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STEAMPUNK –
EINBLICKE IN EINE WELT, DIE ES SO EIGENTLICH NIE GAB
Im letzten Jahr sind sie, anfangs zaghaft noch, aber zunehmend häufiger, erstmalig bei Tanzveranstaltungen bemerkt worden – Steampunk-Mädels, auf der Bühne, vor der Bühne und in den Vorhallen. Was es damit auf sich hat, das hat Hagalla in mehreren Beiträgen zu ergründen versucht. Den Abschluß unserer Reihe bilden die Betrachtungen von Bernd und Ursel Meyer, die sich auf diesem Gebiete bestens auskennen und weiter unten darstellen, wo, wann und wie Steampunk noch stattfindet und funktioniert.

Teil 1: Allgemeine Einführung

von Bernd „Camo“ Meyer
und Ursel „Naja Haje“ Meyer

Steampunk ... ein Wort, das immer bekannter wird. Aber was verbirgt sich eigentlich wirklich dahinter? Eine Modewelle? Eine Literaturgattung? Ein Spielplatz für weltfremde Spinner? Verklärung der Vergangenheit? All das ist damit schon irgendwie verbunden, das ist richtig. Aber Steampunk ist noch viel mehr. Er ist eine Subkultur voller leidenschaftlicher Bastler und liebenswerter Exzentriker, mit einem ganz eigenen Lebensgefühl und einer spezifischen Ästhetik: Wir wollen Euch an dieser Stelle Einblicke geben, in das, was Steampunk abseits der Bauchtanzbühnen noch alles sein kann.
„ … Steampunk ist mehr als nur Messing und Uhrwerk-Teile. Es geht darum, die Vergangenheit und die Zukunft auf ästhetisch ansprechende aber dennoch rebellische Weise miteinander zu verbinden. Es geht darum, ein Leben zu leben, das altmodisch aussieht, aber dennoch Bezug zur Zukunft hat.“
(Quelle:
http://thesteampunkhome.blogspot.com/)

Steampunk ist der Versuch, der Realität ein anderes Antlitz zu geben, und in eine zumindest vermeintlich bessere, wenn auch fiktive und romantisierte Welt einzutauchen. Also eigentlich eine Art der Teilauflehnung gegen unsere Welt, eine Unzufriedenheit mit der modernen Realität.

Dies mag nach Realitätsflucht klingen und damit zunächst einmal beunruhigend wirken, aber ist nicht auch jede Urlaubsreise eine Flucht aus dem Alltag? Jedes Buch eine Abkehr von der Realität? Jeder Film ein Eintauchen in eine Traumwelt? Versucht nicht jede Tänzerin, ihre Zuschauer in "ihre" Welt zu entführen? Jeder hat Träume, gibt sich ihnen hin, tankt dadurch neue Kraft, um dem Alltag entgegentreten zu können. Bei Steampunk ist es nicht anders. Und wenn man es genau betrachtet, ist er eigentlich auch nicht verrückter als andere Vorlieben.

„Steampunk ist für mich eine halb geöffnete Tür. Hinter ihr sind neue Inspirationen und Geschichten, von dort klingen sowohl die zarten Töne von Porzellantassen und klassischer Musik eines nachmittäglichen Teestündchens, als auch das verheißungsvolle Stampfen von Dampfturbinen oder das leise Rieseln von Sand in alten Pharaonengräbern. Er ist das Versprechen einer Welt, in der noch nicht alles erforscht, entdeckt und erklärt ist, sondern die viele weiße Stellen auf der Landkarte hat.“

(Steampunkerin und Buchautorin Sylke Brandt im Interview auf:

http://clockworker.de/cw/2010/02/21/im-salongesprach-sylke-brandt/)

Gemälde von James Tissot
Von seiner Grundidee her ist Steampunk das Ergebnis einer „Früher war alles besser“-Phantasie, was aber allen Beteiligten durchaus bewußt ist – kaum jemand gibt sich hier der Illusion hin, daß die Welt tatsächlich damals ein wahres Paradies gewesen sei. Die Zeit, auf die sich Steampunker bei diesem „früher“ im allgemeinen beziehen, ist unabhängig von der eigenen Nationalität der Aktiven im allgemeinen das sogenannte „Viktorianische Zeitalter“, das ungefähr von 1837 bis 1901 gerechnet wird. Dieser Umstand mag für manche Außenstehende etwas seltsam anmuten, doch kommt es der Steampunk-Bewegung vor allem darauf an, mit welchem Lebensgefühl und welcher Ästhetik diese Zeit im Nachhinein verknüpft wird. Die ungewöhnlich lange Regierungszeit von Königin Victoria von England ist vielfach in Buch und Film thematisiert, und auch verherrlicht worden, und sie ist damit bis heute populär geblieben. Monarchen anderer Länder wurde eine ähnliche nachträgliche Anerkennung nur selten zuteil – insbesondere dann, wenn sich die entsprechenden Länder inzwischen längst von der Monarchie verabschiedet haben.
Steampunk bezieht sich von daher auch in Deutschland tendenziell eher auf die „Viktorianische Zeit“ und die Kultur und Atmosphäre in der gehobeneren britischen Gesellschaft, vermischt mit einer idealisierten Arbeiterklasse. Der Beginn der Industrialisierung, der Kolonialismus, Dampfkraft und uhrwerksgetriebene Technik sind dabei prägende Elemente des Steampunks, ebenso die geschliffenen Umgangsformen der viktorianischen Gesellschaft, Aspekte der Kleidung, Aufbruchsstimmung durch den technischen Fortschritt und der Geist des Abenteuers. Damals gab es noch weit mehr weiße Flecken auf der Landkarte, die man auf nicht ganz risikofreien Expeditionen erforschen konnte.
Auch die Technik steckte in vielen Aspekten noch in ihren Kinderschuhen. Viele technische Errungenschaften waren damals nur wenige Jahre zuvor noch undenkbar erschienen, so daß nahezu alles möglich schien: Wagen ohne Pferde, Telephon ... und schließlich der Kinematograph, der Vorläufer des Kinos, dessen erste Vorführung 1895 stattfand.
Portrait der Königin Victoria von England
Neben dieser optimistischen Grundstimmung reizen auch der Glanz der „besseren“ Gesellschaften, der Bälle. Ebenso das Prinzip der britischen "Clubs", die Rückzugsorte von der Hektik des Alltags waren, in denen man bereits damals gemeinsam mit Gleichgesinn-
ten in eine eigene kleine Welt eintauchen konnte. Und nicht zu vergessen die Höflichkeit, mit der man einander ansprach – „Verzeihen Sie bitte, ist dieser Platz noch frei“ klingt eben ganz anders als ein „Ey, Alter, rück mal beiseite“.

Wir haben hier also eine interessante Mischung aus der Lust am Abenteuer und romantisierter „guter alter Zeit“. Schaut man nun in unsere reale Welt, so erscheint diese einem im Vergleich dazu beinahe farblos:

Abenteuer ... wer erlebt sie noch? Reisen in ferne Länder nimmt man heutzutage eher als Pauschalurlaub mit klimatisiertem Hotel vor, aber kaum mehr als waghalsige Expedition. Von dem Versuch, es den Erfindern der Automobile nachzumachen und mit einem gerade frisch zusammengeschraubten Dampfgefährt eine Probefahrt auf der Straße zu unternehmen möchte ich mal ganz schweigen, die behördlichen Probleme, die daraus resultieren würden, wären zwar ein ganz eigenes Abenteuer für sich, aber keines, an das man sich im nachhinein gern erinnern würde.
Tatsächlich befinden sich unter den modernen Steampunk-Enthusiasten einige sehr fähige Bastler, davon zeugen Technik-Umbauten und vor allem -Neubauten. (http://thesteampunkhome.blogspot.com/) Viele alte Techniken wurden wiederentdeckt, Dinge, die weggeworfen werden, erleben eine Wiedergeburt ... und die unterschiedlichsten Interessengruppen arbeiten friedlich Hand in Hand zusammen, um etwas Neues zu schaffen. Dabei werden oftmals aus reiner Lust am Basteln, am "Abenteuer", erstaunliche Anstrengungen unternommen. Die jährliche "Handcar-Regatta" (http://handcar-regatta.com/) im amerikanische Santa Rosa, über die wir noch berichten werden, ist dafür ebenso ein Beispiel wie die sogenannten "Maker Faires"
(
http://makerfaire.com/) und die zum Teil extravaganten Bälle.
Ein "Handcar", zu deutsch "Draisine"
In den USA, und überhaupt im englischsprachigen Raum, ist Steampunk um einiges verbreiteter als hierzulande
(z. B.
http://brassgoggles.co.uk/blog/, http://kineticsteamworks.org/), jedoch ziehen auch die deutschsprachigen Gebiete langsam nach. (Links: http://clockworker.de/cw/; http://salon.clockworker.de/, http://steampunk-welten.de/ ) Wer bis zum Erscheinen des nächsten Teils unserer Betrachtungen noch mehr zu diesem Thema lesen möchte, findet hier ausgiebig Gelegenheit:
http://en.wikipedia.org/wiki/Steampunk.
weiter zu Teil 2 ...
Photo © Kyle Cassidy