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Schmuck, DIY
"DIE KUNDEN GEBEN DEN INPUT, ICH LASSE IHN
HERVORTRETEN"
Interview mit dem Designer
Louis Fleischauer

von Marcel Bieger

Zuerst ist  uns Louis Fleischauer bei Sharon Kihara aufgefallen, ein Outfit von ihm, das sofort ins Auge springt und für dessen Beschreibung wir erst einmal keine Adjektive gefunden haben. Wir haben Sharon nach der BDE-Show darauf angesprochen, und sie hat sich begeistert dazu geäußert. So spüre sie  eine ganz besondere Energie, wenn sie es trage. Sharon hat uns auch geraten, uns dringend einmal die Kreationen von Louis Fleischauer anzuschauen. Wie es dann immer so geht, man entdeckt noch mehr. Sashi trägt ebenfalls "Louis Fleischauer", und auch Sashi lobt ihn in den allerhöchsten Tönen. Grund genug, mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, oder?
Wir haben von Kunden gehört, die eine ganz eigene Energie spüren, wenn sie deine Sachen tragen.

Ja. Wenn ich die Stücke anfertige, nehme ich den Input, den mir die Leute gegeben haben, und lasse den in die Arbeit einfließen. Das geht nicht so, daß die Kunden mir ein Bild geben und sagen, mach das mal so, sondern ich brauche mehr. Ich denke viel über das nach, was ich von den Kunden bekommen habe, ich überlege mir, wie kann man diesen oder jenen Wunsch ausdrücken, und am Ende kommt dabei oft eine Symbiose zwischen den Kundenwünschen und meiner kreativen Energie heraus.

Wie kommt man auf eine solche Schaffensweise, die ist ja nicht von heute auf morgen da?

Ich bin schon immer künstlerisch veranlagt gewesen. Mein Dad ist auch Künstler, er macht Skulpturen und Bilder, ist Bildhauer und Maler.

Deswegen arbeitest du auch mit anderen Materialien als gewöhnliche Designer?

Ich habe lange gebraucht, bis ich mich dazu überwinden konnte, mich Künstler zu nennen, weil ich sehr individualistisch bin. Ich meine, ich habe eine gute Beziehung zu meinem Vater, aber ich bin auch extrem mein eigener Charakter. Ich habe immer mein eigenes Ding gemacht und mir das dann angeguckt … und erst dann darauf gehört, was die anderen dazu gemeint haben, und schließlich gesagt, na gut, es ist mehr Kunst als Mode. Es wäre ja auch Schwachsinn zu sagen, das ist keine Kunst, bloß weil mein Vater auch Kunst macht.

Der ursprüngliche Auslöser kam in meinen Teenager-Jahren. Da war die Mauer noch da, und ich war ein kleiner Ost-Grufti. Als DDR-Bürger hatte ich natürlich überhaupt nichts Passendes zum Anziehen und mußte mir alles selbst machen. Es gab ja keine entsprechenden Läden, in die ich gehen konnte, um mich in zehn Minuten als Grufti einzukleiden. Das war dann wesentliche Ursache dafür, mich in eine bestimmte Richtung zu lenken, vor allem in Richtung Kreativität.
Deswegen gehst du auch zum Wave Gotik Treffen nach Leipzig?

Und wegen einiger guten Bands. Die Stimmung da ist auch ganz gut. Mittlerweile bezeichne ich mich nicht mehr als Waver, aber die Kultur finde ich immer noch ganz gut. Auch wenn es da in Leipzig für meinen Geschmack zu kommerziell geworden ist.

Du hast einige Läden im Ausland, in den USA, in Westeuropa und in Japan, die alle deine Line vertreiben. Warum gibt es Deutschland nur einen Laden von dir?

Stimmt, die Läden vertreiben meine Sachen. Daß es in Deutschland nur einen Laden von mir gibt, liegt daran, daß ich erst vor zwei Jahren nach Deutschland zurückgekehrt bin und erst seit einem Jahr wieder mit allen Sinnen hier bin. Seit Anfang Juli sind meine Kreationen auch im Kinky-a-Fair in Köln erhältlich. Im Moment habe ich in Berlin zwei Läden, „Schwarze Mode“ und „Savage Store“. Vor meiner Rückkehr habe ich in den USA, in Los Angeles gelebt. Ich bin in Leipzig aufgewachsen, dann 1990 nach Berlin umgezogen, und von da aus ging es in die Vereinigten Staaten. Zuerst nach Albuquerque, New Mexico, und 1995 dann nach Los Angeles. Bis 2008.

Und warum bist du da wieder weg?

Och, war mir zu amerikanisch (lacht) Mir hat einfach Berlin gefehlt. Davon abgesehen, was die Bush-Administration da alles gemacht hat … also schon nach dem 11. September (2001) war mir klar, in dem Land kannst du nicht länger leben. Die ganze Paranoia und das alles. Das kam mir vor wie damals im Osten (Ostblock), nur im Osten wußten die Leute, daß sie angefickt werden, in Amerika dagegen haben die Menschen das einfach nicht begriffen, oder sagen wir, es hat ewig gedauert. Ich habe sehr viele Parallelen zwischen dem Osten und der Bush-Regierung gesehen. Und ich habe noch genug DDR mitbekommen, um das beurteilen zu können.

Kann das theoretisch jeder tragen, oder fertigst du nur Einzelstücke an?

Beides. Ich habe so eine kleine Line, in die ich verschiedene Sachen stelle, die eher erschwinglich sind. Die sind dann nicht unbedingt limitiert. Manche von meinen Stücken sind limitiert, andere weniger. Daneben kreiere ich ziemlich viele Einzelstücke. Bei denen gibt es zwei verschiedene Varianten. Die eine habe ich vorhin beschrieben, wo ich Stücke direkt auf den Kunden anfertige. Die andere passiert dann, wenn ich gerade einen Moment kriege, mich hinsetze und was ganz Eigenes erschaffe. Das Resultat kann man dann aber auch erwerben.
Wie lange betreibst du deine Kunst denn schon?

Offiziell, als mein eigenes Label, seit 1997, und inoffiziell noch etwas länger. Angefangen habe ich Ende der 80er Jahre, so 1987/88, da habe ich erste eigene Sachen gebastelt. Mit Leder habe ich dann Anfang der 90er Jahre zu arbeiten begonnen. Ich arbeite immer noch viel mit Leder, Leder ist auf jeden Fall das Material, mit dem ich mich am wohlsten fühlte. Es ist halt sehr organisch, läßt sich gut verarbeiten und hält auch ewig.
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Fotos: Nr. 1 © Yoran Nesh, Model: Devinity
2 u. 3 © Wild at Heart Photography, Model
: Kellie Laplegula
Nr. 4 © Karen Hsiao, Model: Sashi
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
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Du nennst deine Kreationen „Wearable Art“

Übersetzt heißt das „tragbare Kunst“, und wenn ich an die Arbeit rangehe, vollzieht sich da ein Prozeß, der an das Skulpturenschnitzen erinnert, ich sehe mich dann eher als Bildhauer als als jemand, der ein Kleid schneidert. Bei den meisten Sachen erarbeite ich mit dem Kunden zusammen „Tools of Transformation". Das bedeutet, die Kunden geben ihren Input, was sie mit dem von ihnen gewünschten Stück ausdrücken wollen. Diese Kunden schildern mir ihren Charakter, ihre Kunstfigur, beziehungsweise das, was das Besondere an ihm ist. Meine Kreationen sollen dabei helfen, diesen Charakter zu verwirklichen, ihn hervortreten zu lassen. Um es klar zu sagen, sie sollen nicht jemand anderes sein, sondern ihren eigenen Charakter, ihr eigenes Wesen entwickeln, noch mehr sie selbst sein.
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