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Grafik und Layout: Konstanze Winkler
Seit wir angefangen haben, über Said el Amirs Jubiläum zu berichten, wollen die Fragen nach seiner Tanzkompanie und insbesondere dem „Corps de Ballet“ nicht verstummen. Wir haben den „Coryphée“ (ja, so heißt der Ballettleiter auf Französisch, und Französisch ist die Sprache des Balletts) deswegen direkt befragt, und er hat uns folgenden – wiederum klar, sachlich und verständlich aufgebauten – Text geschickt. Merci beaucoup.

Angaben zu Orten und Zeiten der Workshops hier:
www.orient-academy.de/workshops/....htm
Alle Infos zur Show unter:
www.a-glance-on-dance.jomdance.com
FAKTEN ZUR KOMPANIE:

 Hinsichtlich ihrer Struktur folgt die „jomdance-company“ dem allgemeinen Aufbau von Tanzensembles:

Die Primaballerina: Sie bekommt die wichtigsten Tanzparts zugesprochen und ist die stärkste Tänzerin der Truppe. Alle Mitwirkenden einer Aufführung sorgen dafür, dass die Primaballerina gut zur Geltung kommt.

Die Ersten Solistinnen: Sie bereichern das Programm mit Soli und Duetten oder Trios unterschiedlichster Art und füllen das Corps de Ballet.

Die Zweiten Solistinnen: Sie tanzen meist Trios und Quartette eines Balletts und unterstützen die übrigen Tänzerinnen. Sie füllen ebenso das Corps de Ballet.

Das Corps de Ballet: Diese Tänzerinnen sind die Säulen einer Tanzkompanie, denn ohne das Corps de Ballet würde jede Aufführung zu einer reinen Nummern-Show mutieren.

„Company“-Mitglieder

Für jede Produktion wird ein neuer „Cast“ zusammengestellt. Über ein Vortanzen oder „Casting“ werden die jeweils für die Produktion erforderlichen Tänzerinnen ausgesucht. Kriterien für ein erfolgreiches Auswählen oder „Casting“ sind:

- Die Tänzerin ist „jomdance“-Bühnentänzerin mit Diplom oder in der Ausbildung dazu und steht bereits mindestens im Modul 4.

 - Die von einem Video abgenommene und einstudierte Choreografie wird korrekt in Bewegung, Raumrichtung, Dynamik und Ausdruck vorgeführt.

- Die im „Casting“ einstudierten Sequenzen werden in Bewegung, Raumrichtung, Dynamik und Ausdruck richtig umgesetzt. - Die vorbereitete, eigene Tanzsequenz entspricht dem Thema der neuen Produktion — eine entsprechende Vorinformation wird im „Casting“-Aufruf angekündigt.

das Abschluß-Examen-Video der jomdance-Asubildung vom vergangenen Jahr. Klick auf das Bild, und Du wirst zu YouTube weitergeleitet ...
Wie alles begann

Im Winter 2009 rief ich zu einem „jomdance-company-casting“ am
7. Januar 2010 in der „Orient-Academy“ auf. Die Bewerberinnen mußten vorab ein Bewerbungs-Video mit eigener Choreografie bzw. eigenem Auftritt einsenden. Am Tag des Vortanzens mußten sie alle zusammen eine Choreografie von mir vorführen, die sie vorab vom Video abnehmen mußten und auswendig lernen sollten. Kriterien waren Genauigkeit der Abnahme vom Video, Technik, Raumrichtungen, Ausdruck, Individualität, die ebenfalls an freien Improvisationsstellen gefragt war.

Zum Casting waren alle Absolventen sämtlicher bisherigen „jomdance“-Ausbildungen zugelassen sowie Auszubildende, die sich bereits in Modul 4 befanden. Das „Casting“ hatte einen unerwartet hohen Zuspruch, und so konnte ich zunächst 20 Tänzerinnen für die „jomdance-company“ gewinnen. Diese 20 Tänzerinnen teilte ich ein in die „jomdance-students-company“ und die „jomdance-company“. Jene, die noch nicht fertig waren oder sich noch nicht sicher waren, welchen Weg sie einschlagen wollen, steckte ich in die „jomdance-students-
company“. Die anderen Tänzerinnen, die bereits gestandene Künstlerinnen waren, wurden in die „jomdance-company“ aufgenommen.

Ich gab den Probenplan aus, nach dem einmal im Monat ein regelmäßiges Training vorgesehen war. Zunächst etwas öfter für die „students-company“, um das unterschiedliche Niveau besser angleichen zu können. Später dann wurde das Training beider Gruppen zusammengelegt.

Im ersten Jahr der „jomdance-company“ kristallisierte sich heraus, wer für die Show tatsächlich geeignet war und wer nicht. Unabhängig davon, dass alle eine hervorragende Technik an den Tag legten und alle sehr hart trainiert haben, verfolgte ich mit der Show eine Vision, die eben nicht jede Tänzerin mitverfolgenoder auch dem Druck nicht standhalten konnte, den so eine company-Arbeit mit sich bringt

Choreografie-Arbeit

 Im Vordergrund steht bei mir das Ergebnis der Choreografie. Ich habe eine Vision/ein Gefühl für eine Choreografie/ein Lied und sehe den Tanz im Geiste vor mir, wenn ich anfange, die Tänzerinnen einzuteilen. Jede Choreografie entsteht bei mir à la Minute, also direkt vor Ort. Die Choreografie kann nur gut sein, wenn ich die Energie der Gruppe aufnehme. Wenn ich während des Choreografierens dann merke, dass die Vision nicht erfüllt wird, weil gerade die falschen Tänzerinnen dort stehen, wo etwas mit einer bestimmten Energie passieren soll — nein, eigentlich sind es die Richtigen, aber eben für die Situation mit der für die gewollte Stimmung falschen Energie behafteten Tänzerinnen — gehe ich einen Schritt zurück, schaue wo die Tänzerinnen gestanden haben, welche die für mich nötigen Energien in die Situation bringen können und stelle diesen Part der Choreografie so um, dass am
Ende das gewünschte Ergebnis dabei herauskommt.

Diese Vorgehensweise ist eine Herausforderung für meine „company“-Mitglieder. Sie müssen stets hellwach und immer offen sein, das gerade zuvor Erlernte in den „Erinnerungsschrank“ zu packen, um neue Schritte zu lernen, die dann — eventuell — in eine Sequenz münden, welche auf den Erinnerungsschrank zurückgreift — möglicherweise aber auch nicht. Bevor ich die Bewegungen festlege, erarbeite ich die Bilder, die ich mit der Choreografie erzielen möchte. Natürlich habe ich da doch schon ungefähre Bewegungs-Sequenzen entwickelt, festgelegt in Qualität, Dynamik und Richtungen werden die Bewegungen erst dann, wenn die Choreografie wirklich steht. Ich sehe also die Choreografie als eigenständiges Oeuvre, statt als Mittel zum Zweck für die Aneinanderreihung von Bewegungen.
Jede der Tänzerinnen weiß, was es heißt, wenn z. B. die Ansage kommt: "Drehe zwei Chaînés über links zur 8, mache einen Wipp-Akzent hinten aufwärts mit links, danach Tipp-Turn über rück und ende zu 6. Es folgt Chassé, Pas de Bourrée und ein Entrelacé mit anschließender Suspension, deren Release in eine Kipp-Sagittale aufwärts im gesamten Körper mündet.“

Das klingt für viele sicher nach böhmischen Dörfern und vielleicht sogar abschreckend. Es ist jedoch lediglich die logische und konsequente Umsetzung der in der „jomdance“-Ausbildung erlernten Techniken und ermöglicht mir, als Choreografen sowie den Tänzerinnen, das Bewegungs-Repertoire voll auszuschöpfen.

Nach einem Jahr Training in der großen Besetzung mit 20 Tänzerinnen, reduzierte sich die „jomdance-company“ auf zunächst 14 Mitglieder. Ich schrieb zwei Hospitantinnen-Plätze aus, um anderen, noch in Ausbildung befindlichen Tänzerinnen die Chance zu geben, von der „company“-Arbeit zu lernen.

Medleys und Aufbau der Show

Damit sich die „company“ bei Auftritten einspielt, fing ich an, sie auf verschiedene Festivals zu bringen, bei denen dann Medleys der Tänze gezeigt wurden, welche nun in unserer Show in kompletter Länge präsentiert werden. Diese Auftritte fanden meist in unterschiedlichster und so gut wie nie in kompletter Besetzung statt, sodass sich manche Tänzerin plötzlich in einem völlig anderen Tanz wiederfand, als sie es gewohnt war.

Medley heißt für mich, dass wirklich nur Bruchteile der Tänze zusammengefügt werden. Zum Teil auch unterschiedliche Abschnitte der jeweiligen Tänze neu zusammengesetzt werden, damit am Ende ein rundes Bild entsteht. Ich erinnere hier nochmals an die Flexibilität der Besetzungen und der Tänzerinnen für die einzelnen Tänze. Bei den Medleys kam auch heraus, dass die Tänze ineinanderfließen und nicht nacheinander gereiht sind. So ist die gesamte Show aufgebaut.
Das alles klingt sehr aufwendig und nach einem langen Prozess, doch ganz ehrlich, das ist etwas, das innerhalb kürzester Zeit bei mir passiert. Binnen Minuten habe ich manchmal das gesamte Konzept eines Tanzes umgeworfen, weil ich z. B. gesehen habe, dass dabei etwas viel Schöneres für die gewünschte Sequenz herauskommt, wenn ich die Tänzerinnen „mal machen“ lasse (Teil-Improvisation) oder weil ich feststelle, dass die Energie des Liedes in der Gruppe plötzlich anders wirkt. Dann habe ich auch schon aus einer Gruppen-Choreografie ein Duo gemacht, weil es viel stärker wirkt als der „Massenauflauf“.

Die Tänzerinnen sind bei mir also (fast) alle innerhalb der Choreografien austauschbar — sowohl vom Platz her als auch vom Ausdruck und der tänzerischen Qualität. Ich schwelge daher im Luxus eines Ballett-Choreografen einer Oper, der diese Situation fast ständig hat. Möglich macht das die gemeinsame Ausbildung.
Wie in einem Theaterstück, einer Ballett-Inszenierung oder einer Tanzvorführung eines zeitgenössischen Ensembles ist „A Glance on Dance" ohne Pausen zwischen den Stücken aufgebaut. Der Zuschauer hat also kaum die Möglichkeit, die jeweiligen Tänzerinnen am Ende ihres Stücks mit längerem Applaus zu bedenken.
Warum? Weil in dieser Show das Gesamtpaket zählt und nicht der einzelne Auftritt. Alle Tänzerinnen arbeiten für den Fluß der Show und die daraus entstehenden Bilder und Emotionen. Wiederum ein Luxus, in dem ich schwelge: Die Tänzerinnen verzichten in dieser Show auf jeglichen „Ego-Trip“. Es sind allesamt starke Persönlichkeiten, die zum Wohle des Ganzen/der Vision auf die individuellen Erfolge verzichten, die eine normale Show im Oriental-Bereich mit sich bringen würde. Eben das ist für mich die Arbeit einer Tanzkompanie. Trotzdem kommen alle Tänzerinnen individuell zur Geltung.
Mit der ersten abendfüllenden Show der „jomdance-company“, „A Glance on Dance“, möchte ich einen Einblick in die Bandbreite von „jomdance“ geben. Gleichzeitig zeige ich auch 25 Jahre meiner persönlichen tänzerischen Entwicklung auf. Manche der company-Mitglieder sind erst knapp älter als 25 Jahre und haben dadurch gewisse Erfahrungen gar nicht machen können. Spannende Unterhaltung ist also garantiert!

Hier seht Ihr zahlreiche Trailer der Show: www.a-glance-on-dance.jomdance.com

Hier findet Ihr zahlreiche Medley-Auftritte der company: www.youtube.com/jomdance

Ganz lieben Gruß

Said

Photos © André Elbing (www.andre-elbing.de)
Video: Said zeigt lyrische Schritte und Kombinationen in einem seiner Workshops ...
... ein weiteres "jomdance" Ausbildungs-Video
Der aktuellste Show-Trailer zu "A Glance on Dance"!
Die "jomdance-company"
von Said el Amir