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TANZ UND ARCHITEKTUR

Gespräch mit der Tänzerin und Studiobesitzerin Rachida el Majdoub

geführt mit Marcel Bieger

Hin und wieder kommt es vor, daß einem eine Tänzerin durch ihren besonders schwungvollen und gleichzeitig überaus sinnlichen Vortrag auffällt. Man sieht sie wieder und prägt sich endlich ihren Namen ein, was man beim ersten Mal sträflich vernachlässigt hat. Und plötzlich entdeckt man sie auf dem Auftrittsplan der „Orientale“ wieder. Einer der Ritterschläge in der Branche. Wir haben das Gespräch mit Rachida gesucht und eine ebenso charmante, wie freundliche und gescheite Frau erlebt. Hier die Wiedergabe.

Erzähle uns bitte etwas über Dein Leben vor dem Tanz, wo bist Du aufgewachsen, hast Du einen "richtigen" Beruf erlernt.

Ich bin in Nador, einer Stadt im Norden Marokkos geboren und lebe seit meinem vierten Lebensjahr in Deutschland. Meinen schulischen Werdegang habe ich mit Abitur abgeschlossen. Ich wußte bereits mit 12 Jahren in welche Richtung ich mich beruflich entwickeln wollte. Das Eine war Tanz und das Andere Architektur. Nun ja, meine Eltern waren nicht gerade begeistert von meiner Berufswahl. „Vom Tanzen kann man nicht leben“, und Architektur war in ihren Augen ein Männerberuf. Ich ließ mich jedoch nicht überreden, Zahnarzthelferin oder ähnliches zu werden. In die Münder anderer hineinzusehen ist nicht mein Ding!!!

Es mußte ein künstlerischer Beruf sein. Genau das wollte ich! 

Nach meinen beiden Abschlüssen als Graphisch-Technische Assistentin und Bauzeichnerin, beschloß ich doch noch mit 23 Jahren, Architektur zu studieren. Mein Studium hat mir sehr viel gebracht. Vor allem hat es mich auf das harte Berufsleben mit all seinen Vor- und Nachteilen vorbereitet.



Welche Tanzausbildung hast Du hinter Dir, welches sind Deine Lieblingsstile, und was würdest Du nie tanzen?

Mit 13 Jahren habe ich meine erste Tanzausbildung im Orientalischen Tanz in Marokko erhalten. Hanan Al Bousidi hieß meine damalige Lehrerin. Sie lebte unweit vom Ferienhaus meiner Eltern. Bei ihr lernte ich nicht nur die Technik des klassischen Orientalischen Tanzes und der Folklore. Hanan legte auch sehr viel Wert auf Ausdruck und Gefühl. Sie sagte mir, ich sollte die Musik fühlen, um sie besser mit dem Körper auszudrücken. Es dauerte seine Zeit, bis ich verstand, was sie meinte. Später kamen etliche Workshops bei namhaften Dozenten dazu. Seit 2005 habe ich den Übungsleiterschein C und die Präventions–Lizenz in Haltung und Bewegung. Der gesundheitliche Aspekt fließt in meinen Unterricht ein. Eine gute Haltung ist die Basis und somit Voraussetzung für jede Tanzrichtung. Ich liebe den klassischen Orientalischen Tanz, besonders im Stil der 40er–70er Jahre. Für mich ist das die Grundlage. Im Tanz gibt es keinen Stillstand und somit sollte man sich als Tänzerin und auch als Lehrerin ständig weiterentwickeln. Ich finde es sehr interessant, verschiedene Stile mit dem Orientalischen Tanz zu mischen. So entstehen immer wieder Möglichkeiten, sich neu zu erfinden und interessante Geschichten mit dem Körper zu erzählen.

Wie lange hat es gedauert, bis Du Dein eigenes Tanzstudio eröffnen konntest?

Während meiner Studienzeit in Aachen habe ich als Dozentin in Tanzschulen (Aachen, Eschweiler und Jülich) unterrichtet. Als ich für das letzte Uni-Semester den Unterricht pausieren lassen wollte, um mich auf die letzten Prüfungen zu konzentrieren, waren nicht nur meine Teilnehmer traurig. In dieser tanzfreien Zeit merkte ich, daß mir „ohne“ etwas fehlt. Der Gedanke „was machst du nach deinem Abschluß“ kam immer wieder auf. Es war sehr schwer mich, zwischen Tanz und Architektur zu entscheiden. Nach vielen Gesprächen mit Freunden faßte ich folgenden Entschluß: Wenn ich innerhalb eines Monats ein passendes Ladenlokal für eine Tanzschule finden würde, dann wäre das mein Weg. Das aber warf wieder neue Fragen auf:  Wo, wie und vor allem welche Frist setzt du dir, bis es läuft. Eine Pro und Contra–Liste später entschied ich mich für Eschweiler. Ein Ladenlokal war auch schnell gefunden und die Renovierungsarbeiten waren innerhalb kurzer Zeit erledigt. Jetzt konnte es losgehen!!! 

Nach 2 Jahren Selbstständigkeit kann ich rückblickend sagen: Es war die Richtige Entscheidung. Zur Zeit gebe ich 16 Kurse in der Woche, unterrichte ab und zu Workshops und hole mir auch tolle Künstler in meine Tanzschule. Zum Beispiel unterrichtet Sophia Chariarse 14-tägig Bollywood und Tribal Fusion, und mit Apsara Habiba plane ich in Kürze ein neues Projekt: Flamenco-Oriental.  Aber auch internationale Künstler finden den Weg in die Tanzschule Al-Raqs. Die Ausnahmekünstlerin Ava Fleming war 2010 in meiner Show und lieferte eine phantastische Performance unter anderem zur Live-Trommel mit Baytekin Serce ab.   
In Eschweiler sitzt du ziemlich genau mittendrin zwischen Deutschland, der Niederlande und Belgien. Wie macht sich das auf die Tanzszene im Großraum Aachen bemerkbar.
                                                                                                                                          Das stimmt. Mit Eschweiler habe ich mir einen zentralen Standort ausgesucht, der gut erreichbar ist. Meine Überlegung war: Wie schaffst du es, alle ehemaligen Teilnehmer aus Köln, Düren, Jülich, Aachen, Stolberg und Eschweiler "unter einen Hut zubringen". Die Antwort war schnell gefunden.  Nun habe ich auch neue Kunden aus Holland und Belgien dazubekommen. Das niederländische Vaals ist nur ein Katzensprung von 15 Minuten entfernt.  Die nahen Nachbarländer sind auch eine Bereicherung für meine Schüler untereinander. Meine Teilnehmer sind im Alter von 7–62 Jahren, von der Schülerin über die Hausfrau bis hin zur Geschäftsfrau. Verschiedene Nationalitäten kommen mit unterschiedlichen Erwartungen und Wünschen in meine Kurse. Das macht den Unterricht so spannend.

Schreibst Du Deine Choreographien selbst, und wenn ja, wie geht das dann vor sich: Steht am Anfang eine Tanzidee, eine Tanzbewegung oder ein Musikstück, zu dem Du gern tanzen würdest. Und wenn Du Dir Deine Choreographien von anderen schreiben läßt, wie geht das dann vor sich.

Unabhängig ob ich für jemand Anderen oder für mich choreographiere: In den meisten Fällen steht zuerst das Musikstück fest. Ich höre mir das Lied über mehrere Tage so oft es geht an, dabei entstehen Bilder von Tanzbewegungen in meinem Kopf. Sobald der Anfang steht entwickelt sich der Rest von allein.

Wir können Dich bei der "Orientale" in diesem Jahr im Tanzhaus bewundern. Auf die Bühne kommt noch lange nicht jeder, wie ist das also bei Dir vor sich gegangen, und was bedeutet Dir dieser Auftritt?

Die Einladung zur Orientale 2011 kam ganz plötzlich und unerwartet. Am 19. März 2010 nahm ich an den 6. Meisterschaften im Orientalischen Tanz (Taorie)

in Leverkusen teil. Ich bewarb mich unter anderem auch als Solistin in der Kategorie Klassischer Orientalischer Tanz. Mit meiner Improvisation kam ich auf den 2. Platz. Manis aus dem Düsseldorfer Tanzhaus saß mit weiteren vier Preisrichtern in der Jury. Einige Tage später rief sie mich an und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, bei der Orientale aufzutreten. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, bis Manis mich fragte, ob ich noch am Hörer wäre. Also sagte ich zu. Erst Tage später wurde mir bewußt, was das bedeutet. Das, was ich tue, kommt bei den andern gut an. Auf 2 Abende verteilt werde ich ein klassisches Stück, einen Stocktanz, einen Oriental–Fusion und ein Doppelschleier–Duett mit meiner Freundin und Kollegin Daniela Fahlefeld vorführen. Ich freue mich schon sehr darauf.

Das Schlußwort gehört dir.

Ich hoffe, daß auch Menschen zur Orientale kommen, die (noch) nicht aktiv tanzen und nur Interessierte sind. Gerade ihnen würden wir Tänzer und Tänzerinnen gerne einen Einblick in die Welt des Orientalischen Tanzes geben - in der Hoffnung sie zu begeistern und ihnen einen neuen Weg zu sich und zum Tanz zu eröffnen.

Rachidas Homepage: www.al-raqs.de