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STEAMPUNK –
EINBLICKE IN EINE WELT, DIE ES SO EIGENTLICH NIE GAB
Im letzten Jahr sind sie, anfangs zaghaft noch, aber zunehmend häufiger, erstmalig bei Tanzveranstaltungen bemerkt worden – Steampunk-Mädels, auf der Bühne, vor der Bühne und in den Vorhallen. Was es damit auf sich hat, das hat Hagalla in mehreren Beiträgen zu ergründen versucht. Den Abschluß unserer Reihe bilden die Betrachtungen von Bernd und Ursel Meyer, die sich auf diesem Gebiete bestens auskennen und weiter unten darstellen, wo, wann und wie Steampunk noch stattfindet und funktioniert.



Teil 2: Geschichte und der Einfluß auf verschiedene Genres

von Bernd „Camo“ Meyer
und Ursel „Naja Haje“ Meyer

Viele Aspekte der viktorianischen Welt sind uns heutzutage immer noch aus Film und Literatur vertraut. Jeder von uns dürfte mit zumindest einigen entsprechenden Werken der Literatur oder zumindest ihren Verfilmungen großgeworden sein: Jules Verne, E.A. Poe, Sir Arthur Conan Doyle, Henry Ryder Haggard, um nur einige zu nennen. Die Protagonisten ihrer Geschichten sind meist relativ alltägliche Menschen der damaligen Zeit, die aufregende Abenteuer erleben. Und im Gegensatz zu den Helden der Fantasy- oder Science Fiction-Romane empfinden wir die Protagonisten der „Steampunk-Zeit“ als "realer", weil ihre Vorbilder aus einer gar nicht so lange zurückliegenden Zeit stammen.
Jules Verne *8.2.1828 - + 24.3.1905
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Unser Streifzug durch die Geschichte des Steampunks beginnt bei seinen Wurzeln, einigen Klassikern der Literatur ... H.G. Wells (1866-1946) springt einem da sofort ins Auge, zum Beispiel mit "Die Zeitmaschine" (mehrfach verfilmt), "Die Insel des Dr. Moreau", "Die ersten Menschen auf dem Mond" oder "Krieg der Welten".
Die Zeitmaschine - von H.G. Wells
Jules Verne (1828-1905) ist ebenfalls einer der ersten Vertreter dieses Genres, obwohl der Begriff „Steampunk“ selbst eigentlich erst viel später entstanden ist. Unter seinen Werken findet sich z.B. "Reise zum Mittelpunkt der Erde", "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer", "Die geheimnisvolle Insel" oder "Robur der Sieger", um einmal die Spitze des Eisberges zu nennen. Auch hier kam es zu zahlreichen Verfilmungen.

Von hier spannt sich der Bogen in die Gegenwart, auch hier gab und gibt es herausragende Autoren, die sich dieses Genres angenommen haben: Michael Moorcock ("Zeitnomaden"), Philip José Farmer ("Das echte Log des Phileas Fogg", "Das phantastische Land" oder "Ein Himmelsstürmer in Oz") oder Paula Volskys "Das große Rennen", eine Variante von "In 80 Tagen um die Welt" mit einer Frau als Hauptdarstellerin.
Bei uns nahezu unbekannt sind eine Vielzahl bislang nicht ins Deutsche übersetzter Werke von verhältnismäßig jungen Autoren: Die „Parasol Protectorate“-Serie von Gail Carriger schlägt eine Brücke zwischen Steampunk, „Paranormal Romance“ und „Urban Fantasy“. Cherie Priest, hat mit ihren Romanen „Boneshaker“ (demnächst in deutscher Übersetzung) und „Clementine“ einen „Clockwork Century“-Zyklus be-gonnen, daneben schreibt sie überwiegend „Southern Gothic Ghost Stories“. Außer-dem erwähnenwert wären „Whitechapel Gods“ von S. M. Peters oder „Clockwork Heart“ von Dru Pagliassotti sowie verschiedene Anthologien zu dem Thema. Eine umfassende Auswahl von Romanen auf Deutsch und Englisch, die im engeren oder weiteren Sinne dem Steampunk-Genre zuzuordnen sind, findet sich auf dieser Website: http://clockworker.de/cw/bordeinkauf/
Steampunk erfreut sich auch wachsender Beliebtheit bei Hobby-Autoren. Hier ist das Spektrum nochmals um einiges größer; wobei sich semiprofessionelle Veröffentlichungen bisher wiederum nur in denUSA etabliert haben. Einige empfehlenswerte Vertreter sind das kostenfreie 'Steampunk-Magazine' (http://www.steampunkmagazine.com/), oder die 'Steampunk Tales'
(
http://steampunktales.com/). Letztere Publikation ist zwar kostenpflichtig, aber als reine PDF-Veröffentlichung auch im Ausland durchaus bezahlbar, da weder Druck- noch Protokosten anfallen. Diese Magazine werden jedoch bislang ausschließlich in englischer Sprache publiziert, sie werden hier in erster Linie erwähnt, um aufzuzeigen, wie die Zukunft auch hierzulande aussehen könnte, sollten sich entsprechende Enthusiasten zusammenfinden. Ebenfalls nur online verfügbar ist diese lesenswerte Publikation: „The Strange Case of Mr. Salad Monday (http://www.tor.com/stories/2009/10/mr-salad-monday)
Seit den Anfangstagen des Kinos wurden Steampunk-Motive immer wieder gern von Filmschaffenden aufgegriffen, da das Genre Potential für opulente Bilder und Geschichten bietet, die gleichzeitig fremdartig und vertraut wirken. Angefangen bei Verfilmungen von Literatur-Klassikern wie "In 80 Tagen um die Welt" (ein gutes halbes Dutzend Verfilmungen von 1919-2009), den verschiedenen Fassungen der Geschichte um Kapitän Nemo und seiner Nautilus (erstmals 1907 verfilmt) oder "Robur der Eroberer" (1961) über "Rocketeer" (1991), "Einstein Junior" (1990) und "Sky Captain and the World of Tomorrow" (2004, obwohl das eher zur Abart "Dieselpunk" gehört) bis hin zu "Wild Wild West" (1965 als Fernsehserie, Kinofassung 1999), "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" (2003), "Das Geheimnis des verborgenen Tempels" (1985), "Der goldene Kompaß" (2007), "Van Helsing" (2004) und der aktuellsten Verfilmung von "Sherlock Holmes" (2009). Der Vollständigkeit halber erwähnenswert sind auch "Klamaukverfilmungen" wie "Die tollkühnen Kerle in ihren rasselnden Raketen" (1967).
Eine nur im englischen Sprachraum veröffentlichte (und nach nur einer Staffel bereits wieder eingestellte) Serie war "The Secret Adventures Of Jules Verne" (2000). Diese Serie ging mit literarischer Vorlage und historischer Realität sehr frei um: Jules Verne wurde hier als eine Art "Geheimagent" dargestellt, dem Phileas Fogg als sein Freund und Mitstreiter und eine für die Viktorianische Zeit ausgesprochen emanzipierte Cousine Foggs an die Seite gestellt wurden. Trotz des ausgesprochen lockeren Umgangs mit literarischer Vorlage und den gesellschaftlichen Konventionen der viktorianischen Zeit war die Serie durchaus unterhaltsam, wenngleich auch zum Teil etwas überzogen.
"20.000 Meilen unter dem Meer"
Viele der oben erwähnten Filme waren aufwendige Produktionen, die an den Kinokassen beachtliche Erfolge feierten. In der Filmindustrie ist Steampunk also weder neu noch ein "Nischengenre". Nur die Bezeichnung des Genres ist bisher selten an die Öffentlichkeit gekommen. In neuerer Zeit hat Steampunk dabei auch seinen Platz im Bereich der Hörspiele erobert, wie diese BBC-Produktion zeigt: http://www.bbc.co.uk/programmes/b00t4pgh

Im Spiel hat Steampunk auch schon seit geraumer Zeit seinen Platz gefunden. Beginnen wir mit einem wohl etwas unbekannteren Bereich, der trotzdem seinen Reiz hat. Das sogenannte Tischrollenspiel (vielfach auch als „Pen & Paper“ bezeichnet) hat nichts mit den etwas zweideutigeren Beschäftigungen zu tun, die gern als „Rollenspiel“ bezeichnet werden, ebenso wenig mit der psychologischen Technik gleichen Namens. Die hier gemeinten Rollenspieler simulieren eine fiktive Welt mit fiktiven Personen, steuern sie nur mit ihrer Phantasie und Beschreibungen durch verschiedene abenteuerliche Situationen. Lange Zeit als Freaks, Spinner und Ähnliches bezeichnet scheint die Gesellschaft sich inzwischen mit ihnen abzufinden ... wer 30 Jahre seinem Hobby nachgeht, wird es danach wohl auch nicht mehr lassen.

Den Anfang im Rollenspiel-Sektor machte "Space: 1889" (englische Ausgabe erschienen 1988, eine deutsche Ausgabe soll derzeit in Vorbereitung sein), das die Spieler in eine fiktive Version der Kolonialzeit zurückführt. In dieser Fiktion sind auch die näheren Planeten von Menschen besiedelt und unter der Herrschaft der Kolonialmächte.
Mars und Venus sind dabei erreichbar durch Schiffe, die mit Dampfkraft den „Aether“ durchstreifen, der anstelle des uns bekannten luftleeren Weltalls unsere Welten umgibt. Insgesamt bietet Space 1889 ein sehr dichtes und schön aufgemachtes Szenario, das aber durch die Sprachbarriere bislang nur den wenigsten verfügbar ist.
"Castle Falkenstein" (englische Ausgabe erschienen 1994, deutsche Version 1997) ging sowohl vom Hintergrund als auch vom Spielmechanismus neue Wege. Es spielt in einer fiktiven Parallelwelt, in der Ludwig II. von Bayern nicht gestorben ist, sondern weiterlebt. Hier leben fiktive Personen Seite an Seite mit ihren "Schöpfern", z.B. Sherlock Holmes zusammen mit Sir Arthur Conan Doyle und Jules Verne, letzterer seines Zeichens Wissenschaftsminister von Frankreich. Dazu wurden noch Elfen, Zwerge und Drachen gemischt und ein mehr als faszinierender Hintergrund entstand. In neuerer Zeit erschienen noch weitere, selbst innerhalb der Rollenspiel-Szene bislang relativ unbekannte Systeme, z.B. Thyria (Steamfantasy), Elyrion (Steamfantasy) und Opus Anima (Steampunk). Ihr geringer Bekanntheitsgrad sagt jedoch keinesfalls etwas über die Qualität der Spiele aus. Das Steampunk-Genre ist zwar nur ein kleiner Bereich der Rollenspiel-Szene, hat aber durchaus eine nicht zu verachtende, treue Anhängerschaft.
Auch im Bereich der Computerspiele haben sich Steampunk-Elemente längst einen Platz erobert Die sogenannten "Offline-Spiele" beinhalten unter Computer-Spielern durchaus bekannte Titel wie "Arcanum: Von Dampfmaschinen und Magie", das aktuelle "BioShock", Teile von "The Elder Scrolls", alle Teile von "Myst" und natürlich die "Final Fantasy"-Teile 6, 7, 8, 9 und 12. Zum Teil wurden nur Elemente in den Hintergrund eingebaut, zum Teil spielen diese Titel aber auch direkt im Genre. Natürlich ist auch dies nur ein kleiner Anriß der Titel, eine komplette Auflistung wäre fast unmöglich.

Im Online-Sektor haben wir auch einige Vertreter, nämlich "EverQuest II", "Ragnarok Online", "Neosteam" und das allseits bekannte "World of Warcraft" (insbesondere in den Kulturen der Gnome und Goblins). Wie man sieht, Steampunk ist schon längst vorhanden. Man muß nur wissen, wo man hinsehen soll.

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