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VON KAISERN, LUFTSCHIFFEN UND TICK-TACK
Eine Einführung in den „Steampunk“

von Anna Maria Cancelli

(interpretiert und übersetzt von Marcel Bieger)

Grafik und Layout: Konstanze Winkler
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Steampunk hat natürlich auch seine eigene Musik. „Abney Park“
(
www.abneypark.com), ein Quintett aus Seattle, das sich von World Music, Industrial, Tom Waits und dem Filmkomponisten Danny Elfman beeinflußt sieht, gilt als einflußreichste und wichtigste US-amerikanische Steampunk-Band. Den Namen haben sie sich vom gleichnamigen Friedhof in London ausgeborgt, und bislang liegen etliche Alben von ihnen vor. Sie treten bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen auf, angefangen von Drachen-Cons bis zu sogenannten Lifestyle-Festivals (nicht immer ganz geschmackssischeren Mischungen aus Musik- und Gesundheits-Veranstaltung). Dieses „verlotterte Musikantenvolk“, wie sie sich selbst gern nennen, spielen nach eigenen Worten „anachronistisch gekreuzte Instrumente“. Und ihr „Steampunk mit musikalischem Durcheinander“ spricht sowohl Bauchtänzerinnen als auch die Comic- und Simulationsspieler an (worunter sowohl die Rollen-, als auch die Computerspieler zu verstehen sind)
Ein weiterer wichtiger Name ist Maduro
(www.myspace.com/maduro)
, der zwar nicht jedem auf Anhieb unter dem Begriff „Steampunk“ einfallen mag. Gleichwohl gilt sein Album „Fin de Siècle“ (ein Begriff, der kunsthistorisch für das Ende des 19. Jahrhunderts steht, also die hier in Fragen kommende Gründer- oder Kaiserzeit) als Meilenstein des Steampunk, auch wenn es ursprünglich gar nicht in der Absicht des Künstlers lag, mit „Fin de Siècle“ ein Steampunk-Werk zu schaffen. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn man das Album mit diesem Genre in Verbindung bringt. Das Ende des 19. Jahrhunderts, eben das Fin de Siècle (ein französischer Begriff, denn zu jener Zeit plapperte jeder, der sich sonst nicht wichtig genug machen konnte, französische Wortbrocken, das Englische mußte noch eine Weile auf diese Rolle warten) war nach seinen Worten „in künstlerischer wie kultureller Hinsicht eine Periode der Dekadenz und der Degeneration, der Vergnügungs- und
Unterhaltungssucht, aber auch des Aufkommens der Psychologie als Wissenschaft und des Erblühens der Technologie.“

Maduro ist aufgefallen, daß „Tänzerinnen sich in den letzten Jahren immer mehr zu Jahrmarkts- und Automatenmusik bewegen.“ Deswegen hat er Klangbeispiele von Automaten und Mechanik längst vergangener Jahrzehnte verwand, um seinen ganz eigentümlichen Vintage-Sound auf „Fin de Siècle“ zu erzeugen. In unserer Zeit, in der alles am Computer generiert wird, fällt es schon auf, wenn jemand von dieser Methode abweicht und Aufnahmen von Musikwalzen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verwendet. Maduro wollte aber gerade einen Vintage-Sound erzeugen, ohne ihn mit modernen Instrumenten und Geräten zu replizieren. Deswegen hat er sich der alten Anlagen und Aufnahmen bedient und damit den authentischen Klang mit dem typischen Rauschen und Kratzen erhalten. Er verwendete auch Marschtritte, Geräusche aus französischen U-Bahnen und Leierkastenmusik, um die Musik zu erzeugen, die er „Unterwelt-Karnevalstreiben“ („Dark World Carnival progressions“) nennt. Das eben, was Bauchtänzerinnen so gern mit ihren Bewegungen interpretieren.
Die Gruppe "Abney Park" mit "Airship Pirates" (YouTube Video)
Weitere Künstler, die uns Steampunk-Musik bescheren, wären unter anderem Beats Antique, Pentaphobe, Beat Circus, Johnny Hollow, Atrittion, Rasputina, Jill Tracy, The Dresden Dolls oder Mr. Bungle. Und wer sich nicht gleich auf eine Gruppe versteifen will, dem stehen einige Zusammenstellungen verschiedener Künstler zur Verfügung. z.B.“An Age Remembered“ - A Steampunk / Neo-Victorian Old World Mix and A Dark Cabaret. Tempest empfiehlt, sich das wöchentliche Podcast “Music o’ Gears” der Schwestern Davenport anzuhören (www.clockworkcabaret.com), um dort alle Arten von scheinbar nicht mehr zeitgemäßen Musikstilen zu erleben, von Blues, über Gypsy Punk, über Dark Cabaret bis hin zur Klassik.
© Octofoil Records (www.octofoil-records.com)
Beats Antique "Beauty Beats" (YouTube Video)
Tempest tanzt zu Jill Tracy's "Evil Night Together" (YouTube)
Pentaphobe "Kitten Pig", vintage cut (YouTube Video)
The Dresden Dolls "Coin-Operated Boy" (YouTube Video)
Bleibt Steampunk uns nun auf Dauer erhalten, oder ist er nach kurzem Erblühen schon wieder vorbei? Di’Ahna glaubt, daß er die Tendenz zu beidem in sich hat. „Wenn diese Bewegung sich nur auf Mode und Schnickschnack beschränkt, wird sie lediglich eine Modetorheit und Randnotiz bleiben.“ Aber sie hat auch beobachtet, daß  bereits „genug Tänzerinnen sich wirklich Mühe geben und daran arbeiten, dem Steampunk Gehalt und Gestalt zu geben. Damit aus dem Steampunk ein eigenes Genre innerhalb des Bauchtanzes wird.“
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Anna Maria Cancelli unterrichtet an Colleges an der Küste des US-Bundesstaates North Carolina Englisch und Englische Literatur. Sie stellt die eine Hälfte des Bauchtanz-Duetts „Tara Sophia“ dar. Die Homepage der beiden findet sich bei myspace:

http://www.myspace.com/tarasophiabellydance

Anna Maria Cancelli hat ihre eigene Homepage bei

http://www.playwithdangeroustoys.blogspot.com/

und man kann ihr E-Mails schreiben unter

<annamariarocks@gmail.com>

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Dieser Artikel erschien im Original unter dem Titel: „Steampunk“ in der
US-Fachzeitschrift „Zaghareet“ Ausgabe März April,
Elizabeth City, North Carolina, 2010 –
www.zaghareet.com

Anna Maria Cancelli (©)
Tempest glaubt, daß die Bauchtänzerinnen, die sich die Zeit nehmen, sich mit dem Steampunk auseinanderzusetzen, ausreichend Material und Anregungen finden werden, um ihre Tänze noch ziemlich lange damit anreichern und veredeln zu können.


Cybelle, die Leiterin des World Fusion Tribes „Eclypse“ aus Savannah, Georgia, ist fest davon überzeugt, daß „einige Elemente des Steampunk den Lauf der Zeit überdauern werden.“ Sie will ihn daher gern weiter studieren und Teile davon in den ausgeklügelten Stil ihrer Tanzgruppe einarbeiten. Mehr noch, der Steampunk hat es ihr richtig angetan, und sie will das wilde Aussehen und auch die dem Steampunk besonders eigene Komponente des Geschichtenerzählens unbedingt stärker in die Auftritte der „Eclypse“ einbauen. Denn Cybelle kann sich „keine flexiblere Tanzform als den Fusion vorstellen“, und meint, „gleich ob eine kurze Blüte oder ein Dauerbrenner, man sollte sich auf eine Fahrt auf dem Steampunk-Karussell einlassen und dazu ein gepflegtes Glas Absinth zu sich nehmen.“ (www.cybelle3.com)
Cybelle, Leiterin des World Fusion Tribes "Eclypse"
Foto © Charles Snyder