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Grafik und Gestaltung: Konstanze Winkler
Don't climb the Pyramids -
"The moon is not a cookie"

Samstag, 31. Mai 2014
Rudolf-Steiner-Schule, Düsseldorf


von Claudia Katzer
Samstag, der 31. Mai 15 in Düsseldorf: Ich sitze im Theatersaal der Rudolf-Steiner-Schule, um mich herum füllen sich die Ränge. Stimmengewirr, lebhaftes Lachen und ein Déjà-vu: Vor ziemlich genau 5 Jahren wurde hier mit  „Secret Lila“ das erste zeitgenössisch orientalische, der Improvisation gewidmete Bühnentanzprojekt unter Raksans künstlerischer Leitung uraufgeführt, und ich war als Teilnehmerin mittendrin. Damals lief allerdings Musik und das Entree war ein bereits als ein auf oder vor der Bühne inszeniertes Aufwärmen aller Tänzerinnen in Szene gesetzt. Sofort gespannte, ja atemlose Stille, als die Zuschauer den Raum betraten, gleichsam in einen Bann gezogen. Aufmerksamkeit und Konzentration auch vom Publikum gefordert. Und jetzt hier so ein Lärm? Ich bin gespannt, wird`s hier noch leise? Es wird. Und wie. Schlagartig nach dem dritten Gong.
Ganz große Bilder

Eine Frau. Eine Schürze. Ein Besen. Rote Schuhe. Und was für welche! Halsbrecherische High Heels - und auf denen eine geradezu walkürenhafte Bayda. Ein wenig schelmisch, aber sehr akkurat fegend durchschreitet sie den Bühnenraum, stark und selbstbewusst. Dann wird ein Keks zum Objekt der Begierde: „The Moon Is Not a Cookie“ titelt sie. Weiter geht es, assoziativ reihen sich miteinander verwobene Sequenzen um das alte Ägypten aneinander -  verbinden sich mit der Frage „Warum tanze ich?“ und mit der jüngeren politischen Vergangenheit des Landes. Eine mit einer Glaskugel spielende, androgyn elfenhafte Sonja Thole ( „die Flatterfee“) wird zur Hohepriesterin, die Fluten des Nil schwellen und sinken mit Folien aus Plastik, dazwischen improvisierte Momente, Petra Kaiser (bürgerlich „Esmea“ vom ATS-Mutterschiff „Neas Tribal“) vibriert sanft im Takt der Weltenzeit. Pyramiden aus Pappkartons werden aufgebaut und sofort wieder dem Boden gleich gemacht - Größenwahn und Vergänglichkeit im Zeitraffer. Der Flug des Pharao in einem sprechenden Chor beschworen und von Andrea Bender (alias „Nachni“, ebenfalls eine ATS- Frau von den „Neas“) mit wohlüberlegten Pinselstrichen zu Papyrus gebracht, schlägt auch mich in seinen Bann. In den modernen Raks Sharki hinübergerettetes Wissen, eingebettet darin ein starkes Solo von der jungen Russin Anzhelika, noch nie hat sie vor Publikum getanzt, ihre Premiere, fast eine Taufe. Strahlende Frauen und wiegende Hüften. Die Gruppenchoreographien alle komplex, auch mir fällt es schwer zu erkennen, wird gerade improvisiert, oder nicht? Wo sind die Zeichen?

Stopp. Kurze Gedankenpause. Ich beginne, meine Erinnerungen  chronologisch aneinanderzureihen. Es soll nicht der Eindruck einer Nummern-Revue entstehen. Es gibt keine Geschichte, das Stück wird nicht in der Erzählform dargeboten, die Wirkung auf den Betrachter vollzieht sich viel subtiler, lässt Reaktionen, Emotionen offen. Bezieht so den Zuschauer mit ein. Kein Programmheft. Auch bei „Secret Lila“ haben wir darüber diskutiert, was erklärt werden sollte, und was nicht. Ich merke: mein Bedürfnis, ist noch ein anderes. Zwei Proben durfte ich besuchen, an der Entstehung teilhaben, Rückmeldungen geben. Einige Tänzerinnen kannte ich bereits aus der „Lila“-Produktion, andere durfte ich kennenlernen. Ein Herzenswunsch ist es mir, jede zu sehen, jede zu betrachten, keine zu vergessen.

Und so spinne ich meinen ganz persönlichen roten
Faden weiter ...
Arabellion statt Bellydance

Im Caféhaus sitzende Menschen. Zahra Sabua, eigentlich begeisterte Tribal Fusion-Tänzerin, interpretiert mit zusammengebundenen Füßen einen wohl gerade wegen dieser Begrenzung völlig jeden Rahmen sprengenden Baladi. Die Revolution entsteht beim einfachen Volk, das sich auf den Straßen versammelt, und steigert sich zu einem Aufruhr. Mit Trillerpfeifen und mit Kopflampen gewappnet wird sich ins Publikum gestürzt. Und der Rebellion mit Polizeigewalt ein jähes Ende gesetzt. Der zur Mizmar geschwungene Männerstock wird zur Waffe, übrig bleibt eine regelrechte dahingeraffte Menge.

Für mich die energetisch dichteste Szene, widergespiegelte Wut, Angst vor dem, was passieren mag, aber auch der Wunsch nach Veränderung und Aufbruch und auch anarchistischer Spaß. So beeindruckend präsent und authentisch von den Tänzerinnen umgesetzt, dass es geradezu aufregend schön war. Ein Wider-spruch, der mich als Zuschauende auch verwirrt zurückläßt.

Und erst später, beim gemeinsamen Ausklang, wird mir im Gespräch mit Zahra Sabua deutlicher, dass hier auch die mit dem Beschreiten neuer Wege einhergehenden Befürch- tungen der Tänzerinnen eine Umwandlung erfahren. Klug gemacht. Denn diese Szene war sicher die provokativste, die am wenigsten den Sehgewohnheiten eines geneigten Bauchtanz-Publikums entsprechende. Und dazwischen? Immer leiser werden die Rufe der Demonstranten, und daraus  erblüht ein weiteres Solo: Kopfhörer auf – Nana im Glück – tanzend und selbstvergessen singend mit geschlossenen Augen. Eine intime wie ironische Aussage, Satire. Noch einmal ruft Sonja mit den Sistren die Magie der alten Zeit herbei -  und das Vollweib Saphira  erweckt die Toten und setzt mit modernem Stil noch einen drauf.
Noch immer atemlos verfolge ich weiter das Stück, mein Körper reagiert ebenfalls mit großer Anspannung. Auch das restliche Publikum verharrt weiterhin in höchster Konzentration. Endlich, kurz vor Schluss, ein kleines Ventil. Zwischenapplaus für Samena, die sich „einfach nur drehen“ wollte. Im Derwischrock, beseelter letzter Moment, heilige Spirale, Ewigkeit, ein Kreis mag sich symbolisch schließen.

„Ich tanze, weil mir manchmal die Worte ... “  Sehr berührend auch Heike Hellmichs Aussagen, die das gesamte Stück zu gliedern scheinen. Ihre Stimme pure Emotion. „Ich tanze, weil ich manchmal so traurig bin“ rührt mich zu Tränen.

Gesundheitliche Probleme zwingen die elfte Teilnehmerin kurz vor der Werkschau auf die Zuschauerbank. Dort sitzt sie, ist trotzdem „mit dabei“, denn es wurde nichts umgestellt, ein einstiges Duo entwickelt sich zum doppelt dichten Solo, die Lücke wird nicht geschlossen, sondern zelebriert. Die Botschaft an die Kompanie: Niemand ist ersetzbar.

Vorbei? Die Tänzerinnen fegen freundlich und resolut die auf der Bühne liegenden Reste von Zeitungen, Rettungsfolien, Kartons über die Bühnenkante. Eine einzige Verbeugung -  und der Beifall setzt ein. Wird laut, lauter: Zugabe! Sie muss einfach den Spannungsbogen zu Ende führen. Echter Beckenschwung und zimbelnde Frauen, eine Trommelsolo-Improvisation. Spätestens jetzt hätte ich jede mit nach Hause nehmen wollen. So schön! Und hier erkenne ich auch Solos, geschickt gesetzt im Raum verteilt. Solos, nicht verabredet, in der Mitte, charmant gelöst, wenn zu viele auf einmal wollen.

Was dann folgte war Applaus, Applaus, Applaus. Verdient. Mehr als verdient. Das größte Lob von Shahrazad als besonderer Gast des Abends: „Weltklasse! Bewegende, großartige Kunst!“

Ein intensiver Prozess und ein federleicht anmutendes Ergebnis

Es ist immer wieder beeindruckend, wie selbstverständlich und stilsicher Raksan zeitgenössische Bewegungs-Prinzipien und Improvisations-Techniken, Schauspiel, sogar clowneske Elemente in das orientalische Tanzrepertoire geradezu hineinschmeichelt. Da wird eine Protagonistin hoch über den Köpfen weggetragen, ein lebloser Körper wie knochenlos geschüttelt. Demütige Priesterinnen rollen über den Boden, und moderner Tanz mit Beinschwung und Bodenpart vermischt sich in der einzigen Raks Sharki-Sequenz mit „echtem Bauchtanz“ - starke Momente, die die Qualität der Darbietung und die erweiterten Möglichkeiten der Tänzerinnen unterstreichen.

Zeitgenössischer Orientalischer Tanz, stimmig, mit leichter Hand, offen für alles und jedes und vor allem, für jede … denn hier trifft „Russland auf Rheinland, Jomdance auf ATS, alte Hasen auf echte Küken“. Vielfalt als Prinzip. Sehr anders. Auch Raksan hat profitiert, eine konsequente Weiterentwicklung durchgemacht. In dem noch selten betretenen Feld des zeitgenössisch orientalischen Tanztheaters findet Raksans Philosophie des Zusammenführens von Tänzerinnen unterschiedlicher Entwicklung und unterschiedlichen Alters  (vom englischen „mixed abled/mixed aged“) den absolut passenden Raum. Konsequent interdisziplinär, aber es bleibt eben auch erfreulich erkennbar: Die Seele des Ganzen ist und bleibt der Orientalische Tanz.

Ebenfalls spürbar: die intensive Arbeit, die mit dieser Aufführung verbunden ist. Deutlich zu erkennen der Zuwachs an Fähigkeiten jeder Einzelnen. Immer wieder ganz großes Thema bei Raksan: Präsenz und Durchlässigkeit. Durch Zauberhand verbessern sich die Bewegungsqualität und der Ausdruck der Tänzerinnen. Bewertungen abstreifen, das bisherige Rollenverständnis als Frau und Tänzerin hinterfragen, all das mussten und konnten wir bereits  in „Secret Lila“ nachverfolgen. Ich bin sicher, den „Pyramids“ ging es ebenso! Die gruppendynamischen Entwicklungen, die kreative Arbeit, das gegenseitige sich Befruchten, zehn Monate einen Spannungsbogen immer wieder aufnehmen. Die Bedeutung für jede Einzelne mag ich wohl erahnen und kann es trotzdem kaum ermessen.
Fast schon eine Materialschlacht, trotzdem absolut kein teures Stück, denn alle Requisiten könnten auch, nun ja, als Müll durchgehen. Alltägliches muss also nur ein kleines Stück „verrückt“ werden, um zu Kunst zu werden! Ebenfalls geschickt, denn zum Straßenbild Kairos passt es allemal.
Szenisches, Gesprochener Tanz, Spiel und Malerei, alles verwebt sich zu einem großen Ganzen, dramaturgisch klug gesetzt und erlesen auch die Musik und die einfachen, aber wirksamen Lichtstimmungen. Politik und persönliche Stellungnahmen der Tänzerinnen zu der Frage „Warum tanze ich orientalisch?“ gehen eine Verbindung ein, passen zusammen. Ich kann nur das bestätigen, was Raksan in einem ihrer Interviews vorweggenommen hat: „Diese Projektklasse setzt den Ansatz von „Secret Lila“ voraus und geht dann eindeutig weiter, wird dann aber merklich rauher, unbequemer.“
 „Don`t Climb the Pyramids“ ist atmosphärisch dicht, manchmal verstörend, macht nachdenklich, betrifft emotional und lässt auch das eine oder andere Fragezeichen zurück. Nicht immer einfacher Stoff und nicht immer einfache Kost. „The Moon Is Not a Cookie“!

Dennoch und deswegen. Raksan. Warum Tanztheater?
Weil sie’s kann!

"Der Flug des Pharao" - Solo von Andrea Bender
Sonja Thole "die Flatterfee" als Hohepriesterin
Bayda - "The Moon is not a Cookie"
die Fluten des Nils, nachgestellt mit Plastikfolie ...
... und vergängliche Pyramiden aus Pappkartons.
Ausbruch der Rebellion - "Kampf-ATS" von Andrea und Co.
... nach der Schlacht.
Nana - Tanzend und selbstvergessen mit geschlossenen Augen
Fotos oben: Saphira erweckt die Toten

links: "einfach nur Drehen" - eine seelige Samena

unten: Solo statt Duo - Heike Hellmichs
bewegender Beitrag
tosender Applaus zum Finale
improvisiertes Trommelsolo mit Zimbeln
Hoffnung unter Trümmern - Die Schlacht ist geschlagen
Raks Sharki mit Zarah Sabua, Saphira, Flatterfee, Nana, Andrea Bender, Anjelica Skrliova, Bayda
Foto links: "Hier steht's" - Caféhaus Arabellion ausgebrochen!
Homepage: www.raksan.de