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Zur „Orientale 2010“ in Düsseldorf, III. Teil

von Marcel Bieger
Fotos :André Elbing

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Man muß nicht einer der ganz großen Tänzerinnen dieser Erde sein, um im tanzhaus eine eigene Abendshow zu bekommen, aber es hilft. Und wenn frau dann mit sehr großem Gefolge anreist, können auch schon einmal zwei Abend-Shows draus werden.
Wir reden von Banafsheh Sayyad, und mit ihr schmückt sich das tanzhaus nicht zum ersten Mal. Die Familie der Künstlerin floh aus dem Iran und lebt heute in den USA, aber Banafsheh Sayyad ist der alten Heimat noch immer sehr verbunden (s. a. Interview mit ihr in dieser Zeitung). Folgerichtig heißt ihr Tanzabend dann auch „Zeitgenössischer mystischer persischer Tanz mit Live-Musik“. Das hört sich zunächst einmal etwas sperrig an. Doch steht dahinter auch ein Sinn. Nicht nur, daß das tanzhaus keine geschmäcklerisch grelle Werbung für seine Veranstaltungen nötig hat, der Titel soll auch darauf hinweisen, was man geboten bekommt, und was nicht. Banafsheh verbreitet eine Botschaft, und wer die nicht hören oder besser sehen will, sollte sich lieber anders besinnen. Sie bezieht sich auf den mittelalterlichen persischen Dichter Rumi, auf den sich auch die Sufi-Bewegung bezieht, und die wieder ist die Grundlage des islamischen Mystizismus, und … ach, es ist noch etwas komplizierter, aber überaus lohnend, sich mit dieser Materie auseinanderzusetzen. In früheren Shows schon hat Banafsheh Sayyad uns diesen Wortkünstler nähergebracht, und die diesjährige Show wirkt wie eine Fortsetzung der vorangegangenen. Manches zum Beispiel aus dem Vorjahr, wiederholt sie auch in diesem, vermutlich um es neu zu interpretieren oder darauf weiter aufzubauen. Aber wir sprachen ja schon davon, daß sie nicht allein gekommen ist.
Mit dabei ist die Tanzgruppe „Namah“, in der Banafsheh mittanzt. Die drei anderen Tänzerinnen können sich aber durchaus auch ohne sie sehen lassen (und stellen das auch einige Male unter Beweis).
Hinzu kommt das Trommel-Trio „Zarbang“, verstärkt (nicht zum erste Mal) durch den griechischen Lyra-Spieler Dr. Matthaios Tsahouridis. Über die Musikanten weiß der Pressetext Kurioses zu berichten: „Das bekannte Ensemble … widmet sich der Aufgabe, sowohl den Tanz als künstlerische Ausdrucksform als auch den persischen Spirit (sic!) zu bewahren … „ Was mag gemeint sein. Ein Tippfehler, und somit eine Anspielung auf iranisches Öl, oder eine unübersetzt gebliebene Stelle, die auf den persischen Geist, die
persische Seele hinweist (wer oder was immer das auch sein mag); eigentlich bleibt man ratlos, denn man möchte sich ja kaum vorstellen, daß eine Institution wie das Tanzhaus es nötig haben könnte, sich des Denglisch- oder Pidgin-Deutschs bedienen zu müssen.
Diese ganze Truppe zieht alljährlich durch die ganze Welt, und war vor dem Auftritt im Tanzhaus 2010 bereits Anfang Februar in München und Freiburg zu sehen. Ende Februar sind sie dann in Düsseldorf angekommen und führen uns ihr Progamm „Mirror“ auf. Dieses besteht aus sechs Teilen, von denen bei vieren der Tanz im Vordergrund steht, während bei den beiden anderen allein die Musiker ihr Können zeigen.Banafsheh tanzt einige Male allein, und dann steht stets der Dreh-Tanz im Vordergrund, den wir hier im Westen gern, wenn auch nicht ganz korrekt, als „Derwischtanz“ bezeichnen. Dazu kommen Flamenco-Passagen oder Folklore, und die Künstlerin erscheint uns mal im schlicht eleganten roten Kleid, mal als Kriegerin. Auch Klänge sogenannter mittelalterlicher Musik finden sich ein, und natürlich kommt die orientalische Musik nie zu kurz. Nach der Pause reichert sich diese Melange noch um die Komponenten Samba, Rock (besonders reizvoll, weil nur mit Schlagwerk gespielt), und afrikanische Stammestänze.
Wenn Banafsheh ihre Tänzerinnen auf die Bühne losläßt (und sie mal begleitet, mal am Rande steht), dann wird es besonders energetisch und kraftstrotzend, diese Frauen haben eine unglaubliche Konstitution. Banafsheh Sayyad fügt die beiden Kulturkreise, in denen sie lebt oder gelebt hat, gekonnt zusammen, „fusioniert“ sie im besten Sinne des Wortes und webt daraus einen Musik- und Tanzteppich, der keinem festen Muster folgt und dem ständig aus anderen Richtungen neue Substanzen zugeführt werden, zum Wohl des Ganzen, zur Ausformung des Klangs und der Bewegung. Ein Gesamtmeisterwerk, an dem die hervorragenden Musiker nicht nur Anteil haben, sondern auch mitbestimmend sind. Ein einzelnes Stück von Banafsheh Sayyad zu sehen, bereichert sicher einen Abend, aber eine ganze Show von ihr zu erleben, läßt begreifen, was es heißt, das Endergebnis sei mehr als die Summe der Teile.
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MYSTISCH UND ORIENTALISCH
Ein Abend mit Banafsheh Sayyad