfangen. Und so erlebt man die Geschichte gemeinsam.
Wer näht deine wunderbaren Kostüme?

Meine Mutter. Alles, was ich auf der Bühne trage, hat meine Mutter angefertigt. Ihre Stücke sind wunderschön und gar nicht leicht herzustellen. Sie setzt sich hin, fängt an zu nähen und stricken und hat alles fertig im Kopf. Die Kostüme entwickeln wir aber gemeinsam. Wenn eine neue Nummer erschaffen werden soll, setzen wir uns zusammen und schauen uns an, was wir alles noch im Fundus haben. „Mal sehen, wir haben dieses und jenes und davon, und wir brauchen noch dies und das und vom dem auch. Aber wenn wir das mit diesem verknüpfen, dann ginge es auch so.“

Sobald meine Mutter ein Teil meines Kostüms fertig hat, probiere ich es an und bin meist nicht zufrieden. „Nee. Mutti, schau nur, so geht das doch nicht, und es sitzt auch total unbequem.“ Und dann muß meine Mutter alle Nähte wieder auftrennen und noch einmal ganz von vorn anfangen. Manchmal sogar mehrfach. Es kann bis zu drei Monaten dauern, bis ein solches Kostüm endlich fertig ist. Und alles ist mit der Hand gemacht, meine Mutter hat keine Nähmaschine.
Das ist ja irre  …

(lacht) Ich werde meiner Mutter erzählen, daß ein deutscher Journalist gesagt hat, ihre Arbeit hätte ihn “obaldel”, hätte ihn umgehauen (sie muß mir das Wort aufschreiben, und ich küre es spontan zur Überschrift, denn “obaldel” trifft auch auf Nadias Tanzkunst zu).

Wie sehen deine weiteren Pläne aus?

Ich möchte unterrichten und tanzen. Und in ein paar Jahren möchte ich ein Kind haben. Doch bevor es so weit ist, möchte ich nach Moskau umziehen. Ich habe mir gerade eine Eigentumswohnung im Großraum Moskau gekauft, und jetzt will ich mich an diese riesige Stadt gewöhnen,  neue Menschen kennenlernen, Kontakte knüpfen und mir ein neues Leben aufbauen. Ich habe also einiges vor! (lacht)

Siehst du dich als Bestandteil der russischen Bauchtanz-Szene?

Klar, warum nicht? Ich würde sogar sagen, ich bin nicht nur irgendein Rädchen im Getriebe dieser Szene (lacht). In Rußland kennt man mich als Show-Bauchtanz-Star. So nennen wir das bei uns, „Show-Bauchtanz“. Bei jedem Wettbewerb gibt es die Kategorie Show-Bauchtanz. Ich glaube, bei euch heißt das Fantasy oder Fusion, wenn man Orientalischen Tanz mit etwas anderem verknüpft, ganz gleich, was.

selbst Sportstudenten haben Choreographie gelernt. Wenn man dann dieser Ausbildung weiter folgt und sich beispielsweise für Bauchtanz entscheidet, sucht man sich seine Dozenten und Kurse gemäß dem aus, was einem als Ziel vorschwebt. Wenn man Turner werden will, fängt man im Alter von vier bis sieben Jahren mit der Ausbildung an (wenn man älter ist, wird man nicht mehr angenommen), und auch dabei erhält man eine gründliche Choreographie-Ausbildung. Wie ich eingangs schon erwähnt habe, war meine Mutter Lehrerin an einer Sportschule, und sie hat mich ja immer dorthin mitgenommen. Ich habe verfolgt, wie sie das Training der Mädchen mit ihrem Klavierspiel begleitet und gesteuert hat, und das hat mich fasziniert! Ich wollte dann auch Kunstturnerin werden. Kunstturnen ist eine unglaubliche Darbietung!

Hast du im Tanz irgendwelche Vorbilder?
Nein, ich habe keine Vorbilder, habe die auch nie nötig gehabt.

Du hast mehrmals den Begriff „Fusion“ gebraucht, der scheint aber etwas anderes zu bedeuten als bei uns, wir kennen ihn hauptsächlich im Zusammenhang mit Tribal Fusion.

Den Begriff Tribal Fusion kennen wir auch, aber Fusion wird ebenso im Orientalischen Tanz verwendet, wenn wir Raks Sharki mit anderen Stilen mischen. Das nennen wir Show Bauchtanz, und das hat mit Tribal Fusion nichts zu tun, Tribal Fusion ist etwas ganz anderes.

Hast du denn eine richtige Bauchtanz-Ausbildung?

In Rußland gab und gibt es keine ausgewiesene Bauchtanz-Ausbildung. Jeder, der irgendeinen Tanzunterricht nimmt, gleich welchen, erhält eine Ballett-Grundausbildung,

Außerdem wollen viele das alles ja noch einmal sehen. Deswegen gibt es von mir „Ancient Egypt Fantasy“, „Evil Brahmin“ und „Khaleegy“ zu Live-Musik.

Was wirst du dort in den Workshops unterrichten?

Ich gebe Workshops in „Oriental Burlesque“ für Fortgeschrittene und „Khaleegy“ für Anfänger.

Wie haben Aisa Lafour und du sich eigentlich kennengelernt?

Wir haben uns noch gar nicht persönlich kennengelernt. Aisa hat mich in Duisburg tanzen gesehen und mich dann per E-Mail zu ihrem Festival eingeladen.

Im November sehen wir dich bei Leyla Jouvanas und Rolands Oriental Festival of Europe wieder.

Ja, ich werde in diesem November wieder bei Leyla Jouvana sein, aber nicht noch einmal bei ihrem Wettbewerb mitmachen. Nein, sie hat mich als Star-Gast eingeladen. Ich glaube aber dennoch, daß ich noch einige Zeit brauche, um in Westeuropa bekannt zu werden.
Was werden wir von Dir bei Aisas Show „Orientalicious 2“ zu sehen bekommen?

Aisa hat mich gebeten, das noch einmal aufzuführen, was ich im November letzten Jahres in Duisburg getanzt habe. Das mag vielleicht jetzt den einen oder anderen enttäuschen, aber auf der anderen Seite dürfte es wirklich noch zu früh sein, diese Stücke nach nur einmaliger Aufführung auf Eis zu legen.

Nadias Homepage: www.nadia-dance.com
Nadia bei:
Termine
10.- 12.6. 2011 - "Orientalicious", Amsterdam (NL) www.orientalicious.com
18. - 28.11 2011 - 19. Orient. Festival Europas
www.leyla-jouvana.de
Es kommt gar nicht so selten vor, daß man auf einer Show ein neues Talent entdeckt. Aber es ist schon eine Ausnahme, wenn man eine bislang unbekannte Tänzerin erlebt, die gleich mehrere Stücke zur Aufführung bringt, bei denen einem immer wieder die Luft wegbleibt. So eine ist Nadia Nikischenko, in ihrer Heimat Rußland längst ein Star, bei uns noch unbekannt. Aber das wird sich bald ändern. Nachdem wir sie bei Leyla Jouvanas "Orientalischem Festival" erlebt haben, konnte es nicht ausbleiben, sie zum Interview zu bitten. Beim ersten Gespräch haben wir viel gelacht, sie ist ein unglaublich freundlicher und positiver Mensch. Am kommenden Wochenende tritt sie in Amsterdam auf (Veranstalterin Aisa Lafour hatte sie ebenfalls bei Leyla Jouvana gesehen und war so begeistert, daß sie sie gleich eingeladen und von ihr genau die gleichen Stücke gewünscht hat). Ende des Jahres wird sie wieder bei Leyla zu sehen sein, denn jemand wie Nadia läßt man sich nicht entwischen. - Hinweis der Redaktion: Auf den Abbildungen ist Nadia in den Kostümen und bei den Tänzen zu sehen, die sie in Amsterdam vortragen wird ...