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Showberichte
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Shir O Shakar
weiter zur Open Oriental Stage...
Photos © Konstanze Winkler
Erst im letzten Jahr eingeführt, fühlt der Tribalabend sich in diesem Jahr schon so an, als wäre er bereits fester Bestandteil. Vermutlich liegt es auch daran, daß diese neue Veranstaltung wie eine Bombe eingeschlagen ist und man mit den allerhöchsten Erwartungen hingeht. Gleich vorab, selbige sind nicht enttäuscht worden, man darf nächstes Jahr erst recht wieder gespannt sein.

Wie bei der Orientale üblich bekommt man keinen bunten Riesenstrauß mit einer Vielzahl unterschiedlicher Künstler geboten, sondern lediglich eine handvoll Tänzerinnen, die mit jeweils mehreren Darbietungen zeigen können, was in ihnen steckt. Dies entspricht durchaus der Philosophie der Einrichtung „tanzhaus.nrw“ – wie natürlich auch, einen ganzen Abend unter ein bestimmtes Motto zu stellen, hier in Denglisch die „Tribal und Gothic-Tribal Night“.

Der Startschuß fällt mit Shir o Shakar, zur Zeit der vitalste und innovativste Tribe unseres Landes. Die jungen Frauen vom Niederrhein decken die Seite des stammesmäßigen Tanzes ab, Sinnbild des Tribal schlechthin. Ihr enormes Repertoire bringen sie in dieser Nacht gleich in drei Beiträgen zum Ausdruck: „Flamenco Flavoured Fusion“ beweist, daß sie eine solche große Bühne wie im Tanzhaus gegeben, hervorragend zu nutzen wissen. Zu achten wirbeln sie mit ihren weiten Röcken über die Bretter, und in so großer Schar bekommt man sie nicht oft zu sehen. Der Flamenco ist flott und schmissig, und sie finden sich zu immer neuen Kleingruppen zusammen.  – „El Sueno – der Traum“ zeigt die Gruppe von ihrer modernsten Seite, erzählen unter Zuhilfenahme von Elementen aus dem modernen Ballett und dem Zeitgenössischen Tanz eine Geschichte zum titelgebenden Thema.
Das Stück gliedert sich in drei Teile, in denen sie auch die Wechselbeziehung von Choreographie und Improvisation einbeziehen. Erinnerungen an „Les Soeurs Tribales“ oder „“Urban Tribal“ werden wach, und uns überkommt das Gefühl, daß wir sehr froh sein können, so etwas auch bei uns zu haben (vergleich Interview mit Shir of Shakar „El Sueno – Traum als Inspiration“ in dieser Zeitung). – Im dritten Stück dann die Rückkehr zu den Ursprüngen, ein enorm energiegeladenes Tribal-Stück, beziehungsweise deren drei, mit dem die Truppe beweist, daß sie ihre Herkunft nie vergessen haben. Ein ausgesuchtes Vergnügen.
Martha Saunders ist US-Amerikanerin, war Mitglied im FCBD-Universum (und ist natürlich immer noch Bestandteil davon), und bedient an diesem Abend die Abteilung ATS. Genauer gesagt, sie führt uns vor, wo der mittlerweile steht. Statt wohlklingender Titel nennt sie ihre beiden Beiträge „ATS slow“ und „ATS fast“ und drückt damit aus, worauf es ihr in ihren getanzten Vorträgen ankommt. Sie will weniger Geschichten erzählen als vielmehr die Weiterentwicklung dieses Genres dokumentieren. Für viele überraschend, Martha tanzt allein, ist man doch vom Tribal eher die Gruppe, den Stamm gewohnt. Im ersten Beitrag tanzt sie zu einem Maduro-Stück ein langsames Stück, das nicht lediglich eine Zeitlupen-Fassung normalen Tribals vorführt, sondern der Künstlerin Gelegenheit gibt, in höchster Eleganz und Formvollendung ihre Bewegungen zu zeigen, und das unvermindert bis zu den Bodenfiguren. – Zum „fast“-Stück erscheint Martha mit Zimbeln, dem klassischen ATS-Begleitinstrument, und gewährt einen guten Einblick in die Schritte und Folgen, auf welche der ATS mittlerweile zurückgreifen kann. Marthas stolze Erscheinung und unabhängige Ausstrahlung tun ein Übriges, diese Vorführung zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen.
Zu den ganz großen deutschen Tänzerinnen zählt zweifellos Henneth Annun, und es ist gutes Recht des Publikums, sie an diesem Abend erwarten zu dürfen. Henneth findet stetig neue Formen und Stilmischungen, sie tanzt nicht alle Genres, aber den Kanon, den sie sich zu eigen gemacht hat, belebt sie durch ständig durch neue Mischungen und Abwandlungen neu. Zunächst tanzt sie zu einem Maduro-Stück (indem noch andere Klänge mitschwingen, sie versteht sich auch hervorragend darauf, ihre eigenen Musiken zusammenzuschneiden), und erinnert an eine tribalierende Tempelpriesterin.
In ihrem zweiten Beitrag tanzt sie zusammen mit Mariam Ala Rashi, ihrer Kollegin von „The Violet Tribe“ (siehe Interview mit dieser Gruppe zum einjährigen Bestehen in dieser Zeitung) ein Duo, wie man es selten zuvor gesehen hat. In dem Stück sind beide Schwestern, die eine – Mariam - ist unlängst verstorben, die andere – Henneth – versucht, an deren Grab Verbindung mit ihr herzustellen. Mariam erscheint tatsächlich … als Ballett-Tänzerin, während Henneth mit den Mitteln des Tribal-Tanzes nach ihr sucht. Und so, wie beide Tänze für sich genommen etwas Eigenes sind, finden sie doch in der Fusion zusammen, und so erleben beide Schwestern noch einen Moment des Erkennens. Mariam kann nun endlich entschwinden, den Henneth hat ihren Tod akzeptiert.
Mariam Ala Rashi steht ebenso in der ersten Reihe des deutschen Tribal Fusion (und einiger anderer Tanzsparten), und in ihrem Solo-Stück zeigt sie einiges von dem Vorrat, aus dem sie schöpfen kann. Sie vermengt ein traditionelles Trommelsolo mit Ballettfiguren, und das zur Musik von den Pussycat Dolls (Text auf Arabisch). Da hört und sieht man zweimal hin!
Und noch eine der einheimischen Gigantinnen, Sophia Chariarse. Sie versucht sich auf vielen Feldern, und kann dort regelmäßig Erfolge verbuchen. In ihrem ersten Stück verknüpft sie Tribal mit Flamenco, eine höchst sinnliche Erfahrung für die Zuschauer und wohl auch die Künstlerin selbst. Das hat Rasse und Klasse.  - War es im letzten Jahr der chinesische Fächertanz, dem sie im Duo mit Manis ganz neue Dimensionen und Qualität verschaffte, so sehen wir sie in diesem Jahr wiederum mit Manis, diesmal zu „Om-Om“ einem Fusion aus indischem Tanz und Tribal. Die beiden sind exakt aufeinander eingestellt, da reimt sich Eleganz auf Stil. – In ihrem dritten Beitrag beweist die Künstlerin, daß sie vom indischen Tanz kommt und da immer noch alle Register ziehen kann.
Zu Sophia stehen Astaria Brigantia in Beziehung, bildeten sie mit ihr doch einst das
Trio „Mayawati“, bevor sie künstlerisch
getrennte Wege gingen (menschlich aber noch
miteinander verbunden blieben). Um die Zukunft dieses Duos sah es einige Zeit nicht gut aus, umso erfreulicher, die beiden jetzt wieder-zusehen - Alea hat ja schon auf Manis’ letzter Weihnachtsfeier wieder die große Öffentlichkeit gefunden. Die beiden tanzen zunächst einen Fantasy-ausgerichteten Tribal als Elfentanz, später Tribal, wie man ihn auf Mittelaltermärkten zu sehen bekommt, auch wenn das Trommeln hier mehr aus dem OT kommt.
Eine der Wegbereiterinnen
des Tribal in Deutschland ist Deva Matisa. Früher dem Gothic verschrieben eröffnet sie uns in diesem Jahr eine neue Form, die noch im Entstehen, im Kommen ist – den „Burlesque“. In den USA längst der Letzte Schrei, wartet er hierzulande noch darauf, wachgeküßt zu werden, wie zum Beispiel durch den Vortrag von Deva. Sie gibt erst den Vamp und dann den Vampir, und ihre Körper-beherrschung ist immer
noch einmalig. Im zweiten Beitrag wendet sie sich Tribal mit zeitgenös-sischem Tanz zu (zur Musik von „Seed“) und erzählt eine fesselnde, in sich geschlossene Geschichte, die spielerisch mit dem Liedtext umgeht.
Den Abschluß der beiden Auftrittsblöcke bildet jeweils die tunesisch-vietnamesisch-stämmige Künstlerin Anasma, im letzten Jahr die Sensation der Orientale und deswegen in diesem Jahr mit Höchstspannung erwartet. Und sie enttäuschte nicht, nicht ein bisschen. Wie eine Tänzerin allein die gesamte riesige Bühne beleben kann, sorgte schon im Vorjahr für Staunen. Vor der Pause entführt sie uns in einen „Bad Dream“, wie wir ihn leider alle kennen – die tägliche Tretmühle nämlich. Anasma nimmt Schauspielunterricht, und das merkt man ihr auch deutlich an. Ebenso, daß sie Tänzerin ist. Wie sie sich tänzerisch erhebt, jedes Gliedmaß einzeln, das macht ihr so leicht keiner nach. Wie sie frühstückt, sich schminkt das hat große Klasse und ist dramatische Tanzkunst.
Im zweiten Stück, am Ende dieses großartigen Abends, zeigt die andere tänzerische Seite von ihr, indem sie wieder das Teufelchen gibt, mit dem sie im Gedächtnis der Vorjahres-Zuschauer geblieben ist. „Fallen Angel“ heißt dieses Stück, sie steht als weißer Engel auf einem Stuhl, kehrt uns den Rücken zu, und eine festliche Musik von Beethoven ertönt, doch zu der intoniert plötzlich jemand „Bullshit“ (es ist Busta Rhymes, natürlich von Platte), Anasma steigt herab und entpuppt sich als schwarzer Engel, der nun voller Begeis- terung die Sieben Todsünden begeht, bis dieses Ttreiben dem Herrgott zuviel wird...
...und Er ihr grollt. Von einem Gewitter verfolgt flieht sie von der Bühne. Aber ihr letztes verschmitztes Lächeln zeigt, daß sie lieber das böse als das gute Engelchen bleiben will. Diese ganze Geschichte wird getaucht in Sprünge, in Läufe, in Tänze, in Kampfkunst, in indischen Tanz, in Tribal, in Ballettbewegungen, in zeitgenös-sischen Tanz – der Chronist versagt vor der Aufgabe, das alles aufzuführen.  
Wir haben wiederum einen herausragenden Abend erlebt, welcher den aktuellen Stand der Tribal-Kunst in Deutschland nicht nur wiedergibt, sondern wie ein Festmahl auftischt. Mag auch der (titelgebende) Gothic-Anteil in diesem Jahr so gut wie gar nicht stattgefunden haben, und mag auch die eine oder andere unter den Zuschauern lieber diese oder jene Tänzerin zu sehen bekommen haben, eine solche tiefschürfende, umfassende und künstlerisch höchststehende Auswahl zusammengestellt zu haben, zeugt von allergrößtem Sachverstand und tiefer Liebe zu dieser Tanzform.
ZWANZIG JAHRE ORIENTALE - ZWANZIG JAHRE MANIS

Die Orientale hat zwei Jahrzehnte Tanzgeschichte geschrieben und gestaltet sie immer noch kräftig mit. Ganz klar. Die Orientale wird vom tanzhaus.nrw veranstaltet und umgesetzt. Ganz klar. Doch wer steckt genau dahinter, wer erledigt die organisatorische Arbeit und künstlerische Auswahl? Da ist vor allem eine Frau zu nennen, Manis. Ganz klar. Sie hat bei allen Veranstaltungen des Festivals (von Jahr zu Jahr verschieden, in der Regel 7-9) ein deutliches Wort mitzureden, denn sie ist künstlerische Beraterin von Dorothee Schackow, der hauptverantwortlichen Festivalleiterin, doch einige Abende tragen mehr als nur ihre Handschrift. Das kommt nicht von ungefähr, ist Manis doch dem Orientalischen Tanz verschrieben wie keine zweite in diesem Haus. So ist sie das Aushängeschild und das Gesicht der Orientale(n). Ganz klar. Auch wenn jedes Jahr eine andere Tänzerin den Prospekt der Veranstaltung ziert.


Wie gesagt, Manis beseelt die gesamte Orientale, und auf vier der für sie typischen Shows wollen wir in diesem Jahr unser Hauptaugenmerk richten. Wir beginnen mit dem Tribal-Abend und der Offenen Bühne, zwei noch recht jungen Shows dieser Festivalreihe, und doch ganz entscheidende und wichtige.
Manis beim Finale der "Oriental Open Stage"
Shir O Shakar
Martha Saunders
Henneth Annun
Mariam Ala Rashi
Manis und Sophia
Henneth Annun & Mariam Ala Rashi
Sophia Chariarse
Astaria Brigantia
Deva Matisa
Anasma
Anasma

ORIENTALE 2011 - TRIBAL UND GOTHIC NIGHT
Düsseldorf, 4. März 2011, tanzhaus nrw

von Marcel Bieger