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Showberichte
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mit perlatentia
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mit Steven Eggers
Ein älteres Gebäude, das einmal ein Kino gewesen sein könnte, mit größerer Vorhalle und einem Saal mit ansteigenden Sitzplätzen. Davor eine handelsübliche Bühne. Hier werden wir die nächsten zwei Stunden verbringen, und hier soll sich großes tun: Die nächste Stufe auf dem Weg der populären Kultur unter Einschluß von Tribal Fusion, wenn man das „lution“ von „Evolution“ abgeleitet wissen will. Oder gar ein radikaler Schritt hin in eine ganz neue Richtung, insofern man das „lution“ als von der „Revolution“ entliehen sieht. Wie dem auch sei, ausgedacht hat sich das die rührige deutsche Tribal/Tribal-Fusion-Gruppe „perlatentia“
- ebenso wie der Veranstaltungsort, das Kulturzentrum „Faust“ in der ehemaligen Bettfedernfabrik - in Hannover zuhause. Wir sind gespannt.

Die Gastgeber-Truppe „perlatentia“ erscheint auf der Bühne und bringt das Haus zum Schwingen, mit Balkanesischem, mit Klängen, die an mongolischen Oberton-Gesang erinnern, und vor allem mit gezimbeltem Tribal. Die Mädels haben für jeden ihrer Tribal-Codes ein eigenes Zimbelmuster parat, das macht ihnen so schnell keiner nach. Mit ihrem beschwingten Tanz gelingt es ihnen wie immer, das Publikum mitzureißen. Noch bleibt es eher konventionell, aber wie wir später erkennen, ist dies wohl nur zum Eingewöhnen für die Zuschauer, denn von hier geht es los zu einer Reise ins völlig Ungewohnte. Gleichwohl sehen wir Traditionelles immer wieder gern, wer nicht?
Die ersten Gäste übernehmen nun die Bühne, es sind Nadine und Andreya von „namadeya“, ein Duo, das sich lange aufs Indische kaprizierte, nun aber mit einem kecken Vintage-Stück aufwartet, das so ziemlich genau den Stand anzeigt, auf dem das allerjüngste Kind des Fusion-Genres, der Vintage mittlerweile steht (bzw. zu dem Zeitpunkt stand, denn die Entwicklung gerade auf diesem Sektor verläuft rasend schnell). Hier reimt sich Charleston auf Hip Hop, und alles steckt zusammen im Gewand des Tribal Tanzes. Alles ist einzeln erkennbar, und alles geht gemeinsam auf, eine authentische Verschmelzung der Stile, und nichts anderes meint Fusion ja.  Vorhin die Basis, auf der noch alle mitkommen, dann die modernste Unterart der Grundlage. Aber Tribalution will ja noch weiter.
Verlassen wir den chronologischen Ablauf der Show und springen wir ein Stück nach vorn, denn noch eine sehr einflußreiche Strömung im Fusion gilt es festzuhalten und vorzuführen: Steven Eggers, eigens aus USA eingeflogener Star-Gast, tanzt ganz in Schwarz eine mystische Dark Fusion. Sein Tanz ist elegisch, langsam und elegant. Hip Hop Bewegungen sind auch darunter, Shimmies und Flutters, der Mann ist ein exakter Tänzer und weiß sich ausdrucksstark auf der Bühne zu präsentieren. In seinem zweiten Stück später am Abend, diesmal in Brauntönen gekleidet wird seine Musik Techno-lastiger, sehr bassig und mit Shimmies in Serie garniert. Steven hat eine über den Geschlechtern stehende Ausstrahlung
(er tanzt kaum männlich und nur fast weiblich), und das vereint mit dem Umstand, daß bis aufs Haupt keine Körperbehaarung an ihm sichtbar ist, verleitet zu der Vermutung, dieser Künstler symbolisiere gleichsam die Verschmelzung der Geschlechter. Und damit wäre er durchaus eine Bewegung innerhalb der Bewegung.
Und damit zu den subkulturellen Zutaten von außerhalb der Tanzszene, welche in Konkurrenz und/oder Harmonie mit Tribal Fusion das urbane Leben darstellen wollen: Tobias Kunze, weit über die Grenzen Hannovers hinaus bekannter Poetry Slammer (wir werden uns hüten, das näher erklären zu wollen, belassen wir es bei einem „Standup Dichter“) führt vor, was mittlerweile im Literatur-Untergrund abgeht. Präzise, wortmächtige Texte fließen ihm anscheinend mühelos aus Mund und Feder. Man kann ihn sogar durch Zuruf dazu bewegen, einen Text aus dem Stegreif zu dichten. Eigentlich Hip Hop ohne Musik und Tanz, dafür mit Wortakrobatik. Manche Texte sind etwas komisch, andere leicht belanglos, wieder andere ir- oder surreal und manche ganz ohne Ende (eine ferne Verwandtschaft zu Dada wird erkennbar). Wenn alles, was nicht staatlich subventionierte Kultur ist und in irgendwelchen Kellern oder auf kleinen Bühnen stattfindet, Underground, urban oder wie auch immer genannt wird, dann haben sich hier die richtigen Geschwister gefunden. Ja, man fragt sich, warum beide nicht schon längst heftig miteinander flirten.
...und fängt auf Zuruf von Begriffen an, dazu Sketche zu improvisieren (zu sprechen und zu spielen), und es geht launig bis lustig zu. Später wird das Gesprochene und Gespielte auch noch zusätzlich von Gebärdensprache unterstützt, und, na ja, der sicher interessante und neue Einblicke vermittelnde Vortrag fällt ein wenig lang aus, die drei Künstler lassen sich selbst davon mitreißen, daß das Publikum so gut mitspielt.
Und wo wir schon einmal dabei sind, verwandt mit der Poetry Slammerei dürfte das Improvisations-Theater sein. Die ebenfalls aus Hannover stammende Gruppe „Fünfte Dimension“ betritt mit drei (sic!) Mitgliedern die Bühne...
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Fotos: Konstanze Winkler
...mittendrin...
Was heute noch morgen ist, wird morgen schon heute sein

Tribalution II, die SHOW
von Marcel Bieger