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Photos © Brigitte Lederich
Grafik & Layout: Konstanze Winkler
„Geschichten zwischen Tanz und Traum“

Ein Showbericht von Bernd „Camo“ Meyer
und Ursel „Naja Haje“ Meyer

Mit Fotos von Brigitte Lederich

Wer das Außergewöhnliche liebt, sollte die Kieler Tribal-Fusion-Formation Tribal Bliss im Auge behalten, nicht nur in tänzerischer Hinsicht, sondern auch in veranstalterischer. Nach einer Vorbereitungszeit von einem Dreivierteljahr präsentierten die umtriebigen Damen in Zusammenarbeit mit Sarah Sjögren am 20.11.2010 im Studio Anahita in Kiel etwas ganz Besonderes: eine Kreuzung aus Literaturlesung und Tanzvorführung. Lesungsabschnitte und Tänze wechselten sich dabei ab und ergänzten einander – zum einen bezogen sie sich inhaltlich aufeinander, zum anderen hatten die tänzerischen Einschübe die angenehme Nebenwirkung, dass sie halfen, den Kopf jeweils für den nächsten literarischen Vortrag frei zu bekommen. Nichts wirkte wie ein bloßer Füller, alles war unterhaltsam, schön ausgeführt und genau passend.
Die vorgetragenen Geschichten standen dabei alle unter einem zentralen Thema und konnten dem klassischen Schauerbereich zugeordnet werden, d.h. sie erzeugten eine Gänsehaut, ohne dass dabei, wie sonst z.B. beim „Horror“ üblich, literweise Blut hätte fließen müssen. Ganz bewusst hatte Sarah Sjögren bei der Auswahl der Literatur auf Geschichten aus dem mittlerweile schon klischeehaft wirkenden Vampirgenre verzichtet. Klassisch war auch die Autorenschaft mit illustren Namen von E. T. A. Hoffmann bis H. P. Lovecraft  – tatsächlich war der einzige noch zu den Lebenden zählende Verfasser Neil Gaiman. Um den zeitlichen Rahmen des Abends nicht zu sprengen, mußte die eine oder andere Geschichte Kürzungen hinnehmen – doch dies war so geschickt vorgenommen worden, dass es der Wirkung keinen Abbruch tat, und es gab den Zuhörern den zusätzlichen Reiz, die entsprechenden Bücher vielleicht daheim später selbst einmal wieder in die Hand zu nehmen. Als Vorleser hatte Franz Kratochwil, langjähriger Schauspieler des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, gewonnen werden können, die Moderation des Abends übernahm die Mitveranstalterin Sarah Sjögren.
Den Anfang machte eine Kurzgeschichte von einem der ganz großen Vertreter der unheimlichen Literatur: „Die Musik des Erich Zann“ von H. P. Lovecraft, eine Erzählung über ein musikalisches Genie, das sich mit seinem Geigenspiel vor einer unheimlichen Macht zu retten versucht. Franz Kratochwils eindringlicher Vortrag kam ohne Mikrofon aus und war dennoch bis in die letzte Reihe deutlich zu hören.

Im Anschluß daran tanzten Tribal Bliss gemeinsam zu einem Geigen-dominierten Musikstück eine gelungene Fusion aus Steampunk und Tribal.

Die zweite Lesung widmete sich einem Veteranen der Scince-Fiction-Literatur: Ray Bradbury. Aus seiner Feder stammte die Geschichte „Das Nebelhorn“, in der es jedoch nicht um Raumschiffe oder ferne Welten ging, sondern vielmehr um ein uraltes Geschöpf aus den Tiefen des Meeres, und um Einsamkeit und Melancholie.Passend dazu trug der darauf folgende Tanz den Titel „Die Sirene“. Zu einem musikalischen Medley tanzte Mara ein betörendes Fusionstück mit indischen Elementen.
Vorleser, der Schauspieler Franz Kratochwil und Moderatorin und Mitveranstalterin Sarah Sjögren
Mara mit einem indisch inspirierten Fusion
Nach einer Pause für Erfrischungen ging es weiter mit einem Klassiker der deutschen Literatur: einem Auszug aus E. T. A. Hoffmanns Schauerroman „Der Sandmann“. In dieser Geschichte versuchte sich ein Kind einer nächtlichen Schreckensgestalt zu stellen.

Der folgende Tanz „Nachtmahr“ von Manu behielt die düstere, bedrohliche Atmosphäre bei, doch gleichzeitig brachte die Gothic-Industrial-orientierte Musik das Publikum auch wieder zurück in die Moderne.

Auch die nächste Geschichte entstammte aus einer Phase der Literatur, die den meisten sicherlich eher aus lange vergangenen Unterrichtsstunden im Deutschunterricht bekannt sein dürfte: kein geringerer als Wilhelm Hauff (u.a. bekannt für „Der Kleine Muck“ und „Das Wirtshaus im Spessart“) hatte sie verfasst. „Die Geschichte von dem Gespenster-schiff“ aus seinem orientalisch geprägten „Karawanen-Zyklus“ behandelte die Erlebnisse zweier Schiffbrüchiger, die ausgerechnet auf einem Geisterschiff Zuflucht gesucht hatten.
Garniert wurde diese Erzählung dann mit zwei Tänzen: zuerst mit dem zu einem Trommelstück schwungvoll vorgetragenen Tanz „Die Reise“ von Tribal Bliss als Gruppe, und direkt im Anschluß daran von einer von Malaika solo interpretierten erfrischenden „Hafenkneipenburlesque“.

Den Abschluß des Abends bildete Neil Gaimans Erzählung „Wüstenwind“ über eine nur für eine Nacht erscheinende Zeltstadt in der Wüste.

v.l.n.r.
Sarah Sjögren, Malaika, Franz Kratochwil, Mara und Manu
"Hafenkneipenburlesque" à la Malaika
Manu tanzt düsteren Gothic-Industrial
Fazit: ein überaus gelungener Abend, der sowohl für Liebhaber des experimentellen orientalischenTanzes als auch für notorische Leseratten reichlich zu bieten hatte, und der beiden Publikumsgruppen große Lust auf mehr machte! Glücklicherweise befindet sich eine Fortsetzung bereits in Planung, wie uns verraten wurde.

Links:

Tribal Bliss: http://tribalbliss.de/

Sarah Sjögren: http://www.truemmerstaub.net/chilomium/en/index.html

Frank Kratochwil: http://autorengruppe-colibri.de/bio/kratochwil.htm