Startseite/Aktuelles
zurück zu ma kuck'n
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Irgendwann hat jeder mal von „Shakra“ gehört oder ein Video gesehen, nur Genaues weiß man nicht über sie. Die Gruppe (meist Trio, aber auch als Duo unterwegs) tritt am kommenden Wochenende in Amsterdam bei „Beyond Bellydance III“ auf, veranstaltet von The Uzumé. „Hagalla“ konnte knapp vorab mit dieser Gruppe reden und von ihnen erfahren, was es mit ihr auf sich hat …
Erzählt uns bitte etwas über die Geschichte von Shakra.

The Shakra Dancers of the Tribal Grove” wurden 2002 von Bronwen Cox und Na'la Phillips gegründet, und zwar in der Stadt Alexandria. (Die liegt am linken Ufer des Potomac und gehört damit zum Staat Virginia, da sie sich aber auch genau gegenüber der Hauptstadt Washington, D.C. am rechten Ufer des Potomac befindet, zählt man sie ebenso zum Großraum Washington, zur „Metro Area“.) Bronwen und Na’la standen damals noch ziemlich am Anfang ihrer Bauchtanz-Karriere, haben sich aber schon für American Tribal Style interessiert und sind immer zum Pennsic War gefahren, einem Mittelalter-Lager in Pennsylvania, das von der „Society für Creative Anachronism“ (Gesellschaft für kreativen Anachronismus) alljährlich veranstaltet wird. Pennsic hat beim Wachsen und Werden von Shakra eine ziemlich große Rolle gespielt – genauso wie bei vielen anderen Tribes, Tänzern und Musikern, die heute immer noch aktiv sind und gedeihen (wie zum Beispiel Awalim, Zafira, Baraka Mundi, Khafif, Turku, Ishtar, Anthea und anderen). Shakras Stil zu jener Zeit kann als erdig und tribalig bezeichnet werden, und jedes zweite Wort, was die beiden Mitglieder von sich gegeben haben, gehörte zum Vokabular des ATS-Bewegungskatalogs.

Zwei Ereignisse haben das gründlich geändert. Beim ersten haben Shakra 2003 beim Rakkasah East Festival die Gruppe Domba! aus Arizona gesehen und sich sofort in den energiegeladenen Tribal-Tanz derselben verliebt. Die Gruppe verarbeitet darin Elemente aus westafrikanischen Tänzen, genauer aus Ghana, Senegal und Guinea. Domba bewog Bronwen und Na’la, sich mit der Musik und den Tänzen Westafrikas auseinanderzusetzen und Fusionen aus ihnen und Bauchtanz zu schaffen.
Beim zweiten einschneidenden Ereignis handelte es sich um die Begegnung mit Hilary Egan auf dem Pennsic des Jahres 2004. Hilary konnte Westafrikanisch, Bauchtanz, Bhangra aus dem Pandschab und Standardtänze tanzen und besaß eine irre Musiksammlung, vor allem aus den Bereichen Gothic und Industrial; unnötig zu erwähnen, daß sie sich auch in all diesen Stilrichtungen gut auskannte
Na’la und Hilary arbeiteten sofort miteinander, und Shakra entwickelte sich von da an in eine ganz andere Richtung. Wir haben schauspielerische und mythologische Konzepte gewälzt und ausprobiert und dabei die Dunkelheit in uns, unser Ego, unsere Schöpfungskraft erkundet und unsere Möglichkeiten als Tänzerin und Bühnendarstellerin ausgelotet. Und wir haben gelernt, wie man zusammen arbeitet und spielt. In dieser Zeit haben wir uns zwar nicht als Bauchtänzerinnen bezeichnet, aber wir hatten ganz gewiß unseren Platz in dieser Szene. Uns selbst haben wir gern als „Industrial Cheerleaders“ bezeichnet, wollten wir doch als etwas ganz Eigenes und Besonderes in einer Bauchtanz-Show auftreten, sozusagen als die Einheizer, welche die Zuschauer in Stimmung und in Wallung versetzen.
Unsere Gruppe war so angelegt, daß sie uns dabei fördern sollte, uns weiterzuentwickeln, uns zu verändern, dazuzulernen und keine Angst davor zu haben, aufzufallen und anders zu sein. Um uns das stets vor Augen zu halten, führen wir in unserem Banner die Worte: Evolution, Abweichung, Variation (mehr dazu weiter unten). Wir haben uns als Mensch und Frau weiterentwickelt, und deswegen sollte unser Tanz nicht dahinter stehenbleiben. „Shakra“ gewann langsam an Popularität, und das war für uns alle eine ganz neue Erfahrung. Dadurch veränderte sich Shakra grundlegend, und wir mußten immer mehr Zeit und Energie in die Gruppe stecken.
Bronwen stieg dann aus, um andere Welten zu erkunden (bildende Kunst und Mutterschaft – was ist die kleine Nixy doch für ein süßes Baby!). Na’la und Hilary versuchten sich in Humor (zum Beleg siehe das Video http://www.youtube.com/watch?v=DUCZxX_gOPA).
Hilary gefiel das Bearbeiten und Erstellen von Videos so sehr, daß sie das als Berufsweg einschlug, und Na’la suchte nach ihrem Platz in der Bauchtanzgemeinde. Sie nahm Unterricht bei Rachel K. Brookmire, der Chefin der in Washington, D.C. ansässigen Tanzschule „Sahara Dance“, und arbeitete mit den dort ebenfalls beheimateten Tänzerinnen Ariel und Belladonna zusammen. Sie hat die dortige Lehrerinnen-Ausbildung abgeschlossen und dann in den drei Studios der „Sahara Dance“ selbst Unterricht in Raks Sharki und in dem von ihr entwickelten Tribal Fusion Stil gegeben. Dort hat sie auch Abby Gillet kennengelernt und unterrichtet, die im Juni 2010 zum dritten Shakra-Mitglied werden sollte (neben Na’la und Hilary). Abbys grimmige Bühnen-Präsenz und ihr streng militärischer Verstand erwiesen sich als perfekte Ergänzung für die Gruppe. Hinzu kamen ihr Bestreben und ihre Lust daran, ihre tänzerischen Möglichkeiten ständig fortzuentwickeln.
Ihr sitzt in Washington, D.C., also an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Begreift ihr euch auch als Teil der East Coast Tanz-Szene?

Die Ostküsten-Szene ist riesig groß und umfaßt das ganze Gebiet von New York City, Washington, D.C. runter bis Ashville, Alabama, Atlanta, Georgia, und Miami in Florida. Alle diese Städte haben eine eigene Tanz-Szene, und natürlich auch alle Städte dazwischen. Ich rechne auch Pittsburgh, Pennsylvania, und Festivals wie „Pennsic“ dazu. Dank Festivals und Veranstaltungen wie Pennsic, Spirit of the Tribes, Rakkasah East, Spring Caravan, Tribal Con, und seit neuestem Art of the Belly haben wir uns immer als Bestandteil der großen Ostküsten-Gemeinde gefühlt. DCTribal gehört auch dazu. Dieses Cafe wurde 2004 eröffnet, und hier sind fast alle Tänzerinnen aus dem Großraum irgendwann einmal aufgetreten und sich über den Weg gelaufen. Man hat dort auch Lehrerinnen von auswärts eingeladen, und so sind wir auch mit der landesweiten Tanz-Szene in Verbindung gekommen.

Könnt ihr uns etwas mehr über euren Wahlspruch Evolution, Abweichung und Variation erzählen?

Evolution: beinhaltet jeden Prozeß der Formierung oder des Wachstums;  darunter versteht man auch Entwicklung und eine Bewegung, die allein für sich genommen unvollkommen bleibt, aber mit anderen Bewegungen zu einer ganzen Handlung verbunden werden kann, so wie bei einer Maschine, wo man das als Muster aus einer Serie von Bewegungen kennt.

Abweichung: Abkehr oder Abwesenheit von allgemein akzeptierten Normen oder Standards.

Variation: der Zustand, die Art oder der Umstand, variabel, differenziert, anders oder jenseits der Norm zu sein. Der Unterschied zwischen dem, was erwartet wird, und dem, was sich dann tatsächlich tut.

Diese Begriffe wohnen all unserem Tun inne, nicht nur im körperlichen Ausdruck unserer sich ständig sich wandelnden Tanzform, sondern auch in der uns gemeinsamen Art, dem Leben entgegenzutreten. Das Leben stellt einen Prozeß des beständigen Wandels dar, nur widersetzen sich viele Menschen dem unvermeidlichen Wandel. Wir streben danach, diesem ständigen evolutionären Wandel Bahn zu brechen, wir verstehen Evolution als permanente neue Anpassung. Wir möchten als Tänzer und als Individuen wachsen, und wir möchten die Varianten des Lebens erkunden und den Variantenreichtum, den die Kunst, das Leben und der Tanz uns bescheren, in unserem Tun widerspiegeln. Deswegen scheuen wir nicht davor zurück, neue und andere Formen des Tanzes, der Musik und der Denkart auszuprobieren.

Shakras Abweichungen entspringen unserer Fähigkeit, verschiedene Tanz-Stile und –Kulturen miteinander zu vermengen und daraus einzigartige und phantasievolle hybride Bewegungen zu erschaffen. Wenn diese neuen Bewegungen mit schauspielerischen Gesten und persönlichen Erfahrungen verknüpft werden, erwachen  sie auf der Bühne zu eigenem Leben. Shakras Kunst rührt von ihren Erfahrungen und ihren Interaktionen her, welche unsere Forschungen an und Wiedergabe von einer Vielzahl Genres beeinflussen. Wir haben uns für diese drei Begriffe als unseren Wahlspruch entschieden, weil sie jeder für sich wiedergeben, wie wir unser Leben leben und unsere Freude am Leben und am Tanz mit anderen teilen möchten.

„Die einzige Möglichkeit, einem Wandel Sinn abzugewinnen, besteht darin, sich in ihn zu stürzen, sich mit ihm zu bewegen und sich seinem Tanz anzupassen.“ — Alan Watts-

In eurer My-Space-Liste eurer bevorzugten Musik-Gruppen stößt man auf eine Menge deutscher Industrial- und Gothic-Gruppen („Qntal“, „Wumpscutt“ oder „Corvus Corax“ springen einem sofort ins Auge). Habt ihr eine besondere Beziehung zu diesen Gruppen, oder gibt es für euch Unterschiede zwischen deutscher Underground Musik und anderen. – Und könntet ihr bitte eine paar Worte zu der dort ebenfalls aufgeführten slowenischen Gruppe „Laibach“ sagen, an die sich hierzulande leider nicht mehr so ganz viele erinnern …

Als wir diese Liste zusammengestellt haben, hatten wir gerade unsere deutsche Underground-Phase. Wir finden diese Musik immer noch düster, kantig, mysteriös, machtvoll und mitunter sehr aggressiv. Das alles entsprach unserer Stimmung. Was wir da zu hören bekommen haben, gab einige der finstersten menschlichen Erfahrungen wieder. Viele Menschen verstehen sich nicht darauf, mit diesen Empfindungen auf gesunde Weise umzugehen, wir haben das dadurch geschafft, indem wir zu solcher Musik getanzt haben und kreativ geworden sind. Musiker wie die erwähnten :wumpscut:, Qntal und Corvus Corax haben uns die Möglichkeit gegeben, unseren dunkelsten Seiten Ausfluß zu verleihen. Deswegen werden wir, so lange wir Menschen bleiben, immer zu solcher Musik eine besondere Beziehung haben.

Aber wie schon gesagt, diese Liste ist vor längerer Zeit entstanden, und seitdem haben wir einzeln und als Gruppe auch andere Gefühle und Regungen erforscht und tanzen auch zu anderen Emotionen. Zum Beispiel haben wir unseren Humor ergründet, indem wir zu Queen, Flight of the Concords und House of Pain aufgetreten sind. Daß wir auch solche Gemütszustände erfahren und wiedergeben, heißt nun aber nicht, daß wir unsere dunkle Seite ganz aufgegeben hätten. Im Gegenteil, wir nehmen uns aus beidem, was wir brauchen, gelegentlich sogar in ein und derselben Show, und haben unseren Spaß daran.

Auf „Laibach“ sind wir durch Kurzfilme auf der Seite http://www.rathergood.com/laibach gestoßen, wo sie auch in deutsch singen. Vorher hatten wir noch nie etwas von ihnen gehört. Aber seitdem haben wir ein Stück mit dem Titel „Tanz mit Laibach“ choreographiert, und ich habe mir einen Haufen Alben von dieser Gruppe zugelegt (mein Favorit ist „Wat“). Laibach haben eine phantastische militärische Aura, von der wir uns angezogen fühlen, und sie leisten ganz Außerordentliches darin, das in ihre Stücke einfließen zu lassen. Das inspiriert uns sehr und auch, was sie alles drumherum anfangen. Nicht nur ihre Musik ist aufregend, sondern auch das Video und die anderen Medien, die sie zur Unterstützung heranziehen. Am besten gefällt uns aber, daß man über ihre Kunst herrlich debattieren kann und die Menschen darüber streiten, worum es dieser Gruppe denn eigentlich geht. Damit experimentieren sie mit Kunst als Kommunikationsform, und so etwas imponiert uns immer!
SHAKRA sind zu Gast bei The Uzumés Beyond Bellydance III in Amsterdam/Utrecht (NL), 26./27. März : http://www.tjarda.nu/
Homepage SHAKRA: http://shakradance.com/
Fotos © Cielo Photography, EnMotionPhoto.com und SHAKRA
EVOLUTION-
ABWEICHUNG-
VARIATION-

Interview mit der Gruppe SHAKRA
von Marcel Bieger