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VON KAISERN, LUFTSCHIFFEN UND TICK-TACK
Eine Einführung in den „Steampunk“

von Anna Maria Cancelli

(interpretiert und übersetzt von Marcel Bieger)

VORBEMERKUNG:

Steampunk ist in aller Munde, in diesem Jahr konnte man von Veranstaltung zu Veranstaltung, von Woche zu Woche immer mehr davon sehen. Zuerst dachten wir von der Redaktion, aha die nächste Mode, so wie uns jedes Jahr etwas Neues beschert wird. Aber dann haben wir festgestellt, daß da eine neue Ästhetik am wachsen ist, daß sich hier wirklich einige Leute den Kopf darüber zerbrechen, mit neuen Inhalten, Bewegungen, Ansichten und Aussichten dem Genre Fusion zusätzliche Impulse zu geben.

Doch als wir uns dann ernsthaft darüber informieren wollten, mußten wir erst einmal feststellen, dieses Thema ist so neu, daß noch niemand etwas Grundlegendes dazu gesagt hat. Es gibt weder Ab- und Eingrenzungen noch Definitionen noch Übersichten. Bis wir dann in der US-amerikanischen Bauchtanz-Zeitschrift „Zaghareet“ auf den Artikel stießen, der weiter unten in Deutsch zu lesen ist.

Die Autorin, Anne Maria Cancelli, ist Tänzerin und hauptberuflich Lehrerin, sie versteht sich also per se darauf, einen Stoff zu strukturieren, zu definieren und darzustellen. Ein wahrer Glücksfall! Aber keine Rose ohne Dornen. Denn rasch standen wir wieder vor dem Problem, daß es noch überhaupt keine deutschen Begrifflichkeiten für Steampunk-Termini gibt. Was tun? Uns nicht weiter drum scheren und den Sumpf des Pidgin-Deutsch vergrößern? Uns der Sprach-Verlotterung schuldig machen?

Nein, wir haben uns gesagt, wir geben erst einmal alles in Deutsch wieder- und bei bestimmten Begriffen fügen wir den amerikanischen in Klammern hinzu.

Einige historische Anmerkungen: In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beherrschten die europäischen Nationalstaaten den Rest der Welt nahezu vollständig, Englisch war noch nicht allgemein verbindlich (Deutsch galt in den USA noch als zweite Landessprache, wurde von einem Viertel der Einwohner gesprochen). Die USA griffen erst am Ende des Großen Weltenbrandes (wie man den Weltkrieg seinerzeit nannte) ins Weltgeschehen ein, waren bis dahin aber keine wortführende Macht. Ein Überrest jener Zeit sind heutige Vorstellungen wie die der angloamerikanischen Menschen, jene Vergangenheit die viktorianische Zeit zu nennen – nach der britischen Königin und indischen Kaiserin Victoria, die Ende des 19. Jahrhunderts die Geschicke ihrer Nation (und die des größten imperialistischen Kolonialreiches aller Zeiten) lenkte.
die Autorin dieses Artikels,
Anna Maria Cancelli
Den anderen Mächten jener Zeit, vor allem den anderen Kaisern – dem deutschen, dem österreichisch-ungarischen und dem russischen – wäre es gewiß nicht eingefallen, sich als Bestandteil einer viktorianischen Kultur zu begreifen. So nannten und nennen deutschsprachige Menschen diese Jahre nach ihren beiden Wilhelmen die wilhelminische, und so weiter.
Wir hier bei „hagalla“ sind also nur schwer davon zu überzeugen, übergreifend von viktorianischer Mode, Musik und dergleichen zu sprechen. Wir behelfen uns daher mit dem historisch korrekten Begriff der „Gründerzeit“ oder mit dem Ausdruck „Neo-Kaiserzeit“ für das Genre.

Übrigens Nr. 1: Zur in Frage kommenden damaligen Zeit dickten Wichtigtuer und –innen, die für sich keine andere Möglichkeit sahen aufzufallen, ihrer Sprache mit französischen Brocken auf (das Englische kam erst viele Jahrzehnte später in diese Verlegenheit). Wir haben uns daher das kleine Vergnügen gegönnt, einige französische Begriffe in den deutschen Text einfließen zu lassen, um dem damaligen Zeitgeist genüge zu tun.

Übrigens Nr. 2: Wenn ihr am Himmel mal wieder einen Zeppelin seht, dann denkt an Steampunk, denn genau das sind die Luftschiffe, von denen in diesem Genre und in diesem Text die Rede ist.

Wilhelm II, der letzte deutsche Kaiser
Queen Victoria, Königin von England
Und nun hast du das Wort, Anna Maria Cancelli:

Freunde und Förderer des Orientalischen Tanzes sind ständig auf der Suche nach neuen modischen Trends und avantgardistischen Bewegungsstilen. Kleider, Kleidungsstücke und Beiwerk vom Ende des 19. Jahrhunderts sind schon länger en vogue, und einige sind noch einen Schritt weitergegangen und haben das mit Accessoires aus der Industrie und Mechanik verknüpft. Der daraus entstandene neue Stil heißt „Steampunk“. Steam = Dampf, weil die Mode aus der Zeit der Dampfmaschinen stammt, und Punk, weil ihrer Zusammenstellung und Ästhetik etwas Ordnungsloses und -widriges anhaftet. Irgendwann hat der Steampunk den Absprung aus der Welt der Stoffe und Verzierungen ins Reich der Tanztechnik geschafft, wie man leicht an Pops, Locks und „tickenden“ Bewegungen ersehen kann. Dieses neue Genre hat auch seine Sprache im Musiktheater, in Geräuschen ähnlich Londoner Bahnhöfen, kaputtem Aufziehspielzeug, altmodischen Karussells und so weiter gefunden. All das ertönt heute bei Haflas und Tanz-Shows.

Sicher von Interesse, der Begriff “Steampunk” ist eine literarische Untergattung, was mich als Lehrerin für Literatur natürlich ganz besonders freut. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, daß eine literarische Gattung die Grundlage für einen bestimmten Stil und eine bestimmte Ausdrucksform des Bauchtanzes bildet.

Der Begriff „Steampunk“ (nicht das Genre!) wurde in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von dem Science Fiction-Autor K.W. Jeter erfunden. Dabei handelt es sich um ein „Subgenre der Alternativwelt-Science Fiction. Darin wird eine anchronistische Gesellschaftsform im 19. Jahrhundert angesiedelt.“ So die wörtliche Übersetzung der Definition des online Wörterbuches “Allwords” (“a subgenre of speculative science fiction set in an anachronistic 19th century society.”) Und was steht in Wikipedia zu lesen, zu dem heutzutage so gern und so rasch gegriffen wird? Die deutsche Ausgabe gewährt einen knappen ersten Einstieg vor allem in das literarische (mit Unterarten wie Comics oder Computerspiele), während die englischsprachige Ausgabe etwas konkreter feststellt: (Mit Steampunk) „kennzeichnet man Geschichten und Werke, die in einer Welt oder einem Zeitalter angesiedelt sind, in welchem die Dampfkraft noch weitgehend genutzt wurde … “  

Schriftsteller Jules Verne
*8.2.1828 † 24.3.1905
Titelblatt des Verne Romans: Robur, der Eroberer
Festzustellen sind weiterhin: „ … technische Erfindungen und Einrichtungen, die in der jeweiligen Geschichte eine wichtige Rolle spielen, aber rein der Phantasie entsprungen sind.“ Und im – jedem Anglistik-Studenten bekannten – „Oxford English Dictionary“ definiert man „Steampunk“ als Prosa, die in der industriellen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts angesiedelt sind, als Maschinen hauptsächlich von Dampfkraft angetrieben wurden. Anders ausgedrückt, mit Steampunk bezeichnet man eine Unterart der Science Fiction-Literatur, die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg angesiedelt ist, an die Romane von Jules Verne und H. G. Wells erinnert und sich um eine Welt voller phantastischer Erfindungen dreht. Man könnte diese Welt auch eine Vergangenheit nennen, die „niemals stattgefunden hat.“
Schauspieler Rod Taylor im Film "Die Zeitmaschine" von H.G. Wells
Schriftsteller H.G. Wells
* 21.9.1866 † 13.8.1946
In dieser Welt treffen wir aber haufenweise Figuren an, die Vintage-Kleider tragen, und diese hat man mit Mechanismen, Metallen und allerlei anderem Zierrat verschönt, der futuristisch und technisch erscheint.
Fotos: Anna Maria Cancelli © A. M. Cancelli,
andere = Quelle: common Wikipedia
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
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