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Grafik und Layout: Konstanze Winkler
DIE KRAFT, DIE UNTER DEN FÜSSEN POCHT

Bericht zum 1. Roma Tribal Meeting in Rom

- von Rossella Milone

(aus dem Italienischen ins Englische übersetzt von
Sheilagh Falcigno, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Marcel Bieger)

Leider hat es mit dem ursprünglichen Bericht über das Roma Tribal Meeting nicht so recht hingehauen, die eingereichte Arbeit konnte in keiner Weise den Anforderungen genügen. Aber die Veranstalterin Isabel De Lorenzo wußte Rat und vermittelte uns an die in Italien bekannte Schriftstellerin und Dichterin Rossella Milone weiter,
welche sich auch als Tänzerin einen Namen gemacht hat. Sie hatte an dem Festival teilgenommen, war dort auch aufgetreten, und als Wortakrobatin hat sie natürlich eine ganz eigene Darstellung der Dinge. Die möchten wir hier wiedergeben, denn solch einen Festival-Bericht bekommt man nicht alle Tage zu lesen. Leider schreibt und arbeitet Rossella Milone überwiegend in Italienisch, also mußte eine Übersetzerin gefunden werden, die ihre Gedanken angemessen ins Englische übertragen kann. Und wir haben dann daraus die deutsche Fassung gemacht. Langer Rede, kurzer Sinn, es hat eine Weile länger gedauert, aber das Warten hat sich gelohnt, wie wir meinen.
"Inspiration ist wie eine Stadt, die sich auf ein Festival vorbereitet. Aufregung ist wie der Moment, in dem man sich in einem Rennen der Ziellinie nähert … oder wie wenn man im Meer taucht und die Grenzenlosigkeit des Raums spürt, der einen an allen Seiten umgibt. Und Freude ist wie nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu kommen und sich in die Geborgenheit der Lieblings-Couch fallenzulassen."
Am Wochenende vom 19. - 21. November 2010 verwandelte sich das „San Lo’“, das führende Tribal- -Tanzstudio Roms in eine solche Festival-Stadt, ein solches Meer der unendlichen Ausdehnung und ein solches Lieblings-Sofa. Hier, in einer Welt aus Tribal-Musik, geräumigen Probe-Räumen und einem nicht ganz so großen (dafür aber gut ausgestatteten) Suk oder Basar versammelten sich zu diesem Termin achtzig Zuschauer und fünfunddreißig Künstler zum ersten jemals stattfindenden Roma Tribal Meeting. Diese Veranstaltung wurde ersonnen und in die Tat umgesetzt von Isabel De Lorenzo und Lara Navarra Roccheti, den beiden Gründerinnen und Leiterinnen des „San Lo’-Studios“, sowie der US-amerikanischen Dozentin und Tänzerin Geneva Bybee.
Diese Zusammenkunft so vieler Tribal-Menschen darf für sich in Anspruch nehmen, die erste ihrer Art in Mittel-Italien gewesen zu sein, und sie ereignete sich in Roms historischem Viertel San Lorenzo. Wie so viele große Ideen wurde sie eher aus einer Notwendigkeit heraus geboren.
Man bedurfte eines Ortes, an dem unterschiedliche Künstler, Tänzer wie Musiker, zusammenkommen und einander begegnen konnten, um dort ihre unterschiedlichen Erfahrungen auszutauschen, seien sie nun künstlerischer oder persönlicher Natur. An dieser ungewöhnlichen Schnittstelle von Tanz, Lebenswerk und ganz persönlichem Vorhaben erhoben sich die einzelnen Stimmen zu einem Ganzen, um ein unendliches Lied zu erschaffen. Worksshops, Seminare, Gespräche am runden Tisch, Offene Bühnen und Auftritte boten den Nährboden, auf dem jede Tänzerin – wie der Tanz überhaupt – Gelegenheit fanden, die Pflanze ihrer Kunst durch fröhlichen, gegenseitigen und fruchtbaren Kontakt miteinander gedeihen und erblühen zu lassen. Am Wegesrand zurück blieben Vorstellungen, mit denen wahre Kunst oft verwechselt wird, welche die Kunst an sich aber wenig berühren.
Wenn zum Beispiel der Grad des Könnens mit der Anzahl der Glitzersteine auf dem Kostüm verwechselt wird. Hier im „San Lo’ Studio“ herrschte ein anderer Geist vor, der des miteinander Teilens und der des Zusammenwirkens, genau derselbe Odem, welcher dem Tribal vom Anbeginn an Leben eingehaucht hat.
Die Workshops und Vorführungen des ersten römischen Tribal-Treffens führten alle möglichen Formen und Spielarten des Genres vor, vom klassischen Tribal zu Grenzen sprengendem Tribal Fusion, vom ATS zum Gothic Fusion, von den grundlegendsten Formen zu den dramatischen Auftritten, die der Schauspielkunst schon sehr nahe kamen. Unter den Künstlern fanden sich solche einheimischen und internationalen Größen wie Kimberly McKoy, Geneva Bybee, Nakari Dance Company, Saada Tribal Group, Francesca Pedretti & De Nova Luce, Silviah, Carovana Tribale, Alexis Southall, Hydrus Tribal, Clan Mabon, Valentina Bulzi, Martina Filippi und Rosella Milone.
Die Ehrengäste, die Kapelle „Helm“, machte ihrem exzentrischen Ruf alle Ehre. Die Musiker waren eigens aus San Francisco angereist, um die Bühne mit den Tänzerinnen zu teilen. Gemeinsam mit dem atemberaubenden Takadum Orchester boten sie eine Leistung, die noch lange im Gedächtnis hängenbleiben wird. Beide zusammen fingen die Ursprünglichkeit und Wildheit alter Musiken für uns ein. Sie erschufen eine Kraft, die wir immer noch unter unseren Füßen pochen spüren können und die im Licht unserer Zeit noch keine vollwertige Entsprechung gefunden hat. Bloße Füße, gekreuzte Hände und klingelnde Zimbeln verschmolzen miteinander, um die Bühne in das erwünschte und angestrebte Zusammensein zu verwandeln, so wie es von Anfang an beabsichtigt gewesen war: eine Tanzgemeinschaft, bei der aus den Teilen die Gesamtheit wurde, und die Gesamtheit zu einer Feier sowohl für die Tänzer wie auch für die Zuschauer emporstieg. Alle, die diesem Fest beiwohnten, durften an diesem ungeheuerlichen Tanz teilnehmen, sich von ihm
Aber der aufregendste und gefühlsgeladenste Moment kam nicht von der Bühne und auch nicht in den eindringlichsten Augenblicken in den Unterrichtsstunden. Nein, er kam, als alle in der geräumigen und einladenden Eingangshalle des Studios auf dem Boden saßen – inmitten der Struktur aus Holz und Balken gleichsam auf einem imaginären Feuer thronend. An diesem Ort, in diesem Zentrum, saßen die Freunde und die Kollegen, die neukennengelernten und die altbekannten beisammen und schwatzten, redeten, diskutierten und stritten um Ideen. Hier stellte man die Fragen, und hier hörte man die Antworten um den Ursprung, das Wesen und die Besonderheit des Begriffs Tribal und seiner tänzerischen Umsetzung. Ein Weltall voller überraschter Stimmen, aufmerksamer Ohren und leuchtender Augen. Inmitten dieses menschlichen Ozeans namens Tanz faßte Ling Shien von der Gruppe Helm alles in Worte: Sie erklärte wie die Musik in ihrem Bauch entsteht, zuerst in ihre Füße und dann in ihre Hände strömt. Und die Hände wandeln diese Musik dann mittels einer Flöte oder Darbuka in Tanz um. Weder ihre Worte noch der Musik ihrer Stimme bedurfte es, um die Menge in ihren Bann zu schlagen, ihre Hände und deren Tanz in der Luft allein reichten aus, allen, auch denen, die des Englischen nicht mächtig waren, die Bedeutung ihrer Ansprache nahezubringen und wie ein kostbares Geschenk zu überreichen.

Auf der Woge dieses Segens von Ling Shien wird eine zweites Roma Tribal Meeting stattfinden. Genau wie beim ersten Treffen wird es wieder im „San Lo’ Tanzstudio“ abgehalten werden, vom 18. – 20 November 2011.

beeinflussen lassen und ihn ihrerseits beeinflussen. Ein alles verschlingendes und alles vom Einzelnen forderndes Gebilde entstand.
Isabel de Lorenzo und Lucilla
Carovana Tribale
Geneva Bybee
Rosella Milone
Nakari Dance Company
Clan Mabon
Kimberly McCoy
Martina Filippi
Alexis Southall
Helm
Ling Chien von "Helm" und Isabel de Lorenzo
Homepage: www.romatribal.com
Photos © Donatella Francati