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Showberichte
Die Tribal und
Gothic-Tribal-Night

am 12. Februar 2010

Von Marcel Bieger

Fotos: Konstanze Winkler

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Damit haben wir die Gäste erreicht: Les Soeurs Tribales tragen einen französischen Namen, sind aber in Italien zuhause und haben alle eine gründliche Ballett- und Zeitgenössisch-Ausbildung hinter sich. Vor einigen Jahren sind sie auf Tribal und Fusion gestoßen, und verkochen, verbacken, verrühren und vermengen seitdem, was sie an Zutaten haben. Doch keine schwere Kost, sondern durchaus Zartes, Zerbrech-
liches und Kunstvolles entsteht daraus. Ihre Fusion drückt sich zum Beispiel dadurch aus, daß sie den Tribal auf sein Skelett minimieren und die Lücken mit Ballett und Modern ausfüllen, aber nicht lückenlos, weil es ja sonst zu schwer würde, und das würde nicht zu dem zierlichen Trio passen. Ihr erstes Stück, „Contemporary Tribal Fusion“ (contemporary heißt zeitgenössisch) drückt das alles programmatisch aus.
Sie erscheinen uns auf dem Boden liegend, heben den Kopf und bewegen nur den, erheben sich zu einer Dreiecks-Position, stürzen wieder nieder, erheben sich noch einmal und gehen in der Dunkelheit ab. Die wenigen tänzerischen Bewegungen entstammen dem Tribal (und das zu wenig orientalischer sphärischer Musik). Endlich kehren sie zurück und wiegen sich a la Tribal, doch das in Catsuit und Reif-Unterröcken (Ballettröcken), und schweben schließlich wieder davon. Ja, so könnte Tribal aussehen, wenn er sich in Richtung Zeitgenössisch bewegt, und wenn Les Soeurs Tribales so etwas tanzen, wirkt das auch glaubhaft.
Nach diesem Ausflug in eine mögliche Zukunft des Tribal Fusion werden Les Soeurs Tribales im zweiten Stück etwas gegenwärtiger. Eine wahrhaftig bunte Mischung aus Old School Tribal mit Bauchtanz Tango kredenzen sie uns, dazu Tabla-Begleitung und Flamenco- Röcke. Sie deuten die Tribal-Bewegungen nur an, eine hebt die Hand, die anderen folgen ihr auf gleiche Weise. Die ganze Schwermut und Traurigkeit des Tango liegt in der Luft, wenn die drei Frauen sich langsam um sich selbst drehen. – Der sparsame Bewegungs-Fundus bestimmt auch den zweiten Teil, der eher an Balkan-Rhythmen ausgerichtet ist. Doch das reicht vollkommen aus, um beim Zuschauer den gewünschten Eindruck zu erzeugen.
Alles bei Les Soeurs Tribales spielt eine
Rolle, wirkt mit am Gesamtkonzept, sei es
die punktgenaue Musik, die alles andere
als überladenen Kostüme oder die Posen,
welche das Trio wie Marmorstatuen aus
der Renaissance erscheinen lassen. Um
nicht falsch verstanden zu werden, die
Tanzbegeisterung sprüht aus ihnen, und ihr
Minimalismus hat nichts mit Verstümmeln
zu tun, sondern rein damit, sich allein auf
das Wesentliche zu konzentrieren. Man ist
versucht, die Kunst der Les Soeurs
Tribales kondensierten Tanz zu nennen.
Eine andere mögliche Zukunft des Orientalischen Tanzes zeigt die wahrlich internationale Künstlerin Anasma auf, die als Kind vietnamesischer und tunesischer Eltern in Paris aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in den USA lebt. Sie tritt dreimal auf. Und es gelingt ihr, jedes Mal mit etwas ganz anderem zu bezaubern. Dieses Energiebündel füllt mühelos mit ihrer Ein-Frau-Schau die ganze Bühne aus. Bei uns ist sie vor allem als führende Fusion Hip Hop Künstlerin bekannt geworden. Sie versteht es aber auch meisterhaft, Geschichten zu erzählen und Schauspielerisches auf die Bühne zu bringen. Wie sie uns nach der Show verriet, nimmt sie seit einiger Zeit Theaterunterricht, weil sie glaubt, daß der Verschmelzung von Theater und Tanz die Zukunft gehört. Nach ihrem Auftritt hier auf der Orientale sind wir gern geneigt, das mit ihr zu glauben!
Die Theaterleidenschaft kommt gleich in ihrem ersten Stück zum Tragen. Verkleidet als Edelmann des 17. Jahrhunderts (nur angedeutet), es könnte aber auch ein junger Prinz sein, den es einer unglücklichen Liebe, einer großen Ungerechtigkeit zufolge oder aufgrund eines anderen Schicksalsschlages zu den Piraten verschlagen hat. Zu orientalisch bestimmter Rock Musik beweist Anasma, was für eine Hochleistungsathletin sie ist. Hip Hop geht in Martial Arts über, Sprünge (waagrecht wie senkrecht) wechseln sich mit Lauf ab, und dazu immer wieder angedeutet oder deutlich Tribalmuster. Mit ihren überwältigend kraftvollen Bewegungen, gepaart mit einer Unmenge an weiblichem Charme, schildert sie die Erlebnisse des titelgebenden Prinzen („The Other Prince Charming“) und läßt ihn – optisch am spektakulärsten – in eine Wirtshausschlägerei geraten. Dort verteilt und empfängt Anasma Fausthiebe (es ist ja „nur“ ein Ein-Personen-Stück), und ein Schwinger ans Kinn läßt sie über die halbe Bühne fliegen. Dank ihrer sehr lebendigen Mimik und Gestik versteht sich Anasma auch ausgezeichnet darauf, ständig mit dem Publikum zu kommunizieren.
Im zweiten Beitrag geht es ums Wasser („Water“), führt sie uns Wasserbewegungen vor. Und das mit allem, was ihr zur Verfügung steht. Leichte Wellenbewegungen erzeugt sie im Liegen durch Bauchwellen und -Flutters, sie „schwimmt“ über die Bühne, und sie mißt diese strömend nach Länge und Breite ab. Dieser Beitrag ist ihr sanftester an diesem Abend, und er enthält genügend mystische und friedvolle Botschaft, um die Zuschauer besinnlich zu stimmen.
Im dritten Auftritt präsentiert Anasma uns den „Little Devil“, ein Teufelchen mit verschmitzten Grinsen und zu allerlei Schabernack aufgelegt, in das sich sofort der ganze Zuschauerraum verliebt. Der kleine Dämon bewegt sich überaus artistisch, und es ist schon sehr witzig, wie Anasma die Schliche und die Tücke dieser Kreatur darstellt.
Eine epochemachender Abend liegt hinter uns, wir haben eine Show aus einem Guß erlebt, die nicht nur perfekt, und das in jedem Beitrag und Aspekt, unterhalten hat, sondern auch Stellung bezog und Perspektiven aufgezeichnet hat. Da weiß man, warum man mit seiner Zeitung solche Shows begleitet.

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ORIENTALE ZEIGT SICH IN IHREM SCHÖNSTEN GEWAND