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Vernehmt nun, Ihr Volk, wie es mir dort ergangen ist, als ich bei Dauerregen und nach dem Besuch eines Bratwurststandes das Lager der wilden Männer und einiger wunderlicher Frauen erreiche. Durch die Pforte von Zeit und Raum gerate ich bis dicht davor, und eine von ihnen erhascht meinen Blick und fragt keck nach meinem Begehr. Es ist ein Piratenlager, und die Frauen darin sind Gefangene, die sich zwar frei im Lager bewegen, sich aber nicht weiter als fünf Meter aus selbigem entfernen dürfen. Wie erklärt sich das alles?

„Wir haben uns mittlerweile mit den Piraten arrangiert, und sie sich mit uns. Das sieht man auch daran, dass wir bewaffnet sind, denn unbewaffnet kann keine Frau inmitten von Piraten leben. Aber nicht alle Piraten sind gleich, und es gibt unter ihnen solche und solche. Irgendwann wollen wir ja auch mal wieder nach Hause kommen.

Wir befinden uns hier auf der Karibikinsel Tortuga, Heimstatt der Piraten, die sie immer wieder anlaufen und von der aus sie dann auch wieder in See stechen. Und die Freibeuter auf diesem Eiland sind nicht alle umgänglich. Piraten sind sogar manchmal ganz schön unfreundlich, selbst zu Frauen. Nicht einmal Katzen und Meerschweinchen schonen sie sonderlich, das ist halt so ihre Art. Auf der einen Seite muß man ihnen bescheinigen, demokratisch zu sein, auf der anderen Seite sind sie das aber nicht zu anderen.

Wir Frauen hier halten uns ja nicht so ganz freiwillig bei den Piraten auf. Na ja, wie das Leben eben so spielt. Wo ist man als Frau schon mal freiwillig, selbst in diesen aufgeklärten modernen Zeiten des 18. Jahrhunderts? Vor allem als Tänzerin.“

Wie gelangtet Ihr denn hierher?

„Das kam so: Wir Frauen hier stammen aus allen vier Ecken des Morgenlandes, einige aus Marokko, andere aus dem Vorderen Orient, wieder andere wie ich aus Indien – wie man ja schon am Namen hört – oder gar von hinter den Bergen, aus der Hinteren Mongolei nämlich. Geladen waren wir vom Sultan von Algier zur Hochzeit seiner Tochter. Wir sollten dort die Gäste mit Tanz und anderer Kurzweil erfreuen. Es war ein wunderbares Fest, und ich denke noch heute gern zurück an die köstlichen Getränke, die erlesenen Speisen, überhaupt den Luxus … aber ich schweife ab. Ich vermag nicht genug Worte zu erhaschen, um all die Wunder zu beschreiben, die uns dort geboten wurden. Die edlen und gepflegten Herren dort, so ganz anders als die Piraten hier, über die man nicht nur Löbliches äußern kann. Ach, bei der Erinnerung an das Fest gerate ich immer noch ins Schwärmen.

Wir tanzten vor dem Sultan. Die Feierlichkeiten währten drei Tage und drei Nächte. Als alle fürchterlich betrunken auf ihr Lager sanken – ich weiß, der Koran verbietet eigentlich den Alkohol, aber der Islam ist in diesen modernen Zeiten ja auch nicht mehr das, was er einmal war. Ich entsinne mich noch an den dritten Sonnenuntergang, die sternenklare Nacht, die einmalige Aussicht auf den Hafen, und da kamen die Piraten!
Sie sind einfach eingedrungen und haben alles an sich gerafft, was nicht niet- und nagelfest war! Das Gold, das Silber, die Pretiosen … Ich weiß gar nicht, was aus unseren Bewachern, die natürlich nichts getaugt haben, geworden ist, ob sie überhaupt noch leben.
Uns haben sie auch mitgenommen, wie Ihr unschwer erkennen könnt. Nun ja, als fahrende Tänzerin hat man schon manche Reise erlebt, auf Pferden, Eseln, Kamelen oder in Sänften, und jetzt ging es auf Schiffen übers offene Meer. Bis in die Karibik ging die Reise, und eines Tages erreichten wir diese Insel hier, Tortuga. Wir Ihr wißt, ist eine Insel ringsum von Wasser umgeben, wo hätten wir also hingehen sollen. Deswegen sind wir einstweilen bei den Piraten geblieben. Bei unseren Entführern wohlgemerkt, denn die anderen auf dieser Insel waren ja noch viel fieser, und bei denen gab es auch viel schlechteres Bier.

Anfangs war es ganz schön schwierig, uns diese wilden Gesellen vom Hals zu halten, denn Piraten sind von Hause aus ja nicht sonderlich gepflegt, wie überhaupt die Bedingungen auf so einem Piratenschiff, über die ich mich lieber nicht äußern möchte. Nur so viel, auch als Tänzerin ist man anderes gewöhnt. Aber im Lauf der Zeit ist es uns gelungen, ihnen Respekt abzunötigen. Heute halten wir es so: Wir tanzen, und sie schleppen die Vorräte an. Ich glaube, in zehn oder fünfzehn Jahren haben wir genug Silber gehortet, um uns die Passage in die Heimat leisten zu können.“