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VON KAISERN, LUFTSCHIFFEN UND TICK-TACK
Eine Einführung in den „Steampunk“

von Anna Maria Cancelli

(interpretiert und übersetzt von Marcel Bieger)

Fotos: Amy Danielson © A. Danielson,
andere = Konstanze Winkler
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
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Die Personen in diesen Neo-Kaiserzeit-Geschichten sind erfindungsreich, schaffensfroh, lernbegierig. Laufen ständig herum wie aus dem Ei gepellt, sind elegant, gediegen und wirken damit schon interessant genug, sonst würden nicht zigtausende Tänzerinnen sich bereits der Steampunk-Mode verschrieben haben und sich mit allerlei Flitter und Tand aus dieser frei erfundenen Mode behängen. Dreh- und Angelpunkt der Steampunk-Mode ist die Mechanik, insbesondere die Mechanik, die mit Dampfkraft zu tun hat. In einem auf You Tube zu sehenden Clip, „What is Steampunk“, meint eine Frau, daß „Dampf ein ätherische Energieform ist“, also eine flüchtige Energieform. Wir kennen Dampf als altmodische Antriebsform, und so will der Steampunk gerade dieses Gefühl einer nicht mehr vorhandenen Technikgläubigkeit und –freundlichkeit beschwören, auch wenn die uns heute wie aus einer anderen Welt vorkommen mögen.
Der Steampunk bewegt sich grob gerechnet in der Zeit vom letzten Drittel des 19. bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, und in seiner Ästhetik finden sich Elemente der Jahrmarkt-Schauen (amerikanisch „Vaudeville“), des gotischen Horrors, des Jugendstils (französisch und amerikanisch „Art Nouveau“) und des amerikanischen „Salome“-Stils wieder, jener Frühform des Orienttanzes, die sich eingangs des 20. Jahrhunderts auf amerikanischen Kleinkunst-Bühnen ausbreitete.
What is Steampunk? (YouTube Video)
Steampunk - What is it and a request (YouTube Video)
Die Bauchtänzerin und Kostümschneiderin Robyn Russell (Rabiah Banu) bietet eine Fülle von Ideen, wie eine Bauchtänzerin ihr eigenes Steampunk-Aussehen erzeugen kann. Auf ihrem Blog „Clothesmonaut: A Blog About the Psychology of Clothing and Costume.“ („Clothesmonaut: Ein Blog über die Psychologie von Bekleidung und Gewandung.“) führt sie sogar in dem Beitrag „What Does a Steampunk Belly Dancer Wear“ („Was die Steampunk-Bauch- tänzerin trägt.“) eine Vielzahl von visuellen Inspirationen auf. Sie schlägt vor,
daß der Modeschöpfer sich zu diesem Zweck vorstellen soll, Teil einer Alternativwelt zu sein und als solcher keine Ahnung vom Aussehen eines Bauchtanz-Kostüms zu haben, bis auf die Information, daß Hüft- und Schulterbewegungen betont werden müssen. Mit anderen Worten, dieser Schneider soll ein Kostüm entwerfen, das genau diese Körperteile hervorhebt. Und zur Herstellung desselben soll er vor allem Metalle, Unterlegscheiben, Geräte, Leder und, wenn gewünscht, auch plattgeklopfte Kronkorken verwenden.
Die Berufstänzerin und Kostümbildnerin Amy Danielson stellt fest, daß ein Steampunk-Kostüm über Bestandteile aus folgenden Kategorien verfügen sollte:

1.) Klassische Kaiserzeit: Accessoires wie zum Beispiel Spitzen-Knöpfe, Zylinder, Haarteile mit Federn und als Fußbekleidung Gamaschen oder Damen-Schnürstiefel, sogenannten „Oma-Stiefeln“ (Amerikanisch: Granny boots).

2.) Militär: Gegenstände wie Fliegerbrillen (Amerikanisch: Goggles), Uniformen, Militärstiefel und Strahlenwaffen.

3.) Erfinder (oder Maschinist oder Ingenieur): Metaller-Lederschürze, Uhrwerkteile für Haarschmuck, Monokel und andere Arbeitsbekleidung.

4.) Bauchtanz: Natürlich, was auch sonst!

Amy ist eine unerschütterliche Anhängerin des „Vintage-Knopfes“, und da bislang der sogenannte „turkomanische Knopf“ vorherrschend war, warum es jetzt nicht einmal mit alten Ösen und Knöpfen versuchen. Amy steht außerdem auf Spitze, große Schlüssel (aus der Zeit vor dem Sicherheitsschloß), Kameen, Filigranarbeiten und „Meeresschmuck“ wie Ohrschnecken und Perlen.

Amy Danielson trägt eine ihrer Kreationen
Die Tänzerin und Modeschöpferin Tempest, deren Name symbolhaft für Gothic und Steampunk-Bauchtanz steht, beruft sich auf ihre strenge Erziehung und ihrem Hintergrund in den Visuellen Künsten, um ihren ganz eigenen persönlichen Kostüm- wie Tanzstil zu erschaffen. Da sie nicht nur tanzt, sondern ihre Darbietungen auch schauspielerisch ausschmückt, darf man sich bei ihren Auftritten auf sehr innovative und ausdrucksstarke Kunst freuen, die die Zukunft des Tanzes aufzeigt. Die Künstlerin arbeitet seit sechs Jahren an ihrer Vision einer Integration von Steampunk und Neo-Kaiserzeit; und sie verfolgt natürlich auch wie sich diese Richtung immer weiter im Bauchtanz ausbreitet. Wenn es dann ums Schneidern geht, legt Tempest wert darauf, „selbst etwas zu machen“ und etwas „Altes in einen neuen Zusammenhang zu stellen.“
Man kennt die Künstlerin durch ihre Jugendstil- und Gothic-Entwürfe, und insbesondere ihr Korsettgürtel, und ihre Eigenschöpfung, das „Skorset“ sind ein Begriff. Tempest fordert diejenigen auf, die daran interessiert sind, einen eigenen Steampunk-Stil zu kreieren, sich zunächst einmal zu fragen: „Warum gerade Steampunk?“ Daran schließt sich dann die Fragen an: „Geht es mir nur um die Mode, oder will ich eine Geschichte erzählen und dazu in die Steampunk-Rolle schlüpfen?“ Nach Tempest ist es nämlich für die Darstellung und Entwicklung einer Steampunk-Persönlichkeit wichtig, eine entsprechende Rolle zu entwickeln. Und: „All die einzelnen Elemente sollten miteinander zusammenhängen und gemeinsam diese Figur ergeben.“ Zu diesem Zweck sollte man sich auch Fragen stellen wie: „Wer bist du? Welche Geschichte hast du zu erzählen? Wenn du schon eine Schutzbrille und einen Zylinder trägst, dann zu welchem Zweck? Braucht deine Figur wirklich diese Zutaten?“ Die sowohl als Tänzerin wie auch Kostümbildnerin stets erfindungsreiche Tempest betont die Wichtigkeit der eigenen Phantasie und rät: „Wenn man schon eine Luftschiff-Piratin sein will, dann sollte man sich auch Gedanken darüber machen, was eine solche Figur tragen würde und was nicht!“
Die Tänzerin Tempest, hier als Steampunk Luftschiff-Piratin, mit "Goggles" und "Granny Boots"
Man braucht nur bei Etsy.com nachzuschauen, um schon auf ein wahres Füllhorn von Gegenständen zu stoßen, die vom Steampunk inspiriert worden sind. Man findet dort Stücke für den sofortigen Gebrauch wie auch Allerlei zum Verschönern bereits vorhandener Kostüme. Amy Danielsons Etsy shop „The Gypsy Kiss“ (www.thegypsykiss.com) gilt als wahre Schatztruhe für handgefertigtes Bauchtanz-Zubehör. Die Künstlerin selbst, hat es sich zum Ziel gesetzt, hochwertige Stücke zu vertreiben, die „Frauen helfen, die Schwelle zwischen Alltag und der Fantasy-Welt zu überschreiten.“ Die Künstlerin tanzt übrigens auch und war zusammen mit ihrer Formation „Tribal Spirits of the Sun“ (beheimatet im St. Croix Tal in Wisconsin) auf der Durga-Tournee in Minneapolis.
Tempest "Metropolis"
Tänzerin Mariam Ala Rashi im Steampunk-Fusion Kostüm
Voilà, noch ein typisches Steampunk Accessoire: Ein großes Schloß mit steckendem Schlüssel als Oberteil-Verschluß.
Auf dem Bild: Mariam Ala Rashi und Tempest
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Amy verfolgt schon seit Jahren das Aufkommen des Steampunk-Stils im Bauchtanz. Ihrer Ansicht nach, ist dieser Trend durch Bauchtanz-Auftritte bei Konzerten der Gruppe „Abney Park“ entstanden, der ureigensten Steampunk-Kapelle in den USA, die bereits seit den späten Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts CDs aufnehmen und Konzerte geben. Nach Amy beschränkt sich Steampunk auch nicht nur auf Stilfragen und Äußerlichkeiten, sondern er drückt sich auch in mechanischen, automatenhaften und aufgezogenen Bewegungen aus, die man als „Ticken“ oder „Tick-Tack“ (amerikanisch: „Tic-toc“) bezeichnet. Diese Bewegungsformen sind dem Hip Hop sehr verwandt.

„Ticken“,  sonstige Uhrwerk-Bewegungen und Bekleidung aus der Gründerzeit stellen aber nur Komponenten des Steampunk-Stils dar. Tempest wendet sofort ein, daß „geschäftiges Herumstaksen, sich alte Schlüssel anhängen und sich in einen Haufen Spitze werfen, noch lange keine Steampunkerin aus einer machen. Dazu bedarf es auch einer Geschichte, einer Figur und etwas, was man mit beiden anfängt.” Eine komplette Inszenierung ist notwendig, um die eigentliche Essenz des Steampunk ins Leben zu rufen.
Asharah, eine Meisterin des „Tickens“, deren Auftritte zurecht gerühmt werden, weil sie sich auch auf „Pops“ und „Locks“ des Hip Hop versteht, erklärt, daß ihre „Tick-Tacks“ und „Pops“ vom zeitgenössischen Hip Hop, Breakdance und Experimental Electronica kommen, aber nicht allein dazu gedacht sind, einen eigenen Steampunk-Stil zu schaffen.

Bei der Choreographie eines Steampunk-Stücks behält Amy einen Anteil von 70 Prozent an Bauchtanz-Bewegungen bei; dazu wird „eine Figur mit einer Hintergrundgeschichte“ entwickelt. Tempest erinnert uns daran, daß es sich beim Steampunk um Fusion handelt, und „Fusion sollte immer seine beiden Elternteile ehren, aus denen er hervorgegangen ist, das heißt, zu ihnen stehen.“ Amy verweist darauf, daß es sich beim Steampunk ursprünglich um eine literarische Subkultur handelt.

Für sie ist Tempest eine Tänzerin, „die hervorragende Arbeit dabei leistet, eine Figur zu entwickeln und die dem Publikum durch den Einsatz von Musik, Kostüm, Choreographie und Bühnenpräsenz zu vermitteln.“
Bei Di-Ahna Restrys Interpretation von Steampunk finden wir Bewegungen, die sie für verwandt mit dem Steampunk hält. Wie zum Beispiel die „Fontänen-Arme“, die auf Zafira zurückgehen, aber auch historische Tänze wie Walzer, Quadrille (eine Vorform des Can Can) oder Mazurka (ein polnischer Tanz, der nach der Zerschlagung des polnischen Staates Ende des 18. Jahrhunderts von Emigranten nach ganz Europa, vor allem aber Frankreich gebracht wurde; vergleiche „Polonaise“, aber nicht „Polka“). Di’Ahna ist Bauchtanz-Lehrerin und Mitglied bei „Moirae“ (www.moiraebellydance.com), einer Tribal-Fusion-Gruppe aus Mittel-Massachusetts. Wenn sie bei einem Auftritt Steampunk zur Aufführung bringt, dann mit dem Ziel, „beim Publikum das Gefühl zu erzeugen, eine sich bewegende Sepia-Photographie vor sich zu sehen, einen Schnappschuß aus einer romantisch verklärten, längst vergangenen Zeit.“
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