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STEHENDE OVATIONEN IM SCHAUSPIELHAUS
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Starkes Debüt des Violet Tribe in Leipzig

- von Benedikt Schwarz

Das Line-up der Formation "The Violet Tribe" liest sich wie ein Auszug aus dem Who is Who der deutschen Fusion-Szene: Preisträgerinnen Henneth Annûn und Mariam Ala-Rashi, Svahara Aicanár, Lily Qamar, Gothic-Fusion-Queen Arzo Renz. Weniger bekannt als Tänzerin, aber in der Independent-Musikszene definitiv kein unbeschriebenes Blatt ist Cinnamon Star alias Bianca Stücker, die sich bereits als musikalisches Allroundtalent und Autorin einen Namen gemacht hat. Auch definitiv kein Tänzer, dafür ebenfalls Ausnahmemusiker ist Oliver Pietsch. Wenn diese Ansammlung an Talent die Köpfe zusammensteckt und ein gemeinsames Projekt entwirft, was soll man erwarten?

Auch wenn die Tänzerinnen zuvor schon auf "Alles Tribal" in Viersen einen vielbeachteten gemeinsamen Auftritt hatten, sah das Wave Gotik Treffen in Leipzig das eigentliche Debüt der Formation als Band und Tribe – insoweit, als hier die von den Tänzerinnen selbst komponierte und erzeugte Musik live gespielt und interpretiert wurde. Eine beachtliche Menschenmenge sammelte sich im Schauspielhaus unter den Kristalllüstern, überwiegend Besucher des WGT – man sah viele Neoromantiker in schwarzer Spitze, Gehröcken oder Zylindern, aber auch andere Stilrichtungen waren vertreten: Goth-Punk, Lolita, Fetisch, selbst Electro und EBM. Offenbar hatte die Ankündigung ein breites Publikum angesprochen. Entsprechend voll wurde es im Saal; einige der Konzertbesucher mussten stehen.
Das Steampunk-Genre und das Flair der 20er waren der lose rote Faden, der die einzelnen Punkte miteinander verband, aber insgesamt zeigte die Formation vor allem eines: dass Tellerränder für sie nicht existierten. Arabische Lyrik des MIttelalters, barocke Kammermusik, Flamenco, Zirkusmusik, Industrial und Synthesizer flossen in den Mix mit ein, der trotzdem irgendwie aus einem Guss wirkte.

Vom Start an bewiesen die Frauen, dass sie nicht nur ihren Tanzkörper, sondern – in wechselnder Besetzung – auch ihre Instrumente meisterhaft beherrschen. Die klare Stimme der Frontfrau Cinnamon Star und Instrumente wie Hackbrett und Cello (Gaststar: Christoph Kutzer) gaben der Musik eine filigrane Melodienote. Was aber auf dem Tonträger noch eher ruhig und eingängig klang, nahm live durch kraftvolleren Bass und treibenden Rhythmus eine schmissige Qualität an, die sich auch sofort auf das Publikum übertrug.

Der Titel versprach  "a ravishing collection of curios" – eine bezaubernde Sammlung von Kuriositäten. Entsprechend abwechslungsreich war das Programm, das ein Pasticcio aus sehr verschiedenen und unterhaltsamen kleinen Stücken zeigte.
Dasselbe galt für den Tanz. Ob ruhig und stimmungsvoll wie Lily Qamars plätschernde "Aquarette", brilliant-kraftvoll wie Arzo Renz´ Interpretation des wuchtigen Industrials "Ministry of Steel", oder erotisch-verspielt wie die 20er Jahre-Varieté-Burlesque mit Federfächern zu "Against Constancy": das Publikum war bezaubert. Die Darbietungen waren komplex genug, um das beeindruckende Können der Tänzerinnen aufblitzen zu lassen, erschöpften sich aber nicht in reinen Technikorgien, die nur ein Tribal-Fachpublikum hätte würdigen können. Intensiver Ausdruck und kurze Tanztheater-Anklänge kitzelten den Zuschauer, und die musikalische und tänzerische Abwechslung tat ein übriges. Absolute Favoriten in der Publikumsmeinung waren die Frankenstein-Version "Steam Song" mit marionettenhaften Bewegungen der Tänzerinnen (köstlich: immer wieder zur Bewegung angestupst von Cinnamon Star) und Svahara Aicanárs manisch-virtuose Darstellung des verrückten Wissenschaftlers zu "The Mad Professor´s Had An Overdose".
Erstaunlichster Teil des Abends war auf jeden Fall der souveräne Auftritt der zierlichen Cinnamon Star, die bewies, dass sie sich auch tänzerisch hinter den bekannteren Frauen ihres Tribe nicht zu verstecken braucht. Mit dieser Tänzerin wird man noch zu rechnen haben.

Einziges Manko der Aufführung war das Floorwork bei einer oder zwei der Darbietungen: die großen Monitorgehäuse verdeckten einem Teil der Zuschauer im Parkett die Sicht auf die Tänzerin. Hier hätte man abkürzen, auf den Bodenteil verzichten oder die Bühne anders gestalten können. Auch die Bühnenanordnung mit einigen der Instrumente im Vordergrund lenkte manchmal von den Tänzerinnen ab. Insgesamt aber konnte dies die Faszination der Show nicht trüben: Die Zeit von einer Stunde war zu kurz, ging erschreckend schnell vorbei. Ein ausgezeichnet unterhaltenes Publikum erhob sich von den Sitzen, spendete üppigen Applaus und verlangte laut nach mehr. Leider musste es bei einer einzigen Zugabe bleiben, die Zeit war zu knapp.

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