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ALOHA!
...
und danke für eure Geduld

Interview mit Willow Chang
aus Hawaii

von Marcel Bieger

Als wir sie Ende letzten Jahres zum ersten Mal bei Leyla Jouvanas Festival „Orientalisches Festival Europas“ gesehen haben, sind wir doch rasch neugierig geworden.

Als Hawaiianerin kennt Willow Chang sich mit Hula-Tanz aus.
Na gut, das ist noch nicht überraschend. Aber dann wußte sie im Gespräch doch eine Menge Kluges über den Hula zu sagen, und als sie dann in der Abend-Gala das Lied „Sophisticated Hula is the Talk of the Town“ gesungen hat (soviel wie „Anspruchsvoller Hula ist der letzte Schrei“) da mußten wir einfach mehr erfahren – und haben eine ebenso gescheite wie charmante Dame interviewen dürfen. Die außerdem noch hervorragend tanzen kann, und die wir gern noch einmal sehen möchten.

Die englischessprachige Version dieses Interviews ist in der aktuellen Ausgabe des amerikanischen Fachblatts
„Zaghareet“ erschienen.
Du tanzt und unterrichtest gerne Hula, und da du Hawaiianerin bist, kann das auch niemanden überraschen. Aber welche Gründe haben dich wirklich dazu bewogen, dich diesem wunderbaren Tanz zu widmen?

Ich gebe gern einen Kurs, den man mit das „Einmaleins des Hula“ übersetzen könnte. Er ist darauf angelegt, Verständnis und Achtung für den hawaiianischen Hula zu erwecken, und dazu gibt es auch eine Menge Begleit-Literatur. Ich stelle die einzelnen Themen in Gegensatz zum Orientalischen Tanz, damit die Schülerinnen den Hula nicht für ein Anhängsel desselben halten und seine Einzigartigkeit erkennen.
Ich führe auch in die Geschichte des Hula ein, zeige die Unterschiede zwischen “kahiko” (der alten Form) und „awana“ (der modernen Form) auf, schließlich eine Einführung in die hawaiianische Sprache und endlich gibt es Grundtechniken für Hula-Choreographien.
Willows "Sophisticated Hula" bei YouTube, klick aufs Bild ...
Mein Workshop legt auch großen Wert auf die kulturellen
Zusammenhänge, in denen der Hula eingebettet ist. Um diesen Tanz zu verstehen,
muß man auch über ein Grundverständnis der hawaiianischen Geschichte verfügen. In meinem Kurs gehe ich daher auch kurz auf die Mechanismen ein, denen der alte wie der moderne Hula ihre Entstehung verdanken. Im Verlauf des Workshops lernen wir auch Grundregeln der hawaiianischen Sprache und der Hula-Bewegungen kennen und befassen uns mit einem Tanz aus der Goldenen Zeit des Hula, dem „Sophisticated Hula“.
Als Dozentin bin ich bestrebt, mich einer sehr deutlichen Sprache zu befleißigen. Schließlich weiß ich, daß Menschen auf unterschiedliche Weise lernen – durch Beobachtung, Zuhören, Nachahmung, Atemtechnik, Beispiele, Humor, Mitmachen und dergleichen mehr. Mir ist auch eine ruhige und abgeschottete Lernumgebung sehr wichtig: wir befinden uns nicht bei einem Wettbewerb, bei einer Hitparade oder bei einem Festival der Eitelkeiten. Ich möchte, daß meine Schülerinnen bei mir etwas lernen; daß sie meinen Unterricht fühlen und erkunden, daß sie in ihm lachen und auf allerlei Dinge neugierig werden, und daß sie auf Neues stoßen, und zwar jedes Mal, wenn sie zu mir kommen. Und um es noch einmal deutlich zu sagen: Meine Workshops sind Diva-freie Zonen.
Siehst du dich als Mitglied der hawaiianischen Bauchtanz-Szene, und begreift sich diese hawaiianische Bauchtanz-Szene als Bestandteil der US-amerikanischen Szene, oder stellt sie etwas Eigenständiges dar?

Die hawaiianische Szene gehört zur US-amerikanischen Szene, ist so etwas wie ihre weit entfernte Außenstelle. Wir liegen ziemlich abseits, sowohl physisch wie auch geographisch. Allerdings ändert sich das alles gerade dank der technologischen Entwicklung, dank Internet und dank der vielfältigen Möglichkeiten zu reisen. Wir können aber weder zahlenmäßig noch materiell mit all dem aufwarten, was andere Bauchtanz-Gemeinden haben: eine große Szene, eigene Festivals, orientalische Musiker, Treffpunkte oder orientalische Restaurants.
Dennoch kommen viele Künstler gern nach Hawaii, und das aus einem ganz einfachen Grund, weil es hier so schön ist! Nur einer handvoll Künstler bleibt es vorbehalten, hier sehr viel Geld zu verdienen, und trotzdem haben sie alle hier auf den Inseln eine tolle Zeit. Ich habe das große Glück, seit 2001 ein paar wirklich große Künstler hierher einladen zu können, darunter Suhalia Salimpour, Aisha Ali, Jamilla und Fatima al Wahid, Prince Andrew, Anasma, Colleena Shakti, Dalia Carella, aber auch The Indigo, Aziza aus Montreal, Tito Seif, Rachel Brice, Zoe Jakes, Sonia Ochoa und Ava Fleming, und das waren längst nicht alle.

Ich hatte aber auch das ebenso große Glück, viel gereist und zu einigen der großartigsten Festivals der Welt eingeladen worden zu sein, darunter sowohl Rakassah West als auch East, ich habe auf Yasmina Ramzy's 2012 International Conference of Bellydance moderiert, bin auf einigen Hollywood Musik DVDs, IAMED Videos  und so weiter zu sehen und habe auch noch in so unterschiedlichen Ländern getanzt und gelehrt wie Japan, Deutschland, Kanada, Schweiz, Griechenland, Österreich, Frankreich, Ägypten und so fort. Bei all diesen Reisen habe ich nie vergessen, was es für eine Gnade ist, seine Liebe zum Tanz mit so vielen Menschen teilen zu dürfen.
Wenn amerikanische Tänzerinnen zu uns kommen, erklären einige von ihnen (vor
allem diejenigen, die sich damit auskennen), daß sie „polynesisch“ tanzen. Für uns Ignoranten hier sieht das aber wie Hula aus. Kannst du uns ein wenig erhellen, was
die Unterschiede sind?

„Polynesisch“ ist der Oberbegriff für ein riesiges Gebiet in der Südsee. Darunter fallen etliche Kulturen, die sich ähneln, aber dennoch unterschiedlich sind – so wie Naher Osten, lateinamerikanisch oder europäisch ja alles Mögliche umfassen.

Die Kulturen in Polynesien weisen eine Menge Gemeinsamkeiten auf, aber jede von ihnen hat ihre eigenen Vorstellungen, Stile, Sitten, Sprache, Tänze, Lieder, Musik und Werte. Die Tänze auf Samoa zum Beispiel unterschieden sich ziemlich von denen auf Tahiti, und der hawaii-anische Tanz (der eigentliche Hula) ist ganz anders als der auf Neu-Seeland oder Tonga.
Bis vor einiger Zeit gab es polynesische Tanzabende, auf denen alles gezeigt wurde, um ausreichend Publikum und Einnahmen zu bekommen. Aber heute ist in der Südsee das Bewußtsein für die eigene Kultur gewachsen, und diese erlebt daher eine Renaissance. Ein Tahiti-Tanzabend muß nicht mehr unbedingt eine Hula-Nummer im Programm haben, damit Zuschauer kommen. Jede Kultur kann aus eigenen Kräften eine tolle Show bieten. Die alte polynesische Show gibt es aber immer noch (ich bin 1994 selbst auf einer in Ägypten aufgetreten), und das über die Grenzen Hawaiis hinaus bekannte „Polynesian Cultural Center“ präsentiert seine Tanz-Shows immer noch täglich in Laie auf der hawaiianischen Insel Oahu. Aber es gibt heute ein bedeutend breiteres Angebot.

Gemeinsam ist aber all diesen Kulturen, daß ihre Tänze Geschichten erzählen. Ohne diese Geschichte wären diese Tänze nur bessere Turnübungen, aber nicht die künstlerische Darstellung einer Idee oder andauernden Tradition.

Du bis in so vielen Tanzrichtungen zuhause, wie gehst du da vor, wenn du ein neues Stück entwickelst? Was kommt zuerst, und wie geht es dann weiter?

Ich bin ziemlich Musik-orientiert, und deswegen steht oft ein Musikstück am Anfang. Mitunter ist es mir schon vor Jahren aufgefallen, und manchmal habe ich es schon tausendmal gehört, bevor ich endlich das Gefühl habe, jetzt endlich bereit zu sein, es in einem Tanz auszudrücken. Ich arbeite am liebsten „organisch“, das heißt, ich lasse alles auf mich zukommen, nehme es so, wie es kommt, und bediene mich der Zufälle (auch wenn Carl Jung sagt, es gäbe keine).

Wenn ich also an einem neuen Stück arbeite, steht am Anfang die Einsicht, daß darin etwas enthalten sein muß, das ich zu sagen habe und mit anderen teilen will. Und daß ich nicht nur meinem Ego frönen will. Der Tanz ist nämlich größer als das eigene Ich. Darum geht es mir, und daran arbeite ich.
Beim orientalischen Tanz baue ich auch immer das besondere Verhältnis zur Musik mit ein, man spricht mit ihr, man spielt mit ihr, und ohne geht es einfach nicht. Das ist meine feste Überzeugung. Und bei meinen Vorstößen ins Tanztheater geht es mir oft um die psychologische Wirkung, um Ursache und Wirkung. Warum passiert etwas? Was löst dieses etwas aus? Wohin geht die Reise?

Ob und an lasse ich mich auch von meinen persönlichen Geschichten und Erfahrungen lenken (Schmerz, Verlust oder Staunen) oder ich denke über die geeigneten Mittel nach, um eine Sage oder ein Märchen zu erzählen (Medusa (
Foto unten), die japanischen Kitsune-(Fuchs-)Fabeln (Foto links), Pallas Athene oder Rotkäppchen.
Ich bin der festen Überzeugung, daß wir es bei allem Tanz unseren Vorfahren schuldig sind, nach bestem Wissen und Gewissen zu begreifen, aus welchen musikalischen, kulturellen und kreativen Elementen sich der jeweilige Tanz zusammensetzt.
Wenn wir abweichen, bemerken diejenigen das sofort, die uns vorangegangen sind. Kreativ sein um des Kreativseins willen? Welchen Nutzen sollte so etwas haben? Wir sind die Botschafter der Kunst und damit Bestandteil einer kollektiven Verantwortung. Deswegen sollen wir auch all unser Schaffen nach dem benennen, was es ist: Fusion, Fantasy, Klassisch und so weiter. Wenn wir eine Choreographie überarbeitet haben, dürfen wir das nicht verschweigen, das sind wir den Choreographen, Lehrern, Musikern und Sound-Technikern schuldig. Es geht um die Erziehung und den Geist, es geht ebenso darum, man selbst zu sein, ehrlich zu sein und sich vor keiner Verantwortung zu drücken.

Im klassischen indischen Tanz gibt es den Begriff des Rasa, was soviel bedeutet wie die Essenz oder den Kern eines Gefühls oder einer Befriedigung. Der Rasa ist von enormer Wichtigkeit, denn er treibt mich als Künstler voran. Dem Künstler obliegt es nämlich, etwas zu erschaffen, darzustellen und zu erfahren – eben den Rasa zu erleben -, und danach ist er verpflichtet, den Rasa zum Publikum zu befördern und mit ihm zu teilen, damit auch diese Menschen ihn erfahren und erleben können. Diese Übertragung bedient sich meiner Meinung nach einer emotionalen Magie oder eine göttlichen Kraft. Deswegen sollte man den Rasa in hohen Ehren halten und ihn niemals zu beeinflussen versuchen. Auf der anderen Seite, wenn man solche Ideale hat, muß man sich auch damit abfinden, daß nicht alle mir folgen oder mich verstehen können. Dennoch will ich nie versuchen, diesen Vorgang des Erschaffens und Vermittelns abzuschwächen oder außen vor zu lassen.

Was hast du für die Zukunft noch alles vor, und wie sehen deine nächsten Pläne aus?

Ich war schon immer ein großer Freund von ausgedehnten Kollaborationen zwischen zum Beispiel Musik, meinem Gesang, Poesie, dem gesprochenen Wort und sich gegenseitig befruchtenden Stilen. Auf „ThinkTechHawaii“ habe ich eine wöchentliche Show namens „Art of Life“, in der ich viele Menschen interviewe, wie Künstler, Erfinder, und solche, die etwas Ungewöhnliches getan haben. Damit möchte ich erreichen, daß Menschen ins Nachdenken und „Nachfühlen“ geraten. Ich bringe sie so in einen Dialog und in gegenseitiges Verständnis.
Außerdem unterhalte ich eine Betreuungs-Firma, die anderen Hilfe und Lenkung geben soll, vor allem Kreativen, Künstlern, Modisten und auch sonst alle Möglichkeiten nutzen soll, sinnvolle Ideen hervorzubringen. Die Natur hat mir einen sehr beweglichen Verstand mitgegeben, der sich rasch auf die unterschiedlichsten Situationen einstellen kann und pausenlos Einfälle in Hülle und Fülle hervorbringt. Nachdem man mir jahrelang immer wieder dazu geraten hat, habe ich diese Firma gegründet, um anderen, die noch den entscheidenden Anstoß oder sonst etwas zusätzliche Hilfe brauchen, diese auch zu geben, damit sie sich noch mehr auf ihr eigentliches Ziel konzentrieren können.

Ich errichte auch gerade ein neues Kreativ-Kollektiv, an dem einige der großartigen Künstler mitwirken, denen ich begegnet bin. Mein erstes „Baby“ war PUJA, ein jährliches internationales Tanz-Konzert mit Workshops und allem drum und dran, das seit vier ruhmvollen Jahren läuft. Hinzu kommt das (fast) monatlich stattfindende „Global Dance Caf“, in dem es um Musik, Tanz, Dichtung, Theater, das gesprochene Wort und vieles mehr geht, und das gibt es bereits seit 2008.

Ich arbeite auch an einem neuen Tanz-Kollektiv in verschiedenen Städten. Noch viel mehr Menschen sollen die Früchte der gesegneten Künstler aus Musik und Tanz ernten können. Ich möchte einen würdigeren Zugang zum Tanz fördern, um einiges von dem Kommerz hinwegzupusten, der die Kunst hohl und leer zurückläßt. Ich glaube nämlich, daß die Zeit für einen solchen Ansatz gekommen ist, und ich möchte alle aufrufen, die ebenfalls daran interessiert sind, sich mit mir in Verbindung zu setzen.

Homepage:
www.willowchang.com
Photos ©: 1 Zarli Win, 3 Michael Baxter, 4 und 7 Konstanze Winkler,
2, 5 und 6 Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Willow Chang